Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne und „Die Verdopplung des Kosinus bei Gelb“ oder „Warum schmähte Porzellanputzer Torben Tilenius aus Bückeburg einen Elch im Herkynischen Wald?“

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Aus meinem Musik-Reservoir

1. Eine Gedenkminute für B.E.King.

Nach der Vereinigung gelang mir noch ein Konzertbesuch. Natürlich mit „Stand by me“. Aber auch mit „Spanish Harlem“, Coverversionen gibt es u.a. von Aretha Franklin und Willy de Ville in erwartet bester Manier.
Die Musik von King und gleichzeitig der Drifters bildet natürlich die Grenzen meiner sehr frühen Radio-Exzess-Zeiten, die man mit quietschenden Mittel-u.Kurzwellenempfang von Radio Luxemburg, Saarländischem Rundfunk und Sender Freies Europa umreißen kann.
Titel der Drifters wie „Save the last Dance for me“, „Saturday Night at the Movies“ (immer noch geeignet für eine Gänsehaut) und „Under the Boardwalk“, über Jahre in der Hitparade des Saarländischen Rundfunks am Ausgang der zweiten Hälfte der 60er Jahre als Cover-Version der Rolling Stones als sogenannte „Ewige“ gefeiert, gehören durchaus noch heute zum erweiterten Repertoire meiner Musik-Verpflegung.
Sicherlich klingt das für schlichte Gemüter wie Schnee von gestern.
Und jetzt sechzig Sekunden Ruhe.

2. Bericht im DLF über einen Boxkampf in Las Vegas

Boxen interessiert mich eigentlich weniger als die Spargelernte auf Spitzbergen.

Man spricht vom Kampf des Jahrhunderts.
Siegpreis: 150 000 000 Dollar
Verliererpreis: 100 000 000 Dollar.
Ein Besucher zahlte 26 000 Dollar für die Eintrittskarte.
Der Mundschutz eines Kämpfers wurde aus Goldstaub gefertigt.
Der Sieger erhält außerdem einen Gürtel mit Edelsteinen und ein Kilo Gold.
Ich hoffe, das sind alles nur Gerüchte.
Mein Weg zum gewaltfreien Systemkritiker wird allmählich geebnet.

3. Kino aktuell

„Big Eyes“ von Tim Burton.

In deutschen Kinos startete der Streifen am 24. April.
Durchaus ansehnlich, doch wird man von der Folter heimgesucht, sich über fast zwei Stunden unerträgliche Kunst anschauen zu müssen.
Der Streifen schildert die wahre Geschichte um Walter und Margaret Keane.
M.Keane malte über Jahre mitleidfordende Kinder mit albern monströsen Augen, als deren Schöpfer aber W.Keane in der Öffentlichkeit agierte, mit Einverständnis seiner Frau.
Denn die Signatur eines Mannes versprach größeren Triumph und erhöhten Gewinn.

Der Crash begann, als sich M. Keane im Fernsehstudio zu ihren Bildern bekannte.

Waltz spielt ausufernd wie immer und zelebriert eine göttlich-klebrige Lästigkeit.
Doch sollte er sich allmählich etwas zähmen, sonst mutiert seine hohe Schauspielkunst zu egomaner Kasperei.
Den wichtigsten Satz des Films sprach aber ein Galerist, der z.B. Bilder von Marc Rothko anbot.
Während Margarets Offenbarung als wahre Schöpferin dieser Bilder murmelte er sichtlich genervt: „Wer rühmt sich denn mit so etwas?“
Recht hat er.

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Mögliche Inspirationsquelle für Margaret Keanes Malerei

W. Kane starb im Jahr 2000, M. Kane malt bis heute………..urks.

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Leipzigs Kunstpark in der Alten Spinnerei

Wie armselig muss eine Kunstszene sein, die im Mai 2015, anlässlich der zehnjährigen, unbedingt verdienstvollen Existenz des Kunstparks in Leipzigs Alter Spinnerei als dominierene Abbildung in Leipzigs einziger Tageszeitung ein Bild von Neo Rauch anbietet.

Könnte man denken. Doch Leipzigs Kunstszene ist mitnichten armselig. Mitnichten.
Auch Neo Rauch hatte viele Jahre eine Kunst dargeboten, die mitnichten armeselig ist.

Ich vermute, dass ich die erste oder fast erste Fachkraft war, welche Neo Rauch in einem umfangreichen, doch eher halb-öffentlichen Text würdigte (1987). Ein expressiv gemaltes Schlagzeugensemble aktivierte meine synästhetische Veranlagung.
Anfang der 90er Jahre folgten dann weitere Beiträge in Leipzigs einziger Tageszeitung.
Es wäre also nicht unangemessen, mich als Vollard, Kahnweiler oder Durand-Ruel von Neo Rauch zu preisen.

Um über die aktuelle Qualität der Kunst Rauchs zu dozieren, müsste sich bei mir noch etwas gesteigerte Lust entwickeln.
Ich erahne dabei gewisse Sorgen.

Und wenn der Zeitungskritiker vor wenigen Tagen in der einzigen Leipziger Tageszeitung schleimt, dass in einer Gruppenausstellung mit 120 Künstlern (ausschließlich in der Spinnerei ansässig) „Vielfalt auf fast durchgängig hohem Niveau“ zu erleben ist, hätte man doch durchaus bei Rauchs Bild die Knipskiste des Journalisten in der Knipskistentasche lassen können um andere Arbeiten auf „hohem Niveau“ abzulichten.
Doch weshalb jüngere, noch unbekannte Künstler in den Vordergrund schieben, wenn Rauch dabei ist.

Und der Journalist schreibt dann von dem heißen Wochenende 2005, von geballter Kunstvermittlung, von Leipzig als Reiseziel, von dem Jubiläumsverzicht auf Feuerwerk, Blaskapelle, Kettenkarussell und zum Jubiläum eben die Kunst reichen müsse. Er erwähnt die Leipziger Malereidominanz und erwähnt Libuda aus dem Berliner Dunstkreis. Sam Dukan ist in die Räume des ehemaligen Fahrradladens Rotor umgezogen, auch Pierogi aus New York ist wieder einmal in Leipzig. Johannes Rochhausen bildet immer wieder sein eigenes Atelier ab. Und der Journalist erwähnt den Status der Fotografie und erwähnt, dass Aktmaler Martens diesmal auf Akte verzichtet und androide Wesen vorstellt, gemeinsam mit der Leipzig School of Design. Erwähnt der Journalist. Der Journalist erwähnt Margret Hoppes Beschäftigung mit der Architektur Le Corbusiers in Indien und erwähnt den umlaufenden Fries Ricarda Roggans bei Eigen+Art. Er erwähnt James Nizan von der Maerz-Galerie, der echten Entdeckung aus Kanada. Er spiele mit Perspektiven und Sichtachsen. Ähnlich wie Jong Oh, der aber mit Fäden und Glasscheiben spielt. Erwähnt der Journalist. Er erwähnt auch senfkleckernde Väter und lärmende Kinder. Und dann erwähnt er noch andere Hingucker……und so weiter und so nervend.

Bei „Hingucker“ bringe ich ohnehin meine sprachästhetische Guillotine in Stellung. Nichts gegen folkloristische Anbiederungen, aber „Hingucker“ geht nun gar nicht. Das ist der Zeitungssound von Guido Schäfer. Und wer will den schon.

Mein letzter Abschnitt beinhaltet also die Inhaltsangabe der „Kritik“ über die Ausstellungen auf dem Gelände der ehemaligen Spinnerei, zum zehnjährigen Jubiläum am vergangenen Wochenende.

Aufgemerkt! Kritiken sind erwünscht, Kunstkritiken, Ausstellungskritiken.
Doch der Autor erwähnt, erwähnt, erwähnt……es folgt eine Null, eine angenullte Kritik-Askese.
Irgendwie eine Mischung aus Kochbuch, Strickmusterbogen und Stadtplan von Meppen.

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Mai 4, 2015 Posted by | Film, Kunst, Leipzig, Musik, Presse, Sprache | 2 Kommentare

Jürgen Henne und die begehrte, doch unregelmäßig bearbeitete Serie: Jürgen Henne und die Pein am täglichen Journalismus

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Torf in Irland
Als Maßeinheit für das Torf-Volumen in schlesischen und niedersächsischen Abbaugebieten wurde die Bezeichnung „Schock“ verwendet.
Es gibt aber auch den Elektroschock und einen Schock im medizinisch-diagnostischen Bereich. Rudolf Schock war ein begehrter Sänger, besonders als Wolfgang-Amadeus-Tenor, die Dynastie Schockenmöhle beherrschte den dämlichen Reitsport über Jahrtausende und die Niederländer „Shocking Blue“ fiedelten während der 70er Jahre recht ordentliche Musik („Venus“).

Und dann gibt es noch den journalistisch-volkstümlich bearbeiteten „Schock“, als verschärfte Version die „Schockstarre.“

Deutschland in Schockstarre nach dem Alpenabsturz, Deutschland in Schockstarre nach Enkes Suizid, eine überregionale Schockstarre nach Klopps Rücktrittserklärung…..Deutschland in einer geschockten Dauerstarre
Jeder Suizid ist eine Tragödie, das Unheil über den Bergen muss bei Menschen, die mit einem Mindestmaß an Emphatie gesegnet sind, zu einem tiefen Mitgefühl führen, zu Gedankenketten, die sich existenziellen Ebenen nähern.
Doch ich entscheide, wenn ich willig für eine Schockstarre bin. Ich lass mir meine Schockstarre nicht von dümmlichen Medienangestellten aufdrängen.

Nach einem Unentschieden der Deutschen Fußball-Nationalmannschaft bei der EM-Qualifikation wurde ein Text mit „Deutschland in Schockstarre“ eingeleitet, so ausufernd wie das Logo über Hollywood.
Mich interessierte dieses Unentschieden weniger als ein Bericht über die monatliche Fingerhut-Produktion auf dem südlichen Teil von Barbados.
Zelebrierte Massenemotionen sind mir hochgradig zuwider.

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Mittelmeer

Und bei diesem mediterranen Wahnsinn der letzten Tage sind infantile, sich ständig wiederholende Beschreibungen einer kollektiven Schockerstarrung in allen Medien und von deren schockerstarrten Journalisten wenig hilfreich.
Die Befreiung des schockerstarrten Hinterns aus dem schockerstarrten Sessel, verbunden mit einem heißen Schrei, böte sich vielleicht als erste Hilfestellung an.

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„Ziemlich beste Freunde“

Seit einigen Tagen wird in den deutschen Kinos der Film „Das Glück an meiner Seite“ angeboten, mit Hillary Swank, weiblichen Hauptdarstellern und inhaltlich scheinbar dem symphatischen, doch eher mittelmäßigen Streifen „Ziemlich beste Freunde“ entsprechend (männliche Darsteller).
Die einzige Leipziger Tageszeitung wählt als Überschrift für die donnerstägliche Filmkritik natürlich „Ziemlich beste Freundinnen“. Natürlich.
In den Medien tobt ein Fight, die „witzigste“ und törichste Version des Ausgangsmaterials „Ziemlich beste Freunde“ anzubieten.
Da gibt es dann das kernig entwickelte „Ziemlich beste Feinde“ oder „Ziemlich beste Kollegen“ und „Ziemlich beste Schwiegersöhne.“ Nach einer französisch-deutschen Filmproduktion auf Arte haben sich „Ziemlich beste Fernsehfreunde“ gefunden.
„Ziemlich beste Fernsehfreunde“. Urks,….. reicht mir schnell den Übelkübel, sonst wird mir ohne Kübel übel.
Man hat auch kein Erbarmen bei „Ziemlich beste Schachfeinde“ oder bei Piketty und Varoufakis als „Ziemlich beste Feinde.“
Das wird gnadenlos durchgezogen.
Natürlich gibt es auch kreative Glanznummern, die am Original weiterkämpfen.
So sind Merkel und Hollande „Ziemlich beste Freunde“, als gleichfalls „Ziemlich beste Freunde“ agieren China und Deutschland.

In einer Winnetou-Verfilmung sprach Eddi Arent: „Tiere fotografieren, das macht Freude“
Ich kann nur die intellektuell hochwertige Version anbieten: Zeitung lesen, das macht ziemlich beste
Freude.
Und jetzt gehe ich zum Spiegel und überprüfe meine Schockstarre.

Musik des Tages
„Speaks volumes“ von Nico Muhly

Literatur des Tages
Jean Genet kann man immer lesen

Malerei des Tages
Die entspannte Blätterung in einem Band mit italienischen Manieristen, 16.Jahrh. ( El Greco, Fiorentino, Pontormo, Parmigianino)

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April 20, 2015 Posted by | Leipzig, Medien, Presse, Sprache | Hinterlasse einen Kommentar

Jürgen Henne und die begehrte, doch eher unregelmäßig bearbeitete Serie: „Jürgen Henne und journalistische Kostbarkeiten im Alltag“. Heute: „Leipzig feiert Olympia. Leipzig im Olympia-Rausch“

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Leipzig feiert Olympia, LVZ, 28/29. März.

Sehe ich nicht ein. Seit 1951 bin ich Leipziger und ich feiere nicht Olympia. Weder vor Ort, noch mit Distanz.
Ich feiere mitnichten Olympia.
Ich bitte zukünftig um eine Einschränkung:

„Leipzig feiert Olympia, außer DER JÜRGEN“

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Leipzig im Olympia-Rausch

Geht es auch eine Nuance geräuschloser? – „Leipzig im Olympiarausch“ – welch einfältige Unangemessenheit.
Ich bin mitnichten im Olympia-Rausch. Dazu würden selbst drei Pullen Rotwein nicht genügen.
Ich bitte zukünftig um eine Einschränkung:

„Leipzig im Olympia-Rausch, außer DER JÜRGEN“

Das kann man doch erwarten.

Mir ist diese Formulierung ohnehin fremd, ich verstehe sie nicht. Es gibt Olympia als peloponnesisches Heiligtum des Elitesohnes vom kinderverschlingenden Kronos, als Heiligtum des Titanen-u. Gigantenmeuchlers, des Inzest-Zelebrators und überhaupt griechisch-mythologisches Synonym für exzessiv kopulierende Götter.
Auch Olympia als Ort der Olympischen Spiele.

Und die Dame auf einem Bild Manets wird ebenso Olympia gerufen. Auf dem Olympia ohne „ia“ stehen die Hütten der zwölf Götter. Hendrix, Joplin, Dylan, Redding, Bechet, Brel… sangen im Pariser Olympia und außerdem erinnere ich mich an eine Schreibmaschine, namens Olympia.
Olympische Spiele gibt es aller zwei Jahre und die Zwischenzeit erhielt die Bezeichnung Olympiade.

Und flugs vemutete ich, zumal nach der fotografischer Kenntnisnahme Jens Weißpflogs und Erik Lessers, dass dieses Happening dem Sport galt. Also Leipzig feiert den Sport, nicht Olympia

Doch wer sind A.O. Köstritzer, A.O. Gasversorgung Vorpommern, B.J. Natgas, B.M. EWE AG, C.J. Mediamarkt Paunsdorf, F.O. Sachsenbank Leipzig, G.M. Vebundnetz Gas AG, H.V. Deutsche Bank AG, K.N. Commerzbank AG, M.M. Städtische Werke Borna, P.B. Spree-Gas GmbH, R.R. Stadtwerke Dresden…….

Sind diese Zeitgenossen ebenfalls im Olympia-Rausch.
Oder ging es ausschließlich um ein Stelldichein zur weiteren fugenlosen Verwirtschaftung des Sports.

Und trotz der sonst grenzenlosen, mediengierigen Berichterstattung über das Ünglück in den Alpen, trotz dieser Spekulationen und journalistischen Masturbationen gibt es bei dem überbordenden Olympia-Rausch, diesem EURO-Spektakel für einige Stunden nicht den fernsten Klang von skeptischer Kritik.

Auch in dem vierseitigen Artikel kein Wort über mögliche Bedenken am Frohsinn der Veranstaltung.
Emphatie muss gewinnbringend angelegt werden, bei Sportlerbällen mit Gasversorgern, Banken, Bierbuden….muss sie feindselig abgewiesen werden.

Doch am Montag wird dann wieder locker über aufgespürte Arme, Beine und gespaltene Schädel auf den Hügeln und in den Tälern geschrieben.
Und wenn dann alle Gebeine gefunden sind, muss bald ein neues „Ereignis“ seine journalistische Wertschätzung fordern. Vielleicht ein schicker Prominenten-Suizid oder ein befriedigend-zerstörerisches Erdbeben.

Aber Michael Fischer Art, gleichfalls Gast des Sportlerballs, wird zunächst unweit der Absturzstelle in den französischen Alpen eine Telefonzelle mit traurigen und tranigen Papageien und Lurchen überziehen.

Gestern sahen wir im Leipziger Opernhaus Puccinis „Madame Butterfly“ in einer hochwertigen Inszenierung, am Dienstag gibt es den Werkstatt-Abend mit Wagners „Siegfried.“

Könnte mich mal jemand fragen, welche Aktionen ich bevorzuge: Opernabende oder Sportbälle, gleichfalls abends ?

Außerdem hatte man mich zum Sportlerball nicht eingeladen, trotz meines Kreismeisters im Brustschwimmen, etwa um 1963.
Das finde ich feige.

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Titelseite, LVZ, 28.29. März

Olaf Malolepski von den Flippers kommt zur Leipziger Schlagerparade.
Na, Gott, sei Dank. Endlich mal eine gute Nachricht. Ich dachte schon: Eine Leipziger Schlagerparade ohne Olaf Malolepski geht nun wirklich nicht.
Das sind die Glücksmomente eines Lesers, wenn er die präzise und kompetente Beachtung von Wertigkeiten in regionalen Tageszeitungen dankbar erkennt.
Da werde ich mir doch flugs eine Scheibe der Flippers einlegen.

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März 29, 2015 Posted by | Leipzig, Musik, Presse, Sprache, Verstreutes | Hinterlasse einen Kommentar

Jürgen Henne und die begehrte, doch eher unregelmäßig bearbeitete Serie: „Journalistische Kostbarkeiten“.Heute: „Die Aufs und die Abs.“

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Die Liebe und das Leben mit all den Aufs und Abs
LVZ, 28.Febr./1.März

„Die Liebe und das Leben mit all den Aufs und Abs“.

Man muss es genießen. Diese prägnante L-Reihe (Liebe, Leben), gefolgt von der optimistisch-prägnanten A-Reihe (Aufs, Abs).
Diese Aktualität existenz-hypophysischer, hermeneutisch-exemplifizierter Verlegenheitspenetrationen im Kontext zu isometrischen Dominanzen des späten Kiergegaard besticht durch eine aphoristische Genauigkeit von trotzigster Begründungsaskese.

Auch „Die Liebe und das Leben mit allen Aufs und Abs“ hätte ja als wesentliche Aussage genügt. Aber mitnichten bei dem Qualitätsbewusstsein dieser journalistischen Elite-Illuminatoren. Denn die sprachliche Sensibilität „……mit all den Aufs und Abs“ erweitert die kohärente Gratwanderung um romantische Dimensionen im Duktus von Eichendorff.

Und die Verteilung politischer Akzente muss gewürdigt werden. Denn wer denkt nicht bei „Abs“ an Hermann Josef Abs. Denn bei Abs ging es immer Aufs und Abs. Während des Kriegs und danach.

Selbst erotische Dimensionen sollte man bedenken. „Nun runter das Höschen, ran ans Schößchen und drauf aufs Möschen“ (pubertäre Gesänge, 7.Klasse) und Aufs und Abs und Aufs und Abs und Aufs und Abs……

Ich begrüße diese journalistische Bereitschaft zu komplexer Anwendung der Sprache, der Schrift, die wiederum die Willigkeit des Adressaten zu tiefen Gedankensystemen aktiviert.

Bei dieser Vielseitigkeit interpretatorischer Möglichkeiten dachte ich auch an Ab(e)ssinien, das heutige Äthiopien. Doch bei diesem sprachlichen Lapsus hätte Kaiser Haile Selassie vermutlich in seine Krone gebissen.

Und selbstverständlich kann man sich den spachästhetischen Ausdehnungen der „Aufs und „Abs“ nicht entziehen.
Die „Aufs und Abs“, man liest, hört und sieht es einfach gern.

Die „Aufs“ und die „Abs“, eine endlose Geschichte philosophischer Mehrzweck-Relationen.

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Erwin Geschonneck als Holländer-Michel

Doch wer ist Michelle? Ich kenne nur „Michelle“ als Titel der Beatles aus dem Album „Rubber Soul“ von 1965, dessen Musik mir nicht so recht behagte („Girl“).
Meine bevorzugte Beatles-Ära kam dann zwei Jahr später mit „Penny Lane“, „I’Am the Walrus“, „Hello Goodbye“, „Strawberry Fields Forever“……

Außerdem erinnere ich mich an den Holländer-Michel aus Hauffs Karawanen-Geschichte „Das kalte Herz“, neben dem „Feuerzeug“ und der „Geschichte vom kleinen Muck“ der wesentlichste Märchenfilm aus Babelsberg zu DDR-Zeiten.
Michel und Michelle, keine vollständige Übereinstimmung, doch das kann bei Leipzigs größter Tageszeitung schon einmal passieren und nicht immer erwarten.
Doch würde man diesen Kopf (Bild oben) im Leipziger Gewandhaus den Bühnenzutritt gestatten?

Mitte der 70er Jahre, während der Leipziger Tage des Dokumentar-u.Kurzfilms, gab es umfassende Amüsements-Aktionen der Teilnehmer, u.a. mit Erwin Geschonneck in einer Kellerbar des Hotels Astoria. Schon befriedigend besoffen, gelang uns mit studentischer Kleidung und ersten Zeichen der Verwahrlosung dennoch der Eintritt. Eine gefühlte Million Menschen waberte durch heiße Räume.
Ich griff auf dem Bar-Tresen zum erstbesten Glas mit einem teuren Mix-Getränk, ließ es durch meinen Rachen strömen und spürte bald eine kraftvolle Kommunistenhand auf meiner Schulter. Erwin Geschonneck rülpste lärmend über meine Unverschämtheit.
Ich bat um Vergebung, doch Urkommunist Erwin bestand auf seinen kommunistischen Statuten: Alles für den Arbeiter, alles für das Volk. Und ich zahlte sein neues Gesöff im Wert von etwa sieben studentisch-billigen Flaschen Mehrfruchtwein.
Trotzdem war er ein passabler Schauspieler und verstarb mit 101.

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Ich wollte eine Scheibe von Akira Rabelais erwerben. Doch erschien mir das Preisangebot etwas gewalttätig. Vielleicht gibt es noch einem zweiten Versuch.

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März 2, 2015 Posted by | Leipzig, Presse, Sprache, Verstreutes | Hinterlasse einen Kommentar

Jürgen Henne, Fliegerbomben-Helden und Fußball-Helden

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Leipziger Volkszeitung, erste Wochenendausgabe, Titelseite, 3/4.Januar 2015

„Transfer-Hammer:
Kimmich
geht zum
FC Bayern“

Ich bin beileibe kein aktives Mitglied der Interessengemeinschaft „Rettet den Fußball.“
Doch kenne ich natürlich Pelé, Eusébio habe ich in den 60er Jahren original im Leipziger Zentralstadion gesehen, ich saß auch zur WM 2006 beim Spiel Spanien-Ukraine in der Edel-Loge, vor mir Vitali Klitschko, wenige Plätze neben mir Letizia und Felipe. Bei Toren gegen die Ukraine habe ich mich gehütet, lauthals zu jubilieren. Ich erinnere mich auch an das Tor Sparwassers 1974 gegen Breitner, Netzer, Beckenbauer, Hoeneß und Fritz Walter, Uwe Seeler, Charlton, Zoff, Platini, Jaschin, Keegan, Cruyff, Ducke habe ich in meinem Schädel graviert. Von Henning Frenzel hatte ich (oder habe noch?) ein Autogramm aus den 60er Jahren. Er spielte bei SC Leipzig und Lokomotive Leipzig, außerdem Mitarbeiter bei zahlreichen DDR-Nationalspielen. Wurde launig auch „Stolperhenning“ genannt.

Fußball-Pokal, SG Dynamo Dresden - 1.FC Lok Leipzig 1:3

Henning Frenzel (vorn)

Man will ja nicht als Fußball-Dödel durch die Welt ziehen. Ich bemühe mich gleichfalls, die Existenz einer neuen Helden-Mannschaft in Leipzig wahrzunehmen.
Denn Leipzig ist nicht nur allgemein eine Heldenstadt. Aber mitnichten, sie beherbergt auch heldische Fußballer, die Fußball spielen. Und diese Helden mit den Fußballschuhen werden natürlich täglich in den Medien zelebriert. Man hat ja sonst nichts.
Jede heldenhaft ertragene Flatulenz unserer Hin-und her-Helden muss dokumentiert und kollektiv und solidarisch erlitten werden. Auch bei Flatulenzen müssen wir mit allen Nasen und wehenden Nasenhaaren nah bei unseren Helden sein, ihnen zur Seite stehen und Rat erteilen. Denn Fußball-Helden, die sich wie flatulentinisch geblähte Dampf-Rettiche über den Heldenplatz quälen, wollen wir doch keineswegs sehen.

Und dennoch stelle ich mir vor, dass Zeitgenossen, welche sich ausschließlich Wochenendausgaben von Tageszeitungen gönnen und am Sonnabend wohlgelaunt die Erweiterung kultureller Beiträge erhoffen, auf der Titelseite der ersten Wochenendausgabe des Jahres einen Fußball-Helden mit rotbulliger Kurzhose und Rotbullen im Duett auf dem Trikot wahrnehmen müssen. Auf der Titelseite, flächenfüllend, von oben nach unten.
Wer ist Kimmich, ist mir nicht bekannt. Kimmer, Kimmwir, Kimmihr, Kimmdu – gleichfalls nicht vertraut.
Desgleichen Kimdich, Kimuns, Kimeuch.

Kenne ich nicht Kimmich, werd ich ganz schnell grimmich. Ich denke, auch Jacob und Wilhelm wurden schnell grimmich, wie ihre Königin bei Spiegel-Interviews.
Also ein Fußball-Held geht von einer Fußball-Helden-Mannschaft zu einer anderen Fußball-Helden-Mannschaft.

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Detonation einer Fliegerbombe

Auf Seite vier der ersten Wochenendausgabe dann ein Beitrag über Sprengmeister Thomas Lange mit Einsatzkräften der Feuerwehr. Sie entschärften nicht sieben, sondern elf Fliegerbomben auf einen Streich, in der Dippoldiswalder Heide bei Dresden.
Ihre Gesichter zeugen von Anstrengungen wie nach einem Fußballspiel über zweihundertundsiebzig Minuten, ohne Halbzeitpausen.
Die Würdigung „Held“ fand ich nicht in diesem Artikel.
Außerdem gelang unseren Helden gegen Brasilien nur sieben auf einen Streich, mitnichten ein Elfer.

Jedenfalls kann Kimmich etwas beruhigter durch die Dippoldiswalder Heide dribbeln. Ich hoffe nur, er beschädigt nicht die Pilzkultur. Denn dann mutiere ich zum beißenden Rumpelstilzchen

Zugabe

Am gestrigen Düster-Sonntag genehmigte ich mir Teil 3 der Vierschanzentournee.
Warum denn nur immer diese dussligen, nervigen Kurzgespräche mit den Sportlern in etwa folgender Ausführung (fiktiv)?

„Welchen Einfluss hatte der starke Wind auf Ihren Sprung?“
„Er hatte einen großen Einfluss!“
„Warum?
„Ich konnte nicht so gut springen!“
„Was wünschen Sie sich für den zweiten Sprung?“
„Der Wind sollte etwas nachlassen!“
„Warum?“
„Dann kann ich besser springen!“
„Aber das Publikum ist wie ein Hexenkessel!“
„Ja“
„Vielen Dank für Ihre Eindrücke.“

„Bitte“




Musik der Woche

Hugues Dufourt

„L’Afrique d’après Tiepolo“

Tristan Murail

„Winter Fragments“

Julia Wolfe

Streichquartette

Querschnitt

Joni Mitchel

Querschnitt

Pavement

Malerei der Woche

Keinesfalls Anton von Werner (zum 100.Todestag)

Filme der Woche

Ulrich Seidl

Paradies (Drei Filme)

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Januar 5, 2015 Posted by | Leipzig, Medien, Sprache | Hinterlasse einen Kommentar