Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne und sechzig Minuten aus dem Leben eines Leipziger Zeitungslesers.

LVZ, 25.Oktober 2017, über eine Ausstellung mit DDR-Kunst im Museum Barberini, Potsdam

Meine Mitarbeit und meine erlittenen Torturen an und durch diese Regional-Zeitung sind seit über zehn Jahren biografische Geschichte.

Nach jeder Textabgabe wurde zunächst meine Transpiration aktiviert, angetrieben durch die Ahnung, das wenig begabte Journalisten meine edlen Texte mit ihren sprachlichen und inhaltlichen Mumpitz verändern und erniedrigen könnten.
Fast ausschließlich wurde meine Furcht bestätigt.

Doch scheint mir, dass inzwischen Qualität und Lesbarkeit durch auffälligen und fast beleidigenden Dilettantismus in den Schreibstuben der Presse allmählich in unzumutbare Regionen abdriften.
Nicht nur in Leipzig.

Harry Blume malte dieses Bild 1961 („Gruppenporträt Leipziger Künstler“)

Dammbeck, Schade, Kissing, Ebersbach, Mesik, Pfefferkorn, eine Wassernymphe (?) und Glombitza wurden mit kerniger Gewissheit als Teilnehmer dieser Runde identifiziert (s.Bild-Unterschrift).
Also acht Namen, einschließlich Wassernymphe (?), wogegen auf dem Ölbild sechs Figuren herumstehen und herumsitzen, einschließlich Waltraut Wassernymphe.

Doch in den Journalistenhütten schien das niemand wahrzunehmen.

Warum dieser weibliche Akt als Wassernymphe agieren soll, erschließt sich mir ohnehin nicht.
Ich finde keine ikonografischen Hinweise.

L.Dammbeck und G.T.Schade wurden 1948 geboren, Kissing und V.Ebersbach etwa sechs Jahre früher.
Ich denke, dass medizinische und anthropologische Kenntnisse oder tiefschürfende Einblicke in das Wesen der menschlichen Alterstufen nicht nötig sind, um ein Alter
der Anwesenden zwischen 13 und 19 Jahren Lebenszeit ausschließen zu können.

Doch in den Journalistenhütten schien das niemand wahrzunehmen.

Und selbst bei überschaubaren Kenntnissen kulturhistorischer Abläufe, bei eher einfältigen Wissensstrukturen über kunsthistorische Abläufe in der DDR ist diese Zusammenführung zeitlich und kunsttheoretisch völlig unterschiedlicher Dimensionen eigentlich undenkbar.

Außerdem kann man Gregor Torsten Schade keinesfalls der Leipziger Kunst zuordnen.
Er wuchs in Thüringen auf, absolvierte zwar die Leipziger Grafikhochschule, entfaltete aber im damaligen Karl-Marx-Stadt seinen bedeutendsten Einfluß auf eine in Maßen oppositionelle Kunst im östlichen Deutschland.
Er gründete gemeinsam mit Claus, Morgner, Ranft (2x) die Künstlerformation „Clara Mosch“ (1977/82).
Da kann ich ja gleich Max Beckmann und Hans Hartung (beide in der Stadt mit dem hässlichen Völkerschlachtdenkmal geboren) in irgendeine Leipziger Schule aufnehmen.

Doch in den Journalistenhütten schien das niemand wahrzunehmen

Ich frage mich mit warmer Anteilnahme, wer diese Texte schreibt.
Karim Saab, Autor oder Autorin dieses Artikels ist mir nicht bekannt.

Ich glaube auch nicht, dass Frieder Heinze dem Autor oder der Autorin beipflichten kann, der dessen Kunst als „…vergnügte comicartige Wuselbilder…“einordnet.
Ein Grauen.

Die Klage über nachlassende Verkaufszahlen und finanzielle Sorgen, über Zeitdruck in den Journalistenhütten bedaure ich.
Doch ein vertretbares Maß an Anspruch sollte angestrebt werden.
Aber bei diesem Artikel wurde zumindestens die erste Sprosse auf der Leiter in die Unterirdischkeit bewältigt.

Zugabe

Auf dem Bild (s.o.) von Harry Blume stehen und sitzen B.Heisig, W.Tübke, H. Mayer-Foreyt, Heinrich Witz, der Maler selbst und ein weiblicher Akt.
Standort: Atelier in der Grafikhochschule, denn der Fensterblick findet das Neue Rathaus.
———————

LVZ, 25.Oktober, Titelseite

Man hätte ein Bild von Hermann Otto Solms zeigen können, Bundestagspräsident für einige Minuten.
Oder von Wolfgang Schäuble, Bundestagspräsident für einige Jahre.
Aber mitnichten.
Abgebildet wird auf der Titelseite der AfD-Kandidat Albrecht Glaser, weder für einige Minuten noch für einige Jahre Vizepräsident des Bundestages.
Und da sitzt er nun, einsam, ausgestoßen, traurig.
Und die Anteilnahme des Lesers wächst.
Der arme Herr Glaser, fünfundsiebzig Jahre ist er alt und wird so gnadenlos gedemütigt.
Herr Glaser gegen alle.
Fast der gesamte Bundestag gegen Herrn Glaser.
Was für ein Held, der Herr Glaser.
Der arme, arme Her Glaser
Bei der nächsten Wahl müssen wir ihm und seiner Partei unbedingt helfen.

Fazit I
Presse und andere Informationsmedien leisten einen wesentlichen Beitrag zur gedeihlichen Entwicklung dieser Truppe.

Doch in den Journalistenhütten scheint das keiner wahrzunehmen.

Fazit II
Nicht die Zeitungsleser sind bekloppt und einfältig, aber den Zeitungsmachern entgleitet beängstigend zügig der Durchblick über soziale, historische und politische Zusammenhänge.

Doch in den Journalistenhütten scheint das keiner wahrzunehmen.


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Oktober 25, 2017 Posted by | Leipzig | Hinterlasse einen Kommentar

Jürgen Henne und die Irritation des Tages

LVZ, 16.Oktober

Resümee über eine Auktion für die Dorfkirche in Güldengossa (b.Leipzig)

„….Picasso, Chagall, Klinger, Matisse, Mattheuer und Tübke zu vergleichsweise kleinen Preisen…“, schreibt die Auktionsbeobachterin.
Einige Zeilen später wurde zusätzlich auf angebotene Arbeiten von Marcks und Moritz Götze hingewiesen.
Die Conferencier-Talente des Auktionärs wurden journalistisch betont und die Auktion
als Ereignis mit einem gerüttelt Maß von Unterhaltungswert gepriesen (mit Orgelbegleitung).
Auf einem Bild am Ende des Textes haben sich dann der Auktionär und Kirchenvertreter, vermute ich, zu einem heiteren Gruppenbild zusammengefunden.
Mit der Unterschrift: …x,y,z „freuen sich über die gelungene Kooperation“.

Vielleicht bin ich gerade in das dramatische Stadium galoppierender Demenz eingetreten.
Oder will mich diese Zeitung mit ihren Beiträgen schleichend-bösartig zu einem einfältigen Ulf formen?
Denn die Auktion mit Arbeiten von Picasso, Chagall, Klinger, Matisse, Mattheuer,Tübke, Marcks, Götze (ingesamt vierundvierzig Arbeiten zu vergleichsweise kleinen Preisen) ergab eine Verkaufssumme von zweihundertundsechzig Euro.

Mit dieser Summe wird man nicht einmal zwei Schrauben für die Türklinke des Kirchenklos eindrehen können.
Für meine bemalten Ostereier stecke ich in zehn Minuten einen ähnlichen Betrag hinter die Ohren.
Desgleichen meine selige Großmutter mit ihren Aschenbechern, dekoriert mit Zigarrenbinden.

Deshalb irritiert mich heftig, wie man eine Auktion mit Arbeiten von Picasso, Chagall, Klinger, Matisse, Mattheuer,Tübke, Marcks, Götze zu vergleichsweise kleinen Preisen als „gelungene Kooperation“ feiern kann, bei der „immerhin“ (Zitat) zweihundertundsechzig Euro an die Kirchenglocken geklebt wurden.
„Immerhin“ würde ich mindestens als Halb-Synonym für „eigentlich gar nicht so schlecht“ oder „eigentlich doch ziemlich gut“ einordnen.

Und immerhin wurden scheinbar ein Bild Klingers, Grafiken von Marcks, Ernst Hankes und „Peter am Strand“ von Moritz Götze verkauft (von vierundvierzig Bildern).
Mir sind die Mechanismen und wirtschaftlichen Zusammenhänge des Kunstmarktes nur schemenhaft zugänglich, sie interessieren mich nicht.
Doch selbst für diese vier Zuschläge erscheinen mir zweihundertundsechzig Euro als ein etwas obskures Ergebnis.
Und die Bilder von Picasso, Chagall, Matisse, Tübke, Mattheuer…, die markig im ersten Satz des Artikels journalistisch serviert wurden, um die erhöhte Qualität der Auktion vorzustellen?
Denn für diese „vergleichsweise kleinen Preise“ hätte sich selbst mein Wellensittich
eine Grafik an seinem Spiegel festgezurrt.

Verschenkte man sie oder hängen sie an den Melkmaschinen des benachbarten Kuhstalls?
Wurden sie zu teuer angeboten oder haftete an den Geldscheinen von möglichen Käufern noch etwas Skepsis über die „Reinheit“ der angebotenen Arbeiten zu vergleichsweise kleinen Preisen?

Kein Wort dazu in der Zeitung.
Aber der launige Beitrag des Käufers von Klingers „Philosophen“ und eines pflügenden Bauern von Marcks wird zitiert:
„Wir haben einen Philosophen in der Familie, da passt das als Geschenk, ebenso wie Gerhard Marcks Holzschnitt des Bauern beim Pflügen für einen Agraringenieur.“
(Die sprachlichen Mängel habe ich unverändert übernommen).

Wenn der kommenden Auktion ein „Kunstfreund“ beiwohnen sollte, der einen Bäcker in der Familie hat, sollte man sich z.B. um eine Arbeit von Ludwig Richter bemühen.
Ich erinnere mich z.B an seine Brezelbuden auf Weihnachtsmärkten des 19.Jahrunderts und an die Illustrationen zu „Hänsel und Gretel“, auch mit ziemlich viel Gebäck zwischen den Bäumen.

Der Auktionator erhält dann gleichfalls noch die Möglichkeit, einen abgeklärt weisen Beitrag abzusenden.
Auf die Herkunft seiner Bilder angesprochen, verweist er auf die Auflösung von Privatsammlungen, denn:
„Manchmal ändern sich die Interessen, es wird Geld gebraucht, vielleicht fürs neue Smartphone.“
(Auch als möglicher Witz eher einfältig und die sprachliche Grobschlächtigkeit habe ich wiederum unverändert übernommen).

Bei diesem Niveau vertiefen sich vor Gram selbst die Falten meines Skrotums.

Ich begrüße aufrichtig jeden Euro, der für Denkmalpflege angelegt wird.
Doch mit derartigen Abläufen und einer journalistischen Nachbereitung von eher ärmlicher Kontur dürfte der Motivations-Faktor für ähnliche Veranstaltungen weitgehend kläglich ausfallen.


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Feldhamster als Autionär

Oktober 21, 2017 Posted by | Leipzig | Hinterlasse einen Kommentar

Jürgen Henne und zwei Tage aus dem Leben eines Leipziger Zeitungslesers

Arena Leipzig, Ort der Konzerte Helene Fischers

Leipziger Volkszeitung, Dienstag, 10.Oktober
Überschrift im unteren Teil der Kulturseite:

„Helene hält Leipzig fünf Nächte in Atem“

Die LVZ-Brigade darf scheinbar die vertraulich-zugängliche Reduzierung auf „Helene“ benutzen.

Im Text wird einleitend von insgesamt 40 000 Besuchern bei 5 Konzerten in Leipzig geschrieben.
Anschließend skizziert die Autorin einzelne Programmpunkte der Veranstaltung.
So kreist Helene Fischer z.B. an einem überdimensionalen Uhrzeiger über den Köpfen ihrer Fans.
Auch ein Luftballett zehn Meter über der Bühne ist geplant.
Sie schwebt auf einer UFO-artigen Plattform mitten durch die Konzerthalle.

Die Journalistin skizziert dann gleichfalls das personelle Umfeld dieses Ereignisses.
Helene Fischer reist mit neun Musikern, zwanzig Tänzern und fünfunddreißig Trucks durch die weitgehend deutschsprachigen Areale Mitteleuropas, umgeben von einhundertundfünfzig Begleitern, die aber scheinbar während der Stunden der Errichtung und des Abbaus der Bühnen-Architektur nur herumstehen und Maulaffen feilhalten.

Denn für diese konditionelle Sonderleistung, einhundertundvierzehn Tonnen Material müssen hergewuchtet und verschraubt werden, stehen weitere zweihundert Recken zur Verfügung.
Wozu dann die einhundertundfünfzig Rumsteher und Maulaffenfeilhalter, die Autorin schreibt von „Personen“.
Und die Autorin ist auch die Glücksverkünderin für alle Betrübten und Hilflosen, für alle Ratlosen, Verzagten und Entmutigten, denen die Hoffnung auf ein Tickett aus dem Herzen gerissen wurde.
Denn im Frühsommer 2018 wird Helene Fischer erneut an einem überdimensionalen Uhrzeiger ihrer Fans kreisen, ein Luftballett zehn Meter über der Bühne planen und auf einer UFO-artigen Plattform mitten durch die Konzerthalle schweben.
Vergelt`s Gott.
Und vielleicht auch singen.
Das sollte dann Gott aber keinesfalls vergelten.

Leipziger Volkszeitung, Mittwoch, 11.Oktober
Überschrift zu einem Bilde im oberen Teil der Titelseite:

„Helene Fischer macht ihre Fans in Leipzig atemlos“ (s.auch Überschrift oben)

Bei insgesamt vier Sätzen wird in einem Satz furchtlos formuliert:
„Helene Fischer (33) machte gestern ihre rund 8000 Fans in der restlos ausverkauften Arena atemlos.“ (s.o.)
Mir scheint, die kollektive Atemnot röchelte sich in ein akutes Stadium.
Doch musste es weitergehen.

Und die Zeitung schreibt von Helene Fischers Flug durch die Luft, von ihrem Wasserkleid, einem selbstgetrommelten Intermezzo und einer Show, die durch Pyro-Effekte, Akrobatik und witzige Einfälle begeisterte.
Schon wegen der witzigen Einfälle wäre ich gern dabeigewesen.

Und die Zeitung schreibt weiter, dass Helene Fischer tatsächlich auch gesungen hat.
Aber derartig üppig kann selbst Gottes Vergeltungskraft nicht sein.

Leipziger Volkszeitung, Mittwoch, 11.Oktober
Überschrift zu einem Bild im oberen Teil der Kulturseite:

„Helene Fischer bringt die Arena Leipzig zum Kochen“

Die Atmung röchelt, jetzt wird gekocht.

Die Zeitung erwähnt erneut die neun Musiker und Sänger, auch die 20 Tänzer und Akrobaten und die 8000 Zuschauer, z.B. den Fanclub Schleiz (mit Bild).
Aber wo ist der Fanclub Borsdorf?
Das finde ich feige.
Helene Fischer am Trapez, an den Trommeln, sich kopfüber um die eigene Achse drehend.
Und sie scheint auch gesungen zu haben
Denn am Ende, so schreibt die Zeitung, hieß es „Atemlos durch die Nacht“
Scheinbar von Helene Fischer gesungen.

Aber ich vermute, durch die permanente, dreistündige Abquetschung der achttausend Luftröhren werden es die achttausend geknebelten, atemlosen, arg sauerstoffreduzierten Leiber und die sechzehntausend Beine nicht bis zum Ausgang schaffen, geschweige durch die Nacht.

Am Ende dieser fesselnden Vorinformation wird verkündet:
„Einen ausführlichen Bericht lesen Sie in unserer morgigen Ausgabe“
Au fein!

Klingt aufregend, doch wurde ich nun schon innerhalb der vergangenen Ausgaben anspruchsvoll und engmaschig über Helene Fischers Konzerte informiert.

Z.B.Über neun Musiker und Sänger, über zwanzig Tänzer und Akrobaten und achttausend Besucher, über fünfunddreißig Trucks, einhundertundfünfzig Rumsteher und zweihundert Aufbauer, die auch abbauen. Über Helene Fischer am Uhrzeiger, am Trapez, an den Trommeln, sich kopfüber um die eigene Achse drehend, beim Luftballett, auf einer UFO-artigen Plattform. Über Helene Fischers Flug durch die Luft, über eine Show mit Pyro-Effekten, Akrobatik und witzigen Einfällen.

Und über ihre Gesangseinlagen z.B. „Atemlos durch die Nacht“, die Gott nicht vergelten wird.
Ich bin weniger atem -, eher sprachlos.

Nun muss ich die Entscheidung treffen, ob ich den angekündigt ausführlichen Bericht über Helene Fischers Konzerte lese oder mein Interesse eher zu einer Studie über die frühe Ernte der spät wachsenden Radieschen im Südosten Borneos neigt.
Ich werde den Fanclub Schleiz fragen.
Oder den Fanclub Borsdorf.

Die Wucht dieser Wahl macht mich atemlos.
Deshalb werde ich jetzt durch die Nacht laufen.


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Oktober 13, 2017 Posted by | Leipzig | Hinterlasse einen Kommentar

Jürgen Henne und Empfehlungen für kultiviert-geschmackvolle Freizeitverrichtungen im erweiterten Umfeld Leipzigs mit einhundertunddreißig Kilomter als maximale Entfernung

Halle/S., Moritzburg.
Unweit davon der Dom mit herausragenden Pfeilerfiguren aus dem Umkreis Hans Backoffens.

Halle/S., Moritzburg
Zugang zu den Kunstsammlungen.

1. Ausstellung
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Neugestaltung der ständigen Sammlung in der Hallenser Moritzburg

Nachdem Hermann Gerlinger seine expressionistische Sammlung aus den Räumen der Moritzburg ausräumte, ein bemerkenswerter Verlust (außerdem wird ein Selbstporträt Schmidt-Rottluffs vermisst) und in Bernried aufstellte, wurde die ständige Sammlung der Burg neu organisiert und seit einigen Tagen dem Publikum angeboten.

Beachtlich der Mut, auch nationalsozialistische Kunst der Jahre 1933-45 innerhalb einer Dauerausstellung anzubieten, z.B. „Der Führer spricht“ von Paul Mathias Padua, eine besonders widerwärtige Darstellung von Hitlers deutscher Wunschfamilie.
Nur Sepp Hilz und Adolf Wissel malten mitunter unerträglicher („Bauernmadonna“,“Kalenberger Bauernfamilie“)
Padua agierte aber auch als wichtiger Eintreiber einer „germanisch heldischen“ Gesinnung von herausragendem Kotz-Potential, z.B. im Bild „10.Mai 1940“, der Beginn der deutschen Westoffensive.
Nur Elk Eber malte abstoßender, mit einer dümmlich-infantilen Aggressivität ohnegleichen (SA-Bilder).

Und immer wieder stößt mich die frappierende Ähnlichkeit dieser Bilder mit gemalten Erzeugnissen innerhalb der DDR-Kultur während der 50er Jahre ab.

Ohne konzentrierte Gedankensteuerung fallen mir sofort Hans Mayer-Foreyt („Ehret die alten Meister“)oder Harald Hellmich/ Klaus Weber („Die jüngsten Flieger“) ein
Für diese Kübelkunst mussten gleich zwei doktrinäre Dilettanten Hand anlegen.

Aber auch Gerhard Kurt Müller („Bildnis eines Offiziers der Volkspolizei“, oder so ähnlich) und Heinrich Witz („Der neue Anfang“) zelebrierten diese entsetzliche, penetrant ideologisierte Parteikunst.
Nicht verwechseln mit dem grandiosen Konrad Witz aus der Gegend um Basel, erste Hälfte 15.Jahrh.

Ich begrüße ausdrücklich diesen Schritt, die Kunst zwischen 1933 und 1945 nicht länger auszugrenzen.
Denn man kann nur bekämpfen, was man kennt.
Sonst wird man zum penetranten Eiferer oder macht sich zum lächerlichen Hugo.

Chemnitz, Theaterplatz mit Opernhaus und St.Petri Kirche

Chemnitz, Theaterplatz, König-Albert-Museum, Kunstsammlungen Chemnitz

Benannt nach Albert von Sachsen, sächsischer König von 1873 bis 1902.
Baumeister: Otto Stäber, der wahrscheinlich kurz vor seinem Tode auch innerhalb der Bauleitung bei der Errichtung der Chemnitzer Sparkasse arbeitete, heute Ausstellungsgebäude für die Gunzenhauser-Sammlung.

2. Ausstellung
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Jacques Lipschitz in den Chemnitzer Kunstsammlungen, König-Albert-Museum

Geboren 1891 in Litauen, überführte er den Kubismus von Braque, Gris und Picasso auf die Bildhauerei, z.T. auch koloriert.
Später die Hinwendung zu einer gelöst organischen Formung ohne blockhaft präzise Strenge.
Lipschitz kann unbekümmert in eine Qualitätskategorie aufgenommen werden, in welche die Kunstgeschichte z.B. auch Calder, Giacometti, Brancusi, Laurens, Archipenko, Arp, Gabo, Pevsner…abgelagert hat.
Also die große Zeit der Bildhauerei innerhalb der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts.
Einige Teilnehmer lebten auch länger, z.B. Henry Moore.

3. Ausstellung
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Johannes Grützke in Chemnitz, Kunstsammlungen Chemnitz, Gunzenhauser-Museum

Grützke starb im Frühling des laufenden Jahres, er wäre vor wenigen Tagen 80 geworden.
Der Berliner Maler kreierte bizarr überhöhte Massentypen, konform verzerrte Einheitsfratzen mit genormter Retorten-Hässlichkeit, die sich jeder einfältigen Manipulation unterwerfen.
Eine bemerkenswerte Malerei, die mich mitunter an Lucian Freud erinnert.

4. Ausstellung
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Expressionismus in Jena, Kunstsammlungen Jena

Nach der deutschen Vereinigung konnte man in Mitteldeutschland den Kelch expressionistischer Ausstellungen bis zur Neige leeren.
Dresden, Leipzig, Chemnitz, Halle, Zwickau, Apolda…gaben dieser Kunst einen würdigen Rahmen.
Aber eine geht trotzdem noch, z.B. in Jena.
Natürlich mit Macke, Kirchner, Heckel, Pechstein, Felixmüller, Beckmann, Nolde…., also das ganze alte, liebgewonnene Programm.

Auch Bilder des Schweizers Cuno Amiet werden ausgestellt.
Ich erinnere mich an eine Übersicht vor vielen Jahren, gleichfalls in Jena, mit der Kunst Amiets, ich vermute, gemeinsam mit August Macke.
Und ich erinnere mich gleichfalls, dass ich recht beeindruckt die Ausstellungsräume verließ.
Und ein zweiter Schweizer Künstler wird in diesem Abschnitt des mitteldeutsch-thüringischen Saale-Tals bis November dargeboten: Ferdinand Hodler.
Nun irritiert mich geringfügig diese Zuordnung zum Expressionismus.
Ist aber unerheblich, Hodler bleibt eine bedeutsame Erscheinung auf dem Weg zur Kunst des 20.Jahrhunderts.
Es gibt sicher nur wenige künstlerische Zeugnisse, die derartig erschüttern wie Hodlers Bilder über Krankheit, Sterben und Tod seiner Geliebten Valentine Godé Darel.
Da möchte man sich mit zwei Flaschen Wein in den Teppich einrollen.
Und vielleicht kann man sein spätes Spätwerk, vorrangig Landschaften, tatsächlich im expressionistischen Stil-Vokabular ablegen.
Ich werde mich bemühen.
Und Hodler bietet sich als Austellungsteilnehmer in Jena nahezu vordergründig an.
Denn sein vielleicht bekanntestes Bild hängt in der Aula der Friedrich-Schiller-Universität („Auszug der Jenenser Studenten“ etwa 3.50m x 5.50m ) und ich rekapituliere kurz und denke, daß diese bemalte Fläche von üppiger Ausdehnung in irgendeinem Geschichtsbuch der Erweiterten Oberschule abgebildet wurde (Erweiterte Oberschule = Gymnasium/Penne in der DDR)

Weimar, Neues Museum

5. Ausstellung
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Gerhard Marcks und Kollegen im Neuen Museum Weimar

Sicher konnten von Marcks keine dieser zukunftsorientierten Einflüsse ausstrahlen, die andere Bauhauslehrer wie Itten, Schlemmer, Albers, Kandinsky, Moholy Nagy,…so selbstverständlich versendeten.
Er blieb in dieser Schule der eher konservative Darsteller, verharrte in überlebten Handwerker-Traditionen, vermied jegliche Visionen und trennte sich deshalb recht zügig von Walter Gropius.
Und dennoch schuf er ein bemerkenswertes Bildhauer-OEuvre.
Auch seine Grafik ist zum Teil recht ansehnlich.


Nach einer Rolling-Stones-Scheibe („The Best of“) mein zweiter Tonträger, den ich in einem Leipziger Intershop nach einem garstig unvorteihaften Währungsumtausch von Ostmark in Westmark erwarb (Ende der 70er Jahre).
Danach ernährte ich mich für einen Monat ausschließlich von würzigem Moos aus der nahen Dübener Heide.

Eine Gedenkminute für Tom Petty.

Wir sahen und hörten ihn noch im Mai 2012 in Hamburg
Welch ein Glück!

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Oktober 3, 2017 Posted by | Leipzig | Hinterlasse einen Kommentar