Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne, eine Extremtranspiration in Mexiko, ein Besäufnis nach Tiepolo, Sisley, Malewitsch, die Blicke Che Guervaras, Heines Suizid-Versuch, Mösen-Monarch und Skrotum-Schnatterinchen, Anal-Asterix, eine apokalyptische Würgefeige und Hans-Albers-Augen vermessen ein Fenster

Jede Verrichtung ist ergiebiger als Radio hören, Zeitungen lesen, TV sehen….

…z.B. mit den eigenen Haustieren kommunizieren, auf dem heimischen Balkon

s.o.

…die strapaziöse Extremtranspiration in Mexikos Dschungel erleiden

….sich nach einem mehrstündigen Aufenthalt in der Eremitage besaufen

….auf dem Weg zur Notre-Dame die Blicke Che Guevaras erdulden müssen

….mit Nachwuchs an Südafrikas Strand flanieren

Der Eisprinzessin gelingt der vierfache Rittberger, doch nicht die Verteilung olympischer Sportdisziplinen in den deutschen Alpen, der Literaturpapst thront über dem gemeinen Leser, die Wetterfee tänzelt zwischen kartografisch gestylten Hoch-u.Tiefdruckgebieten.
Und dann gibt es noch „Unsere Helden“. Nicht selten bei sportlichen Belobigungen eingesetzt, z.B „Unsere Fußballhelden“ und „Unsere WM-Helden“.

Vergelt`s Gott, dass unsere Frauen frühzeitig eine Packung Leder-Sushi zwischen die Pfosten erhalten haben, denn „Unsere WM-Heldinnen“ hätte ich nicht ausgehalten.

Dann fröstle ich ja noch bei dem „Sommermärchen“, welches unablässig eingesetzt wird, das Ereignis kann gar nicht bekloppt genug sein. Heine hätte sich in seiner legendären Matratzengruft bei der Kenntnisnahme dieser einfältigen Sprachkasperei sicher selbst erwürgt.

Und auch immer wieder gern wird das „Wunder von….“ durch alle Medien gepeitscht.
Bei Bern und Lengede konnte man sich ja noch warmherzig anschließen.
Doch diese „Wunder“-Inflation nähert sich mit ihrer kollektiv betriebenen Einfältigkeit der Körperverletzung.
Auch „Medien-o.Zeitungsmogul“ scheint für schreibende Dödels der Born ewiger Verzückung zu sein.

Ich habe doch grundsätzlich keine Einwände gegen folkloristische Wortspäßchen. Doch wenn täglich auf jedem Kanal, jedem Sender, in jeder Zeitung die gleiche Sülze gelabert wird, begleitet von des Autors Hoffnung, als Originalitäts-Gigant gefeiert zu werden, entfaltet sich bei mir eine hochgradige Unleidlichkeit.

Als ungezügelter Hörfunk-Kunde sind mir diese Normierungsexzesse, die penetrante Nachahmungsbereitschaft und das Begehren, im aktuellen Journalismus die sprachlichen und intellektuellen Anforderungen auf die Aufnahmefähigkeit eines Wombats zu reduzieren, auffällig zuwider.

Die Beiträge in gurkigen und „gehobenen“ Medien können nur noch in gurkigen und „gehobenen“ Müll getrennt werden.
Es wird eng für mich und ich sondiere schon mit meinen Hans-Albers-Augen die Fensterausdehnungen, um die Radios in Bälde dem Asphalt zu übergeben.
Dann übersiedele ich nach Schottland und suche Nessie. Oder ich züchte Quastenflosser.

Doch vielleicht könnte ich mich an der Hatz nach hochwertigen Neologismen beteiligen.
Als Ersatz für Literaturpapst würde ich Literatur-Leutnant empfehlen.
Womöglich gibt es auch bald einen „Sport-Sultan“ im TV und einen „Medien-Münchhausen“, oder den „Gerichtsserien-Godzilla.“

Für Hinweise auf Akteure der erotischen Nahkampfzone könnte ich mir einen „Mösen-Monarch“ recht gut vorstellen. Etwas deftiger käme man mit „FotzenFürst“ oder „Anal-Asterix“ recht ordentlich voran. Auf der kultivierten Ebene erschiene mir „Hoden-Herzog“ oder „Skrotum-Schnatterinchen“ durchaus angemessen.

Dem dümmlichen „Finanz-Armageddon“ würde ich furchtlos einen „Banken-Blizzard“, den „DAX-Dornado“ und den „Dividenten-Daifun“ entgegenhalten.

Dabei dürften diese Pfeifen ähnlich uninformiert über die Herkunft von „Armageddon“ sein wie über die Fußpflege des Gürteltiers.

Wie gesagt,trotzdem ist alles sinnvoller als Radio hören, Zeitung lesen,TV sehen ……

….z.B. mit Henry Moore verschmelzen, irgendwo in Schweden

….albern vor einem Baggerrad stehen, rechts unten, in Leipzigs Nähe

….sich neben Puccini setzen, Lucca

….sicher sein, dass man wenige Stunden zuvor das Richtige getan hat, Vietnam

….den Verkehr in Saigon beobachten

….sich vor den apokalyptischen Wurzeln der Würgefeige fürchten, Kambodscha

…..oder einfach nur bekloppt vor sich hin glotzen

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juergenhennekunstkritik.wordpress.com

juergen-henne-leipzig@web.de

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Juli 22, 2011 Posted by | Leipzig, Verstreutes | Hinterlasse einen Kommentar

Jürgen Henne, Ostrale`011 in Dresden und eine Paarhuferbank, akustische Euterklagen, Stadtsilhouetten aus Würfelzucker, die Macht der Fäden, Flugzeuge aus geborstenem Glas, Caspars Gehege, von Novalis bis Beckett, Bücherläden im Westen, Kunst in der Fettschmelze, die Ouvertüre zur documenta, ein blauer Torso und Ängste bei der Bitte um Lebkuchen

JH vor einem Tor zum ehemaligen Schlachthof-Inferno, Ostrale`011

JH vor einem Laubengang (Pergola) aus Zeitungspapier im Stadium fortgeschrittener Zerknüllung, Ostrale`011

Schlachthofidyll bei gefühlten sechsundneunzig Grad mit roter Paarhuferbank, einer schönen Frau unter blauem Schirm nach fast vier Stunden Kunstpromenade durch ehemalige Futterställe, Heuböden, Kühlhäuser und mit Visionen roter Wände und akustischer Euterklagen, Ostrale`011

Paricija Gilyte, Litauen, „Sonnenaufgang-Sonnenuntergang“, Stadtsilhouette, Zuckerwürfel

Steine und Fäden

Caspar David Friedrich malte „Das große Gehege“, ich denke, so um die Mitte der dreißiger Jahre, er starb 1840. Also eine späte Arbeit und, ich denke wiederum, der Höhepunkt seiner Kunst. Hatte er ohnehin die Landschaft in neue Kategorien getrieben, mit philosophischen Versuchsanordnungen und religiösem Pflichtprogramm, wählte er jetzt auch formale Ansätze, die schon sanft und fern, aber sichtbar, das Licht des 20.Jahrhunderts leuchten lassen.
Vor fünfundvierzig Jahren gab es für einige Monate für mich nur einen Lebensinhalt: Caspar David Friedrich. Dazu natürlich Novalis und Wackenroder. Und der Weg zu Hesse ergab sich dann ohne nennenswerte Umwege und zu den Erzählungen von Thomas Mann.
Dazwischen schluchzten wir im Kollektiv bei Wolfgang Borchert und Vercor, zelebrierten Stefan Zweig, Romain Rolland, heute im Grunde vergessen und suhlten uns in der grandiosen Literatur Russlands des 19. Jahrhunderts.

Die nachpubertäre Periode wurde dann mit Kafka, Beckett und Joyce eingeleitet und es begannen die Probleme der Bücherbeschaffung. Denn der DDR-Buchhandel folgte natürlich den Richtlinien der offiziellen Kulturinfantilität.

Die gesamten verwandschaftlichen Ausläufer bis zur Großtante 14.Grades wurden dann im „Westen“ in die Buchläden gejagt und wir hofften zitternd, dass die Blödmänner an der Grenze, welche Knittel nicht von Benn unterscheiden konnten, die kostbaren Pakete unbehelligt ließen.

Friedrich malte also vor etwa einhundertundachtzig Jahren sein großes Gehege, auch als Ostragehege bekannt.
Um 1900 wurde dieses Terrain mit einem Schlachthof bestraft.
Nach der wundervollen Wende nutzte man etwas Tiervernichtungsarchitektur als Messe-Ensemble.
Und vor einigen Jahren begann in den restlichen Gebäuden die Geschichte der „Ostrale.“

Nobert Attard, Frankreich, Installation, Flugzeug aus geborstenem Glas, eine Lichtquelle projiziert diese Hochgeschwindigkeitsgurke als Sternenhimmel an die Wand gegenüber.

Natürlich könnte man näselnd kundtun, dass in manchen Ecken der Räume noch ein Restgeruch von fauliger Rinderniere grünlich schwebt oder ein Gegenstand im Gully einem schweinischen Eisbein ähnelt. Und wenn man zur Kenntnis nehmen muss, dass ein beträchtlicher Teil der Kunst in der ehemaligen Fettschmelze ausgestellt wird, könnte sich eine verständliche Skepsis über die eigene Genussfähigkeit für diese Industrie-Brache in Dresden-Friedrichstadt entwickeln.
Doch geschwind sollte dieses Zwischenstadium bewältigt werden.
Denn „Ostrale 11″ hat nun entgültig ihr Bedürfnis bekräftigt, mit ihrem Konzept und einer bemerkenswerten Kompetenz bei der Auswahl der Teilnehmer in die Eliteabteilung ähnlicher Veranstaltungen mit zeitgenössischer Kunst in Deutsachland und Europa einzudringen.
Eine gelungene Overtüre zur documenta kommenden Jahres in Kassel.

Es wäre müßig, zu jeder Arbeit eine tiefschürfende Analyse zu liefern. Meine Lust dazu nähert sich dem Minusbereich, obwohl meine Fähigkeit dafür sich natürlich anböte.
Doch ein eigener Besuch wäre unverhälnismäßig ertragreicher.
Uns gelang es, nach etwa vier Stunden, die reichliche Hälfte zu sichten.
Die Arbeiten in der Fettschmelze, welch widerwärtige Bezeichnug, erfordert einen erneuten Besuch.
Ich hoffe, dass ich die Namen ordnungsgemäß zugeordnet habe. Mir erschien die Beschriftung mitunter etwas irritierend. Und lückenlos kann ich die Teilnehmer auch nicht einordnen.
Aber vielleicht bin ich einfach nur etwas bekloppt.

Ostrale`011, Messering 8, 1.7 – 4.9. 2011

Dienstag – Donnerstag 11 – 20 Uhr

Freitag – Sontag 11 – 22 Uhr

Montag Ruhetag

Eintritt: 14 EURO und einige Sonderangebote. Die
Ausstellung kann mit einem Ticket mehrmals an verschiedenen Tagen besucht werden

Futterstall Ost, Heuboden

Name des Bildschöpfers habe ich vergessen, event. Filip Firlefijn, auf alle Fälle ziemlich bunt mit einem „ha ha!“ halbrechts.

Stefanie Abben, „my home hundret“, von bemerkenswerter Farbkultur und einer Stimmungslage, die alle Schattierungen des Grauens bereithält. Die weiteren Abläufe können nicht für einen schadlosen Aufenthalt in diesem Haus bürgen.
Auch nach einem Lebkuchen würde ich nicht unbedingt bitten.

Jung Kwanjoung, Korea, Tusche, Acryl auf Leinwand, eine handwerklich akribische Meisterleistung.

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Jung Kwanjoung, „Hügel“

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Martin Ecker, „Waldlabyrint“, Öl

POM, „Blauer Torso“, Terrakotta

Albrecht Fersch, „Das Nest“, 3×2,20, Innenansicht

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Albrecht Fersch, „Das Nest, Außenansicht

Albrecht Ferch, „Ummichherumangehäuftes“, zerknülltes Zeitungspapier

???, Treppenhaus, extraordinaire

Lichtinstallation aus Singapur

Mavi Garcia, Spanien, Schrank, Haut, Latex, Holz

Frauke Danzer, „So it goes“, Installation, Leinen,Kautschuk,Stahl, Drehmotor,Spieluhren

Frauke Danzer

Schweine in besorgniserregender Körperhaltung

Judith Heinsohn, „Betrachten“, Installation

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Heike König, o.T., 4OO x 1030, Installation mit Zeichnung, Pigment auf Papier

juergenhennekunstkritik.wordpress.com

juergen-henne-leipzig@web.de

Juli 16, 2011 Posted by | Kunst, Neben Leipzig | Hinterlasse einen Kommentar

Jürgen Henne und Norbert Tadeusz

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Roter Sessel

Zum Tod von Norbert Tadeusz empfehle ich meinen kleinen, doch souverän formulierten Text vom 20.Februar 2009, anlässlich einer Ausstellung in Chemnitz.

Juli 13, 2011 Posted by | Kunst, Leipzig | Hinterlasse einen Kommentar

Jürgen Henne, Nina May (oder Mai?), die Ohren von Vincent und Theo, epochale Orientierungen, Margot Honeckers Ohr, brüderliche Fortpflanzungsnudeln, Sonnenblumen und Gänseblümchen, Cindy aus Leipzig, ein Hors d`oevre für Baskervilles Hund und mein Verhältnis zu Geld und Vincent van Gogh

Selbsbildnis, Detail mit Ohr

In der Sparte für scheinbar besonders herausragende Humorstrukturen, für fein angelegte Ironie und zeitlose Satire mäkelte Nina May (oder Mai ?)vor einigen Tagen auf der Kulturseite der größten Leipziger Tageszeitung an einigen Neuigkeiten kunsthistorischer Forschungen und fragt mit revolutionärer Erhabenheit und epochaler Orientierung: „Braucht das die Welt?“

Selbstbildnis, Detail mit Ohr

Selbstbildnis, Detail mit Ohr

Selbstbildnis, Detail mit Ohr

Selbstbildnis, Detail mit Ohr

Fachleute der Kunst van Goghs erwägen nämlich die Möglichkeit, dass ein Selbstbildnis mitnichten eine Selbstdarstellung sei und gönnen sich die Meinung, dass Vincent auf diesem Bild seinen Bruder Theo porträtierte.
Sie verweisen dabei auf die unterschiedliche Ohrformung der Beteiligten.
Außerdem nörgelte Nani an einer neuen Ahnung, dass in einem Bild van Goghs ein anderes geflügeltes Wirbeltier vor sich hinflötet, als bislang vermutet.
Mein Gott, Nina, was gibt es da zu nörgeln, hier geht es um Kulturgeschichte, um Kunstgeschichte. Und ob van Gogh zu einer bestimmten Zeit und in einer bestimmten Situation sich selbst, seinen Bruder oder Margot Honecker mit Ohr abbildete, kann durchaus bedeutsam sein.

Man könnte auch kunstsoziologische Fragen klären, die vielleicht bei Ereignissen im Rahmen einer Biographie, aber auch darüber hinaus von bislang unbekannten Verknüpfungen künden.
Und hätte van Gogh Akte gemalt, wäre vielleicht die unterschiedliche Plastizität der brüderlichen Fortpflanzungsnudeln von höchstem Belang.

Auch die Wahl eines Vogels kann über Belastungen, Emotionen, psychische Besonderheiten und selbst politische Befunde berichten.
Es geht um ikonographische Forschungen, ein Kernstück der Kunstwissenschaft, deren Notwendigkeit seit einigen Jahrzehnten bis in das 20. Jahrhundert ausgedehnt wurde. Farben, die Abbildung unterschiedlicher Spezies von Fauna und Flora, die Einbindung historischer Abläufe u.s.w. widerspiegeln die Beschaffenheit des Schöpfers eines Kunstwerkes, seinen Status auf den unterschiedlichsten Ebenen.
Man sollte dies beachten, ohne einer sklavischen Interpretationswut zu unterliegen.
Und es ist eben nicht egal, ob im Bild eine Lerche trällert, ein Storch nach Fröschen hackt oder ein Pinguin albern herumsteht. Auch bei van Gogh nicht.
Es wäre recht hilfreich, sich über Abläufe zumindest oberflächliche Grundkenntnisse zu zu verschaffen, um sie entsprechend bearbeiten und glossieren zu können. In diesem Fall wäre ein kleiner Einblick in das
difficile Verhälnis von Vincent van Gogh zu seinem Bruder eine
angemmessene Entscheidung. So einfach ist das.
Bei entsprechender Unwilligkeit sollte man einfach schweigen. Das ist nun ganz einfach.

Sonnenblumen, Detail ohne Ohr

Und Nina May ( oder Mai? ) höhnt dann in gewohnt feinsinniger Manier und mit geschliffener Ironie, was geschähe, wenn van Goghs Sonnenblumen sich als Gänseblümchen entpuppten.
Dieser Gedanke ist ja dermaßen zur Heiterkeit geeignet, ich falle vom Stuhl. Nina May ( oder Mai ? ) profiliert sich zur Cindy von Leipzig.
Mir scheint es bedrohlich, wenn Journalisten ihre Umwelt mit Begutachtungen behelligen, welche sie überfordert.
Wenn dieser Missstand überwunden wäre, bliebe für Nina May ( oder Mai ? )dann aber nicht viel übrig.
Vielleicht ein Bericht über die Eröffnung einer Gemüsebude „Fauliger Rettich“ oder über den Diebstahl eines Toasters in der Sportlerklause „Wasserball – Klatsch die Eier“.

Außerdem hört bei mir die Freundschaft nicht bei Geld, sondern bei van Gogh auf. Wer über Vincent ödet und die Forschungen über ihn der Überflüssigkeit bezichtigt, dem schneide ich ein Ohr ab und werfe es dem Hund von Baskerville vor.

Juli 5, 2011 Posted by | Kunst, Leipzig, Presse | Hinterlasse einen Kommentar