Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne, der Leipziger Opernball, Kehlkopf-Orgasmen, Marianne Rosenberg, Hasselnüsse auf dem Nanga Parbat, Nessun Dorma, Don McLean und Jackson Browne, Millöckers Schulter-Ableckerei, Turandot und Kalaf, Flanierkarten, Frettchenbrühe in der Kniekehle und die Musik der Woche von Led Zeppelin, Gubaidulina und Feldman

Tonträger mit Musik von Marianne Rosenberg.
Nicht in meinem Bestand


Die Elite-Postille Leipzigs für bescheidene Gemüter (LVZ) schwärmt von dem Ereignis, dass die Veranstalter das Geheimnis um den Stargast des achtzehnten Leipziger Openballs (27. Oktober) „gelüftet“ haben.

Zitate:

Die Berliner Kultsängerin bringt kurz vor Mitternacht den mehr als 2000 Gästen als nächtliches Bonbon „Lieder der Nacht“ und andere Ohrwürmer mit“ (LVZ)

„Jeder kennt ihre Schlager, jeder kann sie mitsingen. Sie wird die richtige Stimmung reinbringen und Jung und Alt begeistern“ (Sylke Schumann, Veranstalter)

Das wird die musikalische Hölle, einfach ein grausames Spiel, denn die Kultsängerin ist Marianne Rosenberg. Während der siebziger Jahre, als in der DDR, aber auch im Westen, sich das Musikangebot doch als recht überschaubar anbot, konnte man nur schwer Marianne Rosenbergs Dürftigkeits-Lyrik und deren Kehlkopf-Orgasmen entgehen.

Und 2012 wird diese ganze emotionale Sülze erneut zelebriert.
Ich stelle mir vor, wie ich mit roter Weinfresse und einem Zelt im Schritt, debil grinsend, gegen Mitternacht mit kollektiv-rhythmischen Klatschorgien „Marleen“ oder „Er gehört zu mir“ abröhre.
Dann doch lieber barfüßig mit einem Zentnersack Haselnüsse auf den Nanga Parbat und Led Zeppelin im Kopfhörer.

Tonträger, Turandot, in meinem Bestand

Während des Abends gibt es dann noch den „singenden Chinesen aus Leipzig“ (LVZ), Ming Cheng mit Namen.
Ähnelt irgendwie früheren Rummelplatzbrüllereien wie „Kommt herbei, zu Peng Peng, der Mann ohne Unterleib aus dem Himalaya“.

Gewidmet ist der Ball der chinesischen Nachbarstadt Nanjing.
Das Motto lautet deshalb „Nessun Dorma“ – „Keiner schlafe“, nach der Arie aus Puccinis „Turandot“, auch von Paul Potts und Telecom vorgetragen.
Mein Gott, wie ist das schlicht!
Dieses Liedchen trällert nun jede Eidechse vom heißen Stein und jeder deutsche Opernfreund nach einem missratenen Vorspiel, inzwischen ein Gassenhauer.
Und der Opernball schleimt mit diesem Gassenhauer.
Immer der gleiche Quark, kein Mut zum minimalsten Wagnis, dann doch eher Rosenberg und „Nessun Dorma.“
Viel Geld für biederen Klamauk.
Den „Rest“ von „Turandot“ kennt in dieser anwesenden Opernball-Truppe wohl niemand.
(Ich höre Puccini durchaus gern, nicht täglich, doch hin und wieder, besonders Turandot).

Bei einer derartigen Veranstaltung im Leipziger Opernhaus könnte man sich auch Roger Whittaker als trällernden Kellner vorstellen oder Ute Freudenberg als Garderobendame, die ihre unsägliche „Jugendliebe“ jedem Besucher entgegenplärrt.

Don Mclean, Jackson Browne, James Taylor wären nicht schlecht, nicht zum Ausrasten, doch ordentlich. Oder Tom Jones.
Sicherlich noch zu teuer.
Aber dann doch wenigstens die alten DDR-Strategen Peter Schreier und Theo Adam, beide Sachsen. Sicherlich inzwischen etwas vergreist.
Oder zumindest Reiner Süß, gleichfalls Sachse, der mich allerdings schon recht früh mit Carl Millöckers bettelstudentischer Schulter-Ableckerei in jeder „Unterhaltungs“-Sendung im Fernsehen der DDR doch ziemlich derb nervte.
Aber trotzdem, ausgerechnet Marianne Rosenberg.
Jeder wäre besser, selbst Bill Ramsay, Gus Backus, Chris Howland.
Aber nein, Marianne Rosenberg muss es sein.

Außerdem scheint es in der Zeitungsredaktion eine ernsthaft arbeitende Gruppe von Turandot-Forschern zu geben, welche die Zeit der Handlung kernig um 1000 v.Z. festlegt, also vor 3000 Jahren.
Ich dachte bislag, die Story um Turandot und Kalaf wäre in sagenumwobener, märchenhafter Zeit angesiedelt.
Meine außerordentlich kargen Kenntnisse chinesischer Geschichte aktivieren für die Zeit um 1000 v.Z. die Erinnerung an einzelne Dynastien, natürlich noch vor der Kaiserzeit und nach den ersten überlieferten Textdokumenten.
Aber vielleicht habe ich irgendetwas versäumt.

Die Zeitung schreibt, Tischkarten wären weitgehend vergriffen, es gäbe aber noch Flanierkarten. Wirklich Flanierkarten. Ich glaube, mein Gesicht fällt in die Bowle. Ich flaniere dann also durch das Opernhaus. Ich sitze dann nicht und flaniere sechs Stunden. Und höre dann flanierend Marianne Rosenberg und Turandot. Am Ende flaniere ich zur Garderobe und höre diese dusslige „Jugendliebe“ Ute Freudenbergs, während mir Roger Whittaker eine heiße Frettchensuppe in die Kniekehle gießt.

Wenige Tage zuvor kommt John Cale nach Berlin.
Ich denke, ich werde deshalb in die Hauptstadt flanieren.

Musik der Woche:

Led Zeppelin: „In my time of dying“

Morton Feldman: „For Samuel Beckett“ (1987)
„Rothko Chapel“ (1971

Sophia Gubaidulina: „Silenzio“ for Bayan, Violine, Cello (1991)

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September 3, 2012 Posted by | Leipzig | Hinterlasse einen Kommentar