Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne und Leipzig liest, läuft, hört, singt, tanzt, feiert, bellt, laust, fickt, trumpt, fällt aus dem Himmel, haut auf die Schnauze….

LVZ, 13.August

Gefühlt bei jeder zweiten Ausgabe wird in Leipzigs Tageszeitung, in der Regel auf der Titelseite, etwas infantil verschleimt Leipzigs Zusammengehörigkeit zelebriert.
Also Montag-Mittwoch-Freitag-Sonntag.
Sonntags erscheint keine Zeitung, dann wird eben schon am Sonnabend zuvor zelebriert.
Also Montag-Mittwoch-Freitag-Sonnabend.

Während der Buchmesse heißt es dann: „Leipzig liest.“

Vor einem Leipzig-Marathon: „Leipzig läuft.“

Während der Hörspieltage oder vor Abläufen am Zooschaufenster und vor dem Alten Rathaus: „Leipzig hört.“

Natürlich geht bei organisierten Massenaktionen auch schon einmal: „Leipzig singt“, „Leipzig tanzt“, „Leipzig feiert“….

Neben meiner Verunsicherung über das beleidigende Defizit der Zeitungs-Schreiber beim Einsatz sprachlicher Möglichkeiten irritiert mich mein Gefühl, auf einer kleinen Lepra-Insel am Rande der Stadt zu verkümmern.

Denn ich lese mitnichten mit zwei Millionen Mitlesern auf der Buchmesse, ich lese in meiner heimatlichen Hütte.

Ich höre gleichfalls nicht mit sieben Millionen Mithörern am Zooschaufenster oder vor dem Alten Rathaus. Oder auf der Wiese in ZOO-Nähe. Mir genügen Konzertsäle und meine heimatliche Hütte.

Ich verweigere ebenso die Teilnahme an der Bewältigung marathonähnlicher Strecken über Leipzigs Asphalt, gemeinsam mit elf Millionen Mitläufern, ich laufe im Bärlauch-Schleier durch Leipzigs nordische Wälder.

Ich singe auch nicht mit Heerscharen von Mitsängern, tanze nicht mit Heerscharen von Mittänzern, feiere nicht mit Heerscharen von Mitfeierlingen…

Ich bitte Leipzigs Journalisten, meinen Aussätzigen-Status zu beachten.

Also „Leipzig liest, außer Jürgen“, Leipzig läuft, außer Jürgen“, Leipzig hört, außer Jürgen.“
Würde ich so akzeptieren.

Bei der aktuellen Ankündigung der Aktivitäten, die „Leipzig“ so im Schilde führt, lässt mich die mangelnde Harmonie zwischen Bildinhalt und dessen journalistische Kommentierung etwas stutzen (s.o.).

Ich habe das mathematische Verständnis eines Feldhamsters und mich Ende der 60er Jahre gerade so mit letzter Wucht und kurz vor dem Koma durch das Mathe-Abitur geschoben.
Ein Antrag, mich als Carl Friedrich Gauß von Gohlis bezeichnen zu dürfen, würde wohl nicht die Zustimmungsmehrheit erhalten, schon gar nicht bei meinen noch lebenden Mathelehrern

Aber trotzdem beharre ich gnadenlos auf meinem Zählungsergebnis von sieben Surfern (s.o.), vielleicht etwas dürftig für ein Leipziger Massenereignis unter der markigen Ankündigung „Leipzig surft los“.
Außerdem bestreite ich die Notwendigkeit des Einsatzes von „los“ bei „Leipzig surft los“.
Ein reduziertes „Leipzig surft“ wäre ausreichend, „Leipzig surft los“ klingt einfach nur beknackt.
Ein Gespür für sprachlichen Feinsinn haben diese Zeitungshersteller, das stinkt nicht nur zum Himmel, das stinkt bis in die übernächste Galaxis.

Aber sicher werden sich bald neue Möglichkeiten ergeben, die unzerstörbare Verbundenheit Leipziger Bürger und Bürgerinnen auf dem Titelblatt ihrer Tageszeitung auch journalistisch zu dokumentieren.

Vielleicht in Bälde bei einer volkstümlichen Fallschirmsprung-Performance.
„Leipzig fällt vom Himmel“, klingt doch spannend.

Oder „Leipzig bellt“ für eine niedliche Hundeausstellung.
Als Alternative könnte man „Leipzig laust sich“ erwägen.

Oder bei Boxkämpfen für die ganz Kleinen auf Leipzigs Zentral-Markt wäre doch ein „Leipzig haut sich auf die Schnauze“ eine angemessene Losung.

Und natürlich „Leipzig fickt“ als Slogan der Vorfreude für eine Erotikmesse.

Aber besonders erfreut wäre ich über den Besuch des aktuellen Präsidenten der Vereinigten Staaten in Leipzig, der entzückt an der sozialdemokratischen Tür des Lipinski-Hauses in der Rosa-Luxemburg-Straße leckt, umringt von Leipzigs gesamter Bevölkerung.
Nur Jürgen wäre abwesend und die Leipziger Edelgazette könnte titeln: „Leipzig trumpt, außer Jürgen.“

Musik des Tages

Nach all diesen Lesereien, Laufereien, Hörereien, Singereien, Tanzereien, Feiereien, Bellereien, Lausereien, Fickereien, aus dem Himmelfallereien, auf die Schnauzehauereien….wäre ein Rückzug in die Individualität mit Amon Düül II auf der Kiste eine angemessene Reaktion.

„Yeti“
„Tanz der Lemminge“
„Carnival in Babylon“
„Wolf City“

Aus den Jahren 1970-73, die große Zeit von Amon Düül II.

Ich bevorzuge „Yeti“, da quiekt, quäkt, dröhnt, scheppert es so wundervoll.


juergenhennekunstkritik.wordpress.com
juergen-henne-leipzig@web.de
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August 16, 2019 - Posted by | Leipzig, Medien, Musik, Sprache

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