Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne, die Nervungen der Woche und Patriarchats-Ausbrüche, militante Radfahrer, große Truthahn-Eier, Netzhaut-Scharlach, Etagen-Bespielungen, Hingucker, krachende Niederlagen, Ligeti, Nancarrow, Bette Midler…alles ein Stück weit

LVZ, 13./14.7. 2019

Ein vierzehnjähriges Mädchen möchte aus dem Patriarchat ausbrechen.
Ganz schön kernig, die junge Frau.

Ich habe ja mitnichten etwas gegen gegen spätkindliche Rebellions-Bedürfnisse, gegen frühjugendliche Umwälzungs-Positionen.
Und Herrschaftsformen, ob Patriarchat oder Matriarchat, überhaupt alle „Herrschaftsformen“, sind mir weitgehend zuwider.
Auch z.B. die sich anbahnende Herrschaft der militanten Radfahrer.
Mir scheint es, dass ich als konsequenter Fußgänger zukünftig ohnehin erst die Radfahrer fragen muss, ob ich heute…morgen…übermorgen auf der Straße geduldet werde.
Und eine stabile Furcht, dass mir Radlenker von hinten die Nieren zertrümmern, beunruhigt mich ohnehin dauerhaft.

Ähnlich zuwider wie Herrschaftsformen mit überbordener Machtausübung quält mich die Art und Weise, wie dümmlich doktrinäre Politiker, Journalisten, Pädagogen… z.B ihren Mitmenschen in pubertären Lebens-Etappen eine derartige Parolen-Sprache aufdrängen (s.o.), das ist Kinderschändung mit sprachlichen Mitteln.

Denn man muss vermuten, dass die Verarbeitungsqualität z.B. soziologisch-politischer Themen in diesem Alter noch recht rudimentär abläuft und daß mit diesem Lärm-Vokabular, dessen lächerlich kämpferischer Einsatz in Europa im Grunde keine Berechtigung mehr besitzt, schon frühzeitig simple Denkungsarten anerzogen werden.
Sicher gibt es auch in Deutschland noch Defizite bei der Sicht auf eine uneingeschränkte Gleichwertigkeit der Geschlechter.
Aber ein Patriarchat?
Und die Wollust, vierzehnjährige Mitbürger deshalb zu dem Ausbruch aus einem „Patriarchat“ zu animieren, widerspiegelt grob-einfältige Denkmuster.

Nicht minder irritiert mich der Versuch, kausale Zusammenhänge zwischen der Beseitigung eines Patriarchats und der Verbesserung des Klimas zu konstruieren.
Das ist infantilster Populismus, wie er in öffentlich-deutschen Diskussionsrunden anderen Ländern, auch auf anderen Kontinenten zugeordnet wird.

Ich könnte mir dann z.B. vorstellen, daß nach der Beseitung eines Matriarchats sich vielleicht nicht das Klima ändert, aber die Truthähne größere Eier legen.

Jeder lesende und hörende Mensch mit sprachästhetischer Veranlagung hat doch sein Abneigungs-Vokabular, welches zu Netzhaut-Scharlach führen könnte.

Hinweise in Ausstellungskritiken wie „…der Künstler X bespielt die erste Etage des Museums…“ zählt u.a. zu meinen Netzhautscharlachkatalysatoren.
Der Künstler bespielt eine Etage…, das ist die sprachliche Hölle, sofort die Ausstellungskritikerlizenz entziehen.

Eine „Kritik“ vor einigen Tages in Leipzigs Zeitung erhöhte das Qualpotential.
Denn hier bespielt nicht irgendein Künstler irgendwas, sondern „Nicht allein Galerie und Festsaal werden bespielt, sondern Räume in sämtlichen Etagen.“
Da wird selbst der Spieler weggelassen.
Zustände sind das.

Auch der sprachliche Einsatz von „Hingucker“ könnte meine Bereitschaft zu Flatulenzen erhöhen.

„Das Bild von Michael Triegel ist natürlich ein echter Hingucker.“
Oder so ähnlich.

Abgesehen davon dass ich zu Triegels Bildern mitnichten hingucke, sondern mit geschlossenen Augen in Bolt-Manier an den paar Metern vorbeischleudere, nervt mich diese lästige Folklore-Zelebrierung.

Außerdem scheitert man heute nicht einfach mal so oder verliert einfach ebenso.
Keineswegs. Heute wird nur noch krachend verloren und krachend gescheitert.

XY ist bei der Abstimmung im Parlament krachend gescheitert.
Die Mannschaft aus YZ hat im Viertelfinale krachend verloren.

Ein Grauen.

Die Kanzlerin nutzte vor einiger Zeit im Zusammenhang mit Trumps Politik-Originalitäten die Formulierung „Ein Stück weit“.
Seitdem ist unser Land nur noch aus weiten Stücken zusammengesetzt.

Vor ein paar Tagen musste ich innerhalb eines Gesprächs mit einem FDP-Verkehrspolitiker im Deutschlandfunk den Einsatz dieser Floskel etwa 15-18 mal ertragen innerhalb von 8-10 Minuten, das ist eine akustische Tortur.
Danach wechselte ich aber ein Stück weit den Sender.

Obendrein verliert die Sprache schleichend ihre Verhältnismäßigkeit,
Selbst „Die Zeit“ unterstützt diesen Abstieg.

Im Inhaltsverzeichnis der letzten Ausgabe ist dann Michael Jürgs ein Ausnahmejournalist, Greta Thunberg die faszinierendste Figur dieser Tage, Artur Brauner ein genialer Produzent, Francois-Xaver Roth ein Stardirigent, Seymmour Hersh ein legendärer Enthüllungsreporter….

Doch „historisch“, „legendär“, „heldisch“, „ikonisch“ ist inzwischen ohnehin alles, jede Flatulenz, jede Efflation, selbst eines Feldhamsters.

Man sollte einfach nur noch die legendäre Kirche im Dorf lassen.

Dabei malträtiert mich weniger die Verwendung dieser einfältigen Sprache, eher die ständigen Wiederholungen, das permanente Nachgeplärre durch untalentierte Journalisten, Politiker…

Musik der Woche

I. Kammermusik von Györgi Ligeti, z.B. die beiden Streichquartette, ich glaube, er hat nur zwei geschrieben (s.o.).

II. Kammermusik von Conlon Nancarrow, unbedingt auch die Musik für Pianola (Player Piano), s.o.
Ligeti aktivierte in Europa das Interesse für Nancarrows Musik.

III.Bette Midler, Live-Auftritt (1984) mit dem Rolling Stones-Song „Beast of Burden“ („Some Girl“, 1978)
Dadurch werden auch in der alternden Gesellschaftsschicht männliche Zuschnitts mögliche Erektionsverkrampfungen gelöst.
Aber auch ohne die Beseitigung von Erektions-Verstopfungen ist dieser Titel unbedingt hörenswert (auch mit Mick Jagger).

juergenhennekunstkritik.wordpress.com
juergen-henne-leipzig@web.de
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Juli 18, 2019 - Posted by | Leipzig, Medien, Sprache, Verstreutes

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