Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne und das Museum 2010, Gratulationsäpfel, Chemnitz und Ingrid Mössinger, sozialistische Frettchen, Hannibal in Italien und Schnarchnasen in Leipzig, Hoehme, Scully, Maibier, Tadeusz und gepeinigte Museumswände.

Eine Schale Gratulationsäpfel von edlem Wildwuchs für Chemnitz und Ingrid Mössinger.

Seit Jahren werbe ich für diese Stadt und deren bemerkenswerten Aufstieg zumindest in die Nähe des Zentrums bedeutender Kulturstätten, auch in diesem Blog.
Der Verband der Kunstkritiker kürte am Mittwoch die Chemnitzer Kunstsammlungen zum Deutschen Museum 2010.

Ich neige bei dieser gegenwärtigen Auszeichnungspanik doch eher zu einer deftigen Skepsis, weil ja heute scheinbar jeder Regionalverband der Schnürsenkel-Designer oder der einarmigen Hochseil-Jongleure einen Preis erwarten kann. Man müsste durchaus Parallelen zur Huldigungskasperei der DDR ziehen, zu deren Zeiten jedem Berufszweig jährlich so ein blecherner Medaillelappen ausgehändigt wurde, bis zur Ehrenplakette für „Verdienstvolle Züchter von sozialistischen Frettchen“.

Doch die Vergabe des Museumspreises 2010 ist von Weisheit getragen. Die Kunstkritikertruppe umfasst knapp zweihundert Mitglieder, ich bin nicht dabei. Seit der Schlacht am Trasimenischem See, als Hannibal den alten Römern einen heftigen Klatscher auf die Mützen verabreichte, meide ich radikal jede Bindung an Organisationen, Clubs, Bündnisse, Bewegungen, Verbände, Wehrsportgruppen, Schützenvereine…
Aber dennoch eine weise Entscheidung

Und ich vergleiche immer wieder die Leipziger Schnarchnasen und Hans Werner Schmidt mit den Chemnitzer Feingeistern und Ingrid Mössinger. Denn während im Leipziger Bildermuseum die Ausstellung mit der dümmlichen Kunstsammlung von Gunter Sachs als Jahreshöhepunkt gefeiert wurde, momentan Molitor grandios langweilt, mit Aktfotografien die Besucher in das Museum gezerrt werden sollen, denn nackte Titten und nasse Mösen erhöhen die Quote und in Bälde die Bilder Triegels die Museumswände foltern, riskiert Inge Mössinger u.a. Ausstellungen mit der Kunst von Gerhard Hoehme, Sean Scully, Frank Maibier und Norbert Tadeusz. Vielleicht nicht gerade die Sehnsuchtskunst, nach der ein gemeiner Sachse giert.

Doch nur durch dieses Konzept, ohne ständige Anbiederung an gängige Abläufe und mit dem Mut, zumindest in Maßen den Mainstream zu umgehen, wird langfristig die sächsische Kulturlandschaft ihren traditionell hochwertigen Status auch in der Gegenwart erhalten können. Das gilt relativiert eigentlich für jede Region, doch ich bin nun einmal Sachse und ich habe nichts dagegen.

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juergen-henne-leipzig@web.de

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Oktober 15, 2010 Posted by | Kunst, Leipzig, Neben Leipzig | 2 Kommentare

Jürgen Henne und postpubertäre Achselhöhlen, das Dilemma am Mittwoch, Nick Cave, Wolfgang Rihm, das Leid meiner Zirbeldrüse, Garbarek als flötender Weihnachtsmann, Joe Cocker vor einer Tanne und mein Widerwille vor Septemberstollen

Mein Dilemma am Tage des Merkur

Merkur als römmischer Gott des Handels hat in meiner Heimatstadt Leipzig ohnehin ewigen Heimvorteil.

Mittwoch, 13. Oktober, 20 Uhr im Leipziger Haus Auensee ein Konzert mit Nick Cave.

Mittwoch, 13. Oktober, 20 Uhr im Mendelssohnsaal des Leipziger Gewandhauses in der Reihe „Musica Nova“ ein Konzert u.a. mit Steffen Schleiermacher und Musik von Varese, Wolfgang Rihm, Giacinto Scelsi..

Nick Cave hatte ich vor einigen Jahren eben im Haus Auensee gesehen. Musik umwerfend, Akustik in dieser Bude saumäßig. Dazu eng, heiß und riechend. Ich bin ja keine zwanzig mehr und postpubertäre Achselhöhlen mit triefender Grundkonsistenz unter meiner Nase müssen nicht sein.

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Zwei vorzügliche Scheiben mit Nick Caves Musik, dazu das entsprechende Nahrungsmittel

Ich werde mich deshalb für "Musica Nova" entscheiden. Musik von Varese und Rihm kann man ohnehin nicht genug hören, die Akustik im Mendelssohnsaal ist vorzüglich und Felix wird damit klarkommen, dass nicht sein albernes Alegro vivace geblasen wird. Die italienische Sinfonie ist natürlich anständige Musik, auch dieses schottische Teil und das Violinenkonzert.

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Italienische Sinfonie und Reformationssinfonie von Mendelssohn, eine Schwarzrille vom Beginn der siebziger Jahre, mit Kurt Masur und dem großartigen Carl Blechen als Hüllengestalter

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Steffen Schleiermacher mit etwas unüblichen Bestandteilen seines Pianistenbestecks

Eine ähnliche Entscheidungsnot ergab sich vor einiger Zeit während der vorweihnachlichen Wochen.
Denn Joe Cocker und Jan Garbarek suchten Leipzig gleichzeitig heim. Die Wahl fiel mir aber beträchtlich leichter, denn Cocker hat über die vergangenen vier Jahrzehnte nur mit ausgesprochen überschaubarer Intensität meine lobpreisende Energie gefordert. Seine Höchstleistungen erzielte er bei Coverversionen. "With a little help from my friend" ist natürlich unerreicht, Julie Londons "Cry Me a River" ist bemerkenswert und das "Feelin`Allright" Dave Masons (u.a. bei Traffic, eine großartige Zeit) ist unvergessliche Musikgeschichte. ( "The Letter" von den Box Tops ging mir allerdings schon im Original auf die Zirbeldrüse). Aber eben nur Cover-Versionen.
Ab der achtziger Jahre wurde es mitunter dann so richtig peinlich mit schlagerlastigem Gekrähe und Kleinmädchenbegleitung.

Das Konzert Garbareks verließ ich aber auch mit etwas murrender Unzufriedenheit. Aus seinem Saxophon quoll reichlich weihnachtliche Seligkeit und weniger sein unverwechselbarer Sound aus nordamerikanischen Jazztraditionen und skandinavischer Folklore. Es war aber Dezember und ich Depp hätte natürlich in der Nikolaikirche ein derartiges Programm erahnen müssen.
Vielleicht hat aber auch Joe Cocker "O Tannenbaum" gesungen.

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Jan Garbarek, norwegischer Saxophonist. Nach einigen Gläsern Wein könnte man Ihm eine optische Ähnlichkeit mit Thomas Bernhard zugestehen.

Wobei ich der sächsischen Weihnachtsmentalität durchaus zuneige und sich mir diese aktuell "coole" Abscheu vor den Ritualen des Dezembers, die auch schon einmal in Aggression ausarten kann, nicht so recht erschließt.
Die lästige Präsentation von Weihnachtskram schon Ende August und die Nötigung in Bäckereien, geschnittenen Stollen während der ersten Tage des Septembers in den Schlund zu würgen, ist mir allerdings hochgradig zuwider.
Außerdem werde ich den Zeitaufwand in meinem Blog etwas dezimieren, es müssen Prioritäten gesetzt werden.

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Oktober 8, 2010 Posted by | Leipzig, Musik, Verstreutes | Hinterlasse einen Kommentar