Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne, Valerie Fritsch, Klaus Kastberger, Nora Gomringer und der Bachmann-Wettbewerb 2015

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Bachmann-Wettbewerb 2015

Ich habe alle Beiträge gehört und gesehen.
Vor wenigen Minuten lobte eine Journalistin im Deutschlandradio Kultur die positive Atmosphäre unter den Juroren und begründete ihr Urteil damit, dass man sich weitgehend einig war und Streitereien vermieden wurden.
Nur Klaus Kastberger aus Graz zerstörte mitunter die sorglose Stimmung und wollte sich scheinbar streiten, dieser Rüpel.
Rüpel hat die Journalistin natürlich nicht gesagt, doch das Kastberger auch manchmal zu Penetranz neige.

Wenn ich das höre, bekommt meine Haut die Struktur des hässlichsten Gänserichs Mitteleuropas.
Kastberger versucht, diese harmonische Einöde zu durchbrechen und endet auf der Streckbank für aufsässige Nörgler.

Mir wird übel und ich werde in meiner Vermutung bestärkt, dass Literaturkritik, Kunstkritik…sich ganz anderen Kriterien unterwerfen müssen als der Qualität, über die auch gestritten werden muss.
Seit vielen Jahren beschäftige ich mich mit diesen Tendenzen und habe auch öffentlich versucht, wenigstens eine gemäßigte Aufmerksamkeit zu erlangen.

Während jeder Nachbereitung im Radio mit einem Auszug des Vortrags von Bachmann-Preisträgerin Nora Gomringer wird bislang ausschließlich folgene Passage gewählt:

„Tach
Hallo, Herr Thomas. Ob ich ihnen ein paar Fragen stellen dürfte?
Ich störe auch nicht lange.

Ja.

Darf ich reinkommen.

Ja.

Bei Herrn Thomas ist alles durcheinander, einschließlich Herrn Thomas.“

Bei „Ja“ und „Ja“ brüllte sie dann wie ein misslauniger T.Rex und machte eine dummes Gesicht ins Publikum. Es entwickelte sich eine heitere Grundstimmung.

Ich denke jetzt einmal leichtsinnig, dass für derartige Rückblicke und Zusammenstellungen die glanzvollsten Abschnitte ausgelesen werden sollten.
Ich fand das Humorpotential überschaubar und der schauspielerische Nebeneffekt kann sich im Hörfunk ohnehin nicht entfalten.
Aber warum sollte man sich um diese Abläufe kümmern. Hauptsache Nora brüllt.

Den sprachlich edelsten und geistvollsten Text versendete die Österreicherin Valerie Fritsch. Doch weder brüllte sie noch zappelte sie auf dem Stuhl herum.

Die intelligentesten und konstruktivsten Jury-Beiträge lieferte Klaus Kastberger. Außerdem wollte er sich ein wenig streiten.
Und ich habe recht. So einfach ist das.

Die womöglich unappetitliche Zusammenarbeit von Verlagen, Buchhandel, Juroren…..bei Preisverleihungen läßt mich frösteln.

Valerie Fritsch erhielt wenigstens den Publikumspreis.
Das Publikum war klüger als die Jury.
So einfach ist das.
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Juli 6, 2015 Posted by | Leipzig, Literatur, Medien, Neben Leipzig | Hinterlasse einen Kommentar

Jürgen Henne und die begehrte, doch unregelmäßig bearbeitete Serie: Jürgen Henne und die Pein am täglichen Journalismus

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Torf in Irland
Als Maßeinheit für das Torf-Volumen in schlesischen und niedersächsischen Abbaugebieten wurde die Bezeichnung „Schock“ verwendet.
Es gibt aber auch den Elektroschock und einen Schock im medizinisch-diagnostischen Bereich. Rudolf Schock war ein begehrter Sänger, besonders als Wolfgang-Amadeus-Tenor, die Dynastie Schockenmöhle beherrschte den dämlichen Reitsport über Jahrtausende und die Niederländer „Shocking Blue“ fiedelten während der 70er Jahre recht ordentliche Musik („Venus“).

Und dann gibt es noch den journalistisch-volkstümlich bearbeiteten „Schock“, als verschärfte Version die „Schockstarre.“

Deutschland in Schockstarre nach dem Alpenabsturz, Deutschland in Schockstarre nach Enkes Suizid, eine überregionale Schockstarre nach Klopps Rücktrittserklärung…..Deutschland in einer geschockten Dauerstarre
Jeder Suizid ist eine Tragödie, das Unheil über den Bergen muss bei Menschen, die mit einem Mindestmaß an Emphatie gesegnet sind, zu einem tiefen Mitgefühl führen, zu Gedankenketten, die sich existenziellen Ebenen nähern.
Doch ich entscheide, wenn ich willig für eine Schockstarre bin. Ich lass mir meine Schockstarre nicht von dümmlichen Medienangestellten aufdrängen.

Nach einem Unentschieden der Deutschen Fußball-Nationalmannschaft bei der EM-Qualifikation wurde ein Text mit „Deutschland in Schockstarre“ eingeleitet, so ausufernd wie das Logo über Hollywood.
Mich interessierte dieses Unentschieden weniger als ein Bericht über die monatliche Fingerhut-Produktion auf dem südlichen Teil von Barbados.
Zelebrierte Massenemotionen sind mir hochgradig zuwider.

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Mittelmeer

Und bei diesem mediterranen Wahnsinn der letzten Tage sind infantile, sich ständig wiederholende Beschreibungen einer kollektiven Schockerstarrung in allen Medien und von deren schockerstarrten Journalisten wenig hilfreich.
Die Befreiung des schockerstarrten Hinterns aus dem schockerstarrten Sessel, verbunden mit einem heißen Schrei, böte sich vielleicht als erste Hilfestellung an.

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„Ziemlich beste Freunde“

Seit einigen Tagen wird in den deutschen Kinos der Film „Das Glück an meiner Seite“ angeboten, mit Hillary Swank, weiblichen Hauptdarstellern und inhaltlich scheinbar dem symphatischen, doch eher mittelmäßigen Streifen „Ziemlich beste Freunde“ entsprechend (männliche Darsteller).
Die einzige Leipziger Tageszeitung wählt als Überschrift für die donnerstägliche Filmkritik natürlich „Ziemlich beste Freundinnen“. Natürlich.
In den Medien tobt ein Fight, die „witzigste“ und törichste Version des Ausgangsmaterials „Ziemlich beste Freunde“ anzubieten.
Da gibt es dann das kernig entwickelte „Ziemlich beste Feinde“ oder „Ziemlich beste Kollegen“ und „Ziemlich beste Schwiegersöhne.“ Nach einer französisch-deutschen Filmproduktion auf Arte haben sich „Ziemlich beste Fernsehfreunde“ gefunden.
„Ziemlich beste Fernsehfreunde“. Urks,….. reicht mir schnell den Übelkübel, sonst wird mir ohne Kübel übel.
Man hat auch kein Erbarmen bei „Ziemlich beste Schachfeinde“ oder bei Piketty und Varoufakis als „Ziemlich beste Feinde.“
Das wird gnadenlos durchgezogen.
Natürlich gibt es auch kreative Glanznummern, die am Original weiterkämpfen.
So sind Merkel und Hollande „Ziemlich beste Freunde“, als gleichfalls „Ziemlich beste Freunde“ agieren China und Deutschland.

In einer Winnetou-Verfilmung sprach Eddi Arent: „Tiere fotografieren, das macht Freude“
Ich kann nur die intellektuell hochwertige Version anbieten: Zeitung lesen, das macht ziemlich beste
Freude.
Und jetzt gehe ich zum Spiegel und überprüfe meine Schockstarre.

Musik des Tages
„Speaks volumes“ von Nico Muhly

Literatur des Tages
Jean Genet kann man immer lesen

Malerei des Tages
Die entspannte Blätterung in einem Band mit italienischen Manieristen, 16.Jahrh. ( El Greco, Fiorentino, Pontormo, Parmigianino)

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April 20, 2015 Posted by | Leipzig, Medien, Presse, Sprache | Hinterlasse einen Kommentar

Jürgen Henne, Fliegerbomben-Helden und Fußball-Helden

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Leipziger Volkszeitung, erste Wochenendausgabe, Titelseite, 3/4.Januar 2015

„Transfer-Hammer:
Kimmich
geht zum
FC Bayern“

Ich bin beileibe kein aktives Mitglied der Interessengemeinschaft „Rettet den Fußball.“
Doch kenne ich natürlich Pelé, Eusébio habe ich in den 60er Jahren original im Leipziger Zentralstadion gesehen, ich saß auch zur WM 2006 beim Spiel Spanien-Ukraine in der Edel-Loge, vor mir Vitali Klitschko, wenige Plätze neben mir Letizia und Felipe. Bei Toren gegen die Ukraine habe ich mich gehütet, lauthals zu jubilieren. Ich erinnere mich auch an das Tor Sparwassers 1974 gegen Breitner, Netzer, Beckenbauer, Hoeneß und Fritz Walter, Uwe Seeler, Charlton, Zoff, Platini, Jaschin, Keegan, Cruyff, Ducke habe ich in meinem Schädel graviert. Von Henning Frenzel hatte ich (oder habe noch?) ein Autogramm aus den 60er Jahren. Er spielte bei SC Leipzig und Lokomotive Leipzig, außerdem Mitarbeiter bei zahlreichen DDR-Nationalspielen. Wurde launig auch „Stolperhenning“ genannt.

Fußball-Pokal, SG Dynamo Dresden - 1.FC Lok Leipzig 1:3

Henning Frenzel (vorn)

Man will ja nicht als Fußball-Dödel durch die Welt ziehen. Ich bemühe mich gleichfalls, die Existenz einer neuen Helden-Mannschaft in Leipzig wahrzunehmen.
Denn Leipzig ist nicht nur allgemein eine Heldenstadt. Aber mitnichten, sie beherbergt auch heldische Fußballer, die Fußball spielen. Und diese Helden mit den Fußballschuhen werden natürlich täglich in den Medien zelebriert. Man hat ja sonst nichts.
Jede heldenhaft ertragene Flatulenz unserer Hin-und her-Helden muss dokumentiert und kollektiv und solidarisch erlitten werden. Auch bei Flatulenzen müssen wir mit allen Nasen und wehenden Nasenhaaren nah bei unseren Helden sein, ihnen zur Seite stehen und Rat erteilen. Denn Fußball-Helden, die sich wie flatulentinisch geblähte Dampf-Rettiche über den Heldenplatz quälen, wollen wir doch keineswegs sehen.

Und dennoch stelle ich mir vor, dass Zeitgenossen, welche sich ausschließlich Wochenendausgaben von Tageszeitungen gönnen und am Sonnabend wohlgelaunt die Erweiterung kultureller Beiträge erhoffen, auf der Titelseite der ersten Wochenendausgabe des Jahres einen Fußball-Helden mit rotbulliger Kurzhose und Rotbullen im Duett auf dem Trikot wahrnehmen müssen. Auf der Titelseite, flächenfüllend, von oben nach unten.
Wer ist Kimmich, ist mir nicht bekannt. Kimmer, Kimmwir, Kimmihr, Kimmdu – gleichfalls nicht vertraut.
Desgleichen Kimdich, Kimuns, Kimeuch.

Kenne ich nicht Kimmich, werd ich ganz schnell grimmich. Ich denke, auch Jacob und Wilhelm wurden schnell grimmich, wie ihre Königin bei Spiegel-Interviews.
Also ein Fußball-Held geht von einer Fußball-Helden-Mannschaft zu einer anderen Fußball-Helden-Mannschaft.

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Detonation einer Fliegerbombe

Auf Seite vier der ersten Wochenendausgabe dann ein Beitrag über Sprengmeister Thomas Lange mit Einsatzkräften der Feuerwehr. Sie entschärften nicht sieben, sondern elf Fliegerbomben auf einen Streich, in der Dippoldiswalder Heide bei Dresden.
Ihre Gesichter zeugen von Anstrengungen wie nach einem Fußballspiel über zweihundertundsiebzig Minuten, ohne Halbzeitpausen.
Die Würdigung „Held“ fand ich nicht in diesem Artikel.
Außerdem gelang unseren Helden gegen Brasilien nur sieben auf einen Streich, mitnichten ein Elfer.

Jedenfalls kann Kimmich etwas beruhigter durch die Dippoldiswalder Heide dribbeln. Ich hoffe nur, er beschädigt nicht die Pilzkultur. Denn dann mutiere ich zum beißenden Rumpelstilzchen

Zugabe

Am gestrigen Düster-Sonntag genehmigte ich mir Teil 3 der Vierschanzentournee.
Warum denn nur immer diese dussligen, nervigen Kurzgespräche mit den Sportlern in etwa folgender Ausführung (fiktiv)?

„Welchen Einfluss hatte der starke Wind auf Ihren Sprung?“
„Er hatte einen großen Einfluss!“
„Warum?
„Ich konnte nicht so gut springen!“
„Was wünschen Sie sich für den zweiten Sprung?“
„Der Wind sollte etwas nachlassen!“
„Warum?“
„Dann kann ich besser springen!“
„Aber das Publikum ist wie ein Hexenkessel!“
„Ja“
„Vielen Dank für Ihre Eindrücke.“

„Bitte“




Musik der Woche

Hugues Dufourt

„L’Afrique d’après Tiepolo“

Tristan Murail

„Winter Fragments“

Julia Wolfe

Streichquartette

Querschnitt

Joni Mitchel

Querschnitt

Pavement

Malerei der Woche

Keinesfalls Anton von Werner (zum 100.Todestag)

Filme der Woche

Ulrich Seidl

Paradies (Drei Filme)

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Januar 5, 2015 Posted by | Leipzig, Medien, Sprache | Hinterlasse einen Kommentar

Jürgen Henne, Sankt Petersburger Eremitage und die beliebte, unregelmäßig bearbeitete Serie „Frechheit der Woche“

Vor zweihundertundfünfzig Jahren wurde die Eremitage in Sankt Petersburg gegründet.

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Der Jürgen träumt selig von den Inhalten der Eremitage, am Ufer der Newa. Vor einigen Jahren.

Michelangelo, Courbet, Rubens, van Dyck, Rembrandt, Matisse, Cezanne, Patinier, Lorrain, Chardin, Leonardo, Tizian, Raffael, Rodin, Metsu, Brouwer, del Piombo, Steen, Giorgione, Snyders, Ruisdael, Cranach, Sisley, Kandinsky, Heda, Kalf, Murillo, Lippi, Ribera, Tiepolo, Zurbaran, Lotto, van der Weyden, Delacroix, il Vecchio, Matejko, Lenbach, Boucher, Malewitsch, Derain, Vlaminck, van Honthorst, Watteau, Signac, Mengs, Flegel, van Gogh, van Ostade, de Hooch, Velazques, Rouault, Carracci, Veronese, Hackert, Liebermann, Reni, Hals, Fragonard, Manet, Botticelli, Renoir, Tintoretto, Picasso, Pontormo, del Sarto, de Chavannes, Troyon, Denis, El Greco, ter Borch, Teniers, Gainsborough, Caravaggio, Daumier, Millet, Becafumi, Bronzino, Carriera, Brullow, della Robbia, Holbein, Houdon…….u.s.w. und so kostbar.
Das ist nur nur eine Auswahl europäischer Malerei und Bildhauerei, Parmigianino, der großartige Manierist, ist selbstredend auch im Angebot der Eremitage.

Natürlich gibt es dann noch Kunst der Ägypter, Skythen, Griechen, Römer, Etrusker, Ikonen aus Nowgorod, Teppiche, Uhren, Waffen, Porzellan…..
Man sollte nicht in die Kiste steigen, ohne durch Sankt Petersburg flaniert zu sein.
Reichlich Freiraum überall. Die Straßen sind breit, nur deren Überquerung könnte sich zu einer existenziellen Aktion erweitern.

Zugabe

Die Frechheit der Woche

Am gestrigen Sonntag stand mir um die Mittagszeit der Sinn nach dem Presseclub. Ich suchte ARD,  sah Schnee, glaubte aber nicht an eine Freiluftveranstaltung dieser Gesprächsrunde an verschneiten Gebirgshängen.

Zügig schwante mir das Unheil. Von 9-18 Uhr Skiflug von der Hütte ganz oben, Rodeln, Eislauf, Skilauf zwischen den Stöcken durch, Skilauf mit Knarre und dieses Rumpelpumpelbuckelgekrache, bei dem die Gurgel in die Nasenhöhle hüpft. Von 9-18 Uhr auf ARD.

Ich erinnerte mich nun entspannt an eine Information, dass der Presseclub parallel vom Kanal Phoenix übernommen wird. Mit großem Selbstvertrauen wählte ich den Sender und sah zwar keinen Schnee, auch nicht Guido Westerwelle, doch immerhin Guido Knopp.

Mark Knopfler hätte mich mehr erfreut.

Ich habe mitnichten Einwände gegen Wintersport, auch nicht  gegen Knöppfchen. Doch  wollte ich eigentlich nur den Presseclub sehen. Und das Angebot an Sportkanälen ist doch recht üppig.

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Dezember 8, 2014 Posted by | Kunst, Leipzig, Medien, Neben Leipzig, Reisen, Verstreutes | Hinterlasse einen Kommentar

Jürgen Henne, Sibylle Berg, Dreschflegel, Prasselkuchen, Hüftengang, Macke – Marc 2:0, Hanna Harfe, Clemens Cembalo, Bernd Brot, Kola-Bohrungen und „Macht’s doch besser“

Einleitung zu einer Kolumne bei SPIEGEL ONLINE  von Sibylle Berg (23.08.2014)

„Die deutsche Debattenkultur: Macht’s doch besser

Gibt es ein besseres Beispiel für das Vergeuden von Lebenszeit als Literaturdebatten? Liebe Kritiker, macht doch lieber was aus eurem eigenen Leben-und nicht das der anderen kaputt. „(Sibylle Berg)

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Gibt es, gibt es, ein besseres Beispiel für das Vergeuden von Lebenszeit als Literaturdebatten. Gibt es, gibt es!  Texte von Sibylle Berg lesen.


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Sibylle Berg erweitert dann noch im weiteren Verlauf den Kreis der Mitmenschen, die sie zu einem erfüllten Leben, auf einen Weg ohne Dresche führen möchte um Kritiker,  welche auf junge Schauspieler, Maler, Tänzerinnen, Sängerinnen normalerweise„eindreschen“ (Sibylle Berg).

Aber Kritiker dreschen doch nicht immer auf junge Schauspieler, Maler, Tänzerinnen, Sängerinnen ein, vereehrte Frau Berg. Es ist doch eine wundervolle Errungenschaft, dieser Disput zwischen Erzeuger und Verbraucher, gerade in der Kunst. Ohne diese Vorgänge würde eine Kultur in Belanglosigkeit , Willkür und Beliebigkeit verröcheln. Also bitte keine Napalm-Tüten in Debattierungs-Cafés in denen junge und alte Kritker ohne verbalen Dreschflegel über Künste debattieren, streiten,  sie kritisieren, ablehnen, anbeten, auf sie anstoßen (oft mehrmals) und vor allem lieben.

Hugo van der Goes (Pontinari-Altar) oder Signorellis „Geißelung“ in Altenburg, unweit von Leipzig, Bilder von Mark Rothko in New York oder Naumans „Anthro/Socio-Rinde Spinning“ auf der Documenta IX von 1992, also Kunst, die ich liebe und über die ich doch debattieren darf, liebe Frau Berg, bitte genehmigen sie es.

Aber auch über Piloty und Waldmüller (19. Jahrh.), über Tübke und Triegel (20/21. Jahrh), also Kunst, der ich meine Zimmerwände verweigern würde, lässt sich trefflich debattieren.  Nicht eindreschen, einfach nur debattieren.

Ich weiß nur, dass Sibylle Berg existiert und habe noch kein Wort von ihr gelesen. Das wird so bleiben, denn diese „Kolumne“ ist von erschütternder Dürftigkeit.

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Unaufgeräumter Schreibtisch. Das sollte sich ändern.

 

„Sie könnten etwas töpfern, statt diesen Text hier zu lesen, oder endlich mal ihren Schreibtisch aufräumen. Sie können sich überlegen, ob sie so weiterleben wollen wie bisher“ (S.B.).

Sie meint die Kritiker, die überlegen sollten, in dieser eigenen, im Bergschen Scharfsinn törichten Form weiterzuleben, möglichst mit dem Überlegungs-Ergebnis, anders zu leben.  Also töpfern und den Schreibtisch aufräumen oder ein Leben führen wie Sibylle Berg. Igittegitt…….

„……dass jede Meinung nur ein albernes Konstrukt ist.“(S.B.)

Mein Gott, welche Raffinesse in diesem Halbsatz, welch kühner Ansatz und intellektuell-revolutionäre Delikatesse. Diese spät-molekulare Divergenzsynthese, verbunden mit der Kierkegaardschen Seismographie des frühen Verlustes pro-äquatorialer Substanzmetaphern.

„Warum ist es scheinbar nicht möglich, Dinge, selbst wenn sie uns nicht interessieren, wohlwollend zu betrachten.“ (S.B.)

„Großartige Filme wollt ihr? Dann zerreißt die erste Arbeit eines jungen Menschen nicht, sondern bestärkt ihn.“(S.B.)

Es geht doch nicht um Ignoranz und Interesse, es geht um Kritik und Qualität, um Säulen des kulturellen Gefüges. Denn wenn ich ein Bild heftig kritisiere, bin ich doch mitnichten auf dem Weg zu Ignoranz und Interessen-Askese, im Gegenteil. Und weshalb soll ich ein Theaterstück „wohlwollend betrachten“, wenn es mir aus nachvollziehbaren Gründen, die ich dann natürlich auch trefflich beschreiben würde, auf die Hüfte geht.  Und es ist mir auch ziemlich Pansen, ob es sich dabei um einen“jungen Menschen“ handelt oder sich schon die Vergreisung ausformt.

Aber ich ignoriere nicht und bekenne mich als Anhänger von Qualität, die aber keinesfalls eine Geschmacksfrage ist und unabhängig als Wertkategorie existieren sollte. Ich mag Macke außerordentlich, weniger Marc oder Leger, zweifle aber niemals  an deren Qualität, denn Qualität ist keine Geschmacksfrage, zum Beispiel.

Herausragendes wollt ihr? Dann schneidet nicht alles, was aus dem Feld der Mitte ragt, was komisch ist, unbekannt, nicht einzuordnen, das sich nicht geschickt vermarktet oder komisch aussieht, den Kopf ab.“(S.B.)

Mir schwinden die Sinne. Irgendwie habe ich ich diese Klischee-Fanfare schon millionenfach gehört. Allein von mir in tausenden Variationen. Das klingt so schick progressiv und so anders. Und es ist ja auch richtig, gehört aber in die Rubrik pubertärer Frontal-Argumentation.

Ich bin ein fast exzessiver Begleiter zeitgenössischer Kunst, von bildender Kunst, Musik, Literatur und errege mich natürlich auch über aktuelle Geld- und Preisverteilungen. Hier reiche ich Sibylle Berg die Hand. Diese Inkompetenz und Feigheit der entsprechenden Verteiler, stets die Gleichen zu krönen und den ruhigen und sicheren Weg zu bevorzugen, ist alle Verachtung wert. Und jetzt ziehe ich meine Hand wieder zurück, sie wurde schon schweißig.

Doch nicht alles, „was aus dem Feld der Mitte ragt, was komisch ist, unbekannt, nicht einzuordnen, das sich nicht geschickt vermarktet oder komisch aussieht, “ ist „Herausragendes.“, verehrte Frau Berg. Und nicht alles von vorgestern ist belangloser Schnee von vorgestern.

Ich bin bei Sibylle Bergs Dialektik beschämend überfordert.

Wenn z.B. ein Zeitgenosse rohe Koteletts an die Wand nagelt und mich mit Lexikonwissen über Platon, Hitler bis Foucault zulabert, lasse ich meine Sorgen sich ungehindert entfalten. Habe ich selbst erlebt. Mich interessiert das Kotelett außerordentlich und ich betreibe keinerelei Ignoranz und Desinteresse. Doch Wohlwollen muss ich ja nicht bereithalten. Vielleicht aber etwas Kritik, zwischen Töpferei und Schreibtischpflege, von Sibylle Berg empfohlen

Und mit „Macht’s doch besser“ (S.B.) hat Sibylle Berg dann eine besonders erlesene Stufe der Einfältigkeit erklommen. Als Solist auf der Harfe oder dem Cembalo bin ich nur begrenzt einsetzbar.

Und wenn ich dann gegenüber den Solisten Hanna Harfe und Clemens Cembalo verkünde, dass ich in ihrem Spiel doch einige Mängel erkannte, weil mein musikalisches Gespür bestechend entwickelt ist, müssten sie mir entgegnen: „Mach’s doch besser, du Pfeife“ Ich müsste dann erneut bekennen, diese Instrumente nicht beherrschen. zu können. Hanna Harfe und Clemens Cembalo dann abschließend: „Also, na bitte, dann halt Dein Maul.“

 

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Oder ich sage dem Bäckermeister Bernd Brot, dass ihm der Prasselkuchen misslang, sollte er dann antworten: „Mach’s doch besser und backe deinen Dreck selbst, du Heinz.“

„Dann macht’s doch besser“ ging mir schon vor fünfzig Jahren auf die Testikel. Diese Denkstrukturen sind so unterirdisch wie die Kola-Bohrungen.

Hätte man Friedrich Luft, Siegfried Jacobsohn, Reich Ranicki, Eduard Hanslick bitten sollen, endlich etwas aus ihrem Leben zu machen oder zumindest zu töpfern und die Schreibtische aufzuräumen. Und nicht so „herumzudreschen.“

Wäre ja möglich. Doch die Bitte zu formulieren, ihr Leben zu ändern und  die Texte Sibylle Bergs zu lesen, würde meine Kräfte zermürben. Und im nochmaligen Angesicht ihrer Beiträge werde ich weder töpfern noch  meinen Schreibtisch aufräumen, auch nicht herumdreschen. Ich wechsle das Bild.

 

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August 26, 2014 Posted by | Leipzig, Medien | Hinterlasse einen Kommentar