Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne und Annie Girardot

Annie Girardot ist heute gestorben.
Ich erinnere mich dankbar an Sie und gönne mir deshalb eine extrem überdehnte Gedenkminute.
Sie war nie richtig schön, doch eine formidable, eine extraordinaire Schauspielerin.

Und als Deutsch-Ulf mit durchaus überdurchschnittlicher Orientierung zur französischen Kunstgeschichte wünsche ich Ihr in der himmlichen Franzosenkolonie neben Simone Signoret, Jean Marais, Jean Gabin, Fernandel, de Funes …eine unterhaltsame Zeit. Stelle ich mir recht entspannt vor.

Ich denke an Filme wie „Kerzenlicht“, „Jedem seine Hölle“, an „Rocco und seine Brüder“, an die grauenvolle Mutter in „Die Klavierspielerin“ mit der unübertrefflichen Isabelle Huppert und an Hanekes „Cache“, einer der bedeutsamsten Filme der vergangenen zwanzig Jahre, mit Annie Girardot in einer fast gemein reduzierten Nebenrolle, doch von spektakulärer Präsenz.

Und sie hat ihren hohen Anspruch übergeben, z.B. in „Cache“, an den überragenden Daniel Auteuil.

Ich werde sicher irgendwann einmal Florian Silbereisen vergessen, oder Mario Barth, doch Annie Girardot niemals.

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Februar 28, 2011 Posted by | Leipzig | Hinterlasse einen Kommentar

Jürgen Henne, Karl-Theodor zu Guttenberg, germanische Waldschrate, Fußball-Obst, fehlende Fußnoten, Deutschlandfunk im Infantilspektakel, Rotzreste im Mundwinkel, Grünspan-Mimik und mit Sillanpää nach Finnland

Manchmal möchte man einfach nur eine grüne Wand anstarren……..
Burgund/Frankreich

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Die Intensität meines Interesses an Karl-Theodor zu Guttenberg pendelt in überschaubaren, minder spektakulären und weitgehend unaufgeregten Größenordnungen.
Mich stört keineswegs sein öliges Haar, seine durchaus souverän angelegte Rhetorik, sein unbestreitbarer Intellekt, auch nicht die Kleidungsordnung und die ansehnliche Frau. Ich wurde selbst mit einigen dieser Merkmale beschenkt.
Außerdem haben wir 2011 und die Zeit von Politikern wie Arminius, der seine germanischen Waldschrate durch den Teutoburger Wald jagte, ist Geschichte am Übergang zur Zeitrechnung.
Ich möchte mit Theo nicht nach Lodz fahren, um Vicky in den Schritt zu greifen und er sollte sich nicht gemeinsam mit seinem Namensvetter in reduzierter Schreibweise, eigentlich Franz Theodor Schmitz, als Torwart zum Fußball-Obst machen.
Mein Verhältnis zu Guttenberg ist also in neutralem Terrain angesiedelt.
Doch diese beleidigend dümmlichen Aktionen gegen dessen Dissertation sind mir hochgradig zuwider.

Ich bin regelmäßiger, doch kein akribischer Beobachter des Forums von Spiegel Online. Meines Erachtens gab es aber seit Jahren keine derartige Beitragslawine, nicht selten dekoriert mit infamer Bösartigkeit.
Leider hat sich auch mein geliebter Deutschlandfunk, über Jahrzehnte akustisches Sehnsuchtsziel außerhalb des DDR-Rundfunkmülls, diesen Mechanismen untergeordnet. Das Infantilspektakel um vergessene Fußnoten platziert sich als unangefochtene Nummer Eins im Nachrichtenblock.
Sicherlich müssen die Abläufe um Guttenbergs Dissertation geklärt werden.
Doch wie der deutsche Biedermann mit Rotzresten in den Mundwinkeln zwischen Folklore-Kissen auf Folklore-Sofas seine Feindschaft ausspeit, durch eine Diffamierungserektion beglückt, aktiviert wiederum meine Kotz-Gene.
Dabei kann man zur Zeit doch nur von Vermutungen ausgehen.

Zeitgenossen, die Guttenberg intellektuell nur bis zum Schnürsenkel reichen und Guttenberg nicht von Johannes Gutenberg unterscheiden können, schnüren mit Grünspan-Mimik ihre schwarz-rot-goldene Ku-Klux-Klan-Kapuzen, um Theo das Öl aus dem Haar zu brennen.
Denn geht es doch nicht um diese Promotion……

Wie erwähnt: Mein Verhältnis zu Guttenberg ist entspannt neutral und ich beobachte einfach nur seine politischen Aktivitäten.
Und darüber, nicht über sein öliges Haar, nicht über seinen Adelstitel und die Dissertation sollte geurteilt werden. Zumindest vorläufig.

……oder sich stumme Gesprächspartner in fernen Kulturen suchen……
Mexiko/Chichen Itza

…..oder einfach nur im Abendrot sitzen…..
Deutschland/Ahrenshoop

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…..oder auf dem Ätna stehen…..

—-und in einer finnischen Hütte als Interims-Eremit nur Kivi und Sillanpää lesen und keinesfalls an Guttenbergs Promotion denken.

juergenhennekunstkritik.wordpress.com

juergen-henne-leipzig@web.de

Februar 17, 2011 Posted by | Neben Leipzig, Presse, Verstreutes | Hinterlasse einen Kommentar

Jürgen Henne und die unregelmäßige Serie: „Kunst, die keine Sau kennt, außer Jürgen“. Heute: Georges Rouault

Dirne vor dem Spiegel, Aquarell, 1906.

Ich sah das Bild erstmalig vor über vierzig Jahren und wurde seither durch Kunst nur selten emotional mit einer derartigen Heftigkeit skelettiert.
Rouault wählte für dieses Sujet Aquarellfarbe, auch nicht gerade der Normalfall.
Die fast unerträgliche Tristesse, die Rouault mit peinigender Schonungslosigkeit und ohne abgezirkelte Überflüssigkeiten in das Format schleudert, ohne Erotik, bar jeder Angebote für masturbationswillige Prallhosen, doch mit einem Mitgefühl, welches aber Voyerismus und barmende Einfalt radikal ausschließt, zeigt ein Vermögen, archaisches Mitleid und intellektuelle Präzision auf einem Level von höchster künstlerischer Qualität zu verbinden.

Allein für dieses gespiegelte Gesicht wird man Rouault eine Säule auf der Elite-Galerie der Kunstgeschichte meiseln.
Und trotz scheinbarer Illusionslosigkeit vermeine ich im Kopf und am nacktem Körper dieser Frau einen Nebenakzent von solidem Trotz, von Kraft und ausharrendem Zorn zu spüren. Noch kaum vernehmbar, aber schon beweglich.

Ich hoffe, sie hat irgendwann einmal richtig zugebissen. Und dann die Eichel ab ins Klo.

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Der junge Arbeiter (Selbstbildnis), Öl/Leinwand,
1925

Rouault (1871-1958) studierte nach einer Lehre als Glasmaler (1885-1890) bei Gustav Moreau (1826-1898), vor dessen symbolistischem Kram ich einst absank.
Es gibt ja Künstler aller Disziplinen, deren eigenes Werk in die untere Grottigkeit eingeordnet werden muss, die aber als Lehrer neue Dimensionen akzeptierten.
Kurt Barthel (KuBa) und seine unerträgliche Lyrik („Sagen wird man über unsere Tage“) tolerierte und förderte scheinbar junge Schriftsteller, deren Sprache bei Ihm eigentlich zum aggressiven Brechreiz hätte führen müssen und Max Bruch, auch kein Gigant mit kompositorischem Weitblick und eher bis zum letzten Seufzer seinem ersten Violinkonzert verhaftet, förderte immerhin Ralph Vaughan Williams.
Der Symbolist Gustave Moreau kritisierte zwar am Ende seines Lebens vehement die offizielle Kunst, blieb aber in der akademischen Tradition, agierte dann als Anreger des Surrealismus und vor allem als Lehrer von Matisse, Marquet, Manguis, die dann mit unterschiedlicher Wertigkeit („Fauves“) die Kunst des zwanzigsten Jahrhunderts beeinflussten.
Deshalb wäre es natürlich Sünde, Moreau als Kurt Barthel oder als Max Bruch der Malerei zu erniedrigen, denn er hantierte auf unvergleichlich höheren Ebenen. Man muss sich vorstellen: Matisse und Moreau. Außer dem Anfangsbuchstaben gibt es da wenig Gemeinsamkeiten.
Und er war eben auch ein verständnisvoller Lehrer und Förderer von Georges Rouault. Er bescheinigte ihm nach dem Studium eines frühen Bildes den „Geist Shakespeares“ und huldigte ihm pathetisch:“ Man kann Ihnen kaum danken, für das was Sie tun, denn Sie wissen es selbst nicht“. Rouault wälzte sich gerade in den unerbittlichen Furchen des Zweifels und der Schwermut.
Das sind anektotische Perlen aus dem Bereich der Künstler-Kommunikation.
Georges Rouault wurde im Jahr der Pariser Kommune geboren, studiert an der Ecole des Beaux-Arts, zunächst bei Elie Delaunay, dann bei Moreau, bewirbt sich zweimal für den Prix de Rome, wird ignoriert und trauert 1898 um den Verlust seines Lehreres Moreau. 1903 wird er Kurator im Musee Gustave Moreau. Er malt Clowns, Akrobaten und Dirnen, stellt im Salon d`Automme aus und begegnet 1907 den Kunsthändler Ambroise Vollard, bei dem die ersten Ausstellungen von Picasso und Matisse abliefen.
Rouaults erste Einzelausstellung genehmigte man ihm 1910, fast 40-jährig, in der Pariser Galerie Druet. 1912 zieht er nach Versailles.
Vollard wird 1917 Rouaults einziger Kunsthändler. Er wendet sich jetzt religiösen Sujets zu und Colmar kauft „Jesus unter den Schriftgelehrten“, das erste Bild Rouaults, welches in einem Museum ausgestellt wird. Für Diaghilew entwirft er 1929 Bühnenbilder und Kostüme und stellt bald u.a. in London, New York, Chicago und München aus. Es wurde Zeit. 1938 Ausstellung im Museum of Modern Art, New York, im gleichem Museum dann 1945 eine umfassende Retrospektive. Ernennung 1951 zum Offizier der Ehrenlegion. Hat jetzt Austellungen rund um den Globus, stirbt 1958 und existiert im Grunde nur noch als Fußnote der Kunstgeschichte. Und das ist zum Speien.

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Dirne, Mischtechnlk, 1906
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Clown, Öl auf Papier, 1907/08
Wie Rouault mit nur wenigen „hingerotzten“ Farbbalken ein Gesicht eindeutig charakterisieren konnte, hat schon fast dramatisch hohe Qualitäten.

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Kircheninneres, Öl/Leinwand, 1945

Sicherlich stellte sich Rouault nicht in die erste Reihe avantgardistischer Tornados.
Dreizehn Jahre währte das 20. Jahrhundert, als Kandinsky die wahrscheinlich erste reine Abstraktion malte, vielleicht auch früher, das ist nicht gesichert und ich war ja nicht dabei.
Die Dadaisten nervten in diesen Jahren wundervoll das geleckte Bürgertum, Duchamp schmückte mit seinen „Ready mades“ die Galerieräume und trieb seine Mitmenschen in die komatöse Vorhölle. Um eben diese Zeit provozierte Malewitsch mit seinen suprematistischen Reduzierungen und der italienische Futurist Marinetti predigte die Zerstörung aller traditionellen Werte, die Vernichtung aller Museen und die Hinwendung zur Technik, zu Geschwindigkeit und großstädtischer Hektik.
Für Rouault gab es natürlich in diesem, für die Zeit wahnwitzigen Radau keine Lücke, in die er sich hätte eingliedern können. Er suchte keine Kontakte zu den Kubisten oder den Fauves und malte, lithographierte oder radierte fast sechzig Jahre ohne wesentliche Umbrüche. Teile seiner sakralen Kunst wären in San Vitale oder Sant`Apollinare Nuovo in Ravenna vorzüglich aufgehoben und würden wegen möglicher Andersartigkeit sicher nur mäßig auffallen.
Die Kunst Rouault gründete sich auf seine Anteilnahme an menschlichem Leid, die er unspektakulär, ohne Lärm und egozentrische Koketterie, doch mit mit dem ausgeprägtem Gespür für stille Tragik auf die Fläche aufträgt. Er bevorzugt die Farben Schwarz, Braun, Blau, vermeidet eitle Manierismen und dekorativ-verkrampften Firlefanz.
Rembrandt postiert er in der privaten Ahnengalerie an vorderster Stelle, auch Cezanne wird gepriesen.
Aufschlüsse über seine künstlerische Herkunft sollten aber unbedingt bei Goya und Daumier gesucht werden. So verbindet ihn mit dem Franzosen die Sensibilität und Aufrichtigkeit bei der Schilderung von Abläufen zwischen Groteske und Tragik, wobei ihm dessen Schärfe und Sarkasmus doch weitgehend fremd blieben.
Rouault beharrte zeit seines Lebens auf konservativen Positionen, doch auf einem überirdischen Niveau. Trotzdem verkümmerte er nicht als kreischender Stur-Wirsing, der nichts mehr mitkriegt.
Das akademische Gepinsle, die krustige Didaktik an den Kunstschulen und die Ödnis bei der Abmalerei an italienischen Kunststätten nervte ihn vehement und er lehnte gleichermaßen die einfältige Nachahmung wie eine überzogene Abstraktion ab.

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Christus in den Vorstädten, Öl/Leinwand, 1920

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Der alte König, Öl/Leinwand, 1937
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Mondlicht, Öl/Leinwand, 1940

Zahlreiche Arbeiten Rouaults befinden sich in Pariser Privatbesitz. Aber auch in Museen und anderen Sammlungen rund um den Globus – Paris, Grenoble, Stuttgart, Mexiko City, Pittsburgh, Washington, Tokio, Zürich, Los Angeles…..
Ich habe einige Bilder in Paris gesehen und war gleichzeitig entflammt und beruhigt.
Meine Beruhigung resultierte aus der Erfahrung, dass Reproduktionen nicht selten „beschönigen“ und Mängel verwischen. Bei Rouaults Bildern konnte ich mich bald entspannen, sie sind auch als Originale herausragend. Doch hatte ich einige Monate zuvor eine Desillussion bewältigen müssen.
Als damalig bekennender Munchist gierte ich bei einer Norwegen-Tour nach jedem Bild. Doch blieb nicht viel Euphorie. Einige Graphiken von Munch sind natürlich große Kunst, doch die Malerei ist weitgehend ungenießbar.
Doch das ist ein anderes Thema. Vielleicht später in diesem Blog.

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Ecce Homo, Öl/Leinwand, 1942

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Flucht nach Ägypten I, Öl/Leinwand, 1945

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Blumen in Vase, Öl/Leinwand, 1942

juergenhennekunstkritik.wordpress.com

juergen-henne-leipzig@web.de

Februar 4, 2011 Posted by | Kunst | Hinterlasse einen Kommentar