Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne und ein Leserbrief an „Die Zeit“ (14.8.2015) zu einem Gespräch mit Juli Zeh, letzte Seite des Magazins. Außerdem die Weiterführung der außerordentlich begehrten Serie: Wo ist der Jürgen?

Sehr geehrte Damen und Herren,

Juli Zeh zog vor einigen Jahren von Leipzig in ein Dorf Brandenburgs, in der Hoffnung,dem „Polizeistaat“ Leipzig entfliehen zu können. Sie konnte Verbote, bzw. Einschränkungen in öffentlichen Arealen nicht mehr ertragen.
Sie sprach von Regelwut und Sicherheitswahn

Sie nervte das Verbot einer Radtour auf Bürgersteigen, einer Anleinung von Hunden in bevölkerten Bereichen und der Lärmreduzierung, gleichfalls in Zonen mit gehobener Homo-sapiens-Dichte.

Sie akzeptiert dabei abgefahrene Kleinkind-Beine und vom Fahrradlenker zerstörte Rentner-Nieren, sie verharmlost gleichfalls zerfleischte Säuglingsgesichter, hündisch organisierte Risswunden in breiter Palette und billigt den lärmenden Einfluss auf die nächtliche Schlafnotwendigkeit für Kinder und Mitmenschen mit entsprechenden Arbeitsrhythmen.

Aber dann freut sich Juli Zeh über ihren brandenburgischen Nachbarn, der seine Kreissäge erst ab 14 Uhr zum Einsatz bringt, die Stunde der Bettflucht von „Nachteule“ Zeh.

Sie folgert aus dieser freundlichen Geste, „….dass die Grundlage aller Freiheit Rücksichtsnahme ist.“

Ich erstarrte bei dieser vielleicht wahren, doch unerträglich populistisch- „philosophischen“ Mundhöhlen-Blähung, verglichen mit den Gründen ihrer Leipzig-Flucht (siehe oben).

Also Rücksichtnahme auf Julie Zeh, außerhalb ihres Einzugsgebietes darf herumgehackt werden.

An die Mittelmäßigkeit ihrer Literatur habe ich mich gewöhnt, sie interessiert mich nicht mehr.

Doch die Unaufrichtigkeit, die Manie nach medialer Präsenz und eine Spießigkeit, die nur Abläufe gelten lässt, die ihren infantil strukturierten Freiheitsvorstellungen entsprechen und andere Möglichkeiten eines zivilen, freiheitlichen Lebens in die Kategorie „Polizeistaat“ einordnet, um dann, bei egozentrischem Bedarf, leichtfüßig die anfangs vorgestellten Positionen zu verbiegen, beunruhigt und erheitert mich zugleich, ihrer markanten Dürftigkeit wegen.

Liebe Juli Zeh, bleiben Sie in Brandenburg, Leipzig braucht Sie mitnichten.

Und weshalb muss ich ….„lockte mich die Stadt mit einem Freiheitsversprechen…“ lesen und kurz darauf…„Freiheit war damals im Osten ja noch ein Versprechen…“
Was für ein doppeltes Gesülze! Ein Gespräch des Grauens.

Natürlich ist Deutschland eine Republik ausufernder Verbote und Anordnungen.
Doch im Angesicht von Merckx-Fanatikern und unangeleinten Hunden aus Baskerville in belebten Stadtarealen sowie der nächtlichen, phonstarken Belästigung durch zumeißt grauenhaft schlechte Musik, die selbst Wildkanichen zur Ohrenverstopfung treibt, kann ich kein Argument gegen gewisse Maßregelungen finden.
Denn wie sagte schon Juli Zeh: Die Grundlage aller Freiheit ist Rücksichtnahme.

Jürgen Henne

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Aus der schier unglaublich begehrten Serie „Wo ist der Jürgen ?

Heute: Wo ist der Jürgen auf einer Insel ?
Kenmare, Steinkreis, Südwest-Irland.

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August 17, 2015 Posted by | Leipzig, Literatur, Neben Leipzig, Presse | Hinterlasse einen Kommentar

Jürgen Henne mit Verstreungen und Verstrickungen, Freude und Flaute von 0 bis 0 oder 12 bis 12

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Jürgen Henne als Meister der Organologie…..

Violine und Klavier im Schlösschen (Gohliser Schlösschen in Leipzig/Gohlis).
Eine Konzertanzeige in der einzigen Leipziger Tageszeitung (1./2. August).

Im weiteren Text wird dann die Teilnahme des Pianisten und eines Cellisten angekündigt.
Ein Cellist bei einem Konzert mit Werken für Klavier und Violine.
Das lässt mich durchaus stutzen.
Sicher sollte man nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen, nicht päpstlicher sein als der Papst, nicht den Kümmel aus dem Käse pulen und überhaupt die Kirche im Dorf lassen.

Und sicher rüttelt oder streicht man mehr oder weniger gewalttätig sowohl am Cello als auch an der Violine mit einem Bogen über die Saiten.
Beide Hohlkörper wurden in die Kategorie Streichinstrumente aufgenommen.

Ich stelle mir aber nun vor, in einem Konzertprogramm werden Hendrix-Variationen für Klavier und E-Gitarre annonciert, ein Zupfinstrument.
Auf der Bühne stehen aber ein Klavier und eine Harfe, gleichfalls ein Zupfinstrument. Also dann „Purple Haze“ und „Voodoo Child“ in Debussy-Manier.
Ich liebe Debussy, aber „All Along the Watchtower“ (Eigentlich von Dylan) an der Harfe. Müsste man sich daran gewöhnen.

Oder ein Konzert für Klavier und Triangel wird empfohlen, eindeutig ein Schlagzeug.
Doch die Bühne betreten ein Pianist und ein Kesselpauker, also ein Schlagzeuger für ein Schlaginstrument.
Als Ersatz für lieblich sanfte Triangelmusik ist die Kesselpauke nur bedingt geeignet. Eher als akustische Grundierung auf Charons Fähre bei der Fahrt auf dem Styx, unterstützt durch die dusslige Bellerei von Kerberos.

Oder der feierlich majestätische Gong (bzw. Tamtam), natürlich Schlaginstrumente, bei Mussorgskis Kiew-Tor wird durch eine Kesselpauke ersetzt. Oder durch eine Triangel oder durch ein Tamburin, auch ein Schlaginstrument.

Und wenn ich ein Stück Violine hören will, würde mich der Cello-Ersatz stören.
Und wenn ich mich auf ein Cello-Konzert vorbereite, könnte eine Violine missmutige Grundstimmung bei mir erzeugen.
So einfach ist Leben.
Natürlich sind beide Instrumente Wundergaben aus dem Elysium.

Ich bitte also, zukünftig die Benennung der Streichinstrumente in Beiträgen mit auffällig geringem Umfang präziser zu handhaben.

Ich weiß es immer noch nicht. Säbelte gestern, nur wenige Meter von meiner Behausung, nun ein Geiger oder ein Cellist an seinem Instrument herum.

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….. als bedeutender Züchter der Gemeinen Pertersilie…..

Für ein eingetragenes Mitglied der Senioren-Gesellschaft „Ewig köchle der Eintopf“ muss natürlich eine regelmäßige Ernte dieses Grünzeugs gewährleistet sein.
Nahrungssoziologische Umfragen machten deutlich, dass besonders der deutsche Mann eine kontinuierlich angebotene Schüsselverpflegung bevorzugt.
An meiner ausufernden Männlichkeit sollte deshalb nicht gezweifelt werden.
Und im sächsischen Ableger der UNESCO wird gemunkelt, meine Kartoffelsuppe und meine Erbsen-bzw. Reiseintöpfe zumindest in das mitteldeutsche Kulturerbe aufzunehmen.

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…..als Fachmann serieller Kunsttheorien in der Funktion eines Meisters der seriellen Fotografie (Leipzig/Eutritsch)…..

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…..als Meister der Obstbearbeitung (Johannisbeeren)…..

Wenn ich Mitmenschen begegne, die in Kaufanlagen ihren Beerenkorb mit ein paar Gramm vom benachbarten Gefäß anreichern, um sieben Cent zu sparen und sich dabei selbst und ihre atemberaubende Coolness feiern, würde ich gern die Aufforderung entgegennehmen: „Henker von Leipzig, walte Deines Amtes.“
Oder Pfirsiche kneten, bis der Fruchtstein sichtbar wird.
Oder wenn Brot und Brötchen bearbeitet werden, bis sich der Naseninhalt oder das feuchte Schamhaar von gerade abgeschlossenen Kratzhandlungen unter den schmutzigen Fingernägeln gelöst haben und mit der Teigware eine schmierig-körnige Einheit bildet.

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…..als Meister der Entomologie

Verbunden mit einem Beitrag der eher unregelmäßigen bearbeiteten aber beispiellos begehrten Serie: „Wo ist das Tier?“
Heute: „Wo ist die lebende Dekoration auf der Balkon-Flora?“

Filmtipp

„Die große Stille“
Über die „Grande Chartreuse“, Mutterkloster der Kartäuser, ein radikaler Schweigeorden, unweit von Grenoble.
Fast drei Stunden Natur-u.Klostergeräusche, einschließlich religiöse Abläufe.
Fast ohne die „normale“ menschliche Stimme.

Musiktipp

Brahms Konzert für Violine (es gibt nur das eine)
Dvorak Konzert für Violoncello (es gibt nur das eine)

Besonders geeignet für Journalisten (siehe oben)

Literaturtipp

Lyrik und Prosa von Ulrich Zieger (gest. 23. Juli 2015)

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August 4, 2015 Posted by | Leipzig, Musik, Presse, Verstreutes | Hinterlasse einen Kommentar

Der Leipziger Jürgen Henne und 1000 Jahre Leipzig in einer Leipziger Zeitung

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„Da staunst du…..was diese Stadt zu bieten hat“ (Zitat)

Überschrift zur abgebildeten Seite in Leipzigs einziger Tageszeitung (11./12. Juli 2015)

Zum 1000-jährigen Jubiläum Leipzigs erinnert das Blatt an „Bewundernswertes, Einzigartiges und Liebenswertes“ (Zitat)

Gegenüber der schier unzumutbaren Gestaltungsqualität dieses Bilderhaufens war ich vor über fünfzig Jahren ein wahrer John Heartfield.
Denn ich agierte in unserer Thälmann-Pioniergruppe als Wandzeitungsgestalter und musste z.B. Themen wie: „Unsere Deutsche Demokratische Republik – Meine Heimat“ bearbeiten.
Oder „Ein Pioniernachmittag bei unseren sowjetischen Patensoldaten.“

Aber nicht diese formale Demütigung für alle Leser beeindruckt mich, das ist Alltag.

Mich irritiert eher die Auswahl an „bewundernswerten, einzigartigen und liebenswerten“ Personen, Traditionen, Dingen und Abläufen.

Ist das oben rechts nicht Philipp Lahm, eine enge Verbindung zu Leipzig ist mir nicht erinnerlich. Aber vielleicht hat er einmal auf dem Hauptbahnhof Softeis geschlabbert.

Dann holpert noch unästhetisch eine Art Straßenbahn durch das Bild. Eine Seilbahn kann es ja wohl nicht sein. Leipzigs Berge schafft jeder fette Dackel.
Elektrisierte Straßenbahnetze wurden z.B. schon in Frankfurt, Gera Halle, Plauen, Hamburg, Dortmund, Chemnitz, Dresden, Erfurt, Gotha….. installiert, bevor Leipzig aus der Hüfte kam.
Also auch kein Originalitätsknaller.

Ich sehe dann noch Lottokugeln, keine Ahnung, weshalb.
Und irgenwelche goldenen Töpfe, deren Inhalt ich nicht erkennen kann, ich bin doch kein Mikroskop.

Außerdem gibt es noch einige asiatische Akzente, die lieblos zwischen die anderen Fetzen gekracht wurden. Ein Hinweis auf das Grassimuseum hoffentlich, das verstehe ich, das ist angemessen. Trotzdem bleiben es beknackte Aufnahmen.

Unten links verharrt ein Mann, der scheinbar an irgendwelchen Mammut-Bäumen nach oben schaut. Oder die Kakteen-Stacheln zählt. Toll, ein feiner Einfall.
Die Hässlichkeit des Messe-Männchens nervt mich ohnehin schon seit Jahrzehten, hat aber aussdehnungsmäßig einen höheren Stellenwert als Balkenhols Richard Wagner.
Etwas Messe muss natürlich sein, doch weshalb dieser Knallkopf?

Und das Buch. Ich sehe nichts Gedrucktes. Für die Buchstadt Leipzig etwas wenig. Gut, links oben lese ich „Fahrradweg“. Und einige Zahlen auf Lotto-Dreckdingern. Bleibt dennoch etwas wenig.

Und die Musik. Neben Wagner flötet noch etwas der Thomanerchor, der auf der Collage aber derartig bedrängt wird, dass die Matrosensänger bei der Johannis-Passion ersticken würden.
Und wer steht als Gigant neben den Thomanern, natürlich Frank Schöbel, der größte Sohn Leipzigs.

Kein Bach, kein Mendelssohn, kein R.Schumann, keine C.Schumann, kein Mahler, kein Grieg, kein Gewandhaus mit Nikisch, Furtwängler, Walter, Konwitschny, Neumann, Masur……nicht einmal Karl Liebknecht, Leibniz….

Nein, Frank Schöbel muss es sein. Er wurde immer Frankie-Boy genannt. An meinen Wänden hingen aber die Bilder von Jagger-Boy, Zappa-Boy, Hendrix-Boy, Marriott-Boy, Burdon-Boy, mitnichten Frankie-Boy.

Oder ich übersehe etwas.
Doch lange kann man diese Seite nicht anschauen, da bekommt man ja Augen-Scharlach.

Oder vielleicht doch Gewandhaus. Denn im Bild unten lächeln heiter ein Bassist und eine Blechbläserin (oder Holzbläserin?), sehr volkstümlich. Wirkt eher wie eine Schrebergarten-Hochzeit.
Doch, wer weiß das schon.
Den viereckigen Randtext habe ich nicht gelesen, meine Motivation näherte sich dem Mittelpunkt der Erde.

Außerdem blieben Ulbricht, Paul Fröhlich und Walter Kresse unberücksichtigt, das finde ich gemein.

Frankie-Boy Schöbel im kulturellen Zentrum von Leipzigs 1000-Jahr-Feier.
Das muss man mögen.

Musik der Woche

Mit einem Querschnitt von „Hüsker Dü“, „Bauhaus“, „Cabaret Voltaire“ und den „New York Dolls“ kommt man gut über die Woche.
Und danach vielleicht etwas Debussy


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Juli 14, 2015 Posted by | Geschichte, Kunst, Leipzig, Presse | Hinterlasse einen Kommentar

Helene Fischer singt, Norbert Wehrstedt kritisiert und Jürgen Henne schaudert

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Red-Bull-Arena Leipzig
Tatort eines Konzerts

Helene Fischer in Leipzig.

Konzertbeschreibung in der einzigen Leipziger Tageszeitung (29.Juni, 2015). Inhaltliche Zusammenfassung mit Zitaten.

„Oder Helene Fischer muss ihn verdammt gut kennen“ (den Regengott, denn es regnete nicht, (J.H ))

„Womöglich ist er ihr sogar verfallen.“

„Größer ging es nicht. Größer als Helene Fischer geht es wirklich nicht.“

„..noch perfekter, noch aufwendiger, noch phänomenaler, noch spektakulärer.“

„Ein überrumpelndes Feuerwerk aus Farben, Bewegung, Musik, szenischer Fantasie, fantastischen Projektionen….“

„Ein Feuerwerk, das mal als sanfte Seelenwelle, mal als Tornado durch das volle Stadion wirbelte“.

„…sprühten Funken und Fontänen aus der 52-Meter-Bühne, platzten Raketen, flogen grüne Papierschlangen und gelbe Schmetterlings-Plättchen durch die Luft.“

„Helene kommt als Amazone, enges, gelbes, dekolletiert, langes Leibchen vorne und hinten mit Zipfeln. Was putzig zipfelig über den goldenen Riemenstiefeln aussah.“

„Auf der Rückwand viel Buntes in fliegender, ständiger Veränderung, Federn, Rechtecke, Wellen, blau und pink, dann rote Schleier“.

„Zu Wunder dich nicht“ im verspielten Ethno-Puszta-Sound leuchtet ein grüner Traumwald“

„Doch mit Helene Fischer, nein mit der kann er nicht mithalten. Sie ist die Magierin, die alle betört, hinreißt, begeistert. Sie schlängelt zwischen schlängelnden Tänzern. Sie kommt im weißen Mini-Glitzer-Kleid mit Schleppe und Tabaluga-Beichte.“

„Man möchte einfach nur seufzen. Sie wird umtanzt von Stelzengängern und Männern in altmexikanisch und altägyptisch anmutenden Kostümen vor eisblauen Perlen-Panoramen.“

„Sie räkelt sich sexy, umgezogen in einem blauen Overall mit grünen Stöckelschuhen zu „Sexy“ von Marius Müller-Westernhagen auf einem roten Lippensofa…“

„Sie kommt aus einer rot und rosa leuchtenden Blume zu „Everything I do I do it for you“ – und die Arena ist gefüllt mit wippenden Leuchtstäben und Handy-Leuchten.“

„…Sie fliegt zu „Von hier bis unendlich“, von Stahlseilen gehalten, über die Köpfe der Fans durchs Stadion, dreht sich, stürzt herab, steigt auf – und landet auf einer Podestbühne ihrer Fans im Innenraum.“

„Wen sie bis dahin nicht in den Bann gezogen hat, der ist spätestens jetzt im siebten Helene-Himmel angekommen“.

„Blond, klein, schmal sitzt sie auf einem Hocker, geht ein bisschen herum zu „Das kleine Glück“ und schafft mit „The Rose“, ganz zart, ganz innig, ganz einfühlend Taschentuch-Momente.“

Bei „Feuerwerk“ saß Helene schon auf dem Lichtthron. Jetzt ist sie endlich im Olymp angekommen.“

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Geschafft.
Diese Sprache zu lesen und zu zitieren, also selbst zu schreiben, erfordert ein gerüttelt Maß an Überwindung, Selbstbeherrschung und ein wenig Masochismus.

Wie war eigentlich die Musik, Norbert Wehrstedt?

Denn abgesehen davon, dass diese Veranstaltung, nach Ihrer Beschreibung, den maskulinen Teil der Besucher mit einem Dauerständer beschenkte, vermisse ich die Einschätzung der musikalisch-qualitativen Ebenen.
Stattdessen eine Kitsch-Orgie von stattlicher Ungenießbarkeit.

Mir geht es dabei nicht um die Musik Helene Fischers. Ich kenne tatsächlich nur „Atemlos“, diesem Titel konnte man ja nicht entfliehen. Ist nicht meine Tonkunst, die ich täglich benötige. Doch gönne ich natürlich jedem Mitbürger seine seligen Stunden.
Doch wenn der Kritiker ein Konzert ausschließlich über den äußeren Zirkus, über Kleidungsordnungen, Stelzengängern, gelben Schmetterlingsplättchen, Erotik… beurteilt, werde ich etwas stutzig.

Entweder die Musik ist schlecht oder der Kritiker ist schlecht

Und diese Sprache, diese einfältige Frontalsymbolik lässt mich schaudern.

Sanfte Seelenwelle….was putzig zipfelig aussah….ein grüner Traumwald leuchtet….Sie schlängelt sich zwischen schlängelnden Tänzern….siebter Helene-Himmel.

Und HF räkelt sich natürlich sexy zu „Sexy“ von Westernhagen.
Und HF sitzt natürlich klein auf einem Hocker und singt „Das kleine Glück“.

Ich breche ab. Kann ich nur schwer durchstehen.

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Juni 29, 2015 Posted by | Leipzig, Musik, Presse | Hinterlasse einen Kommentar

Jürgen Henne und „Die Verdopplung des Kosinus bei Gelb“ oder „Warum schmähte Porzellanputzer Torben Tilenius aus Bückeburg einen Elch im Herkynischen Wald?“

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Aus meinem Musik-Reservoir

1. Eine Gedenkminute für B.E.King.

Nach der Vereinigung gelang mir noch ein Konzertbesuch. Natürlich mit „Stand by me“. Aber auch mit „Spanish Harlem“, Coverversionen gibt es u.a. von Aretha Franklin und Willy de Ville in erwartet bester Manier.
Die Musik von King und gleichzeitig der Drifters bildet natürlich die Grenzen meiner sehr frühen Radio-Exzess-Zeiten, die man mit quietschenden Mittel-u.Kurzwellenempfang von Radio Luxemburg, Saarländischem Rundfunk und Sender Freies Europa umreißen kann.
Titel der Drifters wie „Save the last Dance for me“, „Saturday Night at the Movies“ (immer noch geeignet für eine Gänsehaut) und „Under the Boardwalk“, über Jahre in der Hitparade des Saarländischen Rundfunks am Ausgang der zweiten Hälfte der 60er Jahre als Cover-Version der Rolling Stones als sogenannte „Ewige“ gefeiert, gehören durchaus noch heute zum erweiterten Repertoire meiner Musik-Verpflegung.
Sicherlich klingt das für schlichte Gemüter wie Schnee von gestern.
Und jetzt sechzig Sekunden Ruhe.

2. Bericht im DLF über einen Boxkampf in Las Vegas

Boxen interessiert mich eigentlich weniger als die Spargelernte auf Spitzbergen.

Man spricht vom Kampf des Jahrhunderts.
Siegpreis: 150 000 000 Dollar
Verliererpreis: 100 000 000 Dollar.
Ein Besucher zahlte 26 000 Dollar für die Eintrittskarte.
Der Mundschutz eines Kämpfers wurde aus Goldstaub gefertigt.
Der Sieger erhält außerdem einen Gürtel mit Edelsteinen und ein Kilo Gold.
Ich hoffe, das sind alles nur Gerüchte.
Mein Weg zum gewaltfreien Systemkritiker wird allmählich geebnet.

3. Kino aktuell

„Big Eyes“ von Tim Burton.

In deutschen Kinos startete der Streifen am 24. April.
Durchaus ansehnlich, doch wird man von der Folter heimgesucht, sich über fast zwei Stunden unerträgliche Kunst anschauen zu müssen.
Der Streifen schildert die wahre Geschichte um Walter und Margaret Keane.
M.Keane malte über Jahre mitleidfordende Kinder mit albern monströsen Augen, als deren Schöpfer aber W.Keane in der Öffentlichkeit agierte, mit Einverständnis seiner Frau.
Denn die Signatur eines Mannes versprach größeren Triumph und erhöhten Gewinn.

Der Crash begann, als sich M. Keane im Fernsehstudio zu ihren Bildern bekannte.

Waltz spielt ausufernd wie immer und zelebriert eine göttlich-klebrige Lästigkeit.
Doch sollte er sich allmählich etwas zähmen, sonst mutiert seine hohe Schauspielkunst zu egomaner Kasperei.
Den wichtigsten Satz des Films sprach aber ein Galerist, der z.B. Bilder von Marc Rothko anbot.
Während Margarets Offenbarung als wahre Schöpferin dieser Bilder murmelte er sichtlich genervt: „Wer rühmt sich denn mit so etwas?“
Recht hat er.

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Mögliche Inspirationsquelle für Margaret Keanes Malerei

W. Kane starb im Jahr 2000, M. Kane malt bis heute………..urks.

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Leipzigs Kunstpark in der Alten Spinnerei

Wie armselig muss eine Kunstszene sein, die im Mai 2015, anlässlich der zehnjährigen, unbedingt verdienstvollen Existenz des Kunstparks in Leipzigs Alter Spinnerei als dominierene Abbildung in Leipzigs einziger Tageszeitung ein Bild von Neo Rauch anbietet.

Könnte man denken. Doch Leipzigs Kunstszene ist mitnichten armselig. Mitnichten.
Auch Neo Rauch hatte viele Jahre eine Kunst dargeboten, die mitnichten armeselig ist.

Ich vermute, dass ich die erste oder fast erste Fachkraft war, welche Neo Rauch in einem umfangreichen, doch eher halb-öffentlichen Text würdigte (1987). Ein expressiv gemaltes Schlagzeugensemble aktivierte meine synästhetische Veranlagung.
Anfang der 90er Jahre folgten dann weitere Beiträge in Leipzigs einziger Tageszeitung.
Es wäre also nicht unangemessen, mich als Vollard, Kahnweiler oder Durand-Ruel von Neo Rauch zu preisen.

Um über die aktuelle Qualität der Kunst Rauchs zu dozieren, müsste sich bei mir noch etwas gesteigerte Lust entwickeln.
Ich erahne dabei gewisse Sorgen.

Und wenn der Zeitungskritiker vor wenigen Tagen in der einzigen Leipziger Tageszeitung schleimt, dass in einer Gruppenausstellung mit 120 Künstlern (ausschließlich in der Spinnerei ansässig) „Vielfalt auf fast durchgängig hohem Niveau“ zu erleben ist, hätte man doch durchaus bei Rauchs Bild die Knipskiste des Journalisten in der Knipskistentasche lassen können um andere Arbeiten auf „hohem Niveau“ abzulichten.
Doch weshalb jüngere, noch unbekannte Künstler in den Vordergrund schieben, wenn Rauch dabei ist.

Und der Journalist schreibt dann von dem heißen Wochenende 2005, von geballter Kunstvermittlung, von Leipzig als Reiseziel, von dem Jubiläumsverzicht auf Feuerwerk, Blaskapelle, Kettenkarussell und zum Jubiläum eben die Kunst reichen müsse. Er erwähnt die Leipziger Malereidominanz und erwähnt Libuda aus dem Berliner Dunstkreis. Sam Dukan ist in die Räume des ehemaligen Fahrradladens Rotor umgezogen, auch Pierogi aus New York ist wieder einmal in Leipzig. Johannes Rochhausen bildet immer wieder sein eigenes Atelier ab. Und der Journalist erwähnt den Status der Fotografie und erwähnt, dass Aktmaler Martens diesmal auf Akte verzichtet und androide Wesen vorstellt, gemeinsam mit der Leipzig School of Design. Erwähnt der Journalist. Der Journalist erwähnt Margret Hoppes Beschäftigung mit der Architektur Le Corbusiers in Indien und erwähnt den umlaufenden Fries Ricarda Roggans bei Eigen+Art. Er erwähnt James Nizan von der Maerz-Galerie, der echten Entdeckung aus Kanada. Er spiele mit Perspektiven und Sichtachsen. Ähnlich wie Jong Oh, der aber mit Fäden und Glasscheiben spielt. Erwähnt der Journalist. Er erwähnt auch senfkleckernde Väter und lärmende Kinder. Und dann erwähnt er noch andere Hingucker……und so weiter und so nervend.

Bei „Hingucker“ bringe ich ohnehin meine sprachästhetische Guillotine in Stellung. Nichts gegen folkloristische Anbiederungen, aber „Hingucker“ geht nun gar nicht. Das ist der Zeitungssound von Guido Schäfer. Und wer will den schon.

Mein letzter Abschnitt beinhaltet also die Inhaltsangabe der „Kritik“ über die Ausstellungen auf dem Gelände der ehemaligen Spinnerei, zum zehnjährigen Jubiläum am vergangenen Wochenende.

Aufgemerkt! Kritiken sind erwünscht, Kunstkritiken, Ausstellungskritiken.
Doch der Autor erwähnt, erwähnt, erwähnt……es folgt eine Null, eine angenullte Kritik-Askese.
Irgendwie eine Mischung aus Kochbuch, Strickmusterbogen und Stadtplan von Meppen.

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Mai 4, 2015 Posted by | Film, Kunst, Leipzig, Musik, Presse, Sprache | 2 Kommentare