Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne und Scott Walker

Gedenkstunde für Scott Walker (gerade verstorben) mit Musik seiner Tonträger „Tilt“, „Soused(Sunn O<<<<)" und "the Drift" (von o. nach u.).
Aus meiner S.W.-CD-Ecke.
Gehört sicherlich nicht zur engsten Auswahl für meine möglichen Robinson-Tage.
Doch missen möchte ich sie keinesfalls.


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März 25, 2019 Posted by | Leipzig | Hinterlasse einen Kommentar

Jürgen Henne, ein Wochenende in Hellerau und „Tonlagen“ mit Helmut Oehring, Friedrich Goldmann, Annette Schlünz, Rebecca Saunders, Paul Dessau, Galina Ustwolskaja, Morton Feldman, Conlon Nancarrow, Friedrich Schenker, Christian FP Kram, Thomas Leppuhr, Christian Diemer, Zachary M, Seely, Knut Müller, James Tenney, Wilfried Krätzschmar, Jörg Herchet und mit Steffen Schleiermacher (Klavier), Wolfgang Heisig (Phonola), Burkhard Glaetzner (Oboe), Noa Frenkel (Gesang), El Perro Andaluz, Elbland Philharmonie Sachsen….

Hellerau, März 2019

Festspielhaus Hellerau, mitternächtlich, 15.3.2019

Diese Namen (oben) verströmen sicherlich keinen Rauch, doch Schall unbedingt.
Und auch im Sinne unseres faustischen Frauenplanbewohners haben einzelne Mitglieder meiner Aufzählung das schallende und rauchende Stadium überwunden und werden noch in tausend Jahren tönen.
Könnte man sich z.B. bei Feldman und Nancaroff vorstellen.
Vielleicht wird auch erwogen, bei einer Wiederholung der Pioneer-Plaketten-Mission außerirdische Existenzen mit Feldmans und Nancaroffs Musik zu beschallen.
Auch die Beifügung eines Porträts von mir könnte nicht schaden.

Die Raumsonden Pioneer I u.II wurden am Beginn der 70er Jahre mit Gold-Plaketten bestückt, auf denen man wesentliche Informationen über unsere Welt skizzierte, um sie dann in Richtung Saturn/Jupiter zu ballern.
Seit fünfzehn Jahren ist die Verbindung zu den Sonden abgebrochen, aber immerhin haben sie dreißig Jahre funktioniert.
Vielleicht stehen die Plaketten inzwischen in der Schrankwand eines außerirdischen, grün-stichigen Dino-Frettchens.

Natürlich sind in Hellerau traditionell besonders die Arbeiten von Komponisten und Musikern mit eher gegenwartsnahem Zuschnitt interessant.
Es heißt ja auch „Dresdner Tage der zeitgenössischen Musik“, man könnte ja sonst auch von den „Tagen der Mumien-Musik “ sprechen, doch die gibt es schon unanständig reichlich.
Aber leider werden die Vertreter einer aktuellen Klangkultur immer noch weitgehend ignoriert.
Doch ist es müßig, alle Konzerte des vergangenen Wochenendes detailliert und tiefschürfend beschreiben zu wollen.
Wäre zu beschwerlich und außerdem fehlen mir die Kenntnisse musiktheoretischer Feinheiten.

Hellerau, Festspielhaus, Elbland Philharmonie Sachsen, Burkhard Glaetzner (mittig mit Oboe) und Dirigent Ekkehard Klemm (rechts).

Mit kulminierender Spannung und beachtlicher Gefühlsregung hörte ich z.B. Friedrich Goldmanns Konzert für Oboe und Orchester (1978/79), als Solist agierte Burkhard Glaetzner, der schon vor vierzig Jahren bei der Uraufführung das Holzblasinstrument attackierte.

Aber auch Morton Feldmans „Three Voices“, eine Klangmischung nach Gedichten Frank O`Hara für drei Stimmen (1x vor Ort, 2x vom Tonband, 3x gesprochen von Noa Frenkel) beanspruchte die emotionalen Drüsen beträchtlich.
Gleichfalls die physische Stabilität.
Sechzig Minuten bei erstaunlicher Dunkelheit im Orchestergraben, gegen 23 Uhr, die Mehrzahl der Zuhörer war schon gezeichnet von den vergangenen, nicht einfach zu bewältigenden Konzertstunden.
Sie hörten ein Gesangstrio der Langsamkeit und Stille, eine Klangmischung von diffuser Vergangenheit und Gegenwart, das im Grunde nie endete.
Einige Besucher warfen aber während der Darbietung das Handtuch und verließen den Raum.

In die „Blaue Fabrik“ am Dresden/Neustädter Bahnhof, einziger Aufführungsort außerhalb Helleraus an diesen beiden Tagen, wurde eine Phonola gewuchtet, die Wolfgang Heisig, global geschätzter Phonola-Spieler, eifrig bearbeitete.
Über Wesen und Geschichte dieser vorgestanzten Musikrollen-Mechanik kann man sich bei Wikipedia informieren.
Natürlich blieben nach diesen neunzig Minuten besonders zwei Klassiker für dieses Instrument in Erinnerung.
„Study#21(CanonX)“ von Conlon Nancarrow und „SpectralCanon“ von James Tenney.
Herausragend.

Und immer wieder zwischen 16-u.23 Uhr tönte und dröhnte Kammermusik für verschiedenste Formationen durch Helleraus Kulturzentrum.
Für Solo-Klavier, für Oboe, Posaune, Bratsche, Cello, Kontabass, Klavier, Schlagzeug und für Flöte solo, auch für Englischhorn, Posaune, Kontrabass und für Oboe, Englischorn, Posaune, Schlagwerk, Viola, Cello, Kontrabass.

Außerdem spielte die Elbland Philharmonie Sachsen im Großen Saal Wilfried Krätzschmars 5.Sinfonie (Uraufführung) und Helmut Oehring inszenierte im Nancy-Spero-Saal eine Performance mit Audio/Video-Installation („EURYDIKE?ICH/SIE-I see. Volume 1“)

Und wie immer ergab sich große Freude oder ergiebige Nervung, also eine solide Normalität.

Im Selbstverständnis der Betreiber gilt das Festspielhauses in Hellerau als europäisches Zentrum der Künste, das heute zu den wichtigsten internationalen Standorten der zeitgenössischen Kunst in Deutschland und Europa zählt und als interdisziplinäres Koproduktions-u. Gastspielhaus den zeitgenössische Künsten Tanz, Musik, Performance, Theater, Medienkunst und bildende Kunst Räume für Produktion und Repräsentation anbietet (Steht etwa so auf der Homepage).

Bei einer derartig waghalsigen Bedeutungsverzückung könnten einem die Sinne schwinden oder schwarz vor Augen werden. Mir schwinden aber nicht die Sinne und die Verdunkelung vor den Augen stellt sich nicht ein.

Denn dieses Wochenende hat meine Hoffnung bestärkt, dass die Einladungskarten, die das Festspielhaus in Hellerau in die ganze Welt senden wird, wohlwollend, mit großer Freude und Stolz erwidert werden.

Zugabe

Hellerau, Festspielhaus, Treppenhaus
Nach 1945 übernahmen sowjetische Fallschirmjäger das Gebäude, z.B. als Turnhalle, auch als Lazarett und Krankenhaus wurde es genutzt.
In diese Zeit sollte man die Wandmalerei datieren.
Weitere Informationen zu Hellerau gibt es im Internet sicherlich zuhauf.








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März 22, 2019 Posted by | Leipzig | Hinterlasse einen Kommentar

Jürgen Henne, die Drecksau, Frauen, Männer, Nora, Julia, Juli, eine Ausstellung im Leipziger Bildermuseum und ein Museum in New York



Vor dieser Kunst gehe ich euphorisiert in die Knie


Twombly, Museum of Modern Art, New York, s.unten

Newman, MoMa, s.unten

Indiana, MoMa, s.unten

Pollock, MoMa, s.unten

Jürgen, der Coole nach MoMa unweit von Montauk (Long Island), s. Max Frisch

Die Zeiten sind mitunter zu lausig, um sich deutlich, aufgeschlossen, unmissverständlich, kompetent, frank und frei zu Musik, Literatur, bildender Kunst äußern zu können.
Die Reaktionen beginnen besoders zu brodeln, wenn Musikerinnen, Malerinnen, Schriftstellerinnen…sich der öffentlichen oder privaten Kritik stellen.

Als ich Nora Gomringer meine hochgradigen Bedenken zu der lyrischen Qualität ihrer Gedichte mitteilte, festgezurrt an ihren Auschwitz-Strophen, wurde ich von Mitgliedern ihres „Fanclubs“ in die Kategorie „Drecksau“ eingeordnet.

Auch meine Sorge, dass Sprache und Musik Julia Engelmanns zum Standard für hohen Anspruch gekürt werden könnten, wurde nicht honoriert und als Gesprächsgrundlage unflätig abgelehnt.

Wenn ich vortrage, dass die Texte von Nora Gomringer nach meinem Verständnis für Qualität, welches sich seit über fünfzig Jahren zu hoher Reife entfaltet hat, keineswegs befriedigende Anforderungen erfüllt, bescheinigt man mir innerhalb der entsprechenden Kollektive eine galoppierende Entwicklung zur Frauenfeindlichkeit, also zu einer frauenfeindlichen Drecksau.

Noch schlichtere Gemüter ahnen bei mir tiefschürfend, auch mit dem Blick auf die Frauen-Askese innerhalb der AfD-Fraktion, eine Nähe zu rechten Ideologien und die Münder von Zeitgenossen mit einem Intellekt von besonders asketischem Zuschnitt scheinen ein markantes „Nazi“ zu formen, wenn sie zur Kenntnis nehmen, daß ich N.Gomringers Beitrag „Und es war ein Tag“ über Abläufe im Konzentrationslager Auschwitz als unerträglich ablehne.
Also nur weil ich der Lyrik Nora Gomringers, Julia Engelmanns, aber auch z.B. der Prosa von Juli Zeh nicht die geforderte Hochachtung entgegenbringe, literarische Defizite bescheinige, allein begründet durch deren sprachliche Zumutungen und intellektuelle Oberflächlichkeiten, wabert aus mir die Stimme einer Drecksau, einer frauenfeindlichen Drecksau ???
Die Zeiten sind tatsächlich mitunter lausig für beide Geschlechter.

Ich sah vor einigen Tagen „Son of Saul“ (Lásló Nemes), Handlungsort ist Auschwitz/Birkenau und konnte ein paar Gedanken an N.Gomringers Gedicht nicht unterbinden.
Mein betroffenes Gemüt erschauerte über diese unfassbaren Vorgänge, aber auch bei der kurzfristigen Erinnerung an N.Gomringers hochgradig unangemessenen Zeilen über dieses Inferno und ließ Wittgensteins Satz inhaltlich und sprachlich etwas mutieren und rezitierte innerlich: „Worüber man nicht schreiben kann, darüber sollte man schweigen“

Ich bat um Gespräche mit meinen Anklägern über die Literatur von Nora Gomringer, von Julia Engelmann, Juli Zeh,…. ich bat um Begründungen und Erläuterungen, ich versprach die Darlegung meiner Begründungen und Erläuterungen.
Mit den Texten auf dem Tisch, in einer nach oben offenen Gesprächsrunde.

Ablehnung, nur Ablehnung, man blieb bei „Drecksau, Frauenfeind, AfD-Sympatisant, Nazi…

Ich bekenne auch meine Zweifel z.B. an der literarischen Qualität der Prosa von Ingo Schulze, Thomas Brussig, Uwe Tellkamp, meines Erachtens keine Frauen, eher Skrotum-Träger.

Mir geht es nicht darum, ob Romane, Novellen, Erzählungen, Gedichte… von einer Frau aus Süd-Gambia, von einem Mann auf S.Kitts und Nevis oder in Wanne Eickel geschrieben werden, ob sie in einem Iglu oder in Pfahlbauten Neuguineas ihre Vollendung finden.
Ob mit Tinte oder Maulwurfkacke aufgezeichnet, ob im Rollstuhl auf dem Eiffelturm oder im Trabant 601 auf dem Krakatoa.
Ist mir sowas von scheißegal, interessiert mich eine feuchte Rollzwiebel.
Nur die Qualität mit all ihren Schattierungen und Nebenwegen gilt als einziges Kriterium.
Da können mir alle Infantil-Hysteriker, die mit violett herausklaffender Zunge „Drecksau, Frauenfeind, Nazi“…kreischen, an der Hüfte blasen und weiterhin „Drecksau, Frauenfeind, Nazi“ bellen.

Und es gibt natürlich auch malende, zeichnende, lithographierende, radierende, performanceierende, bildhauernde, filmende…. Frauen und Männer.

Und es gibt auch „Voix“, die aktuelle Ausstellung von 28 Künstlerinnen aus Berlin und Leipzig bis 7.April im Leipziger Bildermuseum.

Und meine Knies entscheiden sich zu einer radikalen Erweichung, die Haut bereitet eine flächendeckende Gänsehaut vor und mein Kopfhaar beginnt Berge zu bauen, wenn ich an die Reaktionen auf meine deutliche, aufgeschlossene, unmissverständliche, kompetente, frank und freie Beurteilung dieser Ausstellung denke.

Deshalb wähle ich einen anderen Weg.
Einige Arbeiten, nach dem Prinzip des Zufalls und mit geschlossenen Augen gefunden, biete ich zur Urteilsfindung an.
Ein zufälliger, doch ein gelungener und fairer Querschnitt.
Ohne Kommentar und ohne Informationen.

Ich habe nicht selten Details fotografiert, um das zeichnerische und malerische Vermögen oder Unvermögen zu zeigen.
Dieses hohe oder mindere Maß an Qualität des Details wird in der Regel über die gesamte Bildfläche weitergeführt.

Der „Kritiker“ der Leipziger Volkszeitung schrieb: „Die bei aller Diversität durchgehend hohe Qualität….“




























„Die bei aller Diversität durchgehend hohe Qualität…“
LVZ, 20.Februar 2019

Und ich setze mich jetzt in meine Leseecke und blättere in Bänden mit der Kunst von Twombly (s.o), Kline, Indiana (s.o.), Still, Tobey, Rothko, Pollock (s.o.), Rauschenberg, Newman (s.o), Reinhardt, Stella, Francis, Motherwell, de Kooning, Noland, Basquiat, ausnahmslos US-Amerikaner.

Ich höre schon die gellenden Sirenen: „Na, du Drecksau bist wohl Trump-Anhänger.

Wahrlich, es sind mitunter schon lausige Zeiten.



Konzert-Empfehlung für die kommende Woche

Musica Nova, 6.März 2019, 20 Uhr, Leipziger Gewandhaus, Mendelssohnsaal.

Musik von Morton Feldman und Jo Kondo.
Ensemble Avantgarde/Steffen Schleiermacher.

Ausstellungs-Empfehlung

Halle/S., Kunstmuseum Moritzburg.
„Die Stille im Lärm der Zeit, Meisterwerke aus der Sammlung Ziegler.“

Kunst von Macke, Nolde, Marc, v.Jawlensky, Heckel, Schmidt-Rottluff, Feiniger, Klee, Rohlfs, Mueller, Corinth, Schlemmer, Beckmann,
Hofer, Dix.
Ich habe selten eine derartig hochwerige Privatsammlung gesehen.

Bis 12. Mai 2019

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März 4, 2019 Posted by | Leipzig | 1 Kommentar