Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne und die begehrte, doch eher unregelmäßig bearbeitete Serie: „Jürgen Henne und journalistische Kostbarkeiten im Alltag“. Heute: „Leipzig feiert Olympia. Leipzig im Olympia-Rausch“

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Leipzig feiert Olympia, LVZ, 28/29. März.

Sehe ich nicht ein. Seit 1951 bin ich Leipziger und ich feiere nicht Olympia. Weder vor Ort, noch mit Distanz.
Ich feiere mitnichten Olympia.
Ich bitte zukünftig um eine Einschränkung:

„Leipzig feiert Olympia, außer DER JÜRGEN“

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Leipzig im Olympia-Rausch

Geht es auch eine Nuance geräuschloser? – „Leipzig im Olympiarausch“ – welch einfältige Unangemessenheit.
Ich bin mitnichten im Olympia-Rausch. Dazu würden selbst drei Pullen Rotwein nicht genügen.
Ich bitte zukünftig um eine Einschränkung:

„Leipzig im Olympia-Rausch, außer DER JÜRGEN“

Das kann man doch erwarten.

Mir ist diese Formulierung ohnehin fremd, ich verstehe sie nicht. Es gibt Olympia als peloponnesisches Heiligtum des Elitesohnes vom kinderverschlingenden Kronos, als Heiligtum des Titanen-u. Gigantenmeuchlers, des Inzest-Zelebrators und überhaupt griechisch-mythologisches Synonym für exzessiv kopulierende Götter.
Auch Olympia als Ort der Olympischen Spiele.

Und die Dame auf einem Bild Manets wird ebenso Olympia gerufen. Auf dem Olympia ohne „ia“ stehen die Hütten der zwölf Götter. Hendrix, Joplin, Dylan, Redding, Bechet, Brel… sangen im Pariser Olympia und außerdem erinnere ich mich an eine Schreibmaschine, namens Olympia.
Olympische Spiele gibt es aller zwei Jahre und die Zwischenzeit erhielt die Bezeichnung Olympiade.

Und flugs vemutete ich, zumal nach der fotografischer Kenntnisnahme Jens Weißpflogs und Erik Lessers, dass dieses Happening dem Sport galt. Also Leipzig feiert den Sport, nicht Olympia

Doch wer sind A.O. Köstritzer, A.O. Gasversorgung Vorpommern, B.J. Natgas, B.M. EWE AG, C.J. Mediamarkt Paunsdorf, F.O. Sachsenbank Leipzig, G.M. Vebundnetz Gas AG, H.V. Deutsche Bank AG, K.N. Commerzbank AG, M.M. Städtische Werke Borna, P.B. Spree-Gas GmbH, R.R. Stadtwerke Dresden…….

Sind diese Zeitgenossen ebenfalls im Olympia-Rausch.
Oder ging es ausschließlich um ein Stelldichein zur weiteren fugenlosen Verwirtschaftung des Sports.

Und trotz der sonst grenzenlosen, mediengierigen Berichterstattung über das Ünglück in den Alpen, trotz dieser Spekulationen und journalistischen Masturbationen gibt es bei dem überbordenden Olympia-Rausch, diesem EURO-Spektakel für einige Stunden nicht den fernsten Klang von skeptischer Kritik.

Auch in dem vierseitigen Artikel kein Wort über mögliche Bedenken am Frohsinn der Veranstaltung.
Emphatie muss gewinnbringend angelegt werden, bei Sportlerbällen mit Gasversorgern, Banken, Bierbuden….muss sie feindselig abgewiesen werden.

Doch am Montag wird dann wieder locker über aufgespürte Arme, Beine und gespaltene Schädel auf den Hügeln und in den Tälern geschrieben.
Und wenn dann alle Gebeine gefunden sind, muss bald ein neues „Ereignis“ seine journalistische Wertschätzung fordern. Vielleicht ein schicker Prominenten-Suizid oder ein befriedigend-zerstörerisches Erdbeben.

Aber Michael Fischer Art, gleichfalls Gast des Sportlerballs, wird zunächst unweit der Absturzstelle in den französischen Alpen eine Telefonzelle mit traurigen und tranigen Papageien und Lurchen überziehen.

Gestern sahen wir im Leipziger Opernhaus Puccinis „Madame Butterfly“ in einer hochwertigen Inszenierung, am Dienstag gibt es den Werkstatt-Abend mit Wagners „Siegfried.“

Könnte mich mal jemand fragen, welche Aktionen ich bevorzuge: Opernabende oder Sportbälle, gleichfalls abends ?

Außerdem hatte man mich zum Sportlerball nicht eingeladen, trotz meines Kreismeisters im Brustschwimmen, etwa um 1963.
Das finde ich feige.

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Titelseite, LVZ, 28.29. März

Olaf Malolepski von den Flippers kommt zur Leipziger Schlagerparade.
Na, Gott, sei Dank. Endlich mal eine gute Nachricht. Ich dachte schon: Eine Leipziger Schlagerparade ohne Olaf Malolepski geht nun wirklich nicht.
Das sind die Glücksmomente eines Lesers, wenn er die präzise und kompetente Beachtung von Wertigkeiten in regionalen Tageszeitungen dankbar erkennt.
Da werde ich mir doch flugs eine Scheibe der Flippers einlegen.

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März 29, 2015 Posted by | Leipzig, Musik, Presse, Sprache, Verstreutes | Hinterlasse einen Kommentar

Jürgen Henne und Jachthäfen für Freizeitkapitäne mit Restaurants und Cafés

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LVZ, 21/22. März

Bildunterschrift

„Anlaufpunkt für Freizeitkapitäne: Rund um den Jachthafen am Golf von Calvi gibt es zahlreiche Restaurants und Cafés.“

Filitosa, Sartene, Bonifacio, Aleria, Corte, Ajaccio, La Scandola, Lac de Melo, Bastia, Cauria – Orte und Landschaften Korsikas, die Klimax europäischer Inselkultur.

Aber nein doch, mitnichten für den Journalisten. Kein Filitosa, Sartene, Bonifacio……. „O, Freunde, nicht diese Töne. Sondern laßt uns angenehmere anstimmen und freudvollere. Freude!Freude!“ (Schiller)

Und der Journalist freut sich, wird nicht angenehmer, aber scheinbar freudvoller und besingt als journalistische Eingangsinformation über diese französische Insel die Restaurants und Cafés der Hafenstadt Calvi. Restaurants und Cafés rund um den Hafen einer Hafenstadt – nicht gerade unverwechselbar für Häfen in Hafenstädten rund um den Globus, auch nicht für Jachthäfen, auch nicht für Freizeitkapitäne.
Was soll man auch sonst in Korsika.

Also mitnichten Filitosa, Sartene, Bonifacio, Aleria, Ajaccio, La Scandola, Lac de Melo, Bastia, Cauria, mit oder ohne Restaurants und Cafés.

Der reisende Journalist bevorzugt als Einladungskonfekt den Hinweis auf einen Jachthafen für Freizeitkapitäne mit Restaurants und Cafés.
Freizeitkapitän, klingt aufregend und unaufdringlich originell.

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JH zwischen korsischen Menhiren in Filitosa

Wir durchstreiften die Insel einige Wochen, vergaßen aber Calvi, auch die Restaurants und Cafés um den Jachthafen.

Man könnte sich in Korsika auf einen beliebigen Platz stellen…..dann der Blick nach Ost, Blick nach Süd, Blick nach West, Blick nach Nord, jeweils in Sichtweite wird man Kostbarkeiten kultureller Schöpfungen, mediteraner Traditionen, historicher Bedeutsamkeiten und naturgebundenes Charisma wahrnehmen.

Doch mitnichten der reisende Journalist, er zelebriert einen Jachthafen für Freizeitkapitäne in Calvi mit zahlreichen Restaurants und Cafés.

Unter dem Bild mit den Restaurants und Cafés rund um den Jachthafen von Calvi dann eine Abbildung mit dem Hinweis auf das „Feriendorf zum störrischen Esel“.
Vor Ort an diesem Schild würden sich meine Netzhäute spreizen und ich müsste mich mit einem Bein-Staccato Usain Bolts in der korsischen Macchie verbergen. Denn das halte ich keineswegs aus.
Bitte keine deutsch-deutschen Begegnungen auf Korsika, wie nirgendwo außerhalb Deutschlands.

Den Artikel habe ich nicht gelesen, ich wurde dazu nicht animiert.

Ich bitte dennoch um weitere Beiträge – Sardinien, Kreta, Sizilien, Malta würden sich anbieten. Oder gar Korfu, Nassau, Santorin, Nazaré….
Doch bitte als optischen Einstieg nur Bilder von Jachthäfen für Freizeitkapitäne mit Restaurants und Cafés anbieten, gefolgt von Begegnungstipps in deutschen Kolonien.

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Meine Lieblingsblume, selbst aufgezogen und beschützt.

Musik des Tages

Rossini—„Stabat Mater“
Zahlreiche Titel von Jackson Browne und Tony Joe White

Literatur des Tages

Erzählungen von Nabokov


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März 24, 2015 Posted by | Kunst, Leipzig, Neben Leipzig, Presse, Reisen | Hinterlasse einen Kommentar

Jürgen Henne und die begehrte, doch eher unregelmäßig bearbeitete Serie: „Jürgens alltägliche Erregungen und Verunsicherungen.“

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Erste Erregung
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Opernhaus Zürich

Vor wenigen Tagen im Deutschlandfunk über die Uraufführung einer Oper in Zürich

Das Zürcher Opernhaus animierte Christian Jost zu einer Oper und der Komponist wählte die Vertonung der „Roten Laterne“, nach dem Buch von Su Tong, welches wiederum auf Thang Yimous gleichnamigen Film vom Anfang der 90er Jahre basierte.
Ein fast vollendeteter Streifen mit der fast beängstigend schönen Gong Li.

Der Opern-Kritiker quasselte nun vor sich hin, nicht ganz spannend, nicht ganz langweilig und endete mit dem Fazit: „Man fragt sich natürlich, was uns heute noch Abläufe in China der 20/30er Jahre des vergangenen Jahres interessieren könnten.“ Er gab keine Antwort und beendete zufrieden seinen Beitrag.

Meine Zufriedenheit blieb überschaubar.

Was interessieren uns dann eigentlich noch Sophokles oder Euripides, Dante und Cervantes, Shakespeare, Büchner und Kleist, natürlich auch Goethe und Lessing, dessen Ringparabel sich mit verblüffender Aktualität anbietet ? Oder Ibsen, Tschechow, Kafka, Dostojewski, Beckett…….?

Sicher nicht deshalb, weil sie irgendwelche Provinz-Sülze schrieben, deren Bedeutung an dörflich-regionalen Grenzen verkümmerte.
Man wird sie noch nach dem kommenden Urknall lesen, denn sie erzählten universelle Geschichten, durchfurchten die gesellschaftliche und individuelle Seele und berührten die Substanz menschlicher Konflikte bis in die Ewigkeit.
Die „Rote Laterne“ beschreibt radikal ausgelebte Traditionen mittelalterlichen Zuschnitts, zerstörerische Intrigen, überkommene Zwänge und totalitäre Strukturen in abgegrenzten Arealen, die global beliebig verteilt werden können. In einer Zeit beginnender Revolten und rebellisch-subversiver Abläufe.
Denn Mitte der 30er Jahre begann Mao seinen „Langen Marsch“ um sich während des Bürgerkriegs dem Einzugsgebiet Chiang Kai-sheks zu entziehen. Entscheidend für „Maos China“ und die Ouvertüre für Diktatur und Volkermord.

Die Geschichten davor und danach sollten uns schon interessieren, Herr Opernkritiker.
Also auch die „Rote Laterne“, als Buch, Film oder Oper.

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Zweite Erregung
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Kino im Leipziger Umfeld

Der Hinweis: „Eintrittskarten erhalten Sie auch…..“, ist keineswegs korrekt. Denn man erhält sie nicht „auch“, sondern ausschließlich an diesem Besucher-Fressnapf.

Das bedeutet niederträchtig riechende Popcorn-Schwaden, dass die Nasenhaare ausfallen, Getränke-Dunst, ähnlich dem Urin besoffener Flatterfrettchen und interne Familienstreits über des Volumen des Popcorn-Bottichs für die kommenden Stunden, acht oder zehn Kilogramm.
2005 sahen wir den Film „Die große Stille“ über den Alltag des Schweigeordens der Kartäuser aus dem Mutterkloster im Südosten Frankreichs. Unbeschreiblich.
In Film herrschte eine völlige Geräusch-Askese, auch keine Musik, nur Naturtöne, Bewegungen von Schlüsseln und Riegeln, menschliche Schritte, Klänge der Nahrungsmittelverteilung. Über fast drei Stunden. Ein formendes Erlebnis.

Und jetzt stelle ich mir vor, eine Familie und ein Handwagen, gefüllt mit Knabbermüll, hätten sich in meinem akustischen Umfeld platziert. Ich wäre zu einer Fleisch und Fett gewordenen Guillotine mutiert.

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Dritte Erregung
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JH in der Loipe, doch ohne Waffe.

Biathlon-WM, 2015, Fernsehfunk, Interview mit Athleten, die vor Erschöpfung fast noch Blut spucken.

„Ärgert es Sie, dass Sie zwei Scheiben nicht getroffen haben.“

Einfach nur noch abschalten!

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Erste Verunsicherung
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Gestriger“Bild“-Titel

„Nino de Angelo beschmiert Brautkleid“

Mein Gott, ist das gemein. Einfach ein Brautkleid beschmieren. Durch diese Information verlief mein Tag nachdenklicher.
Doch wer ist Nino de Angelo? Ich kenne Nino Hagen und Nino Simone. Auch Fra Angelico und seine Fresken in Florenz. Doch vermute ich, er liegt seit über fünfhundert Jahren in der Kiste.

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Musik des Tages

Anton Bruckner 3.Sinfonie
Pavement „Crooked, Crooked Rain“, „Wowee Zowee“, „Terror Twilight“

Kunst des Tages

Wieder einmal in einem Katalog Cindy Shermans blättern

Literatur des Tages

Short Storys von O.Henry

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März 17, 2015 Posted by | Film, Geschichte, Leipzig, Musik, Presse | Hinterlasse einen Kommentar

Jürgen Henne und expressionistische Bildnisse und Selbstporträts der „Brücke“-Maler in der Moritzburg Halle (Sammlung Gerlinger)

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Halle, Moritzburg, Nordflügel, Museumseingang

Aktuelle Ausstellung:

„Du und ich. Bildnisse und Selbstporträts der Brücke-Maler“ aus der Sammlung Hermann Gerlinger

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Moritzburg, Südflügel

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Faltblatt zur aktuellen Ausstellung mit einer Arbeit Karl Schmidt-Rottluffs

Über den Besitz mitteldeutscher Museen an expressionistischer Kunst, vorrangig der „Brücke“-Maler, kann man nicht mäkeln.
Das Dresdner Albertinum (Rottluff, Kirchner), Zwickau (Max Pechstein), die Chemnitzer Kunstsammlungen und in deren Nähe die Galerie Gunzenhauser, auch mit veristischen Höhepunkten (Dix) und Arbeiten des „Blauen Reiters“ (Jawlensky) sowie mit expressionistischen“Sonderlingen“, wie dem grandiosen impressionistischen, expressionistischen und fast gegenstandslos schaffenden Christian Rohlfs und der nur selten grandiosen Paula Modersohn-Becker angereichert und natürlich die Gerlinger-Sammlung mit dem gesamten „Brücke“-Programm in der Hallenser Moritzburg dürften in dieser Konzentration einen unvergleichlichen Status erworben haben.

Aber auch die Sonderausstellungen legen Zeugnis von der Tradition expressionistischer Kunst in mitteldeutschen Arealen ab.

Im Frühjahr 2013 realisierte Halle eine überragende Nolde-Ausstellung. Dresden 2001 eine weniger überragende „Brücke“-Übersicht. Feiniger in Apolda (2009), Macke und Amiet 2007 im Kunstverein Jena, Feiniger 2009 in Halle, Felixmüller bei Gunzenhauser (2012/13), Böckstiegel und Felixmüller in Dresden (2006/07), Walter Jacob in Altenburg (1993/94 und 1995), Helmut Kolle bei Gunzenhauser (2010/11)……sicherlich nicht vollständig und stets von bemerkenswerter Qualität, natürlich mit Abstufungen und Ausnahmen.

Und 2015 nun in der Hallenser Moritzburg expressionistische Porträts der Sammlung Gerlinger.
Natürlich könnte sich das Gefühl der Sättigung entwickeln.
Es bestände aber auch die Alternative, sich ständig mit dieser Kunst umgeben zu wollen.
Natürlich nicht nur mit expressiver Kunst.
Innerhalb quälender DDR-Zeiten war die gute Wohnstube z.B. ohne Sammeltassen, Spitzweg und C.D. Friedrich kaum denkbar.
Ich erglühte schon immer bei der expressionistischen Kunst Deutschland und Frankreichs der ersten Jahrzehnte des vergangenen Jahrhunderts, bei Konstruktivismus und Suprematismus russischen Zuschnitts und bei den abstrakten Expressionisten Amerikas sowie der informellen Kunst in Europa ab den 40er Jahren.
Von Überdruss an den „Brücke-Dresdnern“ und ihren zeitweiligen Mitkämpfern kann deshalb mitnichten die Rede sein.
„Du und ich“ zeigt Arbeiten von 1906 bis in die 70er Jahre, das letzte Bild der Ausstellung setzte Schmidt-Rottluff als fast Neunzigjähriger mit Farbkreide und Tusche ins Format (1973/74).
Doch wird nicht nur das künstlerische Zenit präsentiert, auch weniger gelungene Bilder gehören nun einmal zu einem Gesamt-OEvre und beschädigen keinesfalls die Leistung in der Kunstgeschichte.

Ich rekonstruiere z.B. gerade in meinem Gedächtnis das Spätwerk von Renoir, Munch und Derain. Nicht gerade Orgasmen für anspruchsvolle Augen.

Am Beginn des neuen Jahrtausends gab es im Dresdner Schloss eine recht umfangreiche „Brücke“-Ausstellung von vorwiegend grausiger Qualität. Doch alle Medien und Einträge im Besucherbuch kreischten hysterisch vor Begeisterung.
Eine Picasso- Ausstellung in Chemnitz vor einigen Jahren faszinierte gleichfalls durch grottenschlechtes Niveau, die Medien und Einträge im Besucherbuch bersteten erneut vor Lobpreisungen.
Und das Leipziger Bildermuseum erhielt vor einiger Zeit eine Schenkung mit Kunst der „Schule von Barbizon“, ebenso mäßig beeindruckend.

Das wäre ja kein Problem, denn dadurch werden Künstlerleben spannender, anschaulicher zur Darstellung gebracht, auch mit Krisen jegliche Kontur.
Doch zur Vermarktung eignen sich derartige Konzepte natürlich keineswegs.
Deshalb ordnen sich Museumsdirektoren, Ausstellungsmacher, Journalisten diesem Markt unter, hauen sich gegenseitig die Taschen voll und loben, preisen und rühmen, oft gegen das eigene Qualitätsbewusstsein, gegen die private Überzeugung.
Hin und wieder sind sie aber auch tatsächlich so bekloppt und können eine gotische Kathedrale nicht vom Völkerschlachtdenkmal unterscheiden.

Jedenfalls werden durch diese Qualitäts-Manipulationen bei Besuchern ohne wesentliches Grundwissen die Fähigkeiten zu solider und differenzierter Kunstbewertung erheblich beschränkt.

Außerdem ist Kunst keine Frage des Geschmacks!

Herausragend in der Hallenser Austellung sind z.B. Holzschnitte Schmidt-Rottluffs zwischen 1913 u. 1923. Ohne entbehrliche Mätzchen und mit wohltuender Askese schneidet der gebürtige Chemnitzer unverwechselbare Charakterköpfe in das Material. Sein Ölbild „Du und ich“ wurde 1919 gemalt und zum Tag der Hochzeit seiner Frau überreicht.
Zweifelsohne ein Höhepunkt der Ausstellung.
Kirchner skizziert mit Bleistift ein Bildnis Alfre Döblins („Alexanderplatz“) mit einer unaufgeregten Präzision und zeichnerischer Virtuosität, dass man vor dem Blatt nur erstarren kann, während Heckel 1948 einen „Holzschnitzer“ ins Bild setzt, der schon ein gerüttelt Maß an Kriterien sozialistischer DDR-Kunst bereithält, die dann als verlogene, unerträgliche Ekel-Welle ab den 50er Jahren über das Land flutete.

Auffällig ist der teils drastische Qualitätsabfall in den späteren Jahren, dem vielleicht nur Schmidt-Rottluff entging. Die Ausstellung zeigt Selbstbildnisse (Aquarelle), deren letztes er kurz vor dem neunzigsten Lebensjahr beendete und deren Beschaffenheit eine Kontinuität auf gehobener Ebene dokumentiert (1973/74).
Die künstlerischen Techniken bieten so alles, was den damaligen Möglichkeiten entsprach.
Natürlich Holzschnitte (auch mit Farbe),Lithographien (auch mit Farbe), Bleistift, Tusche, Kohle, Kreide, Radierung, Aquarell, Mosaik, Öl.
Pechstein litographiert Schmidt-Rottluff, Mueller ein „Paar am Tisch“, Nolde radiert sein etwas missmutiges Selbstbildnis. Schmidt-Rottluff malt in Öl ein vorzügliches Porträt Else Lasker-Schülers (lesend), einen „Schönen Mondschein“, gleichfalls ansehnlich und Kirchner ein „Blaues Mädchen in der Sonne“, desgleichen in Öl.

Bei dieser Qualität kann eine Ausstellung nicht überflüssig sein. Auch nicht im mitteldeutschen Expressionismus-Elysium.

Mo,Di,Do u. So/Feiertage 10-18 Uhr, bis 3.Mai

Verstreutes und Aufgelockertes

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Meine Lieblingsmöhre, selbst gekauft.

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Mein Lieblingssalat, selbst zubereitet.

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Meine liebste Ostsee-Kirche bei Abenddämmerung, Rerik, selbst fotografiert, doch nicht selbst gebaut.

Musik der Woche

Akkordeon-Musik von Pauline Oliveros, z.B. „Lear“, „Ione“, „The Beauty of Sorrow“.

Arthur Honegger, „König David“.

Tschaikowski, 6.Sinfonie.

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März 9, 2015 Posted by | Kunst, Leipzig, Neben Leipzig, Verstreutes | Hinterlasse einen Kommentar

Jürgen Henne und die begehrte, doch eher unregelmäßig bearbeitete Serie: „Journalistische Kostbarkeiten“.Heute: „Die Aufs und die Abs.“

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Die Liebe und das Leben mit all den Aufs und Abs
LVZ, 28.Febr./1.März

„Die Liebe und das Leben mit all den Aufs und Abs“.

Man muss es genießen. Diese prägnante L-Reihe (Liebe, Leben), gefolgt von der optimistisch-prägnanten A-Reihe (Aufs, Abs).
Diese Aktualität existenz-hypophysischer, hermeneutisch-exemplifizierter Verlegenheitspenetrationen im Kontext zu isometrischen Dominanzen des späten Kiergegaard besticht durch eine aphoristische Genauigkeit von trotzigster Begründungsaskese.

Auch „Die Liebe und das Leben mit allen Aufs und Abs“ hätte ja als wesentliche Aussage genügt. Aber mitnichten bei dem Qualitätsbewusstsein dieser journalistischen Elite-Illuminatoren. Denn die sprachliche Sensibilität „……mit all den Aufs und Abs“ erweitert die kohärente Gratwanderung um romantische Dimensionen im Duktus von Eichendorff.

Und die Verteilung politischer Akzente muss gewürdigt werden. Denn wer denkt nicht bei „Abs“ an Hermann Josef Abs. Denn bei Abs ging es immer Aufs und Abs. Während des Kriegs und danach.

Selbst erotische Dimensionen sollte man bedenken. „Nun runter das Höschen, ran ans Schößchen und drauf aufs Möschen“ (pubertäre Gesänge, 7.Klasse) und Aufs und Abs und Aufs und Abs und Aufs und Abs……

Ich begrüße diese journalistische Bereitschaft zu komplexer Anwendung der Sprache, der Schrift, die wiederum die Willigkeit des Adressaten zu tiefen Gedankensystemen aktiviert.

Bei dieser Vielseitigkeit interpretatorischer Möglichkeiten dachte ich auch an Ab(e)ssinien, das heutige Äthiopien. Doch bei diesem sprachlichen Lapsus hätte Kaiser Haile Selassie vermutlich in seine Krone gebissen.

Und selbstverständlich kann man sich den spachästhetischen Ausdehnungen der „Aufs und „Abs“ nicht entziehen.
Die „Aufs und Abs“, man liest, hört und sieht es einfach gern.

Die „Aufs“ und die „Abs“, eine endlose Geschichte philosophischer Mehrzweck-Relationen.

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Erwin Geschonneck als Holländer-Michel

Doch wer ist Michelle? Ich kenne nur „Michelle“ als Titel der Beatles aus dem Album „Rubber Soul“ von 1965, dessen Musik mir nicht so recht behagte („Girl“).
Meine bevorzugte Beatles-Ära kam dann zwei Jahr später mit „Penny Lane“, „I’Am the Walrus“, „Hello Goodbye“, „Strawberry Fields Forever“……

Außerdem erinnere ich mich an den Holländer-Michel aus Hauffs Karawanen-Geschichte „Das kalte Herz“, neben dem „Feuerzeug“ und der „Geschichte vom kleinen Muck“ der wesentlichste Märchenfilm aus Babelsberg zu DDR-Zeiten.
Michel und Michelle, keine vollständige Übereinstimmung, doch das kann bei Leipzigs größter Tageszeitung schon einmal passieren und nicht immer erwarten.
Doch würde man diesen Kopf (Bild oben) im Leipziger Gewandhaus den Bühnenzutritt gestatten?

Mitte der 70er Jahre, während der Leipziger Tage des Dokumentar-u.Kurzfilms, gab es umfassende Amüsements-Aktionen der Teilnehmer, u.a. mit Erwin Geschonneck in einer Kellerbar des Hotels Astoria. Schon befriedigend besoffen, gelang uns mit studentischer Kleidung und ersten Zeichen der Verwahrlosung dennoch der Eintritt. Eine gefühlte Million Menschen waberte durch heiße Räume.
Ich griff auf dem Bar-Tresen zum erstbesten Glas mit einem teuren Mix-Getränk, ließ es durch meinen Rachen strömen und spürte bald eine kraftvolle Kommunistenhand auf meiner Schulter. Erwin Geschonneck rülpste lärmend über meine Unverschämtheit.
Ich bat um Vergebung, doch Urkommunist Erwin bestand auf seinen kommunistischen Statuten: Alles für den Arbeiter, alles für das Volk. Und ich zahlte sein neues Gesöff im Wert von etwa sieben studentisch-billigen Flaschen Mehrfruchtwein.
Trotzdem war er ein passabler Schauspieler und verstarb mit 101.

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Ich wollte eine Scheibe von Akira Rabelais erwerben. Doch erschien mir das Preisangebot etwas gewalttätig. Vielleicht gibt es noch einem zweiten Versuch.

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März 2, 2015 Posted by | Leipzig, Presse, Sprache, Verstreutes | Hinterlasse einen Kommentar