Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne, Cy Twombly in Altenburg, Kinderzeichnungen, Andrea Berg und die Dumpf-Knorpelei bei der Leipziger Volkszeitung

Ab morgen gibt es im Altenburger Lindenau Museum eine Ausstellung mit der Kunst Cy Twomblys

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Cy Twombly

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Cy Twombly
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Die vergnügt-verwegene Journalistenherde bei Leipzigs größter Tageszeitung (LVZ) wählt souverän als Überschrift für die Ausstellungsankündigung ein launiges:

„Kritzeleien wie Kinderzeichnungen.“

Tiefschürfend und mit intellektuell zwingend vorgetragener Konsequenz wird diese Einsicht vertieft, mit einem grandios durchdachten:

„Experten attestieren ihnen den Charakter misslungener Kinderzeichnungen.“

Mit „ihnen“ meint man Twomblys Bilder.
Haben sich diese Matadoren der Einfältigkeit je eine Arbeit Twomblys vor ihre Ignorantengesichter geschoben und wer hat sie beauftragt, die Leser mit läppich-beknackten Klischees zu behelligen? („Dieses Gekrakele kann auch mein dreijähriger Sohn“)
Der Vergleich mit Kinderzeichnungen wäre an für sich keine Schmähung, wenn man sie mit angemessenem Ernst beachtet.
Doch im Zusammenhang mit der Grundstruktur des LVZ-Blattes erhält diese geschriebene Sülze eine dümmlich abwertende Tendenz.

„Experten attestieren…. “ Ich kenne diese „Experten“ nicht, welche die Journalisten aus ihren Banausenhüten zaubern und das wird auch so bleiben.

Denn es sind diese Dumpf-Knorpel, die Giotto nicht von Willi Sitte unterscheiden können, die militant auf das „Geschmiere“ reagieren und derartige Kunst, z.B. von Twombly, nur Kindern und „Bekloppten“ zuordnen.
Sich selbst aber mit der Sehnsucht nach schwarz-weißer Prägnanz und simpler Interpretationswut befriedigen und die vor einer Kunst abknien, welche mit ärmlicher Eindeutigkeit bei Inhalten und formalen Lösungen ihrer intellektuellen Schwerfälligkeit entspricht.

Experten, ich ordne mich gern dazu, achten Twombly als einen der bedeutendsten, noch lebenden Künstler und vergleichen seine Kunst nicht mit misslungenen Kinderzeichnungen.

Warum muss Leipzig ein derartiges Wurstblatt ertragen, mit dieser unsäglichen Andrea Berg auf der heutigen Titelseite und dem Hinweis auf Twombly als scheinbar infantilen Imitator gefloppter Kinderkunst.

Reicht mir schnell den Übelkübel,
sonst wird mir ohne Kübel übel

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juergen-henne-leipzig@web.de

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Mai 23, 2009 Posted by | Kunst, Leipzig, Presse | 1 Kommentar

Nachtrag zum vorgängigen Text (8.Mai) und Thomas Brussig, Uwe Tellkamp, Ingo Schulze, eine anbiederungsgigantische Literaturkritik und eine Herde von Vespinae, Untergruppe der Vespidae

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Jürgen Henne auf der Suche nach einer Literaturkritik (+Kunstkritik) ohne Herden-Ekstase, ohne nachplappernde Anbiederungsgiganten, aber mit Risikomentalität und vor allem mit der sprichwörtlichen „Eigenen Meinung“

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Thomas Brussig glaubt, Bukowski und Philip Roth in seine Vorkämpferkolonie aufnehmen zu müssen. Ein Kritiker mutet Salinger einen Vergleich mit Brussig zu und die Einordnung des Recken der „Sonnenallee“ als „Balzac vom Prenzelberg“ wurde scheinbar auch schon in Erwägung gezogen.
Ingo Schulzes „Simple Storys“ werden mit Hemingway verglichen und dessen „Neue Leben“ mit E.T.A.Hoffmann und den Brüdern Grimm.

„Für sein erstes Buch „33 Augenblicke des Glücks“ orientierte er sich an Meistern der russischen Moderne, für das zweite, „Simple Storys“ an amerikanischen Vorbildern wie Sherwood Anderson oder dem Lakoniker Raymond Carver, und in seinem furiosen Briefroman „Neue Leben“ knüpfte er klug an einige der ehrwürdigsten Traditionen der deutschen Literaturgeschichte an.“ („Welt“ über Ingo Schulze.)

Schulze knüpft an gar nichts an. Weder an russische, noch an amerikanische und deutsche Traditionen. Ingo schreibt eben wie Ingo, und das ist unverwechselbar und eine Tortur.
Ich habe in einem mitteldeutschen Kultursender reichlich Lesungen aus Schulzes „Adam und Evelyn“ zu Kenntnis genommen. Schon dieser Buchtitel ist eine Zumutung.

Und ich erstarrte auf meinem Stuhl, schon bei den ersten Sätzen. Diese Starre wurde nur durch eine Fäulnis meiner Gehörgänge aufgelockert, je länger ich mir diesen akustischen Masochismus zumutete. Mich faszinierte diese sprachliche und intellektuelle Dürftigkeit, diese Askese bei stilistischer Sensibilität und gedanklichen Ansprüchen. Was ist los im literarischen Deutschland, wenn Brussig, Schulze oder Tellkamp als Nationalldichter hofiert weden?

Tellkamps „Turm“ wird mit den „Buddenbrooks“ verglichen und auch Hofmannsthal bzw. Richard Strauss bekommen ihr Fett weg. Denn ein Kritiker findet Anhaltspunkte, dass in Tellkamps Roman in irgendeiner Dresdner Bruchbude eine Figur wie die Marschallin aus dem „Rosenkavalier“ gehaust haben soll……Moment, mir wird kurz übel…. Und irgendwie muss im „Turm“, entdeckt scharfsinnig ein anderes Kritikfrettchen, auch nach der Zeit gesucht werden. Also müssen Vergleiche mit Proust ran. Hesse, Döblin, jeder darf den „Turm“ besteigen…..mein Gott, ist das alles dürftig.
Was ist nur los im literaturkritischen Deutschland?

Da lese ich eher Thomas Bernhard, Wolfgang Hilbig und Kurt Drawert, um im deutschsprachigen Raum zu bleiben. Hochwertige Literatur.
Oder Bräunig und Clemens Meyer. Nicht ganz so hochwertig, doch aufrichtig und ohne kalkuliert-triefenden Blick auf Marktstrategien, mit einer erbärmlichen, teils lächerlich-infantilen Verbiegung der eigenen Biografie der 80er Jahre (Tellkamp).

Oder…..

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…ich liebkose optisch meine Lieblingsblume

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….schwelge im Dunst von Weißdorn und Bärlauch im nahen Rosenthal

Herr Henne a. nach Wespenstich

….oder ich verdeutliche einer Herde von Wespen den Unterschied zwischen Sympathie und Antipathie und vertiefe in ihrer Anwesenheit meine Ahnung, sie in die zweite Kategorie einordnen zu müssen.

(Jürgen nach einem Wespenstich)

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Mai 15, 2009 Posted by | Leipzig, Neben Leipzig, Presse, Verstreutes | Hinterlasse einen Kommentar

Jürgen Henne, Monet, Judith Hermann, Jenny Hoch, die Lust an dürftigen Metaphern und die Orgasmen der Literaturkritiker

Und weil ich gerade von labernder Entbehrlichkeit schreibe, hier ein Text über Judith Hermanns „Alice“ (SPIEGEL ONLINE, vorgestern):

„Mit der Lupe sollte man sich ein Gemälde von Claude Monet nicht unbedingt anschauen. Man bekäme nichts als verwischte Tupfer zu sehen, grobe Pinselstriche und flimmernde Formen. Tritt man jedoch einige Schritte zurück, enfaltet sich das große Ganze in all seiner Virtuosität.
Ähnlich wie die Bilder des französischen Impressionisten funktionieren auch die Erzählungen der Berliner Autorin Judith Hermann. Liest man sie Satz für Satz, wirkt ihr Stil oft ungelenk, die Metaphern sind bisweilen dürftig, einzelne Wörter unpassend.
Doch hält man ein wenig Abstand und überlässt sich ihrer schwebenden Suggestivität entwickeln sie einen Sog, dem man sich nur schwer entziehen kann.“

Schon die Zusammenführung von Monet und Judith Hermann innerhalb weniger Zeilen ist eine Zumutung. Aber genau diese bombastisch zelebrierten Nullnummern meine ich, diese „tiefschürfende Wichtigkeit“ und geschwätzige Grundtendenz, bei denen ein Semikolon oder ein nichtssagendes Adverb übrigbleibt, wenn man die Luft entweichen lässt, um die Substanz zur Kenntnis zu nehmen.

Ich schaue mir gern Bilder Monets von der Nähe an, auch von Seurat und Sisley und genieße deren ästhetische Vollendung. Von der Ferne natürlich ebenfalls, da hat unsere Verwalterin aller Geistesblitze, Jenny Hoch, natürlich recht.
Sicherlich werden sich, entsprechend des Blickwinkels und der Entfernung, auch Kompositionen, Perspektiven und inhaltliche Bezugspunkte neu formieren.
Doch ist das eine andere Sache. Und es sollte kein Grund sein, vor einem Bild Monets in Nahdistanz auszukotzen. Denn dessen Genialität erkennt man in jedem Molekül, nur vielleicht Jenny Hoch nicht, zumindest nicht von der Nähe.

Und wenn der Schreiberei Judith Hermanns ein ungelenker Stil, dürftige Metaphern und unpassende Wörter bescheinigt wird, etwas schlicht aber treffend beschrieben, kann sich bei mir keine „schwebende Suggestivität“ und ein Sog entwickeln, „dem man sich schwer entziehen kann“.

Diese polternde Vergleichshysterie zwischen Literatur und bildender Kunst treibt mich ohnehin zur Misslaunigkeit, da gibt es schon einige Sonderpositionen bei der Rezeption, die ich jetzt nicht erläutern will und die Jenny Hoch sicher nicht verstehen würde.
Doch gönnen wir Frau Hoch diesen Abstand, diese suggestiven Kulminationspunkte, angeheizt mit lausigem Stil, mit dürftigen Metaphern und unpassenden Wörtern.

Doch wie weit muss dieser Abstand eigentlich sein? Bei Monet könnte man das Entfernungsproblem mit gängigen Längenmaßen klären, ein Meter, zwei Meter, drei Meter, u.s.w. Doch bei Judith Hermanns Wortzusammenstellungen in gedruckter Form scheinen die räumlichen Zusammenhänge etwas diffiziler und könnten sich als Problem der Augenmuskulatur erweisen….Heiterkeit…brüll….schnauf…hechel…
Doch von dieser Literatur kann man sich gar nicht weit genug entfernen.
Den Text von Jenny Hoch habe ich nicht beendet. Da bekommt man ja eine Augen-Angina. Auch nicht die Bücher von Judith Hermann und Julie Zeh, von Tellkamp, Brussig und Ingo Schulze. Während die Kritiker sich scheinbar von Orgasmus zu Orgasmus lesen. Was ist nur los im literarischen Deutschland?

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Mai 8, 2009 Posted by | Kunst, Leipzig | 1 Kommentar