Juergen Henne Kunstkritik

William Turner, Jürgen Henne, 200 000 – 300 000, Bowie als Warhol, Hofman als Capote, Spall als Turner, Präraffaelismus, Blechens Walzwerk (von außen), animalische Grunzerei, Rückenentknorpelung, Rausch der Ästhetik, ein barfüßiger Paul, Henryk Górecki, das Haustier der Saison und Hennes Rembrändte

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William Turner, kurz vor einer ziemlich rumpelnden Kopulation mit Sophia Booth, Lebensgefährtin der letzten Jahre. Schrank und Wand im Hintergrund hielten stand.

Künstlerbiographien sind mitnichten meine Motive für Kinobesuche oder heimische Filmveranstaltungen.

Ich denke dabei z.B. an einen Streifen über das scheinbar qualvolle Leben des Giuseppe Verdi. Arm, siechend, von der Welt gemieden, soll er in irgendeiner wanzigen Dachwohnung verschieden sein, immerhin mit fast neunzig Jahren. Für die damalige Zeit eine durchaus befriedigende Lebensspanne. Diese Filmheinis, irgendwann in den 30/40 Jahren des vergangenen Jahrhunderts, missachteten aber z.B. leichtfüßig die Tatsache, dass Verdis Sarg, trotz „Armut und Einsamkeit“, 200 000 bis 300 000 Trauergäste folgten, mit Toscanini als Vorsänger.

Bei derartigen Werken wurde und wird verfälscht, gelogen, romantisiert, idealisiert bis das Zelluloid schmilzt und sich die Filmrollen zu Quadraten verbiegen. Bei Formans „Amadeus“, „Pollock“, immerhin mit Ed Harris in der Titelrolle oder „van Gogh“ mit Kirk Douglas zündeten meine intellektuellen und emotialen Reibungsflächen nur notdürftig.

Schnabels „Basquiat“ mit einer vorzüglichen Schauspielertruppe ( del Toro, David Bowie als Andy Warhol, Dennis Hopper Christopher Walken, Gary Oldman) erfreute  durchaus, doch ohne mich nachhaltig zu beeindrucken.

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Philip Seymour Hofman als Truman Capote

Doch kann ich Ausnahmen natürlich nicht ausschließen. Während Capotes Biographie gingen mir dann doch einige Lichter auf. Mit meinem hochgradig geschätzten Philip Seymour konnte sich eben nie künstlerischer Kehrricht entwickeln.

Seit einigen Wochen gibt es nun „Mr Turner-Meister des Lichts“, die letzten zwanzig Jahre des William Turner 1775-1851).

Durchaus bemerkenswert. Während z.B. Rossetti, Millais, Burne-Jones, Hunt und F.M. Brown ihren feinpinseligen Präraffaelismus zelebrierten, malte sich Turner im Exzess bis an die Grenze zur Ungegenständlichkeit. Nur bei Constable, etwa gleichaltrig mit Turner, sollte man ähnliche Neigungen festellen können, zumindest in Bilddetails (wolkiger Tumult).

Auch Turners Aufnahmebereitschaft zur malerischen  Bearbeitung der Industrialisierung im 19. Jahrhundert ist erstaunlich. Sicherlich gab es Carl Blechen, der schom um 1830 ein Walzwerk malte (von außen), vierzig Jahre später dann Menzel (von innen). Doch eine derartige Euphorie diesen Dingen gegenüber hatte nur Turner geboten.

Timothy Spall verkörpert den Maler, ihn kenne ich auch aus Burtons „Sweeny Todd“ und als Churchill in „The King`s Speech“ und er fasziniert zunächst durch eine sündhafte Unansehnlichkeit, an die man sich aber, wie das eben so ist, bald gewöhnt.

Doch vermisse ich  auch in diesem Film die Schärfe der kulturhistorischen Beschreibung. Und ein alberner Durchmarsch der englischen Königin mit banalen Textbeiträgen durch einen Bildersaal verärgert eher. Auch die Kollisionen der einzelnen Künstler untereinander, teils wundervoll komisch, verharren aber oft auf der Ebene eines Kalauers, ohne geschichtliche Dimensionen.

Sicherlich geschehen dabei auch schauspielerische Kabinettstücke, z.B. Joshua McGuire als John Ruskin oder Martin Savage als Historienmaler Haydon, doch bleibt es oft Geplänkel.

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William Turner (Timothye Spall)

Timothey Spall spielt natürlich sensationell, seine Getriebenheit, sich psychischen und physischen Grenzbereichen zu nähern, verblüfft durch eine Intensität, die mitunter schwer erträglich ist. Er spachtelt, wischt, drückt und knetet auf der Malfläche, sein Gesicht ähnelt dann Teilnehmern der Dornenkönung  innerhalb der altdeutschen Malerei.

Diese farblichen Donnerkeile, mit denen Turner über die Flächen furcht, verlieren aber nie ihre Disziplin, folgen akribisch den Fingerzuckungen ihres Herrn und fügen sich zu einem Lichttumult, beispiellos für diese Zeit vor über einhundertunfünfzig Jahren.

Turners Bereitschaft, sich soziale Bindungen zu erarbeiten, die zumindest einen mittleren Standart erfüllen, blieb weitgehend auf seinen Leinwänden kleben.

Beiträge zu Gesprächen reduzieren sich nicht selten auf mürrisch animalische Grunzerei, das Outfit ist geeignet, aus der Leinwand zu riechen und er dringt mit der Gewalt eines Wisents von hinten in den weiblichen Schoß, während er scheinbar den Rücken der Frau entknorpelt. Doch bleibt es nicht ausschließlich bei der rüden Kotzkiste. Gerade bei dem Verhältnis zum Vater (seine Mutter dämmert in der Psychatrie) und der Demut vor Natur, Licht und Sonne zeigt Regisseur Mike Leigh die schillernd widersprüchliche Existenz Turners.

Neben Spall sind aber Licht und Farbe die wichtigsten Handlungsträger des Films. Auch ohne den Filmtitel zu kennen, bringt schon das erste Bild, eine holländische Mühlenlandschaft, die Erkenntnis, in die Koloristik Turners abtauchen zu dürfen. Diesem Muster folgt der Film bis ins Detail und es fügen sich Bilder von unbeschreiblicher Schönheit. Doch nicht nur in landschaftlichen Arealen, gleichfalls zwischen Turners eigenen Wänden entfaltet sich ein Rausch der Ästhetik.

Der Legende nach verschied Turner mit dem Schrei: „Die Sonne ist Gott“.
Was sollte er sonst sagen, es ist die Zusammenfassung seiner Kunst.

2 1/2 Stunden Film, die man sich leisten sollte.

Wortkunst des Tages:

Waldbrände——Obstbrände——Rembrändte (Henne, November, 2014)

Versteigerung des Tages

Eine sechsteilige Reihe des Plattencovers von „Abbey Road“ der Beatles in London für 230 000 Euro. Kurz nach der Veröffentlichung der Scheibe wurde über den Tod von McCartney spekuliert. Denn er lief barfuß über den Zebrastreifen, Harisson mit Jeans als Totengräber, Starr in Predigerkluft und Lennon in Weiß, gleichfalls irgendwie ein tötliches Symbol. Großartig.

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Gemüse des Tages, eigene Ernte

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Haustier der Saison ( Balkon Henne, Herbst, 2014)

Musik des Tages

Henryk Górecki:
3.Sinfonie. Sollte man immer wieder einmal hören. Meines Erachtens das einzige „klassische“ Stück, welches sich in den Pop-Charts platzierte.

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November 23, 2014 Posted by | Film, Kunst, Leipzig | Hinterlasse einen Kommentar

Jürgen Henne, Messehaus am Markt, Leipziger Herbstsalon, Deppen im Angst-Koma, Heisig und Neumann, Jürgen Henne als Carl Lewis, eine sozialistische Kunsterklärerin, eine Fahrt nach Colmar und Borcherts Türprobleme

Leipzig, Markt, Messehaus am Markt

Leipzig, Messehaus am Markt, Eingang, ich vermute in den sechziger Jahren, Ort des ersten Leipziger Herbstsalons 1984, im Hintergrund Lotters Rathaus

Mitte November vor dreißig Jahren wurde der erste Leipziger Herbstsalon eröffnet, natürlich als Huldigung an Herwarth Waldens Salon im Berliner Spätsommer 1913, der sich wiederum am Pariser Salon d’Automne (1903) orientierte.
Obwohl die Veranstaltung eine One-Hit-Nummer blieb und die jährlich folgenden Herbsttage keine ungewohnt schrägen Farben durch ähnliche Ausstellungen erhielten, entfaltete die „Unverschämtheit“ spätjugendlicher Künstler, diese Verhöhnung kulturpolitischer Riten doch eine beträchtliche Wirkung auf den Status der penetrant-dümmlichen Abläufe in Leipzigs Rathäusern.
Ich hatte die Freude, schon vor der Eröffnung durch den großen Raum im Messehaus am Markt zu rauschen.

Das muss man sich vorstellen. Im Messehaus am Markt, also richtig schön im Stadtzentrum. Und noch während der Dokumentarfilmwoche, eine Zeit, in deren Verlauf wenigstens einige Fremdsprachen in den Straßen um den Lotter-Bau tönten.

Die Leipziger Partei-Deppen entschieden sich für ein Angst-Koma und Bernhard Heisig, damaliger Rektor der Graphikhochschule für Zurückhaltung, obwohl ich mir nicht vorstellen konnte, dass ihn diese Kunst zu Euphorie-Hymnen getrieben hat.

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Bernhard Heisig, Bildnis Vaclav Neumanns, damaliger Dirigent des Leipziger Gewandhauses

Meine Hinwendung zu Heisigs expressiv-gestischer Malerei war schon immer erheblicher als zur unansehnlichen Fein-Pinselei, z.B. eines Heinz Zander…..Wenn ich derartige Bilder sehe, entwickle ich den Dampfhammer-Rhythmus eines Carl Lewis und beende erst meine Flucht, wenn ich in einem fernen Wald gegen eine Knorpelkiefer krache.

Jedenfalls gelang Lutz Dammbeck, Günter Firit, Hans-Hendrik Grimmling, Frieder Heinze, Günther Huniat und Olaf Wegewitz, geboren zwischen 1947 und 1950, außer Huniat, Jahrgang 39, durch die illegale Mietung eines zentralen Raumes für eine, mit den diktatorischen Kultur-Heinis nicht abgesprochene und damit unerlaubte Ausstellung eine Aktion, die durch Mut, Trickserei und hohem Selbstbewusstsein der Teilnehmer doch einen beträchtlichen Sog entwickelte.
Fünf Jahre vor dem Sturz dieses Ekel-Landes.
Offiziell änderte sich nichts. Dammbeck, Firit und Grimmling übersiedelten in den westlichen Teil Deutschlands.

Doch die Gedanken zahlreicher Künstler, Kunstfreunde und anderer Zeitgenossen, die ihre Leibeigenschaft abstreifen wollten, schweiften schon Richtung 1989, mit dem Gedanken an zukünftige Herbstsalons als Katalysator.

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Hans-Hendrik Grimmling, ich vermute, Beginn der achtziger Jahre

Ich erinnere mich dabei an die Führung innerhalb einer Dresdner Kunstausstellung der achtziger Jahre.
Eine Gruppe von Aktivisten der sozialistischen Nahrungsmittelindustrie durchstreifte die Säle.
Grimmling pflegte damals nicht selten einen Rot-Schwarz-Kontrast.

Und es kam die Frage an die sozialistische Kunsterklärerin:“ Mit der roten Farbe, das verstehe ich, das ist das Blut der Arbeiterklasse. Aber warum dann gleich das Schwarz?“
Darauf die sozialistische Kunsterklärerin: Das bedeutet den Kapitalismus, der die Arbeiterklasse ausbeutet.“
Mein Speierei-Beutel war gut gefüllt.

Erlebte Kunstpädagogik in der DDR.
Diese Wiedergabe entspricht dem tatsächlichen Dialog. Ich habe und hatte immer ein Notizbuch am Körper.

Musik der Woche

Kevin Ayers and the Whole World: „Shooting at the moon“
Scott Walker:“The Drift“
Arvo Pärt: „Te Deum“

Altar der Woche

Isenheimer Altar von Grünewald. Vielleicht morgen gleich nach Colmar fahren.

Literatur des Tages:

Wolfgang Borcherts „Draußen vor der Tür“ kann nie schaden. Auch zu dieser Stunde.


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November 17, 2014 Posted by | Geschichte, Kunst, Leipzig, Neben Leipzig | Hinterlasse einen Kommentar

Jürgen Henne und Rosetta, ein kippender Eimer (?), Maggi, Quarks, „immer schon da“ um 3 Uhr in der Nacht, Dänikens Tausendfüßler, Pakals Sarkopharg, Heizungsmonteure in Meppen und der tausendfüßlige Tinguely

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Komet

Am heutigen Morgen referierte im Deutschlandfunk ein Weltraumfachmann über die Sonde Rosetta, die in Bälde ihr Gepäck auf einem Kometen entladen wird.
Er spricht durchaus fesselnd über die Struktur des Kometen, über den siebenstündigen Fall dieser Kiste für 22 Kilometer, über Risiken und die geschichtsträchtige Bedeutung dieser Aktion.
Er beschließt mit der Hoffnung, dass der kühlschrankgroße Eimer nicht umkippe.
Von Eimer sprach er natürlich nicht, aber von „umkippen.“

Da wird ein Abenteuer für 1 200 000 000 Dollar inszeniert, zehn Jahre unterwegs, also eine Aktion, deren technisch-wissenschaftlicher Anspruch mich einfach überfordert und dann könnte das Ding „umkippen“.
Diese sprachliche Zusammenführung von Wissenschaftsgeschichte und Alltäglichkeit hat mich erfreut. Als würde ein Zahnputzbecher umkippen. Oder eine Flasche Maggi. Man hätte vielleicht einen Satz über Stabilität oder Labilität erwartet. Doch blieb es beim „umkippen.
Ich liebe diese gutartigen Sprachreibereien.
Als mathematisch-physikalisches Rumpelstilzchen habe ich von diesen Abläufen natürlich Null-Ahnung und lasse mich dennoch seit Kindheitstagen davon faszinieren.
Mit schwarzen Löchern, roten Riesen, gekrümmten Zeiten, Paralleluniversen, Antimaterien, Neutrinos, Quarks……und alles, was bei CERN so läuft kann ich schon ein paar Prozent meiner Freizeit verbringen.
Und die Vorstellung, dass die Masse aller Galaxien „schon immer da war“ aktiviert meine Transpirationsdrüsen, vor allem morgens um 3 Uhr bei Schlaflosigkeit.

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Palenque, Chiapas, Tempel der Inschriften, Mexiko, 7.Jahrh.n.Chr.

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Grabplatte Pakals I. Palenque, Tempel der Inschriften

Und eine zweite Kosmosgeschichte

Im 16./17. Lebensjahr las ich Erich von Dänikens „Erinnerungen an die Zukunft“. Irgendwie ist der Band über die Grenze gekommen.
Und ich war tief beeindruckt. In diesem Alter ziemlich normal und als Alternative für diesen öden, langweiligen Kommunistenkram zwingend.
Ich saß auch 1990/91 bei der ersten Lesung Dänikens im damaligen Leipziger Capitol im vorderstem Parkett.
Meine Faszination wurde aber erheblich reduziert, immer der gleiche Quark.

Nun stand ich vor einigen Jahren selbst vor dem Sarkopharg Pakals I. im Tempel der Inschriften (Palenque), einem wichtigen Ajaw der Maya-Zeit des 7.Jhr und auch ein wichtiges Teil Dänikens für seinen Glauben, dass schon irgendwelche Tausendfüßler die Erde heimgesucht haben.

Sicher kann man bei dieser Grabplatte an ein technisches, „außerirdisches“ Instrumentarium denken (Raumschiff).
Nach einer Pulle Tequila würde ich auf der Fläche auch einen Urahn Neukadnezars erkennnen oder einen Heizungsmonteur bei der Arbeit in Meppen.

Oder die Sonderform einer Installation des tausendfüßligen Tinguely und den Ausschnitt aus Niki de Saint Phalles Innenarchitektur in der Toskana.

An meine Wahrnehmungshysterie nach der zweiten Pulle Tequila will ich gar nicht denken.

Aber vielleicht ist es auch nur traditionelle Ikonograhie der Mayas in dieser Zeit, mit traditionellen Dekors, mit Symbolen des Herrschers Pakal und seines Eintritts in die Unterwelt.
Natürlich hinterlassen aus einer anderen Kultur als der eidgenössischen.

Das sollte Erich, der Schweizer nicht übersehen.

Vielleicht sind es aber auch außerirdische Tausendfüßler, wer weiß das schon.

Musik der Woche

Alban Berg ——– Lulu + Wozzeck


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November 12, 2014 Posted by | Geschichte, Leipzig, radio | 1 Kommentar

Jürgen Henne und die unregelmäßig bearbeitete Serie: „Jürgen Hennes Kulturtipps.“ Heute: Horst Janssen. Außerdem Peter Hilles Schönheit, Corinths Hille, widerborstige Beurteilungskultur, Triegels Seitensteller, Malgrund-Quäler und Wein aus Museumsbeständen

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Horst Janssen, wenige Jahre vor der Verbleichung


„Ich bin die Gnade Gottes“, Film über Horst Janssen von Bernd Boehm und Hinrich Lührs.
Am 9.11.2014, 13.45, Arte
Am 16.11.2014, 12.45, NDR

Was für beknackte Sendezeiten.
Über Janssens Zitat, welches dem Film den Namen gibt, werden sich schlichte Gemüter wieder gnadenlos aufregen
„Mein Gott, ist der arrogant, was der sich einbildet.“ Und so ähnlich.

Vergleichbar mit einem Reclam-Band, in Leipzig 1975 veröffentlicht, mit dem Titel:“Ich bin, also ist Schönheit“. Gedichte, Aphorismen…..von Peter Hille.
„Mein Gott, ist der arrogant, was der sich einbildet und wie sieht denn der überhaupt aus, der Assi“.
Ein Sturm der Entrüstung fegte durch mein Einzugsgebiet, auch im familiären Rahmen

Das war 1975, heute hat sich doch einiges verändert, doch Reste dieser Beurteilungskultur halten sich noch widerborstig.
Allerdings verweigere ich auf diesen Ebenen weitere Debatten.

Es gibt ein wundervolles Bildnis Hilles von Corinth (Kunsthalle Bremen)
Die Kunstsammlungen Chemnitz hatten es einmal für einige Monate ausgestellt, wegen Renovierungen in Bremen.

Und einer geht noch.
Bei einem öffentlichen Gespräch Horst Janssens mit dusslig sülzenden Theoretikern nippte er regelmäßig an seiner Weinpulle. Auf die entsprechende Frage antwortete Janssen: „Ich muss mich erst einmal auf euer Niveau heruntersaufen.“
Sehr gelungen.
„Mein Gott ist der arrogant…..“

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Horst Janssen und ? , auffällig früher.

Janssen war ja nun tatsächlich ein wackerer Säufer vor dem Herrn. Während einer Ausstellungseröffnung in Leipzig der 80er Jahre taumelte er zunächst etwas unanständig, nicht in der Lage, einige Worte zu sagen. Er erhielt eine Flasche Rotwein aus Museumsbeständen und die Harmonie zwischen Künstler, Jürge Henne und dem Restpublikum wurde hergestellt.

Neben Paul Wunderlich u.a. agierte besonders Janssen in meinen frühen Jahren als Synonym für gewaltige Kunst in Deutschland.

Denn die Kunst in der Zeit um 1970 in meiner östlichen Heimat nervte mich zunehmend.
Die sogenannte „Leipziger Schule“ hatte mich nie wirklich interessiert.
Stelzmann, Hachulla, Peuker, Tübke, Zander….langweilten mich mit ihren plakativen, emotionslosen Kram unermesslich.
Ihren verschlüsselten Botschaften kritischen Zuschnitts will ich natürlich eine positive Wirkung nicht verhehlen.

Doch bin ich mitnichten ein Verfechter von Friedrich Wolfs „Kunst ist Waffe“. Ich sehe dann schon immer Banalität am Künstlerhorizont aufsteigen.

Sicher gab es in dieser Zeit auch die etablierten Bernhard Heisig und Hartwig Ebersbach, deren Kunst mir unvergleichlich näher stand.
Oder auch Herrmann Glöckner, Max Uhlig, Carlfriedrich Claus, Gerhard Altenbourg, Dottore…., doch war deren Angebot an Ausstellungen überschaubar und wurde nur wenig propagiert.

Natürlich hat sich mein Kunstverständnis während der vergangenen Jahrzehnte erheblich verlagert, doch Horst Janssen wird bis zu meinem Urnen-Eintritt sein bevorzugtes Terrain im Atlas künstlerischer Wertigkeiten verteidigen können.

Innerhalb des Kommentars zu einer Janssen/Triegel-Ausstellung 2010/11 in Leipzig wurde bedeutungsvoll akzentuiert:…..“wie schon Michael Triegel ein Horst Janssen zur Seite gestellt wurde….“

Na, klasse. Horst Janssen wurde an die Seite von Michael Triegel gestellt. Also ein Zeichner und Graphiker von europäischen Ausdehnungen wird gönnerhaft dem momentan rührigsten Malgrund-Quäler an die Seite gestellt.
Eine Anmaßung.

Kunst des Tages

Ein Band mit Zeichnungen Horst Janssens

Literatur des Tage

Ein Band mit Janssens selbst aufgeschriebener Klugheit

Musik des Tages

Leopold Hurt: Erratischer Block/Dead Reckoning/August Frommers Dinge/Seuring/Schalter

Bad Brains: Bad Brains



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November 4, 2014 Posted by | Film, Kunst, Leipzig | Hinterlasse einen Kommentar