Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne und die unregelmäßig bearbeitete Serie: „Geschichten, die das Jürgen schreibt“, Sofia Gubaidulina und gelbgewelkter Hammerhopfen in Dresden, Käthe Kollwitz in Moritzburg, fettige Handballen bei Brahms, Jeans von Masur, Friedrichs Gehege ohne zerflossene Schweinenieren, Beleidigungen in Kolumbien, Ludwig Münstermann, Grenzen der Paula Modersohn-B., ein heiliges Quartett, abseits starrer Ikonographie, Einsamkeit und Ziegen in Anzy-le-Duc und Bockwürste vor gotischen Portalen

Moritzburg b. Dresden, 18.Jahrh., Jagdschloss August d. Starken

In der Gemeinde Moritzburg lebte 1944/45 Käthe Kollwitz, bis zu ihrem Tod.
Im Rüdenhof, jetzt Gedenkstätte für KK.
Besonders wichtige und kenntnisreiche Zeitgenossen kämpften nach der Wende ja vehement, dass z.B. die Leipziger Käthe-Kollwitz-Straße ihren Namen verliert.
Sie reproduzierten scheinbar mühselig in ihren Geleeköpfen die Tatsache, dass Käthe Kollwitz z.B. die Grablegung Karl Liebknechts und Bilder der Anteilnahme, der Trauer und Solidarität für das hungernde Russland fertigte.
Deshalb wurde sie sofort in die Kategorie „Kommunistische Sau“ eingeordnet.
Hätte sich dieser Wunsch allgemein etabliert, bis zur Möglichkeit zu dessen Umsetzung, wäre ich in einen Panzer gestiegen.

Innerhalb des Moritzburger Musikfestivals gibt es im Palais Großer Garten Dresden am 10. August ein Kammerkonzert mit Musik von Brahms, Saint-Saens und Sofia Gubaidulina, für mich das weibliche Klangcharisma zeitgenössischer Tonkunst.
Sie ist selbst anwesend, einundachtzigjährig, Brahms dagegen nicht, er ist weder einundachtzigjährig noch anwesend.
Das Konzert wird aber integriert in eine Fressorgie. Irgendein Neun-Sterne-Koch produziert vielleicht irgenwelche flambierte Ellenbogenröllchen des südbolivianischen Nüstern-Nutrias mit zarten Unterblüten des gelbgewelkten Hammer-Hopfens, dazu korrespondierende Weine.
Vielleicht gibt es aber Mitbürger, welche nur die Musik hören wollen, ohne rülpsende Nachbarn, Knoblauchgeruch, spitze Finger, die in Karieshöhlen buhlen und Applaus mit fettigen Handballen.
Ist aber nicht möglich und es werden markige 195 EURO fällig, wegen der Ellenbogenröllchen und des Hammer-Hopfens.
Das Konzert mutiert also zu einem gesellschaftlichen Ereignis nobel gekleideter Herrschaften mit feinen Geschmackssensoren und einer Liste genormter Schicklichkeiten, von denen sicher bisher nur wenige den Namen Gubaidulina gehört haben.

Und ich werde mir jetzt Pellkartoffeln mit Quark gönnen und danach Gubaidulinas „De profundis“ für Bajan oder „Offertorium“ mit Gidon Kremer hören.

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Kurt Masur

Ich erinnere mich dazu dankbar an die Stellungnahme Kurt Masurs in tiefen, üblen DDR-Zeiten zu eine Diskussion über angemessene Kleidung in Opern-u. Konzertsälen.
Er meinte inhaltlich, dass er jugendliche Besucher in Jeans mit großem Interesse für die Musik herzlicher begrüße, als Publikum, deren Hauptanliegen in der Darbietung ihrer neuen Garderobe besteht.
Außerordentlich symphatisch.

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Bis 16. September werden zum sechsten mal Malerei, Zeichnung, Objekte, Bildhauerei, Installationen, Videokunst und Mischformen innerhalb der Ostrale im Ostragehege in den Räumen des ehemaligen Schlachhofs verteilt ( Dresden/Friedrichstadt )

Meine Besuche der vergangenen Jahre beschloss ich fast ausschließlich mit einem positiven Urteil und ich prophezeie dieser Kungebung mit Künstlern aus zahlreichen Ländern eine bedeutsame Zukunft.
Das Ausstellungsterrain ist natürlich gewöhnungsbedürftig, es duftet mitunter noch nach dem Handwerk, das über Jahre in diesen Hallen blühte.
Doch zerflossene Schweinenieren und zerfaserte Rinderhoden liegen nicht mehr herum.

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Die Bilder zeigen Einblicke in die Räumlichkeiten.

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Vor vielen Jahrzehnten knieten wir kollektiv vor C.D.Friedrichs Gebirgskreuz, seinem Strandmöch und vor den Herren im Müßiggang ab, deren einzige Beschäftigung scheinbar darin bestand, albern zum Mond zu starren.
Nun tendiere ich dazu, nach großen Erfahrungen und großen Kämpfen mit aller Kunst auf dieser Welt, das „Große Gehege“ als Friedrichs Eliteleistung einzuorden. Zumindest als Versuch, schon das 20. Jahrhundert vorzubereiten, gemalt um 1832, also wenige Jahre vor seinem Tod.
Das „Große Gehege“ entspricht nun geographisch dem Ostragehege. Ein ordentlicher Untergrund für große Ausstellungen.

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Wer kann die Länder Südamerikas auf dieser Karte lokalisieren?
Ich kann es.

Der Fremdkörper in der Einfarbigkeit ist jedenfalls Kolumbien.

Es gibt bei mir Monatsabschnitte, in denen ich recht heftig in Bibliographien graben muss. Und ich nehme dann zufällig und dankbar Titel von Veröffentlichungen zur Kenntnis, die mitunter auf recht drollige Inhalte hinweisen.

Ich fand dabei vor einigen Tagen:

„Verbale Beleidigungen unter Frauen in Kolumbien“
Ein grandioses Thema

Vor einigen Jahren erschauderte ich bei einer Dissertation, welche die Verletzungen des männlichen Genitals bei der Masturbation mit einem Staubsauger untersuchte.

Das ist kein Scherz. Diese Arbeit gibt es, erschienen in den 70er Jahren.

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Detail des Münstermann-Altars in Berne, natürlich von Ludwig Münstermann, Manierist

Es müssen ja nicht immer Ghiberti oder Donatello, Riemenschneider oder Stoß(ss) sein, Bernini, Schlüter oder Permoser.
Auch Bildhauer Münstermann kann es zuweilen richten und uns in einer Provinzkirche viel Vergnügen schenken.

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Während eines Besuches von Worpswede, der meine Gewissheit von der Überbewertung Paula Modersohn-Beckers vertiefte, streiften wir überraschend Berne.

Ich bin nicht gewillt, die Weiblichkeit von Paula MB dadurch zu honorieren, indem ich ihr überregionale Fähigkeiten zuspreche.
Ich wurde dann auch schon einmal in die Kategorie „Frauenfeind“ eingeordnet.
Das ist allerdings zu bekloppt und meine Reaktion beschränkt sich dann auf hochgeleierte Augen.
Kompetente Blicke auf die Arbeiten können nur zu dem Urteil führen, dass ihre künstlerischen Mittel doch recht begrenzt sind.
Ich stellte und stelle mich dazu auch für wuchtige Streitgespräche zur Verfügung, möglichst vor Originalen. Kopien verschleifen oft Unfähigkeit.
Und da interessieren mich Fragen nach weiblicher Emanzipation ähnlich gravierend wie die feuchte Vorhaut meines Briefträgers.
Auch die Kunst von Frieda Kahlo nervt mich erheblich. Ihr Lebensschicksal ist dabei eine andere Geschichte.

Danach könnte man auch gleich Munch verhandeln, zu dessen Bildern ich eine ähnliche Stellung beziehe.
Gleichfalls vor Originalen.

Jedenfalls begingen wir in Berne auch St.Aegidius und frohlockten im Angesicht der vier Evangelisten, üblicherweise durch Engel, Stier, Löwe und Adler betont und als gesetzte und weise Männer im fortgeschrittenen, doch zumindest im mittleren Alter dargestellt, abgesehen von Johannes (oben).

Doch wie das heilige Quartett hier so vor sich hin fläzt, ihre Beinarbeit als ausgesprochen leger beurteilt werden muss, gelinde gesagt, liegt schon etwas abseits der starren und behäbigen Ikonographie.
Regionale Arbeiten mit wundervoll provinziellen Akzenten bleiben auf einer individuellen Erlebnisliste mitunter tiefer haften als die Edelmasse etablierter Kunst.

Anzy-le-Duc, Burgund, Kapitell, Samson stranguliert den Löwen.

Weshalb immer nur vor Vezelay, Fontenay, Beaune, Auxerre oder Autun…..abknien. Gerade in Burgund gibt es zahlreiche Beispiele sakraler Kunst von hohem Wert, in Dörfern und Kleinstädten.
Kennt aber keine Sau.
Ich denke dabei z.B. an die Basilika in Anzy-le-Duc, nur wenige Kilometer von der Loire entfernt. Glanzvolle Architektur, hochwertige Figürlichkeit an Portalen und Kapitellen und bemerkenswerte Wandmalerei.
In einem Nest von knapp fünhundert Einwohnern.
Aber vielleicht ist Anzy-le-Duc doch nicht das prägnanteste Beispiel, in Cluny leben zur Zeit auch nur noch viereinhalbtausend Franzosen. Im Mittelalter war diese Region ein Zentrum der Christenheit.
Und in der Kunstgeschichtsschreibung hat Anzy-le-Duc zumindest eine mittlere Wertigkeit erhalten.
Aber dennoch.
Über drei Stunden zelebrierten wir innerhalb der Kirche und auf dem angrenzenden Territorium eine absolute Einsamkeit. Kein Mensch. Ich glaube, ich kann mich an einige Ziegen erinnern.
Das wahre Paradies.
Bei den Basiliken in Paris, Chartres oder Reims besteht ja die Gefahr, dass man vor einem Portal durch eine etwas heftige Bewegung seinen Nachbarn die Bockwurst oder die Bierpulle aus den Händen schlägt. Oder den Fotografenapparat.
Es gibt ja Touristen, denen entgeht ihr gegenwärtiger Aufenthaltsort, weil ihr Augapfel fest mit der Linse des Fotogerätes verschweißt ist und die ihre dicken Finger nur beim Blättern in der Speisekarte vom Auslöser reißen können.
Und schmatzende Bockwurstbacken und Fotografen, die vor gotischen Portalen nur lästig im Weg stehen, gefallen mir ohnehin nicht besonders.
Dann doch eher nach Anzy-le-Duc oder nach Berne

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Juli 30, 2012 Posted by | Leipzig | Hinterlasse einen Kommentar

Jürgen Henne, Kalenderblätter, Tod in Venedig, Heinos Schäferhund, Schopenhauer und Mahler, Cholera am Lido di Venezia, Dirk Bogarde, Sissy Spacek als Satans jüngste Tochter, Travoltas Nudel und das Murmel-Zebu als Schauspieler

Tod in Venedig, 1971, Luchino Visconti.

Dirk Bogarde als Gustav von Aschenbach und Björn Andrésen als Tadzio.

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Es gibt sie noch, diese kleinen Sendungen, eingeflochten in die Geräuschkulisse der nationalen und internationalen Nachrichtenübermittlung, der japsenden und jaulenden Gier nach Erstdarstellungen von Entgleisungen und sogenannten Hiobsbotschaften.
An jedem Tag der Woche zelebriert der Deutschlandfunk, 9.05 Uhr, sein „Kalenderblatt“, nur fünf Minuten.

Hier vernehme ich nicht, wann Schweini erstmalig gevögelt hat, in welchem Alter sich Claudia Schiffer entschloss, ihre Möse zu rassieren und wann Gerhard Schröder zum ersten Mal bei einem Konzert der Scorpions einen feuchten Schritt produzierte.

Heute erfuhr ich, dass vor genau einhundert Jahren Thomas Mann seine Novelle „Tod in Venedig“ der „Neuen Rundschau“ des S. Fischer Verlags übergab, die sie in ihren Herbstausgaben abdruckte.
Muss man sicherlich nicht wissen, doch weitgehend interessanter als die Information über die Lieblingsspaghettis des Schäferhundes von Finsterbrille Heino.
Und ich denke dann an meinen ersten Kontakt mit „Tod in Venedig“ als Film, an die Gespräche zwischen Gustav und Alfried über Schönheit, das Wesen von Kunst, über Musik und Resignation, über Schopenhauer und Gustav Mahler.
Und ich erinnere mich an diese langen, wortlosen Szenen, eingebettet in die banalen Klänge einer geschäftigen Dekadenz am Lido di Venezia vor dem großen Weltkrieg, verfeinert durch die Gerüche der Cholera.

Genügte mir bis bisher die Musik Beethovens, Tschaikowskis, Schuberts, Dvoraks, Griegs, Mussorgskis……., natürlich neben Rolling Stones, Animals, Yardbirds, Cream, Led Zeppelin…., unterwarf ich mich nun vollständig den Kompositionen Gustav Mahlers.
Das Adagietto der 5.Sinfonie als Filmmusik für „Tod in Venedig“ trieb mich zum Eintritt in die Moderne.


Gustav von Aschenbach, kurz vor der Verwesung

Sichelich Bogardes Rolle, die bis zum kommenden Urknall als herausragende Leistung bestehen wird.
Sonst hatte er nur wenig Möglichkeiten, seine hohe Befähigung zu bestätigen.
Ich besinne mich dabei noch an die Streifen „Nachtportier“ (mit Ch. Rampling) und „Brücke von Arnheim“. Mehr kenne ich nicht, etwas dürftig.

Sissy Spacek in Hochform als „Carrie – des Satans jüngste Tochter“, 1976, Brian De Palma.

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Am heutigen Sonnabend, kurz nach Mitternacht, also Sonntag, wird dieser Film im ARD gesendet. Für Masochisten, die sich gern schlaflos bis in den Morgen im Bett suhlen, ein geeignetes Mittel, ihre Leidenschaft auszuleben.
Ein recht frühes Teil von Brian De Palma.
Für mich bis heute eine der beklemmendsten cineastischen Höllenfahrten der Filmgeschichte.
Die weitgehend vorzüglich geführte Dramaturgie, die bis in das kleine Detail den kulminierenden Horror spürbar macht, ohne das Blut matscht und dumme Gesichter dumme Grimassen hervorquälen, erzeugen noch heute bei mir eine solide Gänsehaut.

John Travolta gibt es in einer frühen Rolle, ohne auffällige Besonderheiten. Ein Mädchen knabbert im Auto an seiner
Travolta-Nudel, sonst nervt er bei seinen wenigen Auftritten ziemlich.
Außerdem mit dem Schauspieler, der im „Kuckucksnest“ ohne Unterlass nach seinen Zigaretten brüllt. Der Name ist mir entfallen.
Und natürlich Sissy Spacek, die zwar schon für fünf oder sechs Oscars nominiert wurde, diese hässliche Gold-Silber-Kupfer-Nickel-Gurke aber meines Wissens nie erhielt.
Im Grund ist das nicht weiter betrüblich.
Doch steht sie mitunter in der öffentlichen Repektierung etliche Reihen selbst hinter Dilettanten, die nur infantil mit klumpigen Titten und dem schauspielerichen Vermögen eines Murmel-Zebus prahlen können.
Und das ist dann doch ärgerlich.

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Juli 21, 2012 Posted by | Leipzig | Hinterlasse einen Kommentar

Jürgen Henne, die Rolling Stones seit fünfzig Jahren und ein paar Tagen, zweitausend Lichtjahre, Sardinen in der Tundra, Peter Kraus und Cancan, Ohren im Blumentopf, Burdon im Buchladen und Grönemeyer im Stadion, fünfzig Jahre Rolling Stones und zwanzig Jahre Randfichten, ein Heiligtum für Marsheinis, steinig rollender Wort-Kehricht und Kohlrabi unter der Brücke

Rolling Stones – „Their Satanic Majesties Request“ (1967)

Lizensausgabe für Tel Aviv.

Rolling Stones – Tel Aviv – Jürgen Henne.

Das waren natürlich Wege, die mich damals faszinierten.

Die erste Scheibe meiner damals so unendlich geliebten „Stones“.
Ich erwarb sie vor mehr als vierzig Jahren für achtzig DDR-Mark.
Nach dieser finanziellen Anstrengung hätte ich natürlich für einige Tage bei Möhren, Kohlrabi und ein paar Kästen billiger Leipziger Bierbrühe unter der Brücke hausen müssen, die Schallplatte an mein Herz gedrückt.
Doch dieser „Herumtreiber“-Status wurde im Ekelstaat Ulbrichts (kurz vor seiner Entmachtung) natürlich nicht geduldet.
Also wurde ich wieder in meine, einigermaßen behüteten Spuren manövriert.

Sicher nicht die auffälligste Leistung der Truppe, alles etwas verquast, doch einige Titel kann man auch heute noch hören („Citadel“ – „In Another Land“ – „2000 Man“ und natürlich „2000 Light Years from Home“).
Ich habe Mick Jagger und seine Herde 2x live gehört und gesehen, 2x in Berlin. Im Sommer 1990 auf der Alten Rennbahn, besonders billig für Ostdeutsche, gemeinsam mit 100 000 Besuchern. Ich in der sechsten Reihe. Von nachmittags vier Uhr bis abends einundzwanzig Uhr, stehend, am scheinbar heißesten Tag des Jahrhunderts. Mit einem Bewegungsradius, wogegen sich die sprichwörtlichen Sardinen in ihren blöden Büchsen wie in der weiten Tundra entfalten können.
Dann begann das Konzert, mit „Start Me Up“ aus „Tattoo You“ und alles Leid war vergessen.

Meinetwegen ist diese Musik inzwischen Schnee von gestern und auch mein Verbrauch bewegt sich doch in recht reduzierten Grenzen.

Denn es gibt natürlich auch heute unendlich und reichlich grandiose Tonkunst. Man muss sie nur finden.
Und es nervt hochgradig, wenn die 60er-Jahre-Freaks ihr vertrocknetes „Früher war die Musik viel besser“ in die Debatte keuchen.
Doch behelligen mich auch diese unbeweglichen Dogma-Detlefs, welche Jagger, Richards, Watts und Wood möglichst in die geschlossene Anstalt begleiten würden, der Meinung frönen, dass dieses Quartett sich nur noch der Lächerlichkeit preisgibt, das Altersheim ein angemessener Ort wäre und dieser „Hippie-Scheiß“ (wörtliche Wiedergabe eines ganz wichtigen, souveränen Zeitgenossen) nur noch debile Rentner hören und sich dabei den Schritt massieren.

Mein Gott, lasst doch Charlie vor sich hin trommeln, bis er vom Hocker fällt, Keith seine Riffs dreschen, bis die gichtige Hand sich zwischen den Saiten verklemmt oder er letztmalig vom Baum fällt, lasst doch Mick bis zur Mundstarre auf der Bühne hampeln. Und gönnt auch Ron die letzte Pulle auf der Bühne, bevor die Haare ausfallen.

Mir würden zwar violett die Ohren abblätttern, wenn man mich zu aktuellen Konzerten von Roland Kaiser, Carpendale, Marianne Rosenberg, Ute Freudenbeg oder Nicole peitschen würde.
Und ich vergrabe auch bei der Musik von Grönemeyer, Maffay oder Naidoo meine Ohren in der Erde meines größten Blumentopfs.
Ich lächle sanft, wenn Peter Kraus, der sicher schon mit Offenbach Cancan tanzte, durch die Säle zuckt.
Doch greife ich nicht zur rhetorischen Kettensäge.

Ich bin nur irritiert, wenn z.B. Long John Baldry für ein Leipziger Konzert nur etwa einhundertundfünfzig Menschen aktiviert, ein Konzert mit Penderecki am Pult eher im familiären Rahmen bleibt, bei Veranstaltungen mit zeitgenössischer Musik in Leipzig grundsätzlich die gleichen 80-100 Besucher auf immer den gleichen 80-100 Stühlen sitzen und Eric Burdon bei seiner Aktion in einer Leipziger Buchhandlung ziemlich schmählich übergangen wurde, doch Grönemeyer und Naidoo ständig Stadien mit ordentlichen Ausdehnungen füllen. Dann bin ich wirklich richtig irritiert.
Und gegen eine winzige Kettensäge hätte ich dann auch nichts.

Der unsägliche MDR brachte keinen Beitrag zu fünfzig Jahren Rolling Stones, auch nicht z.B um 23.35 Uhr.
Aber am folgenden Tag eine Sendung um 20.15 Uhr zu zwanzig Jahren Randfichten.

So einfach ist das.
Da könnte dann nätürlich meine Kettensäge auch etwas größer ausfallen.

Und weshalb muss ich immer wieder die Auswürfe dieser Kreativitäts-Kobolde sehen, hören, lesen ?
Da „rollen die Steine wieder“, „die Steine rollen seit fünfzig Jahren“, „die Steine sollten endlich nicht mehr weiter rollen“, „die Steine rollen schon viel zu lange“, „die Steine rollen nur noch leise“…..Immer wieder dieser gleichbleibende Wort-Kehricht.
Der Verbindung von „Rolling Stones“ zu unbegrenzten Variationen mit „Die Steine rollen….“ ist außergewöhnlich bekloppt und bremst meine intellektuelle Bereitschaft und meine sprachästhetische Sensibilität.

Und wenn irgendwelche halbgrüne Marsheinis irgendwann auf einer leblosen Erde landen, zwei Häufchen Tonträger finden und im linken Häufchen „Beggars Banquet“, „Let it Bleed“, „Sticky Fingers“, „Exile on Main Street“ und „Aftermath“ entziffern, im rechten Häufchen „The Best of Ute Freudenberg, Roland Kaiser, Nicole, Xavier Naidoo, Herbert Grönemeyer….“ wahrnehmen, sie danach akustisch vergleichen, wird das linke Häufchen sicher als Heiligtum fremder Kulturen den Weg in die Heimat der halbgrünen Marsheinis antreten.

Und wenn dann die Erde von den halbgrünen Marsheinis entgültig abgefackelt werden sollte, dann mit dem rechten Häufchen. Während das linke Häufchen durch die Milchstraße dröhnt.
Da bin ich sicher, mit und ohne Kettensäge.


Rolling Stones, „Tattoo You“, 1981
Geschenk vor dreißig Jahren von einer schönen Frau aus ihrem Urlaub in Budapest.

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Juli 16, 2012 Posted by | Leipzig | Hinterlasse einen Kommentar

Jürgen Henne und die unregelmäßig bearbeitete Serie: Geschichten, die das Jürgen und der Leben schreiben. Heute: „UCI-Schweinerei“, ersatzweise auch: „UCI-Sauerei“ oder „UCIer-haut auf die Eier“

Nova Eventis in Günthersdorf bei Leipzig. Links hinten: UCI-Kino.

Die Sandkunst im Vordergrund muss man mögen.

Vergangener Sonnabend, 17 Uhr. Inmitten dieser Filmsülze, die sich über Leipzig legt, es gibt natürlich vereinzelt kleinere Kinos mit erfreulichen Programmen, erhofften wir, in diesem Lichtspielheater durch die Wahl eines spanischen Films eine cineastische Oase zu finden.
Ich reihte mich vor der Kasse ein, mit wohlwollendem Verständnis für die aphatische Verkaufsstrategie des Mannes hinter dem Tresen.
Ich unterrichtete ihn dann, Karten für unseren frühabendlichen Wunschfilm erwerben zu wollen.
Doch mein wohlwollendes Verständnis formte sich unverzüglich zu einem Eispickel, wogegen Georgs Stangenwaffe zur Drachenmetzelei die Durchschlagskraft eines Kartoffelstampfers hatte, während ich die Kontrolle über Mimik und Gestik verlor.
Denn der Mann mit der etwas aphatisch organisierten Verkaufsstrategie verkündete hinter dem Kinokartenverkaufstresen, etwas apathisch, dass dieser Film für diese Zeit gestrichen wurde. Einfach gestrichen, obwohl noch die aktuelle Tageszeitung ihn ankündigte und kein Hinweis auf den Plakaten am und im Kino darauf verwies.

Ich näherte mich dem mitternächtlichen Verwandlungsstadium von David Naughton in London, jaulte in die Innenräume des Kinos und bekläffte eine weitere Angestellte in UCI-Uniform.
Ihre Antwort war erfreulich präzis.
Am Freitag zuvor, gleichfalls 17.15 Uhr, bekundeten scheinbar auffällig wenig Besucher ihr Interesse an diesem spanischen Film.
Man reagierte spontan und kreativ, schleuderte die Filmspule in die Mistecke und erweiterte am Sonnabend das ohnehin schon üppige Angebot von „Ice Age 4“ um eine weitere Vorstellung.
So einfach ist das.
Ich werde mir für das gesparte Geld eine DVD dieses Films kaufen.

Und außerdem in der vermeintlichen „Kinozeit“ vielleicht die 8. Sinfonie von Schostakowitsch hören. Oder 10x hintereinander „When I Was Young“ der Animals oder 5x hintereinander „American Woman“ der Guess Who. Vielleicht auch Taveners „Eternity`s Sunrise“, Faith No Mores „A Small Victory“ oder Pink Floyds „Animals“. Schön durcheinander, doch immer wieder gut.
Und alles ist besser als ein Kinobesuch bei UCI.
Selbst die Beseitigung der Pickel am Gesäß des Dobermanns meiner Straßennachbarn bringt mehr Erkenntnis.

Und die dümmlich-dreisten UCI-Programm-Änderungs-Heinis können sich ihre Nüstern an meinem Skrotum reiben. Doch möglichst nicht der Herr mit der etwas apathisch organisierten Verkaufsstrategie am Kinokartenverkaufstresen.

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Juli 9, 2012 Posted by | Leipzig | Hinterlasse einen Kommentar

Jürgen Henne und Lou Reed am 30. Juni 2012 in Dresden

Dresden, Elbe, Architektur, zwei Stunden vor dem Konzert Lou Reeds, 30.06.2012

Königsufer, Neustadt, Carolabrücke, Augustusbrücke, Brühlsche Terasse, Bratwurstbude (rechts,mittig), Radeberger Tränke (mittig,mittig), Canaletto, Carus…usw.
Zwischen 1973 u. 1977 siedelte ich in Dresden, auch zum Studium der Kunstgeschichte, in der damals dümmlichsten Hochschule Europas.

Ich kann Herkunft und Bedeutung jedes Steines dieser Stadt beschreiben, vielleicht mit Ausnahme der Fußballstadien.

Um diese Kenntnis der einzelnen Teile in der Silhoutte sollte sich aber jeder selbst bemühen. Mich drängt es nicht zu irgendwelchen architekturhistorischen Lektionen.
Der Aachener Dom, Vierzehnheiligen und die Zeche Zollverein sind auf alle Fälle nicht dabei.














Lou Reed im Konzert

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Als Beigabe für eine modernisierte Pioneer-Plakette sollte neben der Darstellung des menschlichen Körpers, des Standpunkts der Erde im Rahmen des Universums und atomarer Strukturen auch der Mitschnitt dieses Konzerts von Lou Reed in Dresden beigefügt werden.
Denn wer diese Musik gehört hat, kann den Erdbewohnern nicht feindlich gesinnt sein.
Mögen diese Mars-Heinis auch vier Nasen, sechs Hoden und keinen Blinddarm haben, es wäre gleichgültig.
Hauptsache, sie haben so richtig große Ohren, denn für diese Musik kann kein Amboss, keine Gehörschnecke üppig genug ausgeformt sein.
Lou Reed und Dresden. Nur vergleichbar, wenn Zappa noch auf der Cheopspyramide gespielt hätte, Hendrix in der Hand von King Kong oder Janis Joplin in meiner Badewanne.

Ich wünsche mir, dass in Bälde nochmals Lou Reed die Elbe daherkommt und in der Nähe der Augustusbrücke um ein Nachtlager bittet.
Man sollte es ihm als Belohnung für seine Energie, er ist immerhin schon 70, vor Giorgiones Venus in den Räumen der Alten Meister einrichten.
Vielleicht könnte er auch noch John Cale und Maureen Tucker mitbringen, die anderen, noch lebenden Kämpfer von Velvet Underground, die Kölnerin Nico, eigentlich Christa Päffgen und Sterling Morrison sind schon verblichen.
Doug Yule springt irgendwo in der Welt herum.
Eine Vereinigung von Velvet Underground mit einigen Konzerten und Reed, Cale, Tucker, Morrison gab es 1993. Und später eine DVD.
Man muss einfach John Cale bei „Heroin“ sehen, wie er mit beseelt schmerzhafter Gestik die Töne seiner Bratsche verschlingt.

Dresden nach dem Konzert.

Die Elbe fließt jetzt schöner






















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Juli 2, 2012 Posted by | Leipzig | Hinterlasse einen Kommentar