Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne und „Tonlagen“ 2016, Dresdner Festival der zeitgenössischen Musik im Festspielhaus Hellerau

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Festspielhaus Hellerau

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Mein viertägiges Konzertprogramm zu „TONLAGEN“, 2016
Dresdner Festival der zeitgenössischen Musik.

„Danach ist man breit wie eine Flunder“, wie es meine selige Großmutter in ihrer gewohnt volkstümlichen Rhetorik formulierte, aber glückselig und etwas getrieben, würde ich gern hinzufügen
Ich war eine glückselige, etwas getriebene Flunder, nach vier Tagen.
Im Grunde aber keine breite Flunder, optisch eher eine ausladend würfelige Flunder.

Zunächst eine Abschweifung
Der Beitrag eines kompetenten Musik-Journalisten zitiert in Leipzigs Tageszeitung die Reaktion eines Leipziger Abonnement-Gesichts während der Konzertpause vor wenigen Tagen im Gewandhaus.

Denn nach Beethovens Klavierkonzert 2, für mich irgendwie nicht die Erfüllung, verließ das Leipziger Abonnement-Gesicht den Saal, musiktheoretisch hochgradig und anspruchsvoll grundiert mit der Begründung:
„Dieses moderne Zeug höre ich mir nicht an.“

Dem Leipziger Abonnement-Gesicht ging es aber nicht darum, die musikalisch schrägen Kompositionen von Sven Splittermayer aus Meppen oder Ulf Urstholm aus Borna zu aktuellen Fragen der Gartenbautechnik zu ignorieren.
Aber mitnichten, denn nach Beethoven wurde Bela Bartok gespielt.
Und nach Beethoven und vor Bartok verließ das Leipziger Abonnement-Gesicht die Bude.

„Herzog Blaubarts Burg“, eines der erstrangigen Werke des 20. Jahrhunderts, vor über einhundert Jahren entstanden, also mitnichten „modernes Zeug“, wird also von diesem Leipziger Abonnement-Gesicht in die musikhistorische Tonne geworfen.

Im Grunde ist mir inzwischen die Meinung derartiger Kulturbarbaren gleichgültig.
Ich muss ja nicht die gleichen Konzerte besuchen, die mir Überdruss bereiten, bei meinen Nachbarn aber zu einem hitzigen Schritt führen.

Es sind aber auch diese tranigen Löffelhalter, die Leipzigs gegenwärtiges Konzertprogramm auf Bach, Beethoven, Mendelssohn….reduzieren, abgesehen von der grandiosen Arbeit Steffen Schleiermachers.

Doch was ich in Leipzig vermisse, finde ich eben in Hellerau.

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Eröffnungskonzert in Hellerau

MDR-Sinfonieorchester, Kristjan Järvi (links), Bryce Dessner (rechts), Aart Strootman (beide Gitarre).

Gegeben wurde Steve Reichs „Electric Counterpoint“ für E-Gitarre und Tonband und Kompositionen von Bryce Dessner, wobei innerhalb jeder Abhandlung nicht auf den Hinweis verzichtet wird, dass Dessner seit 1999 Mitglied von „The National“ ist, scheinbar Obamas bevorzugte Band.
Gleichfalls verweist man bei Dessners Arbeiten auf Beziehungen zu Feldman, Glass, La Monte Young, Britten…., meine Assoziationen gingen bis zur Lautmalerei von Richard Strauss und selbst zur plakativen Pathetik Tschaikowskis.
Durchaus hörenswert, aber eben doch noch ein musikalischer „Kauderwelsch“.

Am folgenden Tag dann Glokowski, Hecke, Hoesch mit „Flimmerskotum“, ein Inferno mit einem sparsamen Arsenal von Hilfsmitteln.
Nur Licht, Dunkelheit, feinsinnig organisierter Krach und eine kleine, hinterhältige, bewegliche Maschine, die an das verheerende Strahlenteil in Byron Haskins Streifen „Kampf der Welten“ von 1953 erinnerte.
Die beiden Hauptdarsteller erlitten durch die Strahlen scheinbar keine körperlichen Schädigungen.
Gene Barry starb mit fast einundneunzig Jahren, Ann Robinson, geb. 1929, lebt noch.
Beide hatten einen kleinen Auftritt bei „Krieg der Welten“ (2005)

Vor der Performance in Hellerau wurde Ohropax verteilt.

Doch bei der Verteilung von Bedrohung dominierte nicht das gleisende Licht-Stakkato oder der hämmernde Lärm.
Beim Einsatz der Dunkelheit schlossen sich phobisch die Augen, öffneten sich die Transpirationsdrüsen.

Am gleichen Abend noch das „Quiet Ensemble“ (Fabio Di Salvo, Bernardo Vercelli) mit“The Enlightenment“.
Das Ohrverstopfungsmaterial konnte warm gehalten werden.
Statt des traditionellen Orchesters agierten Scheinwerfer, Neonlichter, Stroboskop als Violine, Schlagzeug, Klarinette….
Die verborgenen, unterdrückten Geräusche technischer Anlagen explodierten und zerissen festgezurrte Riten.

Carsten Nicolai nahm ich zunächst vor Jahren als Maler wahr, doch sendet er inzwischen als Medienkünstler wichtige Zeichen aus Chemnitz um die Erde.
Gemeinsam mit der Russin Dasha Rush, mit Uwe Schmidt, der sich bei „Kraftwerk“ bedankte und auch z.B. „My Generation“ der Who bearbeitete sowie mit seinen Mitstreitern Olaf Bender und Frank Bretschneider füllte er über fünf Stunden den Großen Saal im Festspielhaus.
Zwischen malerischen Bombast, zwischen ein Ballett geometrischer Grundformen, in die Zerissenheit gestrichelter Liniensysteme wird eine dampfende, stampfende Akustik gelegt, welche die stetigen Mutationen zu einer edlen, fast schmerzhaften Ästhetik treibt.

Zwischen „Garak“ für Flöte und Klavier (1963) des deutsch-koreanischen Komponisten Isang Yun und der grell-panischen Sonatine für Flöte und Klavier (1946) von Pierre Boulez, er starb 90-jährig im Januar des laufenden Jahres, tönte im sogenannten Nancy-Spero-Saal über einhundert Minuten Kammermusik für Flöte und Klavier, die ausschließlich nach der Jahrtausendhälfte hergestellt wurde.

Und am späten Abend noch „Continuum“ mit Nik Bärtsch’s MOBILE aus der Schweiz für Klavier, Bass-u.Kontrabassklarinette und 2x Schlagzeug/Perkussion.
Für diese neunzig Minuten kann man das inzwischen gehärtete und uneingepackte Ohropax in der Hemdtasche weiterhin keimen lassen.
Denn hier gibt es keine solistischen Exzesse und elektrische Verstärkung wird gemieden.
Es entwickeln sich rituell-sakrale Abläufe, auch mit minimalistischen Tendenzen, die einen einheitlich vorgetragen Wohlklang anstreben.
Dabei orientiert sich Bärtsch auf japanische Traditionen, welche auch die Kampfkünste einschließen.

Fünf Konzerte an vier Tagen in Hellerau und ich habe das zweite Klavierkonzert Beethovens nicht vermisst.
Kann das Leipziger Abonnement-Gesicht sicher nicht nachvollziehen, welches Bartoks „Herzog Blaubarts Burg“, 1918 uraufgeführt, in die Kategorie „Modernes Zeug“ einordnet.

„Tonlagen“ endet heute (29.10), 21 Uhr mit „Morphonic LAB XV“ mit Gästen aus Wroclaw, Wisconsin, Manchester, Prag, Dresden, Berlin.

Zugabe

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LVZ, 27. Oktober

Symptomatisch für Leipzigs Konzertkultur

Gade, 19.Jahrh., vollständige Wiedergabe
Beethoven, 18./19. Jahrh., vollständige Wiedergabe
Schostakowitsch, 20.Jahrh., Auszüge
Brahms, 19.Jahrh., Vollständige Wiedergabe

Das Leipziger Abonnement-Gesicht wird vielleicht dieses Konzert besuchen und während der Auszüge des großartigen Violinkonzerts von Schostakowitsch sich eine XXL-Bratwurst auf dem Weihnachtsmarkt einstülpen.
Von mir für dieses Konzert keine Minute und keinen Cent.

Da gehe ich am 26.Mai 2017 doch eher zu Bryan Ferry.



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Oktober 29, 2016 Posted by | Leipzig | Hinterlasse einen Kommentar

Jürgen Henne, Krähen in einer Zeitung, Schwäne mit Baskenmützen, die Schreie des Pfaus und Hitchcocks Stromseile

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LVZ, 25.Oktober 2016

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LVZ, 25.Oktober 2016 (Text-Vergrößerung)

Warum werde ich nur täglich mit diesen einfältigen Ersatz-Späßchen malträtiert?
Warum nur wird jede Zusammenkunft von Krähen seit 1963 mit dem Hinweis auf Hitchcock kommentiert ?

Ich denke im Angesicht eines stattlichen Hundes doch auch nicht an Andersens „Feuerzeug“ (Defa-Film).

Und ich stelle mir nun vor, auf dem Dach einer Getränkeabteilung, z.B. von Lidl, sitzen drei Schwäne mit Baskenmützen, zwei Pinguine mit Baskenmützen sowie zwei Eichelhäher ohne Kopfbedeckung und säubern sich das Gesäß.
Immerhin sieben Vögel. Doch Verbindungslinien zu Hitchcock würden sich bei mir vielleicht dennoch nicht ausformen.

Hitchcock hat in dem Film auch Möwen und Spatzen für gnadenlose Angriffe eingesetzt.
Bei der Herde Spatzen in einem Strauch denkt aber keine Sau an Alfred.
Selbst wenn noch zwei Krähen anwesend sind, ohne Hut.

Vielleicht wegen der Krähen schwarzer Farbigkeit oder ihrer kakofonischen Äußerungsmöglichkeiten.
Der schöne Eichelhäher und der albern schöne Pfau kreischen aber viel bedrohlicher.
Warum setzte Hitchcock nicht dreihundert Pfaue auf das Stromseil vor der Schule?
Oder ließ sieben Milliarden Sperlinge die Kleinstadt heimsuchen.

Oder Emus, schön hässlich, doch deren Brüllerei ist mir momentan nicht gegenwärtig.
Und die Flügel sind etwas rudimentär entwickelt.
Für den Aufenthalt auf Stromseilen also weitgehend ungeeignet.

Fragen über Fragen.
Vielleicht erhalte ich in der morgigen Zeitung eine Antwort.

Ähnlich der Unfug, dass jede „geheimnisvolle“, undurchsichtige, unberechenbare Situation in die Kategorie „kafkaesk“ eingeordnet werden muss.
Spätestens nach derartigen Passagen falte ich aus dem beschriebenen Material ein Papier-Flugzeug.
Ich bin ohnehin ein Meister der Papier-Flugzeug-Faltung.


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Oktober 25, 2016 Posted by | Leipzig | Hinterlasse einen Kommentar

Jürgen Hennes Briefkasten am Donnerstag

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Wenn ich wohlgelaunt während der frühen Stunden des Donnerstags zum Briefkasten tänzle, um „Die Zeit“ in meine Arme zu schließen, als monumentalen Schriftzug auf der Titelseite aber „Bücher zum Träumen“ wahrnehmen muss, neige ich zu dem Wunsch, dieses Papierkilo in des Nachbars Postkiste zu zwängen.

Denn ich will keine Bücher zum Träumen, eher zum Lesen.

Und Bücher zum Träumen und zum Kotzen werden mir ohnehin auf jeder Bestseller-Liste angeboten, an jedem Kiosk, in jeder Fischbude.


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Oktober 13, 2016 Posted by | Leipzig | 1 Kommentar

Jürgen Henne und die unregelmäßig bearbeitete Serie: „Carpe diem – zehn Minuten aus dem Leben eines Ruheständlers“ Heute: „Frank Zappa auf dem Klappstuhl.“

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Leipziger Volkszeitung, 11.10.2016

Ich lese „Zugriff um 0.42 Uhr“, ich erstarre und denke, nicht wie Thomas Bernhard in seinem Ohrensessel, doch auf meinem Balkon-Chaiselongue: „Hoffentlich haben sie den Klappstuhl sichergestellt.“

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Meine Erstarrung löste sich sofort, als ich anschließend als Bildunterschrift las:
„Ein Polizist stellt einen Klappstuhl aus der Wohnung sicher.“

Ich rufe in die Wohnung mit infernalischer Phonstärke: „Gott sei Dank, sie haben den Klappstuhl aus der Wohnung sichergestellt.“

Und wir stellten uns dann vor, wenn sie keinen Klappstuhl aus der Wohnung sichergestellt hätten.
Sondern einen Küchenstuhl oder gar einen Küchenhocker.
Oder eine Hitsche, sächs. für Fußbank.
Oder einen west-östlichen Diwan.

Ich preise die präzise Berichterstattung und das souveräne Wertigkeitsverständnis der örtlichen Presse

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Leipziger Volkszeitung, 11.10.2016

Es gibt journalistische Texte, die sind derartig säuig und von einer beleidigenden Einfalt, die hochgradig irritiert.

Schon diese Einleitung:
„Große Musik entsteht oft im Grenzbereich zwischen Genie und Wahnsinn.“

Wenn ich diese debile Sülze höre, entwickelt sich bei mir galoppierender Augen-Scharlach
Genie und Wahnsinn geht immer, klingt schick und will Kompetenz verbreiten, ist aber nervig abgehangener Nonsens.

Bei Gesprächen über dieses Thema mit irgendwelchen „Experten“ werden dann in der Regel, geheimnisvoll flüsternd, die Namen Nietzsche, van Gogh und Hölderlin angegeben.
Dann kommt aber nichts mehr. Der Gegenstand „Genie und Wahnsinn“ wird dann als tiefschürfend bewältigt erachtet…..indem man Nietzsche, van Gogh und Hölderlin erwähnt.
Erscheint mir grundsätzlich etwas wenig.
Wenn ich dann versuche, wenigstens noch „Art brut“ und Dubuffet zur Erweiterung des Stoffs in der Debatte abzulagern, beginnt bei meinen Partnern dann gnadenlos die Langeweile der Unwissenheit.
Die Nennung von Nietzsche, van Gogh und Hölderlin muss eben genügen.

„Unter denen, die diese Gratwanderung mit Bravour bestanden haben, sticht Frank Zappa sicherlich am deutlichsten heraus.“

Wieso?
Verstehe ich nicht!
Man muss sich den Satz Wort für Wort vergegenwärtigen, um diesen Kehricht-Status, dieses sprachliche und inhaltliche Nichts zu erkennen.

bfi (Signatur unter dem Artikel) sollte mir bitte einen Musiker nennen, der gleichfalls mit Bravour die Gratwanderung zwischen Genie und Wahnsinn bestanden hat, nur nicht so deutlich heraussticht wie Zappa.

Zappa war weder ein Genie und mitnichten wahnsinnig.
Er sprengte aber gnadenlos den Rahmen populärer Musik, nahm die Tonkunst zahlreicher Kulturen wahr, verarbeitete sie und schrieb dazu mittelmäßige Texte.
Zappa war ein außergewöhnlicher Komponist, ein begnadeter Arrangeur und ein vorzüglicher Gitarrist.
Er orientierte sich an Varese, Webern, Cage…..und arbeitete mit Nagano, Boulez, Metha…
Zappa studierte verschiedene Musik-Disziplinen an öffentlichen Musik-Schulen, trat schon früh in Fernseh-Shows auf und verdingte sich zum Gelderwerb als Musiker in einer Tanzband.
Er lehnte Drogen ab und lästerte über den halb-esoterische Hippie-Kram.

Meine selige Großmutter hätte in ihrer volkstümlichen Art gesagt: „Zappa stand mit beiden Beinen im Leben“.
Auch im politischen Leben, er zelebrierte z.B eine enge Verbindung zu Václav Havel.

Zappa verreckte auch nicht jammervoll im Drogenkoma, gab sich nicht selbst die Kugel, ließ sich nicht von einer Anakonda erwürgen, riss sich kein Ohr ab, verröchelte nicht auf irgendeine „geniale“ oder „wahnsinnige“ Weise.
Er verstarb einfach an Prostata-Krebs, keineswegs an Lungen-Krebs, obwohl er ausgiebig rauchte.
Für einen Grenzgänger zwischen Genie und Wahnsinn etwas unspektakulär.

Außerdem schreibt bfi:
„Für den Rock-Anteil sind dabei neben Zappa-Saxofonist Napoleon Murphy Brock auch der Leipziger Jazzgitarrenprofessor Werner Neuman….zuständig.“

Wieso?
Ein Jazzgitarrist ist für den Rock-Anteil zuständig.
Verstehe ich wiederum nicht!

Es ist schon fast unheimlich, wie es gelingen kann, innerhalb weniger Sätze in derartig ausladender Form dummes Zeug zu schreiben.

Nachtrag
Meine selige Großmutter transportierte 1979 (oder 198O), achtzigjährig, Zappas „Sheik Yerbouti“ von Niedersachsen nach Sachsen.


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Oktober 12, 2016 Posted by | Leipzig | 1 Kommentar

Jürgen Henne und die unregelmäßig bearbeitete Serie: „Carpe diem – Eine Stunde aus dem Leben eines Ruheständlers“ und eine einbändige „Deutsche Literaturgeschichte“.

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Titel
Die Verdoppelung des Cosinus bei Gelb oder „In Tautropfen will ich hinuntersinken und mit der Asche mich vermischen“ (Novalis, „Hymne an die Nacht“)
Mein Gott, bin ich genial.

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Fundort der Blätter. Berlin, Verlag Volk und Wissen, 1964.

Die Schoten kaufte ich vorgestern, die Kastanien sammelte ich gestern und die Blätter fand ich heute, nach fünfzig Jahren in einem Band, in dem kommunistische Literaturwissenschaftler versuchten, wesentliche Abläufe der deutschen Literatur zu erläutern.

Aus dem Vorwort

„……hat den Wunsch immer lauter werden lassen, ein wissenschaftlich begründetes Bild des historischen Werdens unserer Nationalliteratur von ihren Ursprüngen bis auf unsere Tage zu erhalten.
Will man jedoch ein solches Bild entwerfen, muss man von einigen wesentlichen Aspekten ausgehen, wie sie auch bei aller Unvollkommenheit im vorliegenden Band sichtbar werden, der ja in seiner Art von den kulturellen Eigenschaften der Arbeiterklasse und der mit ihr verbündeten werktätigen Schichten in der Deutschen Demokratischen Republik, von ihrem gegenwärtigen Kampf um die Nation und von den Grundpositionen des wissenschaftlichen Sozialismus inspiriert worden ist.“

In diesem Buch sprießt es wie Kraut und Rüben, würde meine selige Großmutter in ihrer folkloristischen Art betonen.

…..Passt..passt nicht…passt…passt nicht…

Dabei geht es nicht um literaturhistorische Würdigungen, die Dichterin, der Dichter mussten grobschlächtigen Normen, infantil festgezurrten Dogmen einer grausig ausgrenzenden „Wissenschaft“ folgen.
Dann wäre der Weg in die deutsche Literaturgeschichte geebnet.
Der Rest ging in den Kübel des Klassenkampfes.
Auch mit der Trennung „Deutsche Literaturgeschichte“, deutschsprachiger Raum“, „deutschsprachige Nichtdeutsche“ wurde recht sportlich umgegangen.

So wurden z.B. die Schweizer Gotthelf, Keller und C.F. Meyer mit befriedigender Anerkennung bedacht, unbedingt angemessen.
Doch Frisch und Dürrenmatt, die bei der Veröffentlichung der ersten Auflage dieser „Literaturgeschichte“ schon wesentliche Werke geschrieben hatten, verrotteten in sozialisticher Ignoranz.
Paul Celan, geboren in der heutigen Ukraine, einer der wesentlichsten Lyriker deutscher Sprache, bleibt unerwähnt, während Egon Erwin Kisch, gebürtiger Prager,seine mittelmäßigen Reportagen vorstellen durfte.

Auch Günther Grass, der schon am Beginn der 60er Jahre „Die Blechtrommel“. „Katz und Maus“ und „Hundejahre“ abschloss, blieb in der Kiste der Ahnungslosigkeit kommunistischer Kultur-Barbaren.
Gleichfall kein Hinweis auf die „Gruppe 47“ , in deren Umfeld sich durchaus Autoren etablierten, die sich linken Tendenzen nicht entzogen.
Trotzdem, alles in die Tonne.

Recht unterhaltsam bieten sich auch die Wertigkeiten an, die zwischen den aufgenommenen Dichtern gesetzt wurden.
So erhielt der unvergleichliche Trakl im gesamten Text des Buches zwei Verweisungen im Register, E. Lasker-Schüler wurde mit drei Positionen gleichfalls in der Nähe der Abfalltonne abgelegt, sieben Verweise auf Rilke sind gleichfalls eine Anmaßung während Kurt Barthel (Kuba), dieses literarische Rumpelstilzchen, mit zweiundzwanzig Anzeigen beschenkt wurde.
Von ihm gibt es dann so feine Gedichte wie: „Das Lächeln Lenins“, „Grundsteinlegung Stahlwerk Brandenburg“, „Kantate auf Stalin“, „Hüttenwerk“….
Oder „Sagen wird man über unsere Tage“.
Da rutscht mein halbverdautes Spiegelei ziemlich zügig zurück in die Mundhöhle.

Doch neben den einundneunzig Auftritten von Johannes R.Becher verschwindet selbst Kuba in der Vergessenheit.
Doch wird nicht Bechers bemerkenswerte Leistung während seiner expressionistischen Phase abgearbeitet. Dieser ganze Müll um „Heimatlied“, „Lied von der blauen Fahne“, „Hymne auf die UdSSR“ dominiert.
Da wabert auch das zweite Spiegelei.

Und dann folgt dieses ungenießbare Kollektiv:

Alexander Abusch, später Mitarbeiter im Kulturbund und im Zentrakkommitee, Adam Scharrer, Otto Gotsche, Alexander Abusch, Erich Weinert, Karl Grünberg, Hans Lorbeer, Max Zimmering, Herbert Otto, Hans Marschwitza, Ludwig Turek, Bodo Uhse……

Eine Brigade des Schreckens aus parteihörigen Arbeiter-u.Bauernautoren.
Aufgenommen in eine einbändige „Deutsche Literaturgeschichte“

Aber Bobrowski z.B passte scheinbar nicht.
Heiner Müller schon gar nicht, aber Harry Thürk passte, ein Verfasser dämlicher Politthriller.
Die Dadaisten Hugo Ball und Schwitters passten natürlich auch nicht, desgleichen Nelly Sachs (Nobelpreis 1966).
Adam Scharrer erhielt z.B. mehr Aufmerksamkeit als Franz Kafka.

Dafür passten wiederum Karl Marx, Engels und Lenin.

„Ansprache der Zentralbehörde des Bundes der Kommunisten an den Bund“, „Bemerkungen über die neueste preußische Zensurinstruktion“, „An alle“ erhielten dann den Status von bemerkenswerter Literatur.
Da hätte man auch gleich kommunistische Kochrezepte, Straßenbahnfahrpläne und Kleingartenverordnungen berücksichtigen können.

Dieser Band eignet sich vorzüglich für die Pressung von Baumblättern (siehe oben) und fünf Jahrzehnte später für sechzig Minuten kurzweilige Unterhaltung.
Aber dann wieder geschwind in die abseitigsten, staubbeladenen Ebenen meiner Bücherregele.

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Musik des Tages

Harrison Birtwistle: Musik für Streichquartett
Cabaret Voltaire: The Living Legends…


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Oktober 7, 2016 Posted by | Leipzig | 1 Kommentar