Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne und die Longlist zum Deutschen Bücherpreis. Heute: „89/90“ von Peter Richter ( Verlag Luchterhand)

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Irgendein papierner Propaganda-Lappen zur Organisierung der X.Weltfestspiele 1973 in Berlin.

Mir wird hochgradig übel. Ich war zweiundzwanzig und hätte gern ein Led Zeppelin-Konzert gehört. Als Alternative wurde der Oktober-Klub mit seinem Musik-Kehricht und dem unsäglichen Hartmut König angeboten.

Diese Veranstaltung diente als Namensgeber eines Deutschen Demokratischen FDJ-Jugendklubs in Dresden, über den Peter Richter in seinem Buch „89/90“ schreibt und dessen Darlegung ich mir reinekeln soll.
Mitnichten.

Das Lebensgefühl einer rebellischen Generation am Ende der DDR

Sie sind der letzte Jahrgang, der noch alles mitmachen darf – damals in Dresden vom Sommer vor der Wende bis zur Wiedervereinigung: die lauen Freibadnächte und die Ausweiskontrollen durch die »Flics« auf der »Rue«, die Konzerte im FDJ-Jugendklub »X. Weltfestspiele« oder in der Kirche vom Plattenbaugebiet, wo ein Hippie, den sie »Kiste« nennen, weil er so dick ist, mit wachsamem Blick Suppe kocht für die Punks und ihre Pfarrerstöchter.

Sie sind die Letzten, die noch »vormilitärischen Unterricht« haben. Und sie sind die Ersten, die das dort Erlernte dann im Herbst 89 erst gegen die Staatsmacht anwenden. Und schließlich gegeneinander. Denn was bleibt dir denn, wenn du zum Fall der Mauer beiträgst, aber am nächsten Tag trotzdem eine Mathe-Arbeit schreiben musst, wenn deine Freundin eine gläubige Kommunistin ist und die Kumpels aus dem Freibad zu Neonazis werden?

Von der Unschuld des letzten Sommers im »Tal der Ahnungslosen« bis zu den Straßenschlachten rund um die deutsche Einheit: Peter Richter beschreibt in seinem autobiografischen Roman das chaotische Ende der DDR aus der Sicht eines damals Sechzehnjährigen – pointiert, authentisch und sprachlich brillant. Coming of Age im Schatten von Weltgeschichte.“

Anpreisung von Peter Richters Buch „89/90“ auf der Homepage des Luchterhand-Verlags.

Der Band wurde in die Longlist zum Deutschen Bücherpreis aufgenommen.

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Ich will keine Storys von Konzerten im FDJ-Klub „X.Weltfestspiele“ lesen oder über Konzerte in der Kirche vom Plattenbaugebiet, auch nicht vom Hippie, den sie „Kiste“ nannten.
Mich widert dieser ganze populistisch-kalkulierte Kram wuchtig an.

Diese banale Sülzerei über eigene „Erlebnisse“ um 89/90 als Sechzehnjähriger sind schwer erträglich.
Richter spricht während eines Interviews von seinem „Bildungsroman.“ Eine Anmaßung, wenn man mit dieser literarischen Gattung Autoren wie Hesse, Goethe, Keller oder Handke verbindet.
Von Wende-Apokalypsen berichtet er und sortiert das damalige Begrüßungsgeld in die Nähe der Apfelübergabe durch Eva an Adam ein, bezeichnet sich selbst forsch als Anarchisten und vergleicht das Ergebnis des Stroms der Ausreisenden mit der Wirkung einer Neutronenbombe.
Das ist alles so beleidigend dürftig.

Richter schreibt über den letzten 1.Mai und das letzte Wehrlager, in dem sie Nahkampf probten, durch die Botanik robbten und schossen. Abläufe, die sie dann 1990 gegen ihre ehemaligen Lehrmeister anwendeten und findet diese Verbindung derartig originell, dass er sie doppelt beschreibt.
Auch vertritt er, wiederum forsch, die Meinung, dass bei den Einheitsfeiern 1990 schon die aktuellen Pegida-Abläufe vorgeformt wurden und alle ohnehin nur Westgeld und Bananen gewählt haben.

Richter dehnt seine gedankliche Dürftigkeit in schmerzhafte Regionen aus, das einfältige Klischee wird zelebriert.

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Humble Pie und Blind Faith, statt Bananen….

Ich weiß nicht, in welchem Bunker Peter Richter die Wendezeit erlebt hat, ich habe mit meinem Begrüßungsgeld das Brücke-Museum in West-Berlin besucht und in der Kantstraße LP’s von Lou Reed, Blind Faith, Cream, Humble Pie….gekauft, mitnichten Bananen, auch kein Kukident, Klo-Papier oder Jever Pilsner.
Und im erweiterten Umfeld meiner zwischenmenschlichen Beziehungen erlebte ich keine andere Wende-Reaktion.

Richter „analysiert“ den Fachkräftemangel durch den Bevölkerungsverlust, die Existenz von Punks und Skinheads und ist der Meinung, dass neben dem Mauerfall auch noch Physikarbeiten in DDR-Schulen geschrieben wurden.
Er sprach von der Existenz eines Alltags neben den Aktivitäten der Montagsdemonstrationen.
Das war mir damals nicht aufgefallen.
Ich empfand mich selbst beim Alltag der Stuhlgangpressungen an vorderster Front unserer Bürgerrechtsbewegung.

Das war eine kurze Zusammenfassung eines Geprächs mit Peter Richter über das Anliegen seines Buches „89/90“ auf dem „Blauen Sofa“ während der diesjährigen Buchmesse.

Peter Richter ist ein Meister der Anspruchslosigkeit

Wieder ein Buch über den alltäglichen, tausendfach abgenudelten DDR-Quark, ohne jegliche literarische Geltung, ohne Verallgemeinerungen und Verfremdungen, welche die Bereitschaft nach Erkenntniserweiterung beträchtlich aktivieren könnten.
Ich möchte Literatur lesen und keine platt-realistischen Dokumentationen über einen FDJ-Klub, über eine sozialistische Hippie-Kiste als Koch und über Straßenschlachten rund um die deutsche Einheit.

Ich will feinsinnige Metaphern bewundern, Sprachbilder, die meinen Geist strapazieren, eine intelligente Verknüpfung fiktiver und realer Abläufe, die mich noch mehr beanspruchen, einfach nur Literatur will ich lesen.
Und wenn ich von einem erwachsenen Menschen mit derartigem Tinnef behelligt werde wie: „Der August haucht seine letzten Tage aus“, verändert sich meine Gesichtsfarbe, faltet sich meine Vorhaut und ich denke an die Schweriner Poetenseminare der DDR-FDJ.
Dieses Bild ist, schon rein jahreszeitlich betrachtet, ziemlich bekloppt (Es geht um den August 1989).

Denn „Hauch“ und „hauchen“ ist mit Nuancen der Melancholie, mit Romantik, Abschied, auch etwas Pessimismus besetzt.
Und der Monat August, die Zeit der Hitze, des Urlaubs, der Ernte, der Grill-Schwaden, der Kopulationen auf Sommerwiesen, haucht mitnichten. Es wird rangeklotzt, in allen Bereichen. Der August dampft und schwadet.
Natürlich wird auf der Sommerwiese im August mitunter ein „Je t’aime“ gehaucht, doch danach wird gleichfalls rangeklotzt.
Einen hauchenden Oktober oder November könnte ich mir dagegen gut vorstellen.
Doch soll Peter Richter herumhauchen, wo er mag.

Vielleicht meint er aber auch August Bebel oder August, den Starken, ihre letzten Tage aushauchend. Oder Auguste Rodin. Sicher ist dabei das „e“ nicht korrekt. Chronologische Zusammenhänge sollten gleichfalls überprüft werden. Doch bei solcherart Literatur wäre das ohnehin nicht auffällig.

Ähnliche Sorgen hatte ich bei Erich Loests Prosa. Seinem beharrlich durchgezogenen Leben gehört natürlich meine Hochachtung. Doch von einem Dichter oder Schriftsteller namens Loest kann ich nicht sprechen.
Sicher von einem verdienstvollen Chronisten, Dokumentaristen und Völkerrechtler. Aber Dichter geht gar nicht.

Mich überrascht ohnehin die fast tägliche und leichtfüßig organisierte Einordnung aktueller Autoren in die deutsche Literaturgeschichte.
Tellkamp wird dabei ganz locker Thomas Mann zur Seite gestellt. Und Ingo Schulze, ich hoffe, meine Erinnerungen sind korrekt, bringt scheinbar ähnliche Fähigkeiten zur Geltung, die Fontane in die Unvergleichlichkeit manövrierten.
Da lachen nicht nur die Hühner, da wiehert auch die Henne (Jürgen).

Und weshalb beklebt man Herta Müller 2015 mit dem Hölderlin-Preis der Universität und der Universitätsstadt Tübingen, ein internationaler Nachwuchs-Förderpreis.

Ich stelle dabei die außerordentliche Qualität ihrer Arbeiten keinesfalls in Frage. Die Verleihung des Nobelpreises war angemessen.
Doch H. Müller ist Jahrgang 1956, ein merkwürdiges Nachwuchsverständnis.
Der Komponist und Pianist György Kurtág erhielt die Auszeichnung im Alter von fünfundsiebzig Jahren.

Ich fühle mich überfordert, besonders im Angesicht zahlreicher Dichter jüngerer Jahrgänge , die als Nachwuchs ohne öffentliche Beachtung ziemlich chancenlos verdorren.
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Schnäppchen der Woche

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Diese CD bot mir Amazon für 22.96 statt 22.99 EURO an.
Eine noble Geste.

Zugabe

Vor einhundertfünfundzwanzig Jahren wurde Man Ray geboren. In einem späten Radio-Gespräch sagte er: „Ich glaube, ich bin zu einer Legende geworden…“

Gefällt mir recht gut,

In der deutschen Krautrock-Szene der 70er Jahre formierte sich eine Truppe mit Namen „Bohrmaschinen Bornholm“

Gefällt mir gleichfalls recht gut.

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August 27, 2015 Posted by | Geschichte, Leipzig, Literatur, Neben Leipzig | Hinterlasse einen Kommentar

Jürgen Henne und ein Leserbrief an „Die Zeit“ (14.8.2015) zu einem Gespräch mit Juli Zeh, letzte Seite des Magazins. Außerdem die Weiterführung der außerordentlich begehrten Serie: Wo ist der Jürgen?

Sehr geehrte Damen und Herren,

Juli Zeh zog vor einigen Jahren von Leipzig in ein Dorf Brandenburgs, in der Hoffnung,dem „Polizeistaat“ Leipzig entfliehen zu können. Sie konnte Verbote, bzw. Einschränkungen in öffentlichen Arealen nicht mehr ertragen.
Sie sprach von Regelwut und Sicherheitswahn

Sie nervte das Verbot einer Radtour auf Bürgersteigen, einer Anleinung von Hunden in bevölkerten Bereichen und der Lärmreduzierung, gleichfalls in Zonen mit gehobener Homo-sapiens-Dichte.

Sie akzeptiert dabei abgefahrene Kleinkind-Beine und vom Fahrradlenker zerstörte Rentner-Nieren, sie verharmlost gleichfalls zerfleischte Säuglingsgesichter, hündisch organisierte Risswunden in breiter Palette und billigt den lärmenden Einfluss auf die nächtliche Schlafnotwendigkeit für Kinder und Mitmenschen mit entsprechenden Arbeitsrhythmen.

Aber dann freut sich Juli Zeh über ihren brandenburgischen Nachbarn, der seine Kreissäge erst ab 14 Uhr zum Einsatz bringt, die Stunde der Bettflucht von „Nachteule“ Zeh.

Sie folgert aus dieser freundlichen Geste, „….dass die Grundlage aller Freiheit Rücksichtsnahme ist.“

Ich erstarrte bei dieser vielleicht wahren, doch unerträglich populistisch- „philosophischen“ Mundhöhlen-Blähung, verglichen mit den Gründen ihrer Leipzig-Flucht (siehe oben).

Also Rücksichtnahme auf Julie Zeh, außerhalb ihres Einzugsgebietes darf herumgehackt werden.

An die Mittelmäßigkeit ihrer Literatur habe ich mich gewöhnt, sie interessiert mich nicht mehr.

Doch die Unaufrichtigkeit, die Manie nach medialer Präsenz und eine Spießigkeit, die nur Abläufe gelten lässt, die ihren infantil strukturierten Freiheitsvorstellungen entsprechen und andere Möglichkeiten eines zivilen, freiheitlichen Lebens in die Kategorie „Polizeistaat“ einordnet, um dann, bei egozentrischem Bedarf, leichtfüßig die anfangs vorgestellten Positionen zu verbiegen, beunruhigt und erheitert mich zugleich, ihrer markanten Dürftigkeit wegen.

Liebe Juli Zeh, bleiben Sie in Brandenburg, Leipzig braucht Sie mitnichten.

Und weshalb muss ich ….„lockte mich die Stadt mit einem Freiheitsversprechen…“ lesen und kurz darauf…„Freiheit war damals im Osten ja noch ein Versprechen…“
Was für ein doppeltes Gesülze! Ein Gespräch des Grauens.

Natürlich ist Deutschland eine Republik ausufernder Verbote und Anordnungen.
Doch im Angesicht von Merckx-Fanatikern und unangeleinten Hunden aus Baskerville in belebten Stadtarealen sowie der nächtlichen, phonstarken Belästigung durch zumeißt grauenhaft schlechte Musik, die selbst Wildkanichen zur Ohrenverstopfung treibt, kann ich kein Argument gegen gewisse Maßregelungen finden.
Denn wie sagte schon Juli Zeh: Die Grundlage aller Freiheit ist Rücksichtnahme.

Jürgen Henne

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Aus der schier unglaublich begehrten Serie „Wo ist der Jürgen ?

Heute: Wo ist der Jürgen auf einer Insel ?
Kenmare, Steinkreis, Südwest-Irland.

August 17, 2015 Posted by | Leipzig, Literatur, Neben Leipzig, Presse | Hinterlasse einen Kommentar

Jürgen Henne, Valerie Fritsch, Klaus Kastberger, Nora Gomringer und der Bachmann-Wettbewerb 2015

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Bachmann-Wettbewerb 2015

Ich habe alle Beiträge gehört und gesehen.
Vor wenigen Minuten lobte eine Journalistin im Deutschlandradio Kultur die positive Atmosphäre unter den Juroren und begründete ihr Urteil damit, dass man sich weitgehend einig war und Streitereien vermieden wurden.
Nur Klaus Kastberger aus Graz zerstörte mitunter die sorglose Stimmung und wollte sich scheinbar streiten, dieser Rüpel.
Rüpel hat die Journalistin natürlich nicht gesagt, doch das Kastberger auch manchmal zu Penetranz neige.

Wenn ich das höre, bekommt meine Haut die Struktur des hässlichsten Gänserichs Mitteleuropas.
Kastberger versucht, diese harmonische Einöde zu durchbrechen und endet auf der Streckbank für aufsässige Nörgler.

Mir wird übel und ich werde in meiner Vermutung bestärkt, dass Literaturkritik, Kunstkritik…sich ganz anderen Kriterien unterwerfen müssen als der Qualität, über die auch gestritten werden muss.
Seit vielen Jahren beschäftige ich mich mit diesen Tendenzen und habe auch öffentlich versucht, wenigstens eine gemäßigte Aufmerksamkeit zu erlangen.

Während jeder Nachbereitung im Radio mit einem Auszug des Vortrags von Bachmann-Preisträgerin Nora Gomringer wird bislang ausschließlich folgene Passage gewählt:

„Tach
Hallo, Herr Thomas. Ob ich ihnen ein paar Fragen stellen dürfte?
Ich störe auch nicht lange.

Ja.

Darf ich reinkommen.

Ja.

Bei Herrn Thomas ist alles durcheinander, einschließlich Herrn Thomas.“

Bei „Ja“ und „Ja“ brüllte sie dann wie ein misslauniger T.Rex und machte eine dummes Gesicht ins Publikum. Es entwickelte sich eine heitere Grundstimmung.

Ich denke jetzt einmal leichtsinnig, dass für derartige Rückblicke und Zusammenstellungen die glanzvollsten Abschnitte ausgelesen werden sollten.
Ich fand das Humorpotential überschaubar und der schauspielerische Nebeneffekt kann sich im Hörfunk ohnehin nicht entfalten.
Aber warum sollte man sich um diese Abläufe kümmern. Hauptsache Nora brüllt.

Den sprachlich edelsten und geistvollsten Text versendete die Österreicherin Valerie Fritsch. Doch weder brüllte sie noch zappelte sie auf dem Stuhl herum.

Die intelligentesten und konstruktivsten Jury-Beiträge lieferte Klaus Kastberger. Außerdem wollte er sich ein wenig streiten.
Und ich habe recht. So einfach ist das.

Die womöglich unappetitliche Zusammenarbeit von Verlagen, Buchhandel, Juroren…..bei Preisverleihungen läßt mich frösteln.

Valerie Fritsch erhielt wenigstens den Publikumspreis.
Das Publikum war klüger als die Jury.
So einfach ist das.
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Juli 6, 2015 Posted by | Leipzig, Literatur, Medien, Neben Leipzig | Hinterlasse einen Kommentar

Jürgen Henne und die tägliche Genialität, s.a. meinen Beitrag vom 22. Februar des laufenden Jahres

Das Leipziger Medienwesen, es entwickelt sich

( in Gedanken bei Michail Sostschenkos „Die Kuh im Propeller“, vorgetragen von Manfred Krug (1965). Wurde in eine LP der Reihe „Lyrik, Jazz, Prosa“ gepresst.

Für Unwissende: „Das Flugwesen, es entwickelt sich“

Gleichzeitig mit „Der Hase im Rausch“ von Sergej Michalkow (Eberhard Esche).

„Infolge des geräuschvollen Gezeters
Und des Gebrülls des trunk’nen Schwerenöters,
Der sich mit Mühe durch das Dickicht schlug,
Fuhr unser Löwe auf mit einem derben Fluch
Und packt den Hasen grob am Kragen:
„Du Strohkopf, willst es also wagen,
Mich zu belästigen mit dem Gebrüll? –
Doch warte mal, halt still!
Du scheinst mir ja nach Alkohol zu stinken!
Mit welchem Zeug gelang es dir, dich derart sinnlos zu betrinken?“

(Sergej Michalkow: „Der Hase im Rausch“, Ausschnitt)

Mit Manfred Krugs Auftritt einer der Höhepunkte aller stundentischen Besäufnisse in sozialistischen Wohnheimen der siebziger Jahre.

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Ein Artikel der einzigen Leipziger Tageszeitung, an einem Tag der vergangenem Woche.

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Ein Artikel der einzigen Leipziger Tageszeitung, einen Tag nach dem anderen Artikel (s.o.) oder umgekehrt.

Am Beginn der Vorstellung in einer Leipziger Schauspielstätte betrat vor einiger Zeit der Darsteller den Raum mit dem Rücken zum Publikum, „umgekehrt“ sozusagen.
Sein Hinterkopf war aber von einer Maske bedeckt. Also kam er mit seiner Rübe “ pseudo-korrekt herum“ in die Arena.
Das Theatervolk kreischte frenetisch.
Ich ächzte, wande meinen Blick erschreckt zur Kuppel, in der Hoffnung, dass dieser Originalitätsstandart für den Abend nicht ewig bleiben dürfe.
Er blieb es.
Und in den Druckstätten der einzigen Leipziger Tageszeitung zuckten euphorisch die Lettern und brachten dem Lesevolk bald die guten Botschaften.
Sie kündeten von der Genialität dieses Theaterabends, der schon mit einem genialen Einfall begann.
Eine Maske, „verkehrt herum“ auf des Schauspielers Wirsing wäre also genial.
Ich beiße in meine Schuhbürste.

Jeder Narr und Harlekin, jeder dumme August, alle Bajazzos, Rigolettos und Till Eulenspiegels dieser Welt haben die Irritation der Hinterkopf-Maske schon gewählt, jeder Karneval, alle Ensors und Brueghels dieser Welt nutzten und nutzen diese Verunsicherung.
Ich habe sie selbst vor Jahrzehnten bei Oleg Popow und Marcel Marceau gesehen (Die Hände zur Maske geformt, am Hinterkopf).

Und es gibt die sprichwörtliche Janusköpfigkeit, irgenwie aus der römischen Mythologie, nicht mehr gebräuchlich, doch noch nicht vergessen.

Und wenn dann irgendein Choreografie-Harry dieses ikonographische Mittel von inzwischen weltweiter Selbstverständlichkeit als „genialen Einfall“ einsetzt, schwellt und schweißt dennoch der kollektive Schritt schwulstig und schwärmerisch vor sich hin.

Auch Leipziger Journalisten feiern diesen Schnee des frühen Kambriums als geniale Idee.

Es ist ja nun nicht so, dass ich jedes Kümmelkorn im Käse suche.

Doch der fast boshaft leichtferige Umgang mit Qualität oder dummen Zeug, diese einfältige Erbarmungslosigkeit, unverstandenen Kram und beliebigen Kokolores einen Übersinn zu geben, um nicht selbst als Depp mit intellektuellem Rückwärtsgang von seiner Umgebung eingeordnet zu werden, verstört mich doch zunehmend.
Um diesen Leumund der Unfähigkeit zu entgehen, sinnreich über bildende Kunst, Literatur und Theater denken und schreiben zu können, popelt man sich dann eben gleich den genialen Irrwitz (s.oben), die Genialität dilettantischer Kunstproduktionen (s.oben) und die Genialität einer Maske auf dem blassen Hinterkopf aus dem Rüssel oder labert pompös und pseudo-philosophisch um die Ecken, dass nur noch ein Semikolon verbleibt, wenn aus diesen Satz-Wülsten die Luft entweicht.

„Genialer Irrwitz, genialer Dilenttantismus.“

Da ist man fein raus und das Publikum feiert des Verfassers „Kompetenz“.

Klingt wichtig und ist doch nur ein ärmlicher Versuch von etwas einfach gefurchten Gemütern, eine respektierte Deutungs-Souveränität zu erlangen.
Denn mitnichten wird dann der Genius, die Genialität begründet, die Texte verdorren in simplen Beschreibungen, Kalauern und Wikipedia-Wissen, mitunter auch schon einmal in wortwörtlichen Wiedergaben.

Ich könnte Auszüge von allerlei Beschreibungen aktueller Kunst in allerlei Katalogen, Zeitschriften, Zeitungen…. anbieten, wenn man das liest, spreizt sich das Zwerchfell.

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Möhren

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Leipziger Völkerschlachtdenkmal

Und ich werde jetzt mit meiner Plüsch-Schildkröte Gardinen klöppeln, dann die Wohnung durchwandern, Dostojewskis „Idiot“ aus dem Regal nehmen und in meinen alten Vogelbauer stellen. Danach säubere ich drei Möhren und bereite sie für einen mittleren Waschgang in meiner Miele-Maschine vor.
Nach der Schleuderung befestige ich sie (die Möhren) auf der Plattform des Leipziger Völkerschlachtdenkmals an einer grünen Wäscheleine mit Wäscheklammern in den Farben der Förderation St Kitts and Nevis und singe dazu Helge Schneiders Möhrchenlied, von hinten.

Ich denke schon, ich bin genial.

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Journalistische Unwissenheit der Woche

Innerhalb einer Hörfunk-Sendung mit CD-Vorschlägen hörte ich folgendes Zitat, welches Gustav Mahler zugeschlagen wurde:

„Nicht Bach, Ozean sollte er heißen“

Ich will mich nun keineswegs als Mahler-Fachmann erhöhen, doch etwas erweiterte Grundkenntnisse darf ich mir bescheinigen.
Und diese Einschätzung Bachs durch Mahler ist mir unbekannt.
Ich zögerte nur kurz und dachte an Beethoven, dessen Sprüchlein überliefert ist:

Nicht Bach, Meer sollte er heißen (Oder so ähnlich, nicht wörtlich)

Doch interessiert es ja keine Sau, ob das alles stimmt oder nicht.
Hauptsache, man quäkt irgendein Zitat, dessen Blödsinn wird schon keiner merken.

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juergen-henne-leipzig@web.de

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April 30, 2014 Posted by | Leipzig, Literatur, Presse | Hinterlasse einen Kommentar

Jürgen Henne und Arthur Schnitzler

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Heute im Deutschlandfunk:

Die Lange Nacht, ab 23 Uhr:

Arthur Schnitzler

Damit sollte man intellektuell angemessen die Nacht bewältigen können.

April 12, 2014 Posted by | Leipzig, Literatur, Medien | Hinterlasse einen Kommentar