Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne, die Drecksau, Frauen, Männer, Nora, Julia, Juli, eine Ausstellung im Leipziger Bildermuseum und ein Museum in New York



Vor dieser Kunst gehe ich euphorisiert in die Knie


Twombly, Museum of Modern Art, New York, s.unten

Newman, MoMa, s.unten

Indiana, MoMa, s.unten

Pollock, MoMa, s.unten

Jürgen, der Coole nach MoMa unweit von Montauk (Long Island), s. Max Frisch

Die Zeiten sind mitunter zu lausig, um sich deutlich, aufgeschlossen, unmissverständlich, kompetent, frank und frei zu Musik, Literatur, bildender Kunst äußern zu können.
Die Reaktionen beginnen besoders zu brodeln, wenn Musikerinnen, Malerinnen, Schriftstellerinnen…sich der öffentlichen oder privaten Kritik stellen.

Als ich Nora Gomringer meine hochgradigen Bedenken zu der lyrischen Qualität ihrer Gedichte mitteilte, festgezurrt an ihren Auschwitz-Strophen, wurde ich von Mitgliedern ihres „Fanclubs“ in die Kategorie „Drecksau“ eingeordnet.

Auch meine Sorge, dass Sprache und Musik Julia Engelmanns zum Standard für hohen Anspruch gekürt werden könnten, wurde nicht honoriert und als Gesprächsgrundlage unflätig abgelehnt.

Wenn ich vortrage, dass die Texte von Nora Gomringer nach meinem Verständnis für Qualität, welches sich seit über fünfzig Jahren zu hoher Reife entfaltet hat, keineswegs befriedigende Anforderungen erfüllt, bescheinigt man mir innerhalb der entsprechenden Kollektive eine galoppierende Entwicklung zur Frauenfeindlichkeit, also zu einer frauenfeindlichen Drecksau.

Noch schlichtere Gemüter ahnen bei mir tiefschürfend, auch mit dem Blick auf die Frauen-Askese innerhalb der AfD-Fraktion, eine Nähe zu rechten Ideologien und die Münder von Zeitgenossen mit einem Intellekt von besonders asketischem Zuschnitt scheinen ein markantes „Nazi“ zu formen, wenn sie zur Kenntnis nehmen, daß ich N.Gomringers Beitrag „Und es war ein Tag“ über Abläufe im Konzentrationslager Auschwitz als unerträglich ablehne.
Also nur weil ich der Lyrik Nora Gomringers, Julia Engelmanns, aber auch z.B. der Prosa von Juli Zeh nicht die geforderte Hochachtung entgegenbringe, literarische Defizite bescheinige, allein begründet durch deren sprachliche Zumutungen und intellektuelle Oberflächlichkeiten, wabert aus mir die Stimme einer Drecksau, einer frauenfeindlichen Drecksau ???
Die Zeiten sind tatsächlich mitunter lausig für beide Geschlechter.

Ich sah vor einigen Tagen „Son of Saul“ (Lásló Nemes), Handlungsort ist Auschwitz/Birkenau und konnte ein paar Gedanken an N.Gomringers Gedicht nicht unterbinden.
Mein betroffenes Gemüt erschauerte über diese unfassbaren Vorgänge, aber auch bei der kurzfristigen Erinnerung an N.Gomringers hochgradig unangemessenen Zeilen über dieses Inferno und ließ Wittgensteins Satz inhaltlich und sprachlich etwas mutieren und rezitierte innerlich: „Worüber man nicht schreiben kann, darüber sollte man schweigen“

Ich bat um Gespräche mit meinen Anklägern über die Literatur von Nora Gomringer, von Julia Engelmann, Juli Zeh,…. ich bat um Begründungen und Erläuterungen, ich versprach die Darlegung meiner Begründungen und Erläuterungen.
Mit den Texten auf dem Tisch, in einer nach oben offenen Gesprächsrunde.

Ablehnung, nur Ablehnung, man blieb bei „Drecksau, Frauenfeind, AfD-Sympatisant, Nazi…

Ich bekenne auch meine Zweifel z.B. an der literarischen Qualität der Prosa von Ingo Schulze, Thomas Brussig, Uwe Tellkamp, meines Erachtens keine Frauen, eher Skrotum-Träger.

Mir geht es nicht darum, ob Romane, Novellen, Erzählungen, Gedichte… von einer Frau aus Süd-Gambia, von einem Mann auf S.Kitts und Nevis oder in Wanne Eickel geschrieben werden, ob sie in einem Iglu oder in Pfahlbauten Neuguineas ihre Vollendung finden.
Ob mit Tinte oder Maulwurfkacke aufgezeichnet, ob im Rollstuhl auf dem Eiffelturm oder im Trabant 601 auf dem Krakatoa.
Ist mir sowas von scheißegal, interessiert mich eine feuchte Rollzwiebel.
Nur die Qualität mit all ihren Schattierungen und Nebenwegen gilt als einziges Kriterium.
Da können mir alle Infantil-Hysteriker, die mit violett herausklaffender Zunge „Drecksau, Frauenfeind, Nazi“…kreischen, an der Hüfte blasen und weiterhin „Drecksau, Frauenfeind, Nazi“ bellen.

Und es gibt natürlich auch malende, zeichnende, lithographierende, radierende, performanceierende, bildhauernde, filmende…. Frauen und Männer.

Und es gibt auch „Voix“, die aktuelle Ausstellung von 28 Künstlerinnen aus Berlin und Leipzig bis 7.April im Leipziger Bildermuseum.

Und meine Knies entscheiden sich zu einer radikalen Erweichung, die Haut bereitet eine flächendeckende Gänsehaut vor und mein Kopfhaar beginnt Berge zu bauen, wenn ich an die Reaktionen auf meine deutliche, aufgeschlossene, unmissverständliche, kompetente, frank und freie Beurteilung dieser Ausstellung denke.

Deshalb wähle ich einen anderen Weg.
Einige Arbeiten, nach dem Prinzip des Zufalls und mit geschlossenen Augen gefunden, biete ich zur Urteilsfindung an.
Ein zufälliger, doch ein gelungener und fairer Querschnitt.
Ohne Kommentar und ohne Informationen.

Ich habe nicht selten Details fotografiert, um das zeichnerische und malerische Vermögen oder Unvermögen zu zeigen.
Dieses hohe oder mindere Maß an Qualität des Details wird in der Regel über die gesamte Bildfläche weitergeführt.

Der „Kritiker“ der Leipziger Volkszeitung schrieb: „Die bei aller Diversität durchgehend hohe Qualität….“




























„Die bei aller Diversität durchgehend hohe Qualität…“
LVZ, 20.Februar 2019

Und ich setze mich jetzt in meine Leseecke und blättere in Bänden mit der Kunst von Twombly (s.o), Kline, Indiana (s.o.), Still, Tobey, Rothko, Pollock (s.o.), Rauschenberg, Newman (s.o), Reinhardt, Stella, Francis, Motherwell, de Kooning, Noland, Basquiat, ausnahmslos US-Amerikaner.

Ich höre schon die gellenden Sirenen: „Na, du Drecksau bist wohl Trump-Anhänger.

Wahrlich, es sind mitunter schon lausige Zeiten.



Konzert-Empfehlung für die kommende Woche

Musica Nova, 6.März 2019, 20 Uhr, Leipziger Gewandhaus, Mendelssohnsaal.

Musik von Morton Feldman und Jo Kondo.
Ensemble Avantgarde/Steffen Schleiermacher.

Ausstellungs-Empfehlung

Halle/S., Kunstmuseum Moritzburg.
„Die Stille im Lärm der Zeit, Meisterwerke aus der Sammlung Ziegler.“

Kunst von Macke, Nolde, Marc, v.Jawlensky, Heckel, Schmidt-Rottluff, Feiniger, Klee, Rohlfs, Mueller, Corinth, Schlemmer, Beckmann,
Hofer, Dix.
Ich habe selten eine derartig hochwerige Privatsammlung gesehen.

Bis 12. Mai 2019

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März 4, 2019 Posted by | Leipzig, Literatur, Medien, Musik, Politik | 1 Kommentar

Jürgen Henne und die alltäglichen Ärgernisse


Ein ungeschältes Frühstücksei in einer linken Hand.

Erstes Ärgernis
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Ich belegte vor einigen Tagen meinen Frühstücks-Sessel, das ungeschälte Frühstücksei in der linken Hand und spürte das Bedürfnis, mich von einer hochanständigen Buchbesprechung bilden, aber auch zur Lektüre des Bandes animieren zu lassen und fand tatsächlich auf der ersten Seite der Kulturabteilung von Leipzigs Tageszeitung (LVZ) die Rezension des Romans „Mit der Faust in die Welt schlagen“ eines mir unbekannten Autoren.

Der Buchtitel verstimmte mich etwas, klingt wie „Proletarier aller Länder…“ oder „Alle Räder stehen still,…“.
Oder „Halt`s Maul, sonst in die Fresse“.


Klütz, Uwe-Johnson-Museum, Herbst 2014.

Zunächst wurde ein Satz zitiert: „Es hatte ihn nicht beeindruckt, dass der Schornstein gesprengt werden sollte.“
Ich dachte, vielleicht sind es die ersten Worte des Buches, wäre nicht schlecht.
In Uwe Johnsons „Mutmaßungen über Jakob“ steht auch auf dem Papier als Einleitungssatz: „Aber Jakob ist immer quer über die Gleise gegangen.“
Doch dann macht Johnson einen Punkt, lässt zwei Leerzeilen stehen und führt erst anschließend den Roman weiter .
Dieser Satz steht, irritiert und man will weiterlesen.

Doch bei der „Weltfaust“ wird die Information „vervollständigt“: „Denn so vieles gab es, das die ganze Zeit einstürzte.“
Mir fiel das Ei aus der linken Hand und ich hatte jetzt drei davon im Schritt.
Und musste schluchzen.
Ich überflog den Zeitungstext nun in einer imposanten Geschwindigkeit.
Die Autorin beschreibt dann Passagen und wählt Zitate, die nach ihren literarisch- ästhetischen und inhaltlichen Wertvorstellungen dem Weltfaustbuch eine gehobene Bedeutung bescheinigen.

Ich las von wehenden Gardinen an den Fenstern volkseigener Ruinen, von Männern in Unterhemden an Fenstern der Neubaublocks.
Mir schauderte und ich schluchzte erneut: „Mein Gott, ist das simpel“, überflog dennoch weiter.

Ich las Tobis Satz (scheinbar ein wichtiger Handlungsträger): „Mich nervt die ganze Scheiße hier. Immer das Gleiche, und alles geht vor die Hunde. Immer schon, als wäre das nie anders gewesen.“

Ich las vom Vater, für den die Tschechen das Problem sind, von Felix, der sich mit Crystal Meth zerstört, vom gewaltbereiten Menzel, für den die Sorben schuldig sind, gleichfalls von der Großmutter, die ihren Garten einer syrischen Familie überlässt, wogegen Tobi antobt.

Jetzt beendete ich zügig meine Überfliegerei, denn ich bekam Augenschmerzen und wurde weder gebildet noch animiert.
Auch nicht durch die Verlagswerbung, die den Band als „hochaktuelle literarische Auseinandersetzung mit unserem zerrissenen Land“ aufgelegt hat.
Als „Buch zur Zeit“.
Was für ein nervendes Gesülze!

Mir geht es nicht um die berechtigten Sorgen der Bewohner in Teilen Ostdeutschlands, um Missstände und Triumphe der Verzweiflung, die unbedingt ausgesprochen werden müssen.
Mich erschüttern aber die literarische Qualität, die Klischee-Exzesse und die ständige Anbiederung am verkaufsträchtigen Mainstream.

Kierling b. Klosterneuburg, Franz Kafkas Sterbehaus, Sanatorium Hoffmann, Frühling 2013.

Zweites Ärgernis
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Ein deutscher Kultursender wirbt für eine Aktion in Magdeburg, bei der auch Literatur von Poe, E.T.A. Hoffmann und Kafka verarbeitet wird.
Die Moderatorin ordnet mit markiger Gewissheit das gesamte Trio in die literarische Elite des 19.Jahrhunderts ein.
Kafka und das 19.Jahrhundert, vielleicht noch auf einer Linie mit Adalbert Stifter.
Oder Fontane.
Oder Turgenjew.

Kafka wurde natürlich im 19.Jahrhundert geboren (1883), doch zeugt es von großer Tapferkeit, ihn literaturhistorisch in diesem Jahrhundert zu verankern.
Brecht krabbelte 1898 in eine Augsburger Wiege, für die Moderatorin vielleicht auch ein Vertreter dieser Zeit?

Drittes Ärgernis
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Deutschlandfunk, am Morgen, fünf vor acht, Sportnachrichten.

Am Mikrofon spricht X, ein Neuzugang (von drei Debütanten, Y u.Z, mir sind die Namen entfallen) der deutschen Fußball-Nationalmannschaft über das kommende Spiel:
„Ich denke, dass uns der Trainer einsetzt.“

Darauf die Sportmoderatorin:
„Auch Jogi Löw denkt, dass er x,y,z zum Einsatz bringt.“

Darauf Löw am Mikrofon:
„Ich denke schon, dass ich X,Y,Z einsetzen werde.“

Jetzt dachte auch ich, dass Löw X,Y,Z einsetzen wird.


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September 12, 2018 Posted by | Literatur, Medien, Sprache | Hinterlasse einen Kommentar

Jürgen Henne und die Longlist zum Deutschen Bücherpreis. Heute: „89/90“ von Peter Richter ( Verlag Luchterhand)

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Irgendein papierner Propaganda-Lappen zur Organisierung der X.Weltfestspiele 1973 in Berlin.

Mir wird hochgradig übel. Ich war zweiundzwanzig und hätte gern ein Led Zeppelin-Konzert gehört. Als Alternative wurde der Oktober-Klub mit seinem Musik-Kehricht und dem unsäglichen Hartmut König angeboten.

Diese Veranstaltung diente als Namensgeber eines Deutschen Demokratischen FDJ-Jugendklubs in Dresden, über den Peter Richter in seinem Buch „89/90“ schreibt und dessen Darlegung ich mir reinekeln soll.
Mitnichten.

Das Lebensgefühl einer rebellischen Generation am Ende der DDR

Sie sind der letzte Jahrgang, der noch alles mitmachen darf – damals in Dresden vom Sommer vor der Wende bis zur Wiedervereinigung: die lauen Freibadnächte und die Ausweiskontrollen durch die »Flics« auf der »Rue«, die Konzerte im FDJ-Jugendklub »X. Weltfestspiele« oder in der Kirche vom Plattenbaugebiet, wo ein Hippie, den sie »Kiste« nennen, weil er so dick ist, mit wachsamem Blick Suppe kocht für die Punks und ihre Pfarrerstöchter.

Sie sind die Letzten, die noch »vormilitärischen Unterricht« haben. Und sie sind die Ersten, die das dort Erlernte dann im Herbst 89 erst gegen die Staatsmacht anwenden. Und schließlich gegeneinander. Denn was bleibt dir denn, wenn du zum Fall der Mauer beiträgst, aber am nächsten Tag trotzdem eine Mathe-Arbeit schreiben musst, wenn deine Freundin eine gläubige Kommunistin ist und die Kumpels aus dem Freibad zu Neonazis werden?

Von der Unschuld des letzten Sommers im »Tal der Ahnungslosen« bis zu den Straßenschlachten rund um die deutsche Einheit: Peter Richter beschreibt in seinem autobiografischen Roman das chaotische Ende der DDR aus der Sicht eines damals Sechzehnjährigen – pointiert, authentisch und sprachlich brillant. Coming of Age im Schatten von Weltgeschichte.“

Anpreisung von Peter Richters Buch „89/90“ auf der Homepage des Luchterhand-Verlags.

Der Band wurde in die Longlist zum Deutschen Bücherpreis aufgenommen.

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Ich will keine Storys von Konzerten im FDJ-Klub „X.Weltfestspiele“ lesen oder über Konzerte in der Kirche vom Plattenbaugebiet, auch nicht vom Hippie, den sie „Kiste“ nannten.
Mich widert dieser ganze populistisch-kalkulierte Kram wuchtig an.

Diese banale Sülzerei über eigene „Erlebnisse“ um 89/90 als Sechzehnjähriger sind schwer erträglich.
Richter spricht während eines Interviews von seinem „Bildungsroman.“ Eine Anmaßung, wenn man mit dieser literarischen Gattung Autoren wie Hesse, Goethe, Keller oder Handke verbindet.
Von Wende-Apokalypsen berichtet er und sortiert das damalige Begrüßungsgeld in die Nähe der Apfelübergabe durch Eva an Adam ein, bezeichnet sich selbst forsch als Anarchisten und vergleicht das Ergebnis des Stroms der Ausreisenden mit der Wirkung einer Neutronenbombe.
Das ist alles so beleidigend dürftig.

Richter schreibt über den letzten 1.Mai und das letzte Wehrlager, in dem sie Nahkampf probten, durch die Botanik robbten und schossen. Abläufe, die sie dann 1990 gegen ihre ehemaligen Lehrmeister anwendeten und findet diese Verbindung derartig originell, dass er sie doppelt beschreibt.
Auch vertritt er, wiederum forsch, die Meinung, dass bei den Einheitsfeiern 1990 schon die aktuellen Pegida-Abläufe vorgeformt wurden und alle ohnehin nur Westgeld und Bananen gewählt haben.

Richter dehnt seine gedankliche Dürftigkeit in schmerzhafte Regionen aus, das einfältige Klischee wird zelebriert.

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Humble Pie und Blind Faith, statt Bananen….

Ich weiß nicht, in welchem Bunker Peter Richter die Wendezeit erlebt hat, ich habe mit meinem Begrüßungsgeld das Brücke-Museum in West-Berlin besucht und in der Kantstraße LP’s von Lou Reed, Blind Faith, Cream, Humble Pie….gekauft, mitnichten Bananen, auch kein Kukident, Klo-Papier oder Jever Pilsner.
Und im erweiterten Umfeld meiner zwischenmenschlichen Beziehungen erlebte ich keine andere Wende-Reaktion.

Richter „analysiert“ den Fachkräftemangel durch den Bevölkerungsverlust, die Existenz von Punks und Skinheads und ist der Meinung, dass neben dem Mauerfall auch noch Physikarbeiten in DDR-Schulen geschrieben wurden.
Er sprach von der Existenz eines Alltags neben den Aktivitäten der Montagsdemonstrationen.
Das war mir damals nicht aufgefallen.
Ich empfand mich selbst beim Alltag der Stuhlgangpressungen an vorderster Front unserer Bürgerrechtsbewegung.

Das war eine kurze Zusammenfassung eines Geprächs mit Peter Richter über das Anliegen seines Buches „89/90“ auf dem „Blauen Sofa“ während der diesjährigen Buchmesse.

Peter Richter ist ein Meister der Anspruchslosigkeit

Wieder ein Buch über den alltäglichen, tausendfach abgenudelten DDR-Quark, ohne jegliche literarische Geltung, ohne Verallgemeinerungen und Verfremdungen, welche die Bereitschaft nach Erkenntniserweiterung beträchtlich aktivieren könnten.
Ich möchte Literatur lesen und keine platt-realistischen Dokumentationen über einen FDJ-Klub, über eine sozialistische Hippie-Kiste als Koch und über Straßenschlachten rund um die deutsche Einheit.

Ich will feinsinnige Metaphern bewundern, Sprachbilder, die meinen Geist strapazieren, eine intelligente Verknüpfung fiktiver und realer Abläufe, die mich noch mehr beanspruchen, einfach nur Literatur will ich lesen.
Und wenn ich von einem erwachsenen Menschen mit derartigem Tinnef behelligt werde wie: „Der August haucht seine letzten Tage aus“, verändert sich meine Gesichtsfarbe, faltet sich meine Vorhaut und ich denke an die Schweriner Poetenseminare der DDR-FDJ.
Dieses Bild ist, schon rein jahreszeitlich betrachtet, ziemlich bekloppt (Es geht um den August 1989).

Denn „Hauch“ und „hauchen“ ist mit Nuancen der Melancholie, mit Romantik, Abschied, auch etwas Pessimismus besetzt.
Und der Monat August, die Zeit der Hitze, des Urlaubs, der Ernte, der Grill-Schwaden, der Kopulationen auf Sommerwiesen, haucht mitnichten. Es wird rangeklotzt, in allen Bereichen. Der August dampft und schwadet.
Natürlich wird auf der Sommerwiese im August mitunter ein „Je t’aime“ gehaucht, doch danach wird gleichfalls rangeklotzt.
Einen hauchenden Oktober oder November könnte ich mir dagegen gut vorstellen.
Doch soll Peter Richter herumhauchen, wo er mag.

Vielleicht meint er aber auch August Bebel oder August, den Starken, ihre letzten Tage aushauchend. Oder Auguste Rodin. Sicher ist dabei das „e“ nicht korrekt. Chronologische Zusammenhänge sollten gleichfalls überprüft werden. Doch bei solcherart Literatur wäre das ohnehin nicht auffällig.

Ähnliche Sorgen hatte ich bei Erich Loests Prosa. Seinem beharrlich durchgezogenen Leben gehört natürlich meine Hochachtung. Doch von einem Dichter oder Schriftsteller namens Loest kann ich nicht sprechen.
Sicher von einem verdienstvollen Chronisten, Dokumentaristen und Völkerrechtler. Aber Dichter geht gar nicht.

Mich überrascht ohnehin die fast tägliche und leichtfüßig organisierte Einordnung aktueller Autoren in die deutsche Literaturgeschichte.
Tellkamp wird dabei ganz locker Thomas Mann zur Seite gestellt. Und Ingo Schulze, ich hoffe, meine Erinnerungen sind korrekt, bringt scheinbar ähnliche Fähigkeiten zur Geltung, die Fontane in die Unvergleichlichkeit manövrierten.
Da lachen nicht nur die Hühner, da wiehert auch die Henne (Jürgen).

Und weshalb beklebt man Herta Müller 2015 mit dem Hölderlin-Preis der Universität und der Universitätsstadt Tübingen, ein internationaler Nachwuchs-Förderpreis.

Ich stelle dabei die außerordentliche Qualität ihrer Arbeiten keinesfalls in Frage. Die Verleihung des Nobelpreises war angemessen.
Doch H. Müller ist Jahrgang 1956, ein merkwürdiges Nachwuchsverständnis.
Der Komponist und Pianist György Kurtág erhielt die Auszeichnung im Alter von fünfundsiebzig Jahren.

Ich fühle mich überfordert, besonders im Angesicht zahlreicher Dichter jüngerer Jahrgänge , die als Nachwuchs ohne öffentliche Beachtung ziemlich chancenlos verdorren.
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Schnäppchen der Woche

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Diese CD bot mir Amazon für 22.96 statt 22.99 EURO an.
Eine noble Geste.

Zugabe

Vor einhundertfünfundzwanzig Jahren wurde Man Ray geboren. In einem späten Radio-Gespräch sagte er: „Ich glaube, ich bin zu einer Legende geworden…“

Gefällt mir recht gut,

In der deutschen Krautrock-Szene der 70er Jahre formierte sich eine Truppe mit Namen „Bohrmaschinen Bornholm“

Gefällt mir gleichfalls recht gut.

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August 27, 2015 Posted by | Geschichte, Leipzig, Literatur, Neben Leipzig | Hinterlasse einen Kommentar

Jürgen Henne und ein Leserbrief an „Die Zeit“ (14.8.2015) zu einem Gespräch mit Juli Zeh, letzte Seite des Magazins. Außerdem die Weiterführung der außerordentlich begehrten Serie: Wo ist der Jürgen?

Sehr geehrte Damen und Herren,

Juli Zeh zog vor einigen Jahren von Leipzig in ein Dorf Brandenburgs, in der Hoffnung,dem „Polizeistaat“ Leipzig entfliehen zu können. Sie konnte Verbote, bzw. Einschränkungen in öffentlichen Arealen nicht mehr ertragen.
Sie sprach von Regelwut und Sicherheitswahn

Sie nervte das Verbot einer Radtour auf Bürgersteigen, einer Anleinung von Hunden in bevölkerten Bereichen und der Lärmreduzierung, gleichfalls in Zonen mit gehobener Homo-sapiens-Dichte.

Sie akzeptiert dabei abgefahrene Kleinkind-Beine und vom Fahrradlenker zerstörte Rentner-Nieren, sie verharmlost gleichfalls zerfleischte Säuglingsgesichter, hündisch organisierte Risswunden in breiter Palette und billigt den lärmenden Einfluss auf die nächtliche Schlafnotwendigkeit für Kinder und Mitmenschen mit entsprechenden Arbeitsrhythmen.

Aber dann freut sich Juli Zeh über ihren brandenburgischen Nachbarn, der seine Kreissäge erst ab 14 Uhr zum Einsatz bringt, die Stunde der Bettflucht von „Nachteule“ Zeh.

Sie folgert aus dieser freundlichen Geste, „….dass die Grundlage aller Freiheit Rücksichtsnahme ist.“

Ich erstarrte bei dieser vielleicht wahren, doch unerträglich populistisch- „philosophischen“ Mundhöhlen-Blähung, verglichen mit den Gründen ihrer Leipzig-Flucht (siehe oben).

Also Rücksichtnahme auf Julie Zeh, außerhalb ihres Einzugsgebietes darf herumgehackt werden.

An die Mittelmäßigkeit ihrer Literatur habe ich mich gewöhnt, sie interessiert mich nicht mehr.

Doch die Unaufrichtigkeit, die Manie nach medialer Präsenz und eine Spießigkeit, die nur Abläufe gelten lässt, die ihren infantil strukturierten Freiheitsvorstellungen entsprechen und andere Möglichkeiten eines zivilen, freiheitlichen Lebens in die Kategorie „Polizeistaat“ einordnet, um dann, bei egozentrischem Bedarf, leichtfüßig die anfangs vorgestellten Positionen zu verbiegen, beunruhigt und erheitert mich zugleich, ihrer markanten Dürftigkeit wegen.

Liebe Juli Zeh, bleiben Sie in Brandenburg, Leipzig braucht Sie mitnichten.

Und weshalb muss ich ….„lockte mich die Stadt mit einem Freiheitsversprechen…“ lesen und kurz darauf…„Freiheit war damals im Osten ja noch ein Versprechen…“
Was für ein doppeltes Gesülze! Ein Gespräch des Grauens.

Natürlich ist Deutschland eine Republik ausufernder Verbote und Anordnungen.
Doch im Angesicht von Merckx-Fanatikern und unangeleinten Hunden aus Baskerville in belebten Stadtarealen sowie der nächtlichen, phonstarken Belästigung durch zumeißt grauenhaft schlechte Musik, die selbst Wildkanichen zur Ohrenverstopfung treibt, kann ich kein Argument gegen gewisse Maßregelungen finden.
Denn wie sagte schon Juli Zeh: Die Grundlage aller Freiheit ist Rücksichtnahme.

Jürgen Henne

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Aus der schier unglaublich begehrten Serie „Wo ist der Jürgen ?

Heute: Wo ist der Jürgen auf einer Insel ?
Kenmare, Steinkreis, Südwest-Irland.

August 17, 2015 Posted by | Leipzig, Literatur, Neben Leipzig, Presse | Hinterlasse einen Kommentar

Jürgen Henne, Valerie Fritsch, Klaus Kastberger, Nora Gomringer und der Bachmann-Wettbewerb 2015

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Bachmann-Wettbewerb 2015

Ich habe alle Beiträge gehört und gesehen.
Vor wenigen Minuten lobte eine Journalistin im Deutschlandradio Kultur die positive Atmosphäre unter den Juroren und begründete ihr Urteil damit, dass man sich weitgehend einig war und Streitereien vermieden wurden.
Nur Klaus Kastberger aus Graz zerstörte mitunter die sorglose Stimmung und wollte sich scheinbar streiten, dieser Rüpel.
Rüpel hat die Journalistin natürlich nicht gesagt, doch das Kastberger auch manchmal zu Penetranz neige.

Wenn ich das höre, bekommt meine Haut die Struktur des hässlichsten Gänserichs Mitteleuropas.
Kastberger versucht, diese harmonische Einöde zu durchbrechen und endet auf der Streckbank für aufsässige Nörgler.

Mir wird übel und ich werde in meiner Vermutung bestärkt, dass Literaturkritik, Kunstkritik…sich ganz anderen Kriterien unterwerfen müssen als der Qualität, über die auch gestritten werden muss.
Seit vielen Jahren beschäftige ich mich mit diesen Tendenzen und habe auch öffentlich versucht, wenigstens eine gemäßigte Aufmerksamkeit zu erlangen.

Während jeder Nachbereitung im Radio mit einem Auszug des Vortrags von Bachmann-Preisträgerin Nora Gomringer wird bislang ausschließlich folgene Passage gewählt:

„Tach
Hallo, Herr Thomas. Ob ich ihnen ein paar Fragen stellen dürfte?
Ich störe auch nicht lange.

Ja.

Darf ich reinkommen.

Ja.

Bei Herrn Thomas ist alles durcheinander, einschließlich Herrn Thomas.“

Bei „Ja“ und „Ja“ brüllte sie dann wie ein misslauniger T.Rex und machte eine dummes Gesicht ins Publikum. Es entwickelte sich eine heitere Grundstimmung.

Ich denke jetzt einmal leichtsinnig, dass für derartige Rückblicke und Zusammenstellungen die glanzvollsten Abschnitte ausgelesen werden sollten.
Ich fand das Humorpotential überschaubar und der schauspielerische Nebeneffekt kann sich im Hörfunk ohnehin nicht entfalten.
Aber warum sollte man sich um diese Abläufe kümmern. Hauptsache Nora brüllt.

Den sprachlich edelsten und geistvollsten Text versendete die Österreicherin Valerie Fritsch. Doch weder brüllte sie noch zappelte sie auf dem Stuhl herum.

Die intelligentesten und konstruktivsten Jury-Beiträge lieferte Klaus Kastberger. Außerdem wollte er sich ein wenig streiten.
Und ich habe recht. So einfach ist das.

Die womöglich unappetitliche Zusammenarbeit von Verlagen, Buchhandel, Juroren…..bei Preisverleihungen läßt mich frösteln.

Valerie Fritsch erhielt wenigstens den Publikumspreis.
Das Publikum war klüger als die Jury.
So einfach ist das.
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Juli 6, 2015 Posted by | Leipzig, Literatur, Medien, Neben Leipzig | Hinterlasse einen Kommentar