Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne und „Die Verdopplung des Kosinus bei Gelb“ oder „Warum schmähte Porzellanputzer Torben Tilenius aus Bückeburg einen Elch im Herkynischen Wald?“

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Aus meinem Musik-Reservoir

1. Eine Gedenkminute für B.E.King.

Nach der Vereinigung gelang mir noch ein Konzertbesuch. Natürlich mit „Stand by me“. Aber auch mit „Spanish Harlem“, Coverversionen gibt es u.a. von Aretha Franklin und Willy de Ville in erwartet bester Manier.
Die Musik von King und gleichzeitig der Drifters bildet natürlich die Grenzen meiner sehr frühen Radio-Exzess-Zeiten, die man mit quietschenden Mittel-u.Kurzwellenempfang von Radio Luxemburg, Saarländischem Rundfunk und Sender Freies Europa umreißen kann.
Titel der Drifters wie „Save the last Dance for me“, „Saturday Night at the Movies“ (immer noch geeignet für eine Gänsehaut) und „Under the Boardwalk“, über Jahre in der Hitparade des Saarländischen Rundfunks am Ausgang der zweiten Hälfte der 60er Jahre als Cover-Version der Rolling Stones als sogenannte „Ewige“ gefeiert, gehören durchaus noch heute zum erweiterten Repertoire meiner Musik-Verpflegung.
Sicherlich klingt das für schlichte Gemüter wie Schnee von gestern.
Und jetzt sechzig Sekunden Ruhe.

2. Bericht im DLF über einen Boxkampf in Las Vegas

Boxen interessiert mich eigentlich weniger als die Spargelernte auf Spitzbergen.

Man spricht vom Kampf des Jahrhunderts.
Siegpreis: 150 000 000 Dollar
Verliererpreis: 100 000 000 Dollar.
Ein Besucher zahlte 26 000 Dollar für die Eintrittskarte.
Der Mundschutz eines Kämpfers wurde aus Goldstaub gefertigt.
Der Sieger erhält außerdem einen Gürtel mit Edelsteinen und ein Kilo Gold.
Ich hoffe, das sind alles nur Gerüchte.
Mein Weg zum gewaltfreien Systemkritiker wird allmählich geebnet.

3. Kino aktuell

„Big Eyes“ von Tim Burton.

In deutschen Kinos startete der Streifen am 24. April.
Durchaus ansehnlich, doch wird man von der Folter heimgesucht, sich über fast zwei Stunden unerträgliche Kunst anschauen zu müssen.
Der Streifen schildert die wahre Geschichte um Walter und Margaret Keane.
M.Keane malte über Jahre mitleidfordende Kinder mit albern monströsen Augen, als deren Schöpfer aber W.Keane in der Öffentlichkeit agierte, mit Einverständnis seiner Frau.
Denn die Signatur eines Mannes versprach größeren Triumph und erhöhten Gewinn.

Der Crash begann, als sich M. Keane im Fernsehstudio zu ihren Bildern bekannte.

Waltz spielt ausufernd wie immer und zelebriert eine göttlich-klebrige Lästigkeit.
Doch sollte er sich allmählich etwas zähmen, sonst mutiert seine hohe Schauspielkunst zu egomaner Kasperei.
Den wichtigsten Satz des Films sprach aber ein Galerist, der z.B. Bilder von Marc Rothko anbot.
Während Margarets Offenbarung als wahre Schöpferin dieser Bilder murmelte er sichtlich genervt: „Wer rühmt sich denn mit so etwas?“
Recht hat er.

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Mögliche Inspirationsquelle für Margaret Keanes Malerei

W. Kane starb im Jahr 2000, M. Kane malt bis heute………..urks.

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Leipzigs Kunstpark in der Alten Spinnerei

Wie armselig muss eine Kunstszene sein, die im Mai 2015, anlässlich der zehnjährigen, unbedingt verdienstvollen Existenz des Kunstparks in Leipzigs Alter Spinnerei als dominierene Abbildung in Leipzigs einziger Tageszeitung ein Bild von Neo Rauch anbietet.

Könnte man denken. Doch Leipzigs Kunstszene ist mitnichten armselig. Mitnichten.
Auch Neo Rauch hatte viele Jahre eine Kunst dargeboten, die mitnichten armeselig ist.

Ich vermute, dass ich die erste oder fast erste Fachkraft war, welche Neo Rauch in einem umfangreichen, doch eher halb-öffentlichen Text würdigte (1987). Ein expressiv gemaltes Schlagzeugensemble aktivierte meine synästhetische Veranlagung.
Anfang der 90er Jahre folgten dann weitere Beiträge in Leipzigs einziger Tageszeitung.
Es wäre also nicht unangemessen, mich als Vollard, Kahnweiler oder Durand-Ruel von Neo Rauch zu preisen.

Um über die aktuelle Qualität der Kunst Rauchs zu dozieren, müsste sich bei mir noch etwas gesteigerte Lust entwickeln.
Ich erahne dabei gewisse Sorgen.

Und wenn der Zeitungskritiker vor wenigen Tagen in der einzigen Leipziger Tageszeitung schleimt, dass in einer Gruppenausstellung mit 120 Künstlern (ausschließlich in der Spinnerei ansässig) „Vielfalt auf fast durchgängig hohem Niveau“ zu erleben ist, hätte man doch durchaus bei Rauchs Bild die Knipskiste des Journalisten in der Knipskistentasche lassen können um andere Arbeiten auf „hohem Niveau“ abzulichten.
Doch weshalb jüngere, noch unbekannte Künstler in den Vordergrund schieben, wenn Rauch dabei ist.

Und der Journalist schreibt dann von dem heißen Wochenende 2005, von geballter Kunstvermittlung, von Leipzig als Reiseziel, von dem Jubiläumsverzicht auf Feuerwerk, Blaskapelle, Kettenkarussell und zum Jubiläum eben die Kunst reichen müsse. Er erwähnt die Leipziger Malereidominanz und erwähnt Libuda aus dem Berliner Dunstkreis. Sam Dukan ist in die Räume des ehemaligen Fahrradladens Rotor umgezogen, auch Pierogi aus New York ist wieder einmal in Leipzig. Johannes Rochhausen bildet immer wieder sein eigenes Atelier ab. Und der Journalist erwähnt den Status der Fotografie und erwähnt, dass Aktmaler Martens diesmal auf Akte verzichtet und androide Wesen vorstellt, gemeinsam mit der Leipzig School of Design. Erwähnt der Journalist. Der Journalist erwähnt Margret Hoppes Beschäftigung mit der Architektur Le Corbusiers in Indien und erwähnt den umlaufenden Fries Ricarda Roggans bei Eigen+Art. Er erwähnt James Nizan von der Maerz-Galerie, der echten Entdeckung aus Kanada. Er spiele mit Perspektiven und Sichtachsen. Ähnlich wie Jong Oh, der aber mit Fäden und Glasscheiben spielt. Erwähnt der Journalist. Er erwähnt auch senfkleckernde Väter und lärmende Kinder. Und dann erwähnt er noch andere Hingucker……und so weiter und so nervend.

Bei „Hingucker“ bringe ich ohnehin meine sprachästhetische Guillotine in Stellung. Nichts gegen folkloristische Anbiederungen, aber „Hingucker“ geht nun gar nicht. Das ist der Zeitungssound von Guido Schäfer. Und wer will den schon.

Mein letzter Abschnitt beinhaltet also die Inhaltsangabe der „Kritik“ über die Ausstellungen auf dem Gelände der ehemaligen Spinnerei, zum zehnjährigen Jubiläum am vergangenen Wochenende.

Aufgemerkt! Kritiken sind erwünscht, Kunstkritiken, Ausstellungskritiken.
Doch der Autor erwähnt, erwähnt, erwähnt……es folgt eine Null, eine angenullte Kritik-Askese.
Irgendwie eine Mischung aus Kochbuch, Strickmusterbogen und Stadtplan von Meppen.

juergenhennekunstkritik.wordpress.com
juergen-henne-leipzig@web.de

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Mai 4, 2015 Posted by | Film, Kunst, Leipzig, Musik, Presse, Sprache | 2 Kommentare