Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne, Bundesliga, 2.Liga, 3.Liga, Regionalliga, Silly im Trikot des Feindes, Gothaer Liebespaar, Schreier und Adam als Perlenfischer und Jürgens Eichelhäher

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Eichelhäher,Pfingsten

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Leipzig,Pfingsten

Vergelt`s Gott, dass ich während dieser Sekunden des Pfingstmontags die überraschende Fauna auf unserem Balkon sah und mich meinem Halbinteresse der Ornithologie zuwenden konnte (Eichelhäher, oben) und nicht im Schneidepunkt der Diagonalen vor Leipzigs Altem Rathaus verröchelte.(Aufstiegsfeier RBL, oben).

Ich verfolge oberflächlich die Bundesliga, sehe dieses und jenes WM-Spiel, bzw. jenes und dieses Spiel.
Doch dieser oder jener Wahnwitz der Berichterstattungen in allen Medien irritiert mich doch etwas.

Silly hat während des Konzerts zur Feier auch Trikots anderer, unterklassiger Mannschaften „des Ostens“ übergestreift.
Und sofort wird gekräht, gekreischt, getobt, Silly muss Stellung beziehen, sich rechtfertigen. Erwachsene Menschen bei Zeitungen und Radio berichten täglich darüber, Leserpost wird veröffentlicht, nur weil erwachsene Menschen sich irgendwelche Kleidungsstücke übergeworfen haben.
„Am LVZ-Lesertelefon gab es kaum ein anderes Thema“, erläutert stolz die Leipziger Tageszeitung.
„Hier regiert der RBL“ wurde gebrüllt.
Auf der ersten Seite der Zeitung steht dann auch markig: „RB-Aufstiegsfeier: Nachspiel für Silly und Aufregung für Hymne.“

Denn Sebastian Krummbiegel hat ein Vereinslied für RB Leipzig komponiert.
Ein weiterer Diskussionsschwerpunkt in Leipzig…..passt sie oder passt sie nicht, passt sie oder passt sie nicht, passt sie oder passt sie nicht…….

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Château d`If

Doch welches Nachspiel erwartet Silly. Vielleicht die Einkerkerung im Château D´If mit der Großmutter des Grafen von Monte Christo als Wächterin und gekleidet mit dem Trikot RB Leipzigs

Derartig gnadenlose Identifikationen mit Ideologien, Staaten, Vereinen, Lebensweisen, und Personen sind mir hochgradig fremd.

Ich stand im August 1990 in der vierten Reihe vor der Bühne auf der ehemaligen Rennbahn in Berlin, hinter mir etwa 100 000 Landsleute, von 16-0.30 Uhr, über acht Stunden am heißesten Tag des Jahres, mit Guns N`Roses als Vortruppe. Vermute ich zumindest.
Und dann knallte gegen 21 Uhr „Start me up“ durch die dunkle Arena.
Und hätte Mick Jagger ein Trikot der Beatles getragen, von Roger Whittaker oder Frank Zander, es hätte mich nicht interessiert.

Liebe Fußballfreunde, seid souverän und lasst doch Silly sich anhosen, wie sie wollen.
Im Stadion entscheidet sich ein Spiel und nicht bei der Kleiderausgabe.

Seit fünfundfünfzig Jahren höre ich Radio und habe schon früh die häuslichen Bildschirmfluten auf die absolute Notwendigkeit reduziert.
Die funktionierende Abstelltaste ist eine feste Größe.

An Wochenenden gibt es in öffentlich-rechtlichen Programmen fünf Stunden Fußball, nachmittags. Übertragungen von Relegationsspielen erhalten am Wochenende drei Stunden Sendezeit. Dritte Programme servieren vier Stunden Fußball der 3. Liga, nachmittags. Tags darauf vier Stunden Fußball von 3.Liga und Regionalliga, bald darauf ab 20 Uhr das Pokalspiel von Sachsen/Anhalt. Gestern Fußball auf ARD, abends. Heute Fußball auf ARD, ab 19 Uhr.
Ich dächte, es gäbe Sportkanäle.
Oder es flimmert dusslig ein „Tatort“ aus dem 14.Jahrhundert aus dem Karton.


Unbegreiflichkeiten des Tages

Gotha-Schloss-Friedenstein

Gotha, Schloss Friedensstein, mit einer bemerkenswerter Sammlung mittelalterlicher Kunst (z.B. „Gothaer Liebespaar „, spätes Spätmittelalter)

I..
Den Preis der Kulturstiftung in Gotha erhält in diesem Jahr Karats Song „Über sieben Brücken musst Du gehen“
Begründung: „Nirgends wird europäische Geschichte so plastisch erlebbar wie in der Historie diese Liedes.“
Toll.
Doch abgesehen davon, dass ich bei dieser musikalischen Gurke grundsätzlich den Raum verlasse, könnte ich eine Reihe verdienstvoller Dichter, Maler, Komponisten angeben, welche die 5000 Euro eher wert ist als die Schöpfer dieser paar Minuten Musikgequassel von 1978 und außerdem finanzell auf besorgniserregenden Ebenen lebt.

Außerdem musste ich besonders plastisch die europäische Geschichte erdulden, als ich für ein halbes Monatsgehalt Schallplatten von Cage, Stockhausen, Rolling Stones, Hendrix…aus dem „Westen“ erwarb, um dann vor meinem Mono-Gerät in die Knie zu gehen.

II.
Pizzabäcker aus der gesamten Welt haben in Neapel eine Pizza gebacken, Länge 1,8 Kilometer.
Verwendet wurden 2000 Kilo Mehl, 1600 Kilo Tomaten, 2000 Kilo Käse, 200 Liter Öl, 30 Kilo Basilikum.

Ich bin Nonsens gegenüber außerordentlich aufgeschlossen und erfreue mich an allen skurrilen Abläufen dieser Welt.
Doch hier endet der Spaß.

Und die Leipziger Volkszeitung schreibt von einem Fabelweltrekord, als wäre der erste Läufer über hundert Meter unter sieben Sekunden gelaufen.

Und sie schreibt von einer Riesenpizza, die neue Maßstäbe setzt, als hätte man neue Behandlungsformen gegen alle Seuchen dieser Welt gefunden oder einen Plan vorgestellt, der dickhäutige Wildtiere schützt vor Schlaff-Kunos, die mit deren Hörnern und Stoßzähnen sich eine Dauerlatte organisieren wollen.
Diese neuen Maßstäbe sollte man sich wünschen.

Doch vermute ich, bald wird eine Pizza mindestens 1,9 Kilometer messen.

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Arien des Tages

I „Lied an den Mond“ aus „Rusalka“/Dvorak

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II „Am Abend war`s“ / „Der Tempel Brahmas strahlt“/ aus „Die Perlenfischer“/Bizet

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Aus meinem Single-Besitz. Die Scheibe hat alle Umzüge weitgehend unverletzt überstanden. Mit Schreier, Adam, Suitner, also keine schlechte Truppe, wohl vom Beginn der 70er Jahre.

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Perlenfischers Hülle.
Spuren hemmungsloser Musikabende, anfangs Mono mit Lautsprecher im Deckel.

Innerhalb einer Rundfunk-Sendung wünschte sich Markus Lüpertz diese Arien. Sehr überraschend, doch eine gute Wahl.

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Mai 21, 2016 Posted by | Leipzig | Hinterlasse einen Kommentar

Jürgen Henne, „Wenn doch wer wo…“, „Magie des Augenblicks“ in Halle/S. und Eric Burdons 75. Geburtstag


Einleitung

Innerhalb einer durchschnittlich anspruchsvollen Deutschstunde zu „meinen Zeiten“ (also spätes Mittelalter) wurden Texte in Einleitung.. Hauptteil.. Schluss gegliedert.
Schlicht und sinnvoll.
Der Einleitung als „Stimmungsmacher“, als Motivator, einem Text weiterhin zu folgen, gebührte eine wesentliche Bedeutung.

„Manchmal ist es ein Fluch, Künstler zu sein. Denn was der macht, darf nicht weg. Wenn doch wer wo ranziges Fett aus der Ecke schabt, sind die Folgen unangenehm, ist der Ruf ruiniert.“
(LVZ, 12.5.2016, S.9, links.)

Diese Einleitung ist Stuhlgang, sprachlich und inhaltlich.
Für Uneingeweihte: Fettecken = Beuys

Es gibt nur eine Reaktion: Flugs umblättern.

Hauptteil

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Halle/S., Moritzburg, Ort der Ausstellung „Magie des Augenblicks“

Als ich vor über fünfundvierzig Jahren erstmalig Bilder der „Präraffaeliten“ W.H.Hunt („Schatten des Todes“), von Burne-Jones, Rosetti und Millais sah („Ophelia“, deren Inszenierung vor einigen Jahren Nick Cave als Video zu „Where the Wild Roses Grow“ nutzte, als australisches Duett mit Kylie Minogue) ging ich ziemlich weich in die Knie.
Ganz so weich wurde die Knorpelmasse im mittleren Beinbereich bei der Sicht auf die „Nazarener“ zwar nicht, doch z.B. Overbeck („Italia und Germania)“ Schnorr von Carolsfeld, geb.in Leipzig („Heiliger Rochus“) sowie Cornelius, Veit, Pforr, Olivier verursachten zumindest eine halbe Biegung.

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Buchverlag Prestel, Friedrich Overbeck, „Italia und Germania“

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Buchverlag Taschen, John Everett Millais, „Ophelia“

In der ehemalige DDR wurde diese Kunst zunächst nur wenig gelitten. Zuviel Religion und Romantik, schädlicher Rückzug ins Mittelalter
Der optimistisch gemalte Schweißtropfen auf der Stirn des Stahlarbeiters im Kampf um die Planerfüllung triumphierte offiziell als Maß aller künstlerischen Dinge.
Im weiteren Verlauf erhöhte sich die Akzeptanz.
Und gerade in der sogenannten „Leipziger Schule I“, wurden maltechnische, symbolgesätigte Bezüge im Sound des Mittelalters zelebriert.

Doch ein halbes Jahrhundert später und nach meinem Eintritt in die Regionen der Weisheit und Erkenntnis verschoben sich Relationen und Wertigkeiten erheblich. „Präraffaeliten“ und „Nazarener“ (beide 19. Jahrh.) ordneten sich an der Peripherie meiner kunsthistorischen Begehrlichkeiten ein.

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Ähnlich geht es mir mit den Nabis, deren Arbeiten u.a. bis 16. September 2016 in den Räumen der Hallenser Moritzburg+ ausgestellt werden.
Ihr dekorativer Mysthizismus mit katholischer Tendenz und durchaus mit präraffaelitischen Traditionen versorgt, nervte mich zunehmend.
Wobei ich mich an den besten Bildern von den Nabi-Kameraden Bonnard und Vallotton auch heute noch heftig erfreue.

Die Schweizer Arthur und Hedy Hahnloser-Bühler sammelten dreißig Jahre (am Beginn des 20. Jahrh.) Malerei, Graphik, Zeichnungen, Bildhauerei, welche die Phase vom Postimpressionismus zum Expressionismus recht ansehnlich reflektieren.
Sicher stellen dabei die Propheten (hebr. Nabis) den umfangreichsten Posten der Ausstellung.

Doch müssen einige Arbeiten eher mittelmäßigen Qualitäts-Kategorien zugeordnet werden.

So erscheint mir z.B. das Bild von Matisse als Ergebniss einer uninspirierten, hingeschluderten Langeweile.
Auch bei den Arbeiten van Goghs und Cezannes sind es die Namen, die zu einem längeren Blick motivieren.
Soll natürlich kein Affront gegen Leidenschaft und Leistung dieser Sammler sein, denn für Qualitätsbilder Cezannes und van Goghs dürften schon vor hundert Jahren Krauteintöpfe als Tauschwert zu wenig gewesen sein.
Der ausgestellte „Sämann“ ist natürlich nicht der „Sämann“, dieses Sujet bearbeitete van Gogh mehrmals.

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Faltblatt zur Ausstellung
Felix Vallotton, „Der Karren“

Eine doch recht markante und teils abseitige Position innerhalb der Nabis vertritt Felix Vallotton.
Während Bonnard noch recht eng im Impressionismus verflochten war, erweiterte der gebürtige Schweizer doch deutlich die „Richtlinien“, welche das Programm der Nabis vorgab.

Er durchsetzt irreal-poetische Landschaften mit einer Aura, die Ausweglosigkeit und Bedrohung bei kommenden Abläufen auslösen könnten und durchaus auf Elemente der „Neuen Sachlichkeit“ vordeuten, eine Bewegung die neben einigen „Ismen“ die Kultur der Weimarer Republik erheblich beeinflusste (Grossberg, Kanoldt).
Selbst bei einigen Elementen in der Malerei des deutschen Surrealisten Richard Oelze fällt mir die Rückbesinnung auf Valloton nicht schwer.
Aber auch Ergebnisse seiner sozialkritischen, z.T.unerbittlichen Blicke in die Banalität bürgerlicher Lethargie bringt Vallotton mit der Darstellung depremierender Genre-Szenen auf die Fläche. Weitgehend untypisch für die Pariser „Propheten“.

Ausgestellt wird ein Bild von Toulouse Lautrec.
Redon ist auch dabei. Er ist der Maler dieses wenig furchterregenden Zyklopen mit dem weichen Eierkuchengesicht und dem bläulichen Rehauge.
Die Nabis Vuillard und Roussel bereichern die Ausstellung mit durchaus ansehnlichen Arbeiten.
Der Nabi Maurice Denis ist weniger ansehnlich.
Der Bildhauer Maillol ist vertreten, dessen Fanclub ich angesichts seiner monumental-idyllischen und konfliktfreien Ebenmäßigkeit mitnichten beitreten würde.
Doch wurde über ihn ein schöner Film gedreht, in dem, ohne Namensnennung, zweifelsfrei Lebensabschnitte Maillols beschrieben werden („Das Mädchen und der Künstler“ mit Jean Rochefort, der schon mit Bunuel und Chabrol im Filmstudio arbeitete sowie Claudia Cardinale).

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Faltblatt zur Ausstellung
Albert Marquet, „La fête national au Havre“

Und dann hängt an einer Wand der Moritzburg noch „La fête national au Havre“ von Albert Marquet, das Mitglied der „Fauves“, eine Truppe, die sich am Beginn des 20.Jahrh. gründete und die aus meiner kunsthistorischen Sicht einen der wesentlichsten Beiträge für die europäische Kunst der vergangenen hundert Jahre hervorbrachte.
Allein der Blick auf die prägnant reduzierte Figürlichkeit im Vordergrund verweist auf höchste Qualität.
Neben Marquet werkelten in diesem Verein z.B. auch Matisse, Vlaminck, Dufy, Manguin, van Dongen und Derain, dessen unsäglich klassizistisches Spätwerk ich aber grundsäzlich überblättere und in Museen übersehe.

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Faltblatt zur Ausstellung
Maillol, Vallotton, Bonnard, Vuillard, Matisse

Diese Ausstellung serviert ein Angebot, sich einer Kunst zu nähern, die im kulturellen Interesse Mitteldeutschland bisher nur als Randnotiz existierte.
Sollte sich ändern.
Man könnte ja für den Besuch ein Wochenende ohne RB-Heimspiel wählen.


Halle/S., Kunstmuseum Moritzburg, Magie des Augenblicks, Meisterwerke aus der Sammlung Arthur und Hedy Hahnloser-Bühler, bis 11. September 2016, Montag-Sonntag 10-18 Uhr, außer Mittwoch (geschlossen), Eintritt: 10 Euro (angemessen).


Schluss

Musik des Tages

Eric Burdon zum 75. Geburtstag (gestern):

Burdon mit „Animals“, Burdon mit „War“, Burdon mit Brian Auger, Burdon solo…..
Passt immer.


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Mai 12, 2016 Posted by | Leipzig | Hinterlasse einen Kommentar

Jürgen Henne, Besucherrekorde und Morton Feldman in fünf Stunden

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Leipzig, Thomaskirche mit Bach-Denkmal

„Bachfest steuert auf Besucherrekord zu“ (LVZ, 29.April 2016, Titelseite)

Anschließend spricht Alexander Steinhilber von 200 Karten Plus im Vergleich zum Vorjahr, also 6%. Und schon 2015 gab es einen Rekord-Vorverkauf. Und jetzt erst recht. Damit sind 50% der Karten bisher verkauft. Die Chancen ständen gut, dass dieses Bachfest die Rekordmarke von 75000 übertrifft. Sagt Herr Steinhilber.
Richtig interessant.
Und dann erläutert Herr Steinhilber weiter, dass die Leipziger scheinbar nur vereinzelt Karten kaufen, weil sie nämlich verwöhnt sind und überlegen dreimal, ob sie mehr als 50 Euro für ein Kantaten-Konzert in der Thomaskirche ausgeben (während der Bachtage), weil sie doch jede Woche für 2 Euro die Thomaner und das Gewandhaus in der Thomaskirche hören können.

Ich werde diese Einschätzung einer Frau überbringen, die ich gelegentlich auf einem Friedhof treffe (fast 80jährig, erbärmliche Rente, ausgeprägte Bach-Symphatisantin) und Ihr im Namen Steinhilbers verkünden, dass sie ein verwöhnter Sack ist, weil sie keine Karten für mehr als fünfzig Euro erwirbt.

Vielleicht sind die Leipziger nicht nur verwöhnt, vielleicht auch gesättigt von Bach und ihnen genügt ein Bach-Tickett von 2 Ruro für die Thomaskirche.
Wäre keine schlechte Entwicklung, dann käme auch andere Musik in die Stadt.
Ich kenne ohnehin keine Gegend in Deutschland mit einem derartig festgezurrten und nervenden Opern/Konzertprogramm.
Über Jahrzehnte war Max Reger eine persona non grata.
Jetzt gibt es ein Jubiläum und er wird gespielt bis zum Erbrechen.
Und dann ist wieder Pumpe bis zum nächsten Jubiläum in einhundert Jahren.
Toll.

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Debussy und Strawinski/DDR-Produktion

Zu Beginn des Frühjahrs 1918 starb Debussy.
Ich will also in zwei Jahren nicht nur Vorspiele, Mittelspiele oder Nachspiele eines Faun hören. Die Eintrittskarten können auch über zwei Euro kosten.

Auch bleibt die Frage, ob „Besucherrekorde“ als einzige Bewertungslappen für gelungene, hochwertige Aktionen genügen dürfen.
Auch die Leipziger Buchmesse wird beurteilt nach: Wieviel Besucher?, Wieviel Autoren? Wieviel Verlage“ Wieviel Lesungen?
Täglich, mit außerordentlicher Akribie und gehobener Aufdringlichkeit, wird diese Statistik angeboten.

Dann faselt man journalistisch etwas über das symphatische Erscheinungsbild des Autoren oder der Autorin, vermerkt, dass einmal gepobelt wurde, liefert eine inhaltliche Zusammenfassung des dargebotenen Textes, vergisst natürlich nicht die Angaben der Besucherzahl, ganz wichtig für die Statistik.
In der Regel kein Wort über die Qualität des literarischen Beitrags, über Eigenständigkeiten und Traditionen.
Keine Kritik, eventuell infantile Lobhuddelei, ohne Einbindung des Textes.

Als gängiges Fazit bleibt dann zumeißt: Ein gelungenes Buch. Ein Autor, der schreiben kann. Ein Autor, der die Gegenwart beschreibt. Ein Autor, den wir uns merken müssen. Das war`s.
Erscheint mir literaturkritisch etwas dürftig.

Danach folgen sofort wieder Zahlen.

Außerdem höre ich mir Bach an, wenn ich Bach hören will, durchaus auch für 2 Euro und mitnichten, wenn Steinhilber mich dazu nötigt, weil ich sonst ein verwöhnter Kuno aus Leipzig bin.

Da fahre ich doch lieber nach Gohrisch zu der Musik von Schostakowitsch, der für die Leipziger Musikplaner nicht existiert. Oder nach Hellerau. Oder nach Wacken.
Und ich bezahle dort reichlich Geld, nicht nur 2 Euro.

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Gohrisch, Schostakowitsch-Tage 2015, Borodin-Quartett

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Gohrisch, Schostakowitsch-Tage 2014, Gidon Kremer

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Gohrisch, Schostakowitsch-Tage, 2014, Sofia Gubaidulina (links)

Von einer Ausnahme in Leipzig muss ich aber künden.
„Musica nova“, für erbärmliche 15 Euro, bietet 4-6x jährlich im Mendelssohn-Saal einen hörenswerten Ausgleich gegenüber den etwa 1100 Bachnummern oder dem knapp 140er-Opus Beethovens.
Vor allem Steffen Schleiermacher sei Dank.
So hörte ich in dieser Nebenhalle des großen Gewandhaussaales z.B ein fünfstündiges Kammerstück für drei Instrumente von Morton Feldman.
Ununterbrochen, ohne Pause.
Nach 30 Minuten musste ich mir natürlich Strategiefragen stellen, um diese musikalische „Provokation“ zu bewältigen.
Nach fünf Stunden flehte ich: “ Möge das Stück niemals enden “


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Mai 4, 2016 Posted by | Leipzig | Hinterlasse einen Kommentar

Jürgen Henne, eine entspannte Zugabe zu „Jürgen Henne und ein Kulturtipp“ (30.April, Kaurismäki) sowie die eher unregelmäßig bearbeitete, doch auffällig begehrte Serie: „Jürgen Henne und die Musik des Schreckens“ oder „Musik, die niemals auf meiner Beerdigung gespielt werden darf“oder „Wenn diese Musik dennoch gespielt werden sollte, steige ich aus der Kiste und mutiere zu Brian de Palmas Carrie.“

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Finnische Wundertüte

Die lange Nacht des Aki Kaurismäki im Deutschlandfunk hat mich durchaus unterhalten, doch schloss ich danach nicht ganz zufrieden meine Augen.
Die reichlich ausgedehnten Inhaltsangaben der Filme mussten nicht sein. Dafür gibt es Film-Lexika

Schlaglichter aus Finnland

Witz
Treffen sich zwei Finnen in der Kneipe.
Sagt der eine: „Prost“
Antwortet der andere: „Ich bin nicht hier, um herumzuquatschen.“
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„Das Mädchen aus der Streichholzfabrik“

In „Das Mädchen aus der Streichholzfabrik“ („Proletarische Trilogie“) wird nach zehn Minuten erstmalig geredet, nach weiteren zehn Minuten folgt die nächste Äußerung.
Als Hauptdarstellerin agiert die einzigartige Kati Outinen.
Länge des Films: Weniger als siebzig Minuten.
Filmmusik u.a. „Cadillac“ der Renegades, einer der Hauptitel für unsere pubertären Exzesse vor fünfzig Jahren.
Gefährliche Substanz im Film: Rattengift.
Wenn ich an dieses cineastische Wunderwerk denke, entwickelt sich auf meiner ausgedehnten Körperoberfläche eine heftige Gänsehaut.

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Dialog aus „Schatten im Paradie“ (Proletarische Trilogie)

Ilona (Kati Outinen) vor einer Hotelrezeption

„Was kostet hier ein Einzelzimmer?
Mit Frühstück oder ohne Frühstück?
Mit Frühstück.
300 Finnmark.
Und ohne Frühstück?
Dasselbe.
Dann hätte ich gern eines.
Geht nicht.
Warum nicht?
Wir sind belegt.
Hätten Sie auch gleich sagen können
Warum?“

Vor allem dieses „Warum“ kommt richtig gut.

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Waldhütte an einem finnischen See.

Ohne Fernseher, ohne Radio, ohne Animateure und Fressbüfett, ohne Swimmingpool mit 40 Grad Wassertemperatur, der Kühlschrank war ein Erdloch.
An dieser Stelle im Kaurismäki-Land erlebte ich die absolute Stille, gegen 19 Uhr, beginnende Dämmerung.

Kein Blatt zuckte am Baum. Vögel, Elche, Tapire hatten sich zurückgezogen, nicht die kleinste Welle näherte sich dem Strand. Keine surrende Mücke suchte an meinem Körper die nahrhafteste Stelle (in Finnland am Abend!!!).
Kein Molekül schien sich zu bewegen, Elektronen hatten scheinbar die Rotation um ihre Kerne eingestellt.
Ein akustisches Vakuum.
Selbst unsere Verdaungsprozesse in Magen und Darm wurden auf ein geräuschloses Minimum reduziert.
Wir hielten sechzig Sekunden die Atmung an, der letzte Klang der noch übrig blieb und die totale Lautlosigkeit, eine vollkommene Starre war vollendet.

Allerdings ging mir dieser Zustand heftig auf Gemüt und Skrotum, ich empfand Faszination, doch ausschließlich eine Faszination der Bedrohung.
Deshalb stand ich auf, brüllte nach den Elchen, warf dusslig Steine in den See, hoffte auf die Akustik eines Hubschrauber-Geschwaders des finnischen Militärs, öffnete betont hektisch eine Pulle Bier und kurbelte meinen Stoffwechsel an.

Aber trotzdem: Finnland für immer, natürlich mit Aki Kaurismäki

Ergänzung

Ich las an diesem Tag Finnlands Zentral-Epos „Kalevala“ (Bild oben), natürlich nicht vollständig, aktivierte aber ständig die Bilder Gallen Kallelas in meinem Gedächtnis.
Ich vermute, „Kalevala“ kann sich rezeptions-historisch mit Klopstocks „Messias“ vereinen.
Keine Sau hat diese Kelche der Qual jemals bis zur Neige geleert, geschweige verstanden.
Mich eingeschlossen.
Vielleicht auch vergleichbar mit „Finnegans Wake“ von Joyce und Arno Schmidts Zettel’s Traum.
Ich zumindest habe nie die letzte Seite erreicht und griff dann lieber zu Donald Duck.

„Jürgen Henne und die Musik des Schreckens…“

Boney M „Daddy Cool“
Baccara „Yes Sir I Can Boogie“

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Mai 2, 2016 Posted by | Leipzig | Hinterlasse einen Kommentar