Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne, das Jahr der Ostsee (2011), Teil 2, ein Frühstücksei mit Manet im Freien, ein Spiegelei mit Pal Szinyei Merse im Grünen, des Fauns Begierden am Nachmittag, Kunst in der Tonne, Sonnenuntergang bei Käksdorf, nicht Keksdorf, die Ähnlichkeit des Sandregenpfeifers mit dem Flußregenpfeifer, Vorder Bollhagen und Hinter Bollhagen ohne Bollhagen, Unfairnis beim Tauziehen, Caro, der Kunstexperte, Adele Sandrock in Kühlungsborn und des Fischers Nebenjob.(auch Teil 1, 26.September) und als Zugabe einige misslungene Aufnahmen vom Konzert Bob Dylans und Mark Knopflers

Von Füsslis Alb in den frühen Tagesstunden bedrängt werden, mit Manet im Grünen das Frühstücksei aufschlagen, in der Gesellschaft von Pal Szinyei Merse sich ein zweites Frühstück im Freien gönnen, vielleicht mit Spiegelei, am Vormittag von Sterl in einen Steinbruch geführt werden, sich am Mittagstisch zwischen Koch, Dieb, Frau und Liebhaber zu einem Kalorienexzess einordnen, kotzend Mastroianni und Noiret zur großen Fresserei an die Vespertafel begleiten, danach womöglich mit Debussy die nachmittäglichen Bedürfnisse eines Fauns belauschen und abends unter einem Regenschirm mit Lale Andersen flanieren.
Und Füssli wartet dann schon wieder.

Eine derartige Tagesordnung kann verderblich sein.
Deshalb heute fast alle Filme, Bilder, Bücher, Noten auf einen Stapel, ab in die Tonne und eine schlichte, fast unkommentierte Fotoreihe vom Jahr der Ostsee. Teil 2.

Sonnenuntergang bei Käksdorf
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.Sonne, noch etwas tiefer abgetaucht. Bei Käksdorf
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Sonne, immer noch bei dem täglichen Abschiedsritus. Bei Käksdorf, mit Gräsern.

In diesem Naturschutzgebiet flattern noch Sandregenpfeifer, in Deutschland vom Aussterben bedroht.
Bemerkenswerte Ähnlichkeit mit dem Flussregenpfeifer, etwas weniger mit dem Wüstenregenpfeifer und dem Seeregenpfeifer.
Und ob in diesen Gebiet, unweit von Käksdorf, keinesfalls Keksdorf, sich gelegentlich auch Keilerschwanzregenpfeifer, Orangekehlregenpfeifer, Schwarzbrustregenpfeifer und Schwarzstirnregenpfeifer aufhalten, ist mir unbekannt.

Sonne gänzlich in der Luftlava versunken..

Umlauftechnisch schon in der Nähe von Wladiwostok. Bei Käksdorf, mit Gräsern.
Ich liebe diese nördlichen Ortsbezeichnungen. Käksdorf…..Keksdorf oder Biskuithagen oder Mürbchenmünde wäre ja verständlich, aber Käksdorf.
Unweit von Käksdorf, nicht Keksdorf, gibt es noch Klein Bollhagen, aber vor allem Hinter Bollhagen und Vorder Bollhagen. Die Frage nach Bollhagen ohne „Hinter“ und „Vorder“, also einfach Bollhagen, erbrachte kein Ergebnis. Doch weshalb Vorder Bollhagen und Hinter Bollhagen? Ein eingeklemmtes Bollhagen, einfach nur Bollhagen, wäre demnach nachvollziehbar. Gibt es aber nicht. Auch kein Mitte Bollhagen oder Dazwischen Bollhagen.
Und zu Klein Bollhagen würde ich nicht ungern ein Groß Bollhagen zuordnen. Doch fehlt mir die Ortschaft.

Ostsee mit Sand, Wasser, Himmel. Irgendwo. Vielleicht bei Käksdorf, nicht Keksdorf.
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Kindliche Kreativität bei Sonnenuntergang. Bei Rerik.

Seebrücke bei Rerik.
Keine Ahnung über des Schattens Herkunft. Meine Statur ist voluminöser. Vielleicht stand der abgehungerte DEFA-Holländermichel hinter mir. Oder Pinocchio auf einer Windhose.

Leuchturm, Bastorf.
Steht einige hundert Meter im Land auf achtundsiebzig Meter Höhe, Leuchtmarke fünfundneunzig Meter, nach Travemünde Deutschlands größtes Leuchtfeuer.
Man kann dort auch Bockwurst und Eis essen.
Allerdings gibt es keine Sandregenpfeifer.

Flora und Meer, bei Heiligendamm.

Beachtenswert meine fotografische Sensibilität, mein feinsinniger Blick bei der Ubereinstimmung von Wolken und Pflanzen.
Bockwürste und Sandregenpfeifer wären mir aufgefallen.
Die Anwesenheit von Keilerschwanzregenpfeifer, Orangekehlregenpfeifer, Schwarzbrustregenpfeifer, Seeregenpfifer, Flussregenpfeifer und Schwarzstirnregenpfeifer kann ich nicht definitiv begründen. Doch vermeinte ich, ein Flöten zu vernehmen.

Leuchtturm, grün. Warnemünde.

Kunst und Möwe. Kühlungsborn.

Wismar. Haus und Tier von halblinks (weiblicher Löwe?)

Wismar. Haus und Tier von halbrechts (weiblicher Löwe)

Wismar. Tauziehergruppe auf dem ehemaligen Terrain des Mittelschiffs der Marienkirche.
Mir scheint, die Kräfteverteilung ist das Ergebnis eines unfairen Komplotts.
Von Karl-Henning Semmann, zweite Hälfte der achtziger Jahre.

Der dreiteilige Ausbund der Unfairnis.

Der Einzelkämpfer, dem man viel Glück im weiteren Leben wünscht.

„Diese Kirche ist einfach schön und groß“
Recht hat Caro aus Hannover, außergewöhnlich „fein beobachtet“ (Loriot, Szene mit dem Zugfahrplan).
Zumindest groß ist dieser architektonische Godzilla.
Die Georgenkirche in Wismar, wahrhaftig eine sakrale Bedrohung.
Vor allem wegen der aktuellen Instandsetzung, ohne Inventar, ohne strukturierende Wandauflockerungen. Man möchte zu einer Nudel abmagern, sich um die letzte Säule ringeln und still verharren.

Villa, Kühlungsborn. Adele Sandrock entspannte sich hier regelmäßig zwischen 1923 und 1932 von ihren mürrischen Brüllereien, die sie in ihren UFA-Filmen zelebrierte.
Sie war aber durchaus eine bemerkenswerte Schauspielerin.

Meine Kentnisse über sie wurden vorwiegend in Schwabes Rumpelkammer genährt. Eine DDR-Kultsendung vor gefühlten tausend Jahren.
Wenn aufgrund von Berichterstattungen zu irgendwelchen bekloppten Parteitagen sich die Aktuelle Kamera weit in den Abend verschob und die geliebte Rumpelkammer darunter litt, glühten beim sozialistischen Fernsehvolk die Zornesgene. Da störten fehlende Gummibärchen, Prinzenrollen und alle Milka-Tafeln dieser Welt auf dem Fernseh-Schlecker-Teller weniger.

Adele Sandrock spielte z.B. mit Liesl Karlstadt und Karl Valentin („Kirschen in Nachbars Garten“) und mit der ganzen Truppe um Lilian Harvey, Paul Hörbiger, Lil Dagover und Willy Fritsch in „Der Kongress tanzt.“
Meine jugendlichen Erinnerungen reduzieren sich aber nur noch auf eine einzige Szene mit Adele Sandrock. Vom Filmtitel habe ich keine Ahnung.

In Adeles herrschaftliches Haus kommt ein Bekannter oder Verwandter und äußert sich etwas geräuschvoll. Adele Sandrock reagiert leise, aber gefährlich: „Mein Freund, in diesem Haus schreie nur ich“ und endet mit einem infernalisch gebrüllten „sonst niemand.“ Die Fernsehröhren hatten Risse.

Nebenjob eines Fischers in Warnemünde. Warum bin ich kein Fischer?

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Zugabe: Bob Dylan und Mark Knopfler am Donnerstag in Leipzig

Arena Leipzig

Mark Knopfler, vorn

Mark Knopfler, ganz vorn

Bob Dylan, mit Hut

Bob Dylan, mit Hut

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Oktober 28, 2011 Posted by | Kunst, Leipzig, Musik, Neben Leipzig, Verstreutes | Hinterlasse einen Kommentar

Jürgen Henne, Naumburgs Meister, tierisches Geländer, Goldhändchen an der Saale, ein Apostel aus Paris, Sybille aus Bamberg, Pantokrator aus Straßburg, ein Fürstenportal in Bamberg, das Taufbecken Wilbrands, August Leubelfing, Schiller in Gohlis, Klinger in Naumburg, Kniegelenke bei neunzig Grad, Ekkehard und Uta zwischen Frettchen und ein Dom der Weltkultur

Naumburg, Dom St.Peter und Paul

Diesen Dom kann man natürlich auch ohne Sonderausstellungen besuchen.
Doch die aktuellen Beiträge an den unterschiedlichen Standorten erhöhen die Pflicht, nicht nur dümmlich auf Uta und Ekkehard zu starren oder das tierische Geländer nahe des östlichen Hallenlettners zu befingern, sondern die Zusammenhänge etwas tiefer zu erfassen.
An den Standorten St.Peter und Paul, Domklausur und anschließender Marienkirche, in Stadtmuseum, Marktschlösschen und Aegidienkapelle wird mit fast ausufernder Wucht und Leihgaben aus Polen (Wroclaw),Frankreich (Reims, Straßburg, Paris, Metz, Amiens), England (Wells), aus Ungarn, Italien…..und natürlich aus Deutschland (Magdeburg, Bamberg, Mainz, Brandenburg, natürlich Leipzig….) eine bemerkenswert lückenlose Berichterstattung über das Goldhändchen des Naumburger Westchors und seiner Bauhütte mit deren Edel-Handwerkern angeboten.

Naumburg, Dom, vom Kreuzgang

Unter der Generalüberschrift: „Der Naumburger Meister. Bildhauer und Architekt im Europa der Kathedralen“ gibt es dann grundsätzliche Bereiche wie „Das menschliche Antlitz Christi und die Neubewertung des Menschen“ und „Kunst und Wissenschaft“, dann spezielle Verfeinerungen mit „Die Ausstrahlung der Kathedrale von Reims“ und „Kunst der Zeit Ludwigs des Heiligen – Ein neues höfisches Ideal in Frankreich“ bis zur thematischen und geografischen Konkretisierung durch „Die hochmittelalterliche Kulturlandschaft an Saale und Unstrut“ und „Architektur, bildkünstlerischer Bestand und Ausstattung des Naumburger Westchors.“
Ausgestellt wird natürlich auch eine ganze Reihe von Abgüssen, z.B. das Tympanon des Bamberger Fürstenportals mit dem grandiosen „Jüngsten Tag.“ Derartige Veranstaltungen können im Grunde heute nicht anders laufen. Gute Abgüsse sind aber immerhin ertragreicher als Blicke in leere Röhren

Gezeigt werden Bildhauerei jeglichen Zuschnitts, schriftliche Schönheiten, Bischofsinstrumente,Schmuck, Gegenstände für liturgische Abläufe, Geräte und Vorrichtungen für die Arbeit am Bau, aber eben vor allem hochwertigste Bildhauerei.
Darunter ein Apostel aus der Sainte Chapelle in Paris, eine thronende Muttergottes der Ile-de-France, die Sybille des Bamberger Doms (Abguss), einen vortrefflichen Christus als Pantokrator von dem Engelspfeiler des Straßburger Münsters (Abguss).
Vom südlichem Querhausportal der gleichen Bude gibt es kostbare Bildhauerei mit Ecclesia und Synagoge (Abgüsse), aus dem Hildesheimer Dom des Bischof Wilbrands Taufbecken, eine Bronzearbeit von schier unerträglich hoher Befähigung und natürlich Gaben des Naumburger Champions aus Mainz, Meißen, Bassenheim…)
Also ein Querschnitt durch das hohe Mittelalter mit Naumburgs Superman als Leitwolf.
Wie immer bei derartigen Katalogen sollte man auch für die neunzehntausend Seiten zu dieser Ausstellung einen Handwagen, doch zumindest einen stabilen Koffer als Transportmittel erwägen.
Nach der ersten Durchsicht überwiegt der Eindruck hoher Tauglichkeit der beiden Bände.

Uta und Ekkehard werde ich nicht abbilden. Sie gibt es schon in jedem Ratgeber zur Frettchenzucht.
Ein sinnvollen Ablauf der Fotoherstellung ist ohnehin nicht möglich. Denn vor jedem Ausstellungsobjekt steht immer irgendjemand, nicht selten Führungen mit entsprechendem Geplärre und außerdem sind Ablichtungen bei strengster Maßregelung untersagt.

Naumburg, Marktschlösschen und Wenzelskirche

Nach fünf bis sechs Stunden beginnen allmählich die Pupillen zu verglasen, die ersten Splitter des Kniegelenks schleifen Richtung Fußknöchel, vereinzelte Halsmuskeln haben die Konsistenz überkochter Spaghettis.
Eine Art Wagenpark für Rollstühle auf dem Markt Naumburgs würde sich als bejubelte Hilfestellung anbieten.
Dann könnte man selbstverständlich noch entspannt zur Wenzelskirche rollen.
Ein spätgotischer Bau, auch keine kunsthistorische Erbärmlichkeit. Begehrt als Touristenziel, vor allem durch die Grablege August Leubelfings, Page des Schwedenkönigs Gustav II. Adolfs und der Legende nach weiblichen Zuschnitts.

Die Rollerei könnte dann thematisch nach Lützen führen, unweit von Leipzig, Ort der Verbleichung Gustav II.Adolfs, in der Schlacht seines protestantischen Heeres gegen Wallensteins katholisch kaiserlichen Haufen (1632). Damit wäre man flugs bei Schiller und am Gohliser Schillerhaus (Leipzig), zweihundert Meter von unserer Behausung enfernt. möglicher Ort der Textgestaltung einer Ode, die dann Ludwig van in seiner letzten Sinfonie vertonte. Beethoven führt dann in das Leipziger Gewandhaus mit ausgeprägter Tradition bei der Pflege des Werks des Bonner Cholerikers. Jetzt böte es sich an, der grausigen Beethovenskulptur auf dem Götterthron zu gedenken, die einige Jahre die Besucher des Gewandhauses erschreckte (jetzt im Bildermuseum). Sicherlich unter Albträumen geformt von Max Klinger, der wiederum eine erhebliche Zeit in seinem Landhaus in Großjena, eine Gemeinde Naumburgs, verbrachte.
So schließt sich der Kreis.

Etwas Mäkelei würde ich mir aber auch noch gönnen.
Einzelne Elemente der museumstechnischen Grundanlage in Naumburgs Ausstellung erweisen sich mitunter als etwas gewöhnungsbedürftig, körperlich zu anspruchsvoll.
Denn in meinem Alter fällt man nur ungern zweihundertachzig mal am Tag in einen Kniewinkel von neunzig Grad. Die Beschriftung ist also oft zu klein und zu tief an die Wand geheftet.
Auch einige Textfahnen vor hellen Fenstern sind schwer zu deuten. Man rennt dann wie Rumpelstielzchen von links nach rechts und zurück und sucht einen Hintergrundschatten, um die Sätze lesen zu können.
Doch flüstere ich nur diese Mäkelei, mit erhöhtem Phonpegel preise ich dagegen diese erstaunliche Ausstellung in Naumburg.

Bis 2. November

Oktober 16, 2011 Posted by | Kunst, Leipzig, Neben Leipzig | Hinterlasse einen Kommentar

Jürgen Henne, der 7.Oktober 2011, zweiundsechzig Jahre DDR-Gründung, „So schlecht war es ja nun auch nicht“, Pfarrer Brüsewitz, Willy Tonn, Ekelschaum, sozialistische Fortbewegungsstrategien, Drecksau nach zehn Metern, Hilbig im Heizkeller, Partei-Pestfetzen mit Schinkenpaket, Flussfahrt auf dem Mekong und der Schützenpanzerwagen von Jürgen

Trotz der aktuell etwas desolaten Lage werde ich dennoch keine schaurig morbiden Jubelgesänge auf die verblichene DDR intonieren.
Auf Wortwürgereien wie „So schlecht war es ja nun auch wieder nicht“ verrichte ich meine Notdurft.

Während eines Seminars in Dresden (1976) bat ich eine Lehrkraft um die Erläuterung von Sinn und Folgen der Selbstverbrennung des Zeitzer Pfarrers Brüsewitz (1976).
Die Antwort: „Herr Henne, ich habe mein Diplom, sie wollen es doch auch, oder?“
Sein Namme ist Willy Tonn und ich denke, er wohnt noch in Dresden. Bei einer erneuten Begegnung, die mir hoffentlich erspart bleibt, würde ich noch etwas Notdurft für ihn zurückhalten.
Allein diese, eigentlich alltägliche Episode hat in meiner Erinnerungskultur an dieses Land verheerende Spuren gehärtet.

Ich rieche jetzt auch den nahen und sauberen Fluss, der vor über zwanzig Jahren noch ohne Zwischenräume und sichtbares Wasser violett-grünlichen Ekelschaum zur Mündung trug.
Und ich lächle nicht ganz mild, wenn ich an die menschlichen Fortbewegungs-Strategien auf sozialistischen Durchschnitts-Straßen bei Regen denke.
Man lief entweder am äußeren Fußwegrand und bekam baldigst eine Portion öliger Pfützenbrühe eines vorbeifahrenden Wagens an die Hüfte. Die Alternative bestand in Wegen mit Körperkontakt zu dreckigen, bröselnden Häuserfassaden, mit kaputten Dächern und gerissenen Wasserabflussrohren. Die Möglichkeit einer körperlichen Durchnässung erwies sich auch hier als beträchtlich.
Oder man trottete gleich in der Mitte des Fußweges und sah nach zehn Metern wie eine Drecksau aus, von beiden Seiten.

Mein Erinnerungscontainer ist befriedigend gefüllt. Ich denke an zerschlissene Dorfkirchen und bröckelnde Burgkapellen, an die Leugnung und infantile Verfremdung geschichtlicher Tatsachen (Hitler-Stalin-Pakt, Thomas Müntzer) und an Freunde als Interims-Tschekisten.
Ich denke an meine Wohnung, in der sich selbst ein riechender und streunender Hundemischling übergeben hätte, an die Aktion, bei der ich eine Angestellte der Wohnungsvergabe mit „Westgeld“ bestach und an Wolfgang Hilbig, der seine Weltliteratur im Heizkeller eines sozialistischen Großbetriebs schrieb. Und ich denke an Partei-Pestfetzen, die ihr Schinkenpaket durch die Hintertür des Werkkonsums schleppten und an Hermann Hesses Bücher, die nur „unter dem Ladentisch“ zu haben waren, wenn überhaupt.

Doch überwiegen inzwischen andere Erinnerungen und drängen die gealterten Reminiszensen in meine historische Kehricht-Tonne

Denn jetzt denke ich an Rothko in München, Bacon in Hamburg, Memling in Köln, van Gogh in Tübingen, Newman in New York, Pollock in Venedig, an die documenta in Kassel, an Laon, Angkor, Toledo, Kapstadt. Ich denke an die Flußfahrt auf dem Mekong, an die tropfenden Bäume in Palenque, die Würgefeigen in Kambodscha, die Sonne in San Francisco.
Alles Erinnerungen, die nicht bestehen würden, wenn Freunde immer noch als Tschekisten agieren würden, Partei-Pestfetzen Schinkenpakete durch die Hintertür schleppen würden……

Früher war nicht alles besser und in der sozialistischen Latrine DDR schon gar nicht.
Und jetzt lege ich mir eine CD von Morton Feldman ein, oder Pere Ubu oder Sofia Gubaidulina, lese ein paar Sätze Hilbigs und Benns oder blättere im Katalog aller Guggenheim-Sammlungen. Dabei denke ich fast wolllüstig an die Tatsache, dass mir das vor über zwanzig Jahren von diesen Entscheidungsdeppen der DDR niemand gegönnt hätte.

Ich denke auch an diesen Schützenpanzerwagen, auf dem ich 1970 als Fahrer meinen Ehrendienst bei der ruhmreichen und unvergesslichen Nationalen Volksarmee absolvierte (Technisches Museum, Ostsee, 2011)

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juergen-henne-leipzig@web.de

Oktober 7, 2011 Posted by | Leipzig, Musik, Neben Leipzig, Verstreutes | Hinterlasse einen Kommentar

Jürgen Henne, Hamburg Blues Band, mein Pubertäts-Sessel, Arthur Brown im „Fire“, Clem Clempson und Chris Farlowe, Weihnachtslieder im Rollstuhl, Dauer-Gänsehaut, ein hinreissender Musik-Kobold, von Schaljapin bis Ultraschall, Steve Marriott und die Moleküle der Biertöpfe,

Arthur Brown

Als ich 1968 erstmalig Arthur Browns „Fire“ akustisch zur Kenntnis nahm, fläzte ich mich gelangweilt in meinen Pubertäts-Sessel und kurbelte an meinem Pubertäts-Kofferradio auf Mittel-o.Kurzwelle nach Musik der Rolling Stones, Animals, Hendrix, Yardbirds….
„Fire“ war immerhin von Pete Townshend produziert und mit Vincent Crane am Keyboard, der dann später bei Atomic Rooster eine ordentliche Musik spielte, auch einige Zeit gemeinsam mit Chris Farlowe.
Trotzdem nervte mich der Song bis zum Darmdonner.

Vergangenen Donnerstag nun das Konzert mit Arthur Brown und der Hamburg Blues Band im Leipziger Spizz.
Meine Erscheinung und die Eigenheiten des zahlreichen Rests des Publikums stimmten bemerkenswert überein. Von dramatisch ansehnlicher Grundausstattung, pubertäre Magersüchte wurden erfolgreich überwunden und nicht mehr ganz jung.

Ich kannte diese norddeutsche Truppe schon von einem Konzert, solide Musik, die aber in die Rubrik Blues nur bedingt eingeordnet werden kann. Denn durch eine auffällige Hinwendung zu Elementen des Hardrock spielt sie sich gekonnt und qualitätsvoll in die Außenbereiche des Mainstream.

Ich hatte nach diesem albernen „Fire“, Arthur Browns einziger Hit, noch einige andere Titel gehört, die dann doch eher meinen Vorstellungen entsprachen.

Dennoch pendelten meine Erwartungen auf eher überschaubaren Skalen, vielleicht ein paar Weihnachtslieder im Rollstuhl oder „Fire“ für Johannes Heesters. Denn Brown darf auf seinen Geburtsjahrgang 1942 verweisen und meine Informationen über ihn tendieren seit Jahrzehnten auffällig gen Null.
Intressierte mich im Grunde auch wie die Reibeisenherstellung in Südkolumbien.

Arthur Brown

Die erste Hälfte bestritten die Matrosen, dann kam Brown in Kostümierung und knallte zunächst Dylans „A hard rain`s gonna fall“ zwischen die Wände, ein Titel, den auch schon Brian Ferry bemerkenswert gesungen hatte.
Meine Transpirationsdrüsen öffneten sich. Während der folgenden sechzig Minuten folgten dann u.a. „I put a spell on you“, ohnehin eine zuverlässige Größe für Dauer-Gänsehaut ( von Jalacy Hawkins ) und „Don`t let me be Misunderstood“ der Animals. Das Original von Nina Simone ist mir unbekannt.
Arthur Brown wirbelte mitunter wie ein Derwisch über die kleine Bühne, machte sich zum Clown, doch ohne zu nerven und suchte ständig mit Mimik und Gestik Kontakte zu seinen Mitspielern, ohne sie zu beeinflussen. Aktuell eindeutig der großartigste Musik-Kobold.
Natürlich kokettierte er mit seinen stimmlichen Fähigkeiten, deren Oktav-Umfang im Grunde fast unmöglich für ein menschliches Organ gilt.
Er grunzte Töne, wogegen Schaljapin als tiefer Tenor durchkommen würde und schraubte dann seine Stimme bis zum Ultraschall. Im Juni kommenden Jahres wird er siebzig.
Der Saal begann zu beben.
Und natürlich die Band vom Salzwasser,mit Schlagzeug, Keyboard, Gitarren und Clen Clempson, früher malträtierte er wundervoll seine Gitarre u.a. bei Colosseum, mit Chris Farlowe und veredelte die Live-Auftritte von Humble Pie, mit dem unvergesslichen Steve Marriott. Er verbrannte vor zwanzig Jahren in seinem Haus.
Durchaus immer in Maßen, ohne manieristischen Tinnef und plakative Trickserei trieb Clempson den Rentner Brown zu Höchstleistungen, kultivierte aber auch das Wissen um seine eigene Wertigkeit mit gnadenlosen Solo-Partien.
Unspektakulär im Outfit, von gepflegter Erscheinung, ohne Marotten, senste er seine Finger über die Saiten, dass die Biertöpfe zu Molekülen zerbrachen.

Clem Clempson

Ein bemerkenswertes Konzert, welches ich in dieser faszinierten Ausprägung nicht erahnt hatte.

Musikempfehlungen zum Text

Neben mir liegen: „Humble Pie in Concert“ mit Clempson und Marriott, San Francisco, Juni 1973 und „Colosseum Live“ von 1970, mit Farlowe und Clempson

Von Arthur Brown habe ich nichts.

Chris Farlowe, ich vermute mit der Hamburg Blues Band

Steve Marriott, oben rechts, mit Small Faces

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Oktober 2, 2011 Posted by | Leipzig, Musik | Hinterlasse einen Kommentar