Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne, Neo Rauch und dessen Retrospektive, Bacon, Beckmann, Baselitz, Beuys, das Leipziger Bildermuseum, Fingerkuppen-Lepra, alchemistische Kammerspiele, sonderbare Nachtaktionen und das „R“ im Künstlerlexikon

Mein Artikel in der Leipziger Volkszeitung zu einer Ausstellung Neo Rauchs in der Galerie EIGEN+ART, 18. November 1993

Morgen also, fast siebzehn Jahre später, die Eröffnung der ersten umfassenden Retrospektive Neo Rauchs in Leipzig.
Ich werde mich tunlichst hüten, diesen Festakt mit einer überdehnten Kritik zu begleiten.
Das würde einem Eintritt in ein mittelalterliches Wirtshaus vor sechshundert Jahren entsprechen, akustisch unterlegt mit der Zustandsbeschreibung: „Ha, Ha, ich habe die offene Beulenpest.“
Ein kollektiver Vernichtungsschrei würde folgen, die Reaktionen wären verheerend und mein weiterer Aufenthalt in dieser Region nicht gesichert.

Dabei bräuchte ich mich gar nicht zu hüten. Denn Neo Rauch wird der einzige Kämpfer dieser sogenannten „Neuen Leipziger Schule“ sein, dessen Name in die Kunstgeschichte eingebolzt und im Lexikon alphabetisch im Umfeld von Arnulf Rainer, Robert Rauschenberg, Man Ray, Rouault und Rothko eingeordnet wird, um die R-Reihe auf das 20. Jahrhundert zu beschränken. Aber eben nur alphabetisch.
Denn man sollte natürlich Wertigkeiten, Vergleiche und die tatsächliche Bedeutung Rauchs mit dem Blick auf die angeführten Hünen sachlich und ohne die momentane Hysterie einschätzen.

Im Pressetext werden Traditionslinien zu Baselitz, Beuys, Bacon und Beckmann hervorgezerrt. Also hier ein Häppchen Linie, da ein Häppchen Linie, irgendwie muss er ja untergebracht werden. Und es klingt beängstigend wichtig. Später wird Rauch dann auch dem Surrealismus zugeschlagen.
Ein Leipziger Blatt glaubt an eine Berechtigung, die Spuren selbst bis Bosch verfolgen zu müssen.
Bei der Höhlenmalerei von Lascaux, bei Heinrich Zille, Christo, Hallervorden und Carpendale würde es sicher auch irgendwie passen, könnte man noch ein paar Häppchen finden. Man muss sich nur bemühen.

Im Grunde sind diese lästig abgelärmten Affinitäten fast eine Verhöhnung Rauchs und ein Höhepunkt journalistischer Einfalt.
Und bei Einträgen in Künstlerlexika der Zukunft sollte man sich auf Abbildungen von Arbeiten des Jahrzehnts nach 1993 beschränken. Denn danach verröchelt die Kunst Rauchs nicht selten in unansehnlichen Wiederholungen selbstgefertigter Klischees, an einer unangemessenen Kopflastigkeit, die als Ersatz für wahre Originalität den schlichten Betrachter austrickst.
Auch handwerkliche Mängel, der extremen Auftragslage geschuldet, beeinträchtigen spürbar die intellektuelle Bereitschaft, diese Kunst zu packen.

Doch bleibt natürlich sein Nimbus als bemerkenswerter Maler und wesentlicher Streiter, der seine Heimatstadt Leipzig in der Rubrik Bildende Kunst aus der internationalen Unerheblichkeit geführt hat.

Wobei man nicht verhehlen sollte, dass an der Peripherie dieser Region durchaus ansehnliche Kunst funkelt. Im Glanz der Hybris um eine scheinbar galaktische „Neue Leipziger Schule“ verfunkelt sie aber eher als Nebenakzent.

Dabei ist der Rest dieser „Schule“ weitgehend Füllmasse, die nicht einmal als Marginal überdauern wird.
Denn z.B. bei Christoph Ruckhäberle, ein anderen Kollege dieses Neuen Leipziger Vereins, kann man sich die Aufnahme in die lexikalische R-Elite nur schwer vorstellen. Und auch die edlen Buchstaben K , E , S oder W werden von Kobe, Eitel, Schnell oder Weischer, gleichfalls Strategen dieser Formation, nicht behelligt werden.

Leipziger Bildermuseum, Eingangsfassade

Mit einem souveränen Gespür für kunst-journalisische Qualität hat Neo Rauch auf seiner Internet-Seite meine Besprechung zu einer Ausstellung von 1993 als erste Eintragung für seine Bibliographie gewählt. Eine gute Wahl (Abbildung oben).

Natürlich haben auch schon damals schwer erträgliche Zeitungsdilettanten wesentliche Veränderungen am Text vorgenommem. Es entstanden Details, die ich nie so schreiben würde, nicht einmal unter der Androhung einer Fingerkuppen-Lepra.

Dennoch werde ich hier nicht mein Original, sondern nochmals die mutierte Version der Leipziger Volkszeitung vom 18. November 1993 vorstellen. Aus einer Zeit, als der blödsinnige Begriff der „Neuen Leipziger Schule“ noch nicht von jedem unbedarften Blödmann abgeröchelt wurde und Neo Rauch seine Entwichlung noch nicht absehen konnte

Leipziger Bildermuseum, Seitenfassade

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Der Text
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Neo Rauch verfeinert die prägnante Eindringlichkeit seiner Bildtitel. Er schlingt um die Arbeiten keine pathetischen, zierlichen oder metaphergerüttelten Wort-Tornados. Er begnügt sich mit einer spartanischen Ein- und Zweisilbigkeit, die bei wilder Entschlossenheit zu einer Silbenfolge kulminieren kann (Rast-Jagd-Sog-Wald-Drall-Horizont) .

Neo Rauch, geboren 1960 in Leipzig, studierte an der hiesigen Grafikhochschule bei Arno Rink und war Meisterschüler bei Bernhard Heisig.
In seinen Ölbildern aus diesem Jahr – zu sehen in der Galerie EIGEN+Art agiert eine oft seltsam geräuschlose, emotionsbereinigte Surrealität.
Handlungen, die in großen Formaten simultan zusammengefügt werden, erstarren in erdigen Farben. Durch Hamster-Ambiente und Waben-Architektur kurbeln sich Abläufe, die den Ursprüngen des physikalischen Zeitalters entstammen könnten.

Optische und akustische Wellen suchen ihr Strahlungsfeld, werden aber von sanftgebeugten Gestalten vor Registrierkassen, von beinkranken Fackelträgern oder ungesunden Organresten nur mäßig unterstützt. Geheime Rituale oder prähistorische Alchemieübungen versuchen, sich allmählich zu entspannen, um in einem rational überschaubaren Sog zu münden.

Neo Rauch begutachtet feinsinnig die Kultur-und Kunstgeschichte. Er nimmt sich ein unaufdringliches Zitat oder ein ikonographisches Häppchen und verbindet alles mit seiner erbarmungslos vorgetragenen Eigenständigkeit. Er versenkt obskure Geräte in mykenische und etruskische Kuppelgräber und schmückt seine gemalten Areale mit
Worten plaklativen Grundtones, für deren Erfassung einer Gegenwartsbedeutung kein intellektueller Marathonlauf notwendig ist.
Neben schwere dunkle Flächen setzt Rauch farbige Aufheiterungen und füllt sie mit Stabhochspringern oder Figuren, die in wasserdröhnenden Steinschluchten nach dem Urkristall suchen.

Neo Rauch hat sich mit bemerkenswerer Kondition und schöpferischer Gewalt an seinen Lehrern vorbeigemalt und nähert sich wesentlichen Zentren westeuropäischer Gegenwartskunst.

Manches Bild scheint bei der letzten Prüfung durch den Künstler noch mit etwas handwerklicher Sorglosigkeit malträtiert worden zu sein. Und manches Bild ist einer alten Chlorodontwerbung nicht unähnlich.
Doch sollten die herbstlichen Kulturbedürfnisse sich auch unbedingt auf diese Ausstellung orientieren.“
18. November 1993

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Im Mai 1997 schrieb ich nochmals einen Artikel über Rauch unter der Überschrift: „Sonderbare Nachtaktionen im Inneren einer Großküche“.
Finde ich noch ganz gut und treffend, würde man aber heute nicht mehr drucken.
Bei ähnlichen Fällen nervte mich dann später immer eine Redakteurin:
„Das verstehen unsere Leser nicht.“
Na, Klasse.

juergenhennekunstkritik.wordpress.com

juergen-henne-leipzig@web.de

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April 17, 2010 Posted by | Kunst, Leipzig | 1 Kommentar

Jürgen Henne, Mario Barth, Long John Baldry, die Waffenkammer im Handschuhfach, Gegenentwürfe als Schmelzmasse, Tschaikowskis b-Moll-Gurke und ein Osterspaziergang

Mario Barth in Leipzig

Als Verkehrsteilnehmer mit einer unverhüllt dargebotenen Zuneigung für öffentliche Transportmittel registriere ich mehrmals täglich mit einer sanft-boshaften Grundeinstellung die violetten Gesichtsflecke der Autofahrer, die fiebrig und am Rande cholerischer Ausbrüche ihre Handschuhfächer sicher gern und sofort zu einer Waffenkammer umbauen würden.
Denn im Stau, vor Ampeln und als Reaktion auf fläzige Verkehrs-Kapriolen anderer Straßenrecken vermag ich bei ihnen, durchaus nicht selten, die Mentalität des gnadenlosen Einzelkämpfers zu erkennen, der die Würde seines Fahrzeugs bis zur eigenen Selbstauflösung verteidigt.

Als kleine Intermezzi gönne ich mir dann, grundsätzlich stehend, auch Blicke über die Schultern zeitungslesender Straßenbahnpassagiere.
In dieser Körperhaltung erfuhr ich dann vor wenigen Tagen, heimgekehrt von weitgehend informationsbefreiten Stränden, von einer Wildnis, vielleicht nicht unähnlich der Flora im Steinkohlezeitalter des Karbon, dass ein Fußballer das Gesicht eines Fans mit einer Flasche verformte, dass Sabine Christiansen einen neuen Hund hat und ein Bischof mit dem Besenstiel bedroht wurde.
Ich spürte sofort, ich bin wieder zu Hause.

Und gestern ein großflächiges Bild von Mario Barth in Leipzigs größter Tageszeitung(oben, Ausschnitt). Er bezwingt Obama und Medwedew mühelos auf der Skala einer journalistischen Bedeutungshierarchie. Doch verweist diese penetrante Abbildung auf der Titelseite keinesfalls auf die Kritik dieser Veranstaltung im Kulturteil. Die „richtige“ Besprechung wurde für den heutigen Samstag angekündigt.
Dann sicherlich wieder mit Bild auf der Titelseite und zahlreichen Ablichtungen im Innenteil des Blattes.
Die Leipziger Arena war ausverkauft, 7000 Besucher.

Long John Baldry

Ich erinnere mich an ein Konzert mit Long John Baldry vor einigen Jahren in Leipzigs Norden. Ich hastete an den Ort, von der Furcht gepeinigt, schon einen überfüllten Saal zu erreichen, der für mich nur noch Hinterwand oder Abortvorraum bereithält.
Doch war ich der erste Besucher, der den Raum betrat. Am Beginn dieses grandiosen Konzerts zählte ich dann etwa achtzig Körper. Die Zahl erweiterte sich im Lauf des Abends nur mäßig, überwiegend durch einige Besucher der benachbarten Kneipe, die im erweiterten Umdrehungsstadium „Griechischer Wein“ krähten. Mir schwanden die Sinne. Unvergesslich.

Baldry war wichtiger Mitbegründer von Alexis Korners „Blues Incorporated“. In dieser Formation spielten u.a. Ginger Baker und Jack Bruce, später Cream, gleichfalls Graham Bond und Dick Heckstall-Smith, später Colosseum. Und Baldry arbeitete auch mit Julie Driscoll und dem göttlichen Brian Auger. Ihn hörte ich am Beginn der neunziger Jahre bei einem Konzert in Halle, gemeinsam mit Eric Burdon.
7000 bei Barth, 80/90 bei Baldry.
Ich erinnere mich weder an Ankündigungen noch an Besprechungen des Leipziger Konzerts von Long John Baldry in den hiesigen Gazetten.

Ich lamentiere nicht, man kann ja Simpel-Mario meiden. „Neues aus der Anstalt“ böte sich als Alternative an. Doch schmelzen die Möglichkeiten derartiger Gegenentwürfe in allen kulturellen Bereichen sicht-u.hörbar.

Bei Fragen von Management und Wirtschaft entwickle ich die Denkpotenz eines Mammutjägers. Ich verstehe aber durchaus, wenn auch nur mit Hilfe einfältiger Gedankenmuster, die notwendige Eingliederung in Mechanismen des Marktes.
Doch muss sich die Presse deartig jammervoll dem Mainstream unterjochen, ohne mögliche Missbilligungen, ohne fundamentiert gesetzte Warnzeichen. Das ist fahrlässig und spornt alle Wegbereiter ruinöser Kulturlandschaften zu hemmungslosen Höchstleistungen an.
Dadurch wird eine Zeitung entbehrlich .

Also heute die Besprechung von Barths Auftritt in Leipzig. Ich werde deshalb keine Straßenbahn fahren und laufen, um möglichen Schulterblicken auf Zeitungsleser zu entgehen. Selbst bei Beachtung der Gefahr, am Abend in ein Auszehrungs-Koma zu fallen. Und ich werde alle Zeitungskioske und ähnliche Einrichtungen auf meiner Route nur im Handstand und mit der Augenverpackung von Captain Flint bewältigen.

Und auch bei zwei herausragenden Konzerten vor wenigen Tagen, u.a. mit Steffen Schleiermacher im Leipziger Lindenfels und Musik von Feldman, Rihm, Stockhausen und Schleiermacher selbst blieben im eher kleinformatigem Raum bei etwa 60-80 Besuchern stets einige Plätze unbesetzt.
Müssen denn immer nur der schöne Götterfunken angebrüllt, Tschaikowskis b-Moll-Gurke in das Klavier gehämmert und Nabuccos Gassenhauer abgeschnulzt werden, um Hallen zu füllen
?

Da wünscht man sich dann doch manchmal den endlosen Rückzug in österliche Areale.

Impressionen meines Osterspaziergangs
Wildnis I


Wildnis II

Strandausschnitt mit Muscheln und Schatten

April 10, 2010 Posted by | Leipzig, Musik, Verstreutes | Hinterlasse einen Kommentar