Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne und die unregelmäßige Serie „Schlösser, Kirchen, Burgen, Herrenhäuser rund um Leipzig“. Heute: Jürgen Henne auf der Burg Gnandstein und die Kolonialisierung „ungläubiger“ Slawen, der Blick auf einen Burgberg, maskuline Verrichtungen, Anna und Maria in einer spätgotischen Kapelle, Luthers Strategen, Peter Breuer, ein gedemütigter Drachen, vierzehn Nothelfer, eine Überreichung der Rose und Wildschweine in Gnandstein (Texte v. 15.Mai 2010 u. 23. September 2009)

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Auf dem Weg nach Gnandstein

Burg Gnandstein, älteste Burganlage Sachsens romanischer Ausformung, jenseits der Saale, zwischen Leipzig und Chemnitz.

Am Rande der Leipziger Tieflandsbucht und vor Ablegern des Erzgebirges auf einem Porphyritfelsen zusammengebaut, oberhalb des Flusses Wyhra
Blick von Süd-Ost mit Schildmauer, Zwingermauer, Bergfried, Palas, alte Kemenate (1632 durch Schweden im 30-jährigem Krieg zerstört, ab 1680 Neubau, reduzierter Barock), Südflügel mit Wendelstein (um 1650 durch Blitzschlag zerlegt, barocker Umbau am Beginn des 18. Jahrhunderts)
Der Vorname Gnanno stammt aus main-fränkischem Gebiet und verweist auf der Siedler Herkunft.
1547 besuchte Karl V. die Burg, 1813 Th. Körner, nach seiner Verwundung bei Kitzen.

Nachdem Otto I. ab Mitte des 10. Jahrhunderts das Bedürfnis auslebte, die „ungläubigen“ Slawen zu kolonialisieren und das Erzbistum Magdeburg gründete, entwickelten sich Bauensembles, die auf engstem Raum Kirche und Burg zusammenführten, um adäquate Ziele von weltlicher und kirchlicher Herrschaft auch architektonisch zu repräsentieren.
Der Burgberg in Meißen wäre dazu ein auffälliges Beispiel.

Ein Mann sollte nicht nur einen Baum pflanzen, einen Sohn zeugen und ein Buch schreiben. Auch ein Blick vom Ufer der Elbe in Meißen zum Burgberg möge in diesen Katalog der Pflichten und wichtiger Lebensbestrebungen aufgenommen werden. Denn dieses optische Ziel hat den Status einer europäischen Einmaligkeit und könnte alle zukünftigen Verrichtungen positiv beeinflussen.
Alternierend wird ja noch ein Hausbau vorgeschlagen und die Zeugung einer Tochter sollte auch nicht als grober Verstoß gegen diesen Kanon maskuliner Gebote geahndet werden.
Kann alles wegfallen, nur der Blick auf Albrechtsburg und Meißner Dom muss bleiben. Zur Not auch als Intermezzo auf dem Weg zum Dresdner Fußballstadion. Der Berg darf dann auch aus dem Autokorso mit Vuvuzelas zugedröhnt werden. Arnold von Westfalen würde es wohlwollend akzeptieren

Die Burg Gnandstein mit ihrer spätgotischen Kapelle entspräche jedenfalls durchaus diesen Traditionen einer Vermengung profaner und kirchlicher Machtspielchen, natürlich in reduzierten Dimensionen.

Denn als Mitte des 12. Jahrhunderts begonnen wurde, auch das sorbische Pleißengau, „Gau Plisni“, auf einen ordnungsgemäßen Pfad zu führen, benötigte man natürlich Bastionen, um den Willen zur Missionierung zu bekräftigen und die Sicherung von Handelswegen für die wirtschaftlichen Strategien weltlicher Gebieter zu untermauern.
Die Burg Gnandstein mit ihren romanischen Ursprüngen rollte dabei als Perle der historischen Kontroversen zwischen aufstrebenden Wettinern und verröchelnden Staufern in das Buch der Kulturgeschichte.

Seit 1409 war Gnandstein dann Stammsitz der Familie von Einsiedel, die ihre Herkunft auf das Kloster Einsiedeln am Züricher See festgelegt hat. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts weitgehende Beherrschung dieses Terrains mit politischen, rechtlichen und wirtschaftlichen Mitteln. Bis 1945 Patronat über die Kirchen in Gnandstein und der Umgebung. Dadurch wesentlicher Einfluss auf die sozial-gesellschaftlichen Entwicklungen.
Die Einsiedels verdingten sich als kompetente Beamte am sächsischem Hof und kämpften während der Reformation an der vordersten Linie in Luthers Kompanie.
Luther rühmte sie 1541 in einem Brief eindringlich: „ein seltsames und einzigartiges Licht im Dunkel jenes sehr verworrenen Adels des Jahrhunderts“.
Aus diesem Einfluss des Geschlechts Einsiedel resultiert auch die bemerkenswerte Austattung der Burg mit Kunstwerken, die mitunter den regionalen Rahmen beträchtlich sprengen

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Burg Gnandstein, Bergfried, Schildmauer, Zwingermauer, 13.Jahrhundert

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Südflügel, Anfang des 18. Jahrhunderts

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Alte Kemenate, Neubau ab 1680

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Marienaltar, einer drei Flügelaltäre in der spätgotischen Burgkapelle der Burg Gnandstein, Feiertagsseite.

Einziger Altar von Gnandstein, dessen Festtagsseite beschnitzt ist, sonst nur Malerei, um 1500.
Auftrageber war Heinrich von Einsiedel.
Maler bislang unbekannt, in Zwickau nachgewiesen. Bildhauer ist Peter Breuer. Offensichtlich Schüler Tilman Riemenschneiders.
Augenscheinlich ein Frühwerk von Breuer. Reife Arbeiten, die weitgehend im Chemnitzer Schlossbergmuseum und in der Zwickauer Marienkirche verteilt sind („Pieta“) bezeugen die provinzielle Ausformung und eine gewisse Sterilität der Gnandsteiner Figuren.

Wobei „Provinzkunst“ keinesfalls mit dürftigem Dilettantismus gleichgesetzt werden sollte. Ich erinnere mich an Ausstellungen z.B. in Lübeck oder im Gothaer Schloss Friedensstein mit regionaler Bildhauerei des Mittelalters von außerordentlicher Qualität. Trotz der Defizite an ausgewogener Harmonie, am Gleichklang der plastischen Details und mit wundervollem Desinteresse an anatomischer Genauigkeit.

Maria steht unter einem Schleierwerk mit dem quäkenden Jesus im Arm, umhüllt von einem goldenem Strahlenkranz, zu Füßen die Mondsichel.
Ikonographische Erläuterungen zu christlichen Themen findet man in der entsprechenden Literatur zuhauf, akribische Erläuterungen würden diesen Blog inhaltlich überfordern.
Rechts von Maria thront Katharina von Alexandrien mit dem Schwert, durch das sie gemeuchelt wurde. Links Margaretha mit dem Drachen, den sie scheinbar in die Lieblichkeit eines Haustieres zwang. Beide Damen wurden in die Kategorie der Nothelfer eingeordnet. Für alles Mögliche.
Die Altarflügel werden von Barbara mit Kelch und Dorothea mit Blumenkorb belegt. Irgendwie auch Nothelfer, das änderte und ändert sich ja chronologisch und territorial ohnehin fortwährend, zumindest in der Wertigkeit. Auch die entsprechenden Attribute sind variantenreich. So kann Katharina u.a. mit Rad, Schwert….gekennzeichnet werden. Denn bei ihrem Martyrium wurde sie zunächst auf das Rad gebunden, doch dann durch das Schwert entleibt. Und neben den vierzehn Nothelfern für alle Gebrechen des Alltags gibt es noch Millionen Ersatzhelden regionalen Zuschnitts.

Im Gesprenge trauern dann Maria und Johannes und in der Predella quält sich Christus als Schmerzensmann, gehalten von zwei Engeln.

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Marienaltar, Gnandstein, Feiertagsseite

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Annenaltar, Gnandstein, Feiertagsseite

Mitteltafel mit freizeitlichen Abläufen um die heilige Sippe. In der Kunstgeschichte werden derartige Szenen gemeinhin als Anna Selbdritt bezeichnet. Anna kommt allerdings in keiner Bibel vor. Die Mutter von Maria und Oma von Jesus. Wird nur in den Apokryphen erwähnt
Seit dem späten Mittelalter mit gehobener Bedeutung und Beschützer der Bergleute. Für die Familie der Einsiedels von beträchtlicher Sinnhaftigkeit, weil sich über den Bergbau im nahem Erzgebirge ein ordentlicher Sack mit Talern für die Familienkasse aufblähte.
Im Hintergrund trällern zwei Engel, zwei Putti tänzeln dazu auf fialenbesetzten Konsolsäulen. In den Seitenflügeln rechts Ursula mit Pfeil, links Elisabeth mit Obstschale.
Das geschnitzte Gesprenge wahrscheinlich nur aus Peter Breuers Werkstatt

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Bodenfliesen in der Kapelle, um 1500

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Romanischer Festsaal, Drittes Geschoss im Palas, Dreiarkadenfenster

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Überreichung der Rose, Fränkischer Meister, 18. Jahrhundert

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Museum Burg Gnandstein, Stühle. Empire, Biedermeier, Neubarock. Also alles, was das 19.Jahrhundert so zu bieten hatte.

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Heilige Maria Magdalena, süddeutscher Meister, um 1510.

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Maria mit Kind, vielleicht Salzburg, Mitte 14.Jahrhundert

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Heiliger Petrus, vielleicht fränkischer Meister, Anfang 16. Jahrhundert

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Wildschwein, um 1900 in den Wäldern um Gnandstein erlegt

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Romanisches Fenster, um 1200, Südseite der Kemenate

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Januar 25, 2011 Posted by | Kunst, Neben Leipzig, Verstreutes | Hinterlasse einen Kommentar

Jürgen Henne, Silvester 2010 auf dem Darß und Ilja Muromez, vereiste Skrota, Weihnachtsbäume im Sand, ein Elysium an der Steilküste, Bunkerarchitektur im Salzwasser, historistische Ambivalenzen, Blumen für Schubert und Schönberg, eine Seemannskirche in Prerow, Neogotik in Wustrow und unverzichtbare Gestirne im Zeichen der Sonne

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Wegweiser zwischen Ahrenshoop und Wustrow, 29. Dezember 2010

Reitest Du nach links, findest Du Reichtum und Macht, reitest Du nach rechts, findest Du Ruhm und Glück, reitest Du aber geradeaus, findest Du den Tod.
Ich glaube, besonders in russischen Märchen wurde der Held an Kulminationspunkten der Handlung mit derartigen Alternativen behelligt. Iwan, Oleg oder Wladimir wählten dann natürlich immer die Todes-Allee und retteten Mütterchen Rußland.
Ich erinnere mich dabei an den Film „Ilja Muromez“ von 1956, in dem der edle Bogatyr eine ähnliche Wahl treffen musste und bald einen Dummhut von erschütternder Unansehnlichkeit bezwang, die Tataren in die Steppe jagte, wonach er in das russische Walhalla aufgenommen wurde.
Die Entscheidungsdramatik bei dem obigen Wegweiser bleibt überschaubar. Denn die Wahl zwischen Ahrenshoop und Wustrow bietet keine wirkliche Alternative. Denn beide geografischen Hinweise führten in diesen Tagen in das winterliche Paradies.

Ich denke dabei an Zeitgenossen meiner Altersstruktur, die schon vor dem ersten Herbstwind von einer Schnee-Phobie heimgesucht werden, deren Nasensekret kristallisiert und deren Skrotum vereist.

Die Sehnsuchtsaugen und Temperaturrezeptoren gieren dann zu südlichen Koordinaten, um dort bis zum mitteleuropäischen Frühling zu überwintern.

Sie hüpfen dann am glühendem Strand und mit inzwischen aufgeweichtem Skrotum um den Weihnachtsbaum und lassen sich bald die hitzige Januarsonne auf das Gesäß prallen.
Ich gönne ihnen diese Eintönigkeit der Jahreszeiten, suhle mich derweil im mitteleuropäischem Pulverschnee und freue mich dann richtig auf den Frühling.
Und sie atmen mir nicht den Schnee weg.

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Jürgen Henne beim Eintritt in sein Elysium nördlichen Zuschnitts, wenige Meter vor der Steilküste und bei dreizehn Grad im Minusbereich. Gefühlt könnte man noch eine Null beifügen. Ich beginne, mich wohlzufühlen.

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Jürgen Henne beim Verlassen seines Elysiums nördlichen Zuschnitts. Ich fühle mich wohl.

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Rudimente der Bunkerarchitektur über der Steilküste zwischen Ahrenshoop und Wustrow zur Verteidigung des Sozialismus, gegen schwedische Heringe und norwegische Flatterflundern.

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Evangelische Kirche in Wustrow.

Ziemlich monumental für ein Fischerdorf auf dem Darß. Dann aber verständlich durch die Kenntnis, dass in Wustrow vor über einhundertundfünfzig Jahren eine Seefahrtsschule gegründet wurde. Auf dem Friedhof lümmelt dann auch die Elite seemännischer Kompetenz.
In Wustrow dominiert eher eine eher „städtische“ Wohlstands-Architektur, von Reichtum getragen. Anders als in Ahrenshoop mit den Traditionen einer Künstler-Kolonie.
Ich liebe Ahrenshoop.
Ahrenshoop bildet die Grenze zwischen Fischland und Darß und gleichzeitig von Mecklenburg und Vorpommern.

Die Kirche in Wustrow wurde neugotisch konstruiert, Backstein auf künstlichem Hügel, einschiffig, kreuzförmiger Grundriss, polygonal geschlossene Querarme, quadratischer Westturm.

Ich neige eher nicht zu einer Beschwörung von Architektur mit historistischen Tendenzen.

Doch als wir neunzehnhundertundneunzig mit Januar-Grippe, mit Begrüßungsgeld und übermüdeten Grün-Gesichtern in Wien aus dem Zug stiegen, sahen wir sofort die Votiv-Kirche und erstarrten.
Ferstels Bau muss, unabhängig von neugotischen Strukturen, als Architektur von hoher Qualität und Eigenständigkeit eingeordnet werden.
Danach liefen wir zum Zentralfriedhof, wir liefen hin und fuhren nicht hin, wir liefen zurück und fuhren nicht zurück, denn der Wert des Begrüßungsgelds hatte natürlich Grenzen und wir legten deshalb nur eine Blume auf die Gräber von Franz Schubert und Arnold Schönberg. Doch das musste sein.

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Sozialistische Bunkerarchitektur im Salzwasser

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Prerow, evangelische Kirche, Seemannskirche, Kanzelaltar von 1728, im Brüstungsrelief stehender Christus mit Kreuz, auf dem Gesims Petrus und Paulus, auf den Wandkonsolen Moses und Aaron.

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Prerow, Seemannskirche, Taufgehäuse aus Holz, 1740, in Form eines Rundtempels, an der Brüstung vierflügelige Cherubine, in der Bekrönung Jesus als guter Hirte.

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Südlicher Eingang der Seemannskirche in Prerow

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Grabstelen auf dem Kirchhof der Seemannskirche in Prerow, vorrangig 18/19.Jh., um 1690 die älteste Stele.

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Ahrenshoop, Kirche, Weihe am 14. Oktober 1951, Holzbau mit Rohrdach, Architektur wie ein Boot, um 180 Grad gedreht. Holzbildhauerei aus einer Pappel vom Bauplatz. Altarwand mit Holzkreuz und dem Spruch des Johannesevangeliums: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben, niemand kommt zum Vater denn durch mich“.
Eigentlich eine ziemliche Anmaßung.

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Sonne mit eisiger Ostsee

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Ostsee, Holz und Eis

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Ostsee, Eis und zwei unverzichbare Gestirne

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Jürgen Henne, der Möwenflüsterer……..sprachlich und gedanklich ein saublöder Einfall. Schlichte Gemüter würden sich dafür bejubeln.

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Nochmals Bunkerarchitektur im Salzwasser, bzw. auf Salzeis. Weil es so schön ist, diese Steinhaufen im Prozess der Verrottung genießen zu dürfen.

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Januar 4, 2011 Posted by | Film, Kunst, Neben Leipzig, Verstreutes | Hinterlasse einen Kommentar