Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne und das Dresdner Festival der zeitgenössischen Musik, ein bedeutendes Künstlerlexikon, Jürgen Haufe, zweidimensionale Phrasierungen, grandioser Klangtumult, fernab von Johann Sebastian und ein Schlagbaum vor dürftiger Qualität

—————- Tonlagen – Dresdner Festival der zeitgenössischen Musik—————

1.-16.Oktober 2010

Zweihundertundfünfzig Akteure aus zwanzig Ländern bei vierundzwanzig Konzerten, vorrangig im Festspielhaus Hellerau, aber auch im Palais des Großen Gartens und in der Auferstehungskirche.

Und ich werde mich wieder im Klangtumult suhlen, fernab der Musik von Johann Sebastian und Georg Friedrich, von Felix, Robert und Ludwig van.
Doch bleiben die Noten von Johann Sebastian und Georg Friedrich, von Felix, Robert und Ludwig van natürlich vortreffliche Musik.
Doch lebe ich im Jahre Zweitausendundzehn und auch diese Musik will ich hören.

Jürgen Haufe, Dresdner Jazz-Herbst, 1997

Im Zusammenhang mit dem Festival und angesichts meiner unentbehrlichen Arbeit am global wohl bedeutendstem Künstlerlexikon erhält die Mobilmachung meines Intellekts für den Text zu Jürgen Haufe einen gebührlichen Abschluss.
Denn Haufe hat über Jahre diese Festspiele mit seiner Plakatkunst veredelt.
Selten wurden Improvisation, Swing, Groove und Phrasierungen, vorrangig im Jazz, derartig frappierend und hemmungslos in die Zweidimensionalität übertragen.

Haufe treibt Musiker und Musik mit seinem fahrigen Duktus über die Fläche, lässt Mensch und Instrument fiebrieren.
Er scheut nicht die große Geste, die schmerzhafte Gebärde, betont die pulsierende Linie, die klirrende Struktur.
Haufe übermalt, überzeichnet und collagiert, fotografiert New York und Performances mit eigener Teilnahme. Er porträtiert Beuys, Hendrix und Calvin Russel
Seine stetige Aktivität führte ihn auch zu Aufträgen an Fernsehanstalten, in das Buchgewerbe und zu Entwürfen von Weinetiketten.
Er kannte keine Grenzen, nur die Barriere zu Unwahrhaftigkeit und dürftiger Qualität. Doch diesen Schlagbaum hat er nie berührt.
Er starb 1999, wenige Tage vor seinem fünfzigsten Geburtstag.
Ich empfand eine große Freude, über Jürgen Haufe schreiben zu dürfen.

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J.H., Leipziger Jazztage, 1993

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J.H.,Herausragende Zeichnungen

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J.H.,Dresdner Tage (jetzt Festival) der zeitgenössischen Musik

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J.H., Körper mit Dreiecken, 1992

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J.H., Theaterplakate, 1993

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J.H., Mit Manet und Victorine Meurent, 1994

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J.H., Aus der Serie „Köpfe“, 1997 und Jürgen Haufe (unten)

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September 28, 2010 Posted by | Kunst, Leipzig, Musik | Hinterlasse einen Kommentar

Jürgen Henne und der Plural von „Schau“, Familienfest, historische Rundfahrten, Sprachdäumlinge und Augenasthma

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Verkehrsbetriebe laden zum Familienfest und historischen Rundfahrten
(Aus einer Leipziger Tageszeitung)

Wenn es doch wenigstens nur Ausnahmen wären, in den deutschen Zeitungen. Doch eigentlich bräuchte man am Morgen mit verlässlicher Kontinuität ein zweites Blatt, welches den inhaltlichen und sprachlichen Müll der vortäglichen Zeitung korrigiert.
Es sind ja gewiss auch nicht die legendären „Faselfehler“, die heiteren Missverständnisse, die man locker und lächelnd zu Kenntnis nimmt.
Denn Zeitgenossen mit einer überbordend angelegten Zurückhaltung bei der Erfassung sprachlicher Feinheiten und mit der Befähigung eines Goldhamsters bei der schriftlichen Fixierung eines Textes bevölkern die Redaktionen.

Verkehrsbetriebe laden zum……… historischen Rundfahrten….schauder

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(Aus einer Leipziger Tageszeitung, online)

Ich bin ja nun nicht gerade ein Enthusiast, der die Kunst Rinks seit Jahren mit hymnischen Lobpreisungen begleitet. Aber eine derartige Ausstellungsankündigung hat er nicht verdient.

Schon bei „Leipziger-Schule-Vertreter“ barme ich um ein Zeichen von Nothelferin Katharina, irgendwie ist sie auch für Sprachschwierigkeiten zuständig. Sicherlich nur in medizinischer Hinsicht, doch vielleicht hat sie ihren Radius auch auf sprachästhetische und intellektuelle Defizite erweitert.
Aber bei „Schauen“ sinke ich darnieder und nage verzweifelt am Stuhlkissen, dessen Volumen sich auffällig reduziert hat. Man kommt von der Nagerei einfach nicht mehr los.
Die Schau und die Schauen – Singular und Plural. Sprachlich sicher korrekt. Doch abgesehen davon, dass ich den Einsatz von „Schau“ für eine Kunstausstellung als hochgradig beknackt empfinde und „Schau“ ohnehin ein Blödwort ist, müsste sich doch bei jedem Mitmenschen mit einer soliden Empfindsamkeit bei der Kenntnisnahme des Plurals „Schauen“ das Augenasthma aktivieren. Doch diese Sprachdäumlinge ficht das nicht an.

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September 22, 2010 Posted by | Kunst, Leipzig, Presse | Hinterlasse einen Kommentar

Sean Scully und Jürgen Henne in Chemnitz, Felderwürfe, Mark Rothko, geometrische Verschleierungen, Ad Reinhardt und Barnett Newman, tropfende Fragmente in territorialer Ewigkeit, Ingrid Mössinger als Ostdeutschlands Kulturfrettchen, dagegen Molitor und Triegel in Leipzig, die Erschlaffung meiner Hormone und Ratzingers Besenkammer

„Anstatt eine Beziehung zu malen, male ich also Felder und setze sie zusammen. (…) Ich behandle die Felder getrennt voneinander und werfe sie dann zusammen. Das bringt eine gewisse Gewalttätigkeit oder Unvermittelheit ins Spiel; es impliziert auch die Möglichkeit, dass Beziehungen gebrochen werden.“
(Sean Scully)

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Figure in Orange,2004

Sean Scully wirft also Felder zusammen und trifft, trotz dieses etwas rabiaten Arbeitsverlaufs, recht ansehnlich. Ich neige zu der Anmaßung, diese Farbfeldmalerei („Colour-Field- Painting“) im weitesten Sinn theoretisch einigermaßen zu beherrschen und ausgiebig vor Ort und vor den Originalen geschwelgt zu haben (New York). Ich denke dabei auch dankbar an Mark Rothko und dessen Ausstellung in München.

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Wall of Light 1999

Bei Scully hatte ich aber verstärkt das Erlebnis, hinter diesen geometrischen „Verschleierungen“ die Ungegenständlichkeit weitgehend zu vergessen und reale Abläufe zumindest erahnen zu können.
Fenstern mit unterschiedlichen Gliederungen ähnelnd, durch welche ich meine Blicke in die Realität werfe und diese realen Tatsachen dann durch Stofflichkeit verborgen werden, aber dennoch, trotz Abstraktion, als körperlich oder emotional nachvollziebare Ereignisse erhalten bleiben.
Scullys Geometrie vermeidet dabei harte Schnitte, die Ad Reinhardt, Kenneth Noland, Barnett Newman und andere Vertreter von „Hard Edge“ zelebrierten. Im Verlauf der siebziger Jahre hatte er sich für eine Zeit bei „Hard Edge“ eingruppiert.
Doch dann gönnt er sich eine gewisse Unfertigkeit und geometrische Reibungen, die auch schon einmal aus dem Format tropfen könnten, um dann als Fragmente in die territoriale Ewigkeit zu gleiten.

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Small Barcelona Painting, 1999

Melancholie und Euphorie, die Heiterkeit des Lichts und die mögliche Depression im Schatten verbindet Scully in Quadraten und Rechtecken. Dabei verzichtet er, z.B. anders als Noland, auf diagonale Zwischenfälle und verlässt sich mit selbstbewusster Bescheidenheit auf den rechten Winkel.
Er beschreibt New York, Barcelona und München, seine bevorzugten Aufenthaltsorte, fühlt die Auren dieser Städte und sortiert das Ergebnis mit Farbe, Struktur und geometrischen Verwicklungen auf scheinbar unbegrenzte Flächen.
Gittersysteme, Linien, Balken übertragen zunächst geometrische Sicherheit und stabile Gewissenhaftigkeit. Doch der expressive Strich, der materiell-ästhetische Eigenwert der Farbe und die scheinbare Endlosigkeit der Richtungen verunsichern und zeigen an, dass noch keine Grenzen festgelegt wurden und augenblickliche Abläufe sich wenden könnten.

Der Ire Sean Scully, geboren 1945 in Dublin, wächst seit 1949 nicht gerade sorglos in einem Londoner Arbeiterviertel auf, lernt in einer Druckerei, studiert am Croyden College of Art und an der Newcastle University. Er erfreut sich an den katholischen Kirchen seines Viertels und liebt die Kunst v.Goghs, Schmidt-Rottluffs, Noldes und Rothkos, eine vorzügliche Auswahl. Er erhält 1973 seine erste Einzelausstellung in London, 1977 in New York. Bereist ausgiebig Mexiko und Marokko. 2002-07 Professur in München

Mit etwas Wehmut vergleiche ich nach dem Besuch dieser Ausstellung die Chemnitzer Kunstsammlungen und das Bildermuseum in Leipzig.

Ingrid Mössinger, des Chemnitzer Museums Chefin, hat sich bei einer kleinen Nebenbeschäftigung ganz locker die Sammlung Claus Hüppe gesichert. Mit ordentlichen Bildern von Feininger, Schmidt-Rottluff, Dufy, Nay, Chagall….allerdings auch mit einem unterirdischen Kirchner.
Der Skulpturensaal wurde eröffnet, u.a. mit Glöckner, Uecker, Gragg, Cesar, Kolbe, Albiger, Barlach, Rodin, Degas.
Bremen hat beachtliche Bilder in Chemnitz gelagert, wegen Umbau des Museums, z.B. Corinths großartiges Ganzkörper-Porträt vom Chaot Peter Hille.
Ingrid Mössinger dreht also in Chemnitz beharrlich ihre Kreise. Für Ostdeutschland eine beispiellose Entwicklung

Und welche Kreise dreht Hans-Werner Schmidt vom Leipziger Bildermuseum?
Zunächst gibt es aktuell eine Ausstellung mit Aktfotografie. Da kann man nichts falsch machen und die Besucher werden strömen. Trotzdem hochgradig einfallslos.
Schmidt verärgert mich weiterhin durch die parallele Übersicht zu Mathieu Molitor, ein Stratege um 1900 zwischen Halbkunst und Volkskunst. Schon bei der Nennung des Namens bereiten sich meine Hormone auf einen Tiefschlaf vor. Seine bekannteste Arbeit steht ohnehin vor Leipzigs „Auerbachs Keller“. Und jetzt soll ich mir also den Rest ansehen. Schmidts Kreativitätspotential ist erschütternd.

Und ab November erleide ich das Martyrium. Denn Michael Triegel trägt seine Bilder in das Museum, dessen Werke von schlichten Journalisten, welche Giotto nicht von Baselitz unterscheiden können, in Leipziger Medien dann mit wissenden und wichtigen Gebärden als „altmeisterlich“ bezeichnet werden.
Eine hochgradige Vermessenheit. Das ist keinesfalls „altmeisterlich“, das ist akzeptables Handwerk und sonst Kunstmüll. Also grundsätzlich geeignet für Ratzingers Besenkammer.

Natürlich soll Horst Janssens Ausstellung nicht verschwiegen werden, die gleichfalls für November angesetzt ist. Doch nach tausend Übersichten, u.a. im recht nahem Bad Frankenhausen kann dieser museale Beitrag nur unter einer Rubrik eingeordnet werden: Alle haben Janssen gezeigt, jetzt bin ich dran.

Dann doch lieber noch etwas Scully.

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12 Triptychs, 12, 2008

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How Not, 1985

Bis 3.Oktober, Theaterplatz 1 in Chemnitz

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September 14, 2010 Posted by | Kunst, Leipzig, Neben Leipzig | 1 Kommentar

Jürgen Henne, Godzillas Steinpilz, Joachim Ringelnatz, Dummhüte aus Schildau, die Wiege von Gneisenau, eine Kapitänsbinde, eine Glocke im Wasser und mein Beitrag vom 27. Oktober 2008

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Auf dem Weg zu den Pilzen


Das Ergebnis unserer ersten Pilzernte in diesem Jahr
Eigentlich eher dürftig, doch der Steinpilz von üppigen Maßen, sicher nicht ganz edel, ermöglichte uns eine solide Mahlzeit. Neben dieser Gewaltspore lagert eine Krause Glucke, auch als Fette Henne bekannt. Kenntnisträger meiner männlich-kraftvollen Gestalt mögen sich jedes Kommentars enthalten.
Allerdings habe ich diese Monstren nicht selbst erspäht.

Denn meine Gedanken und meine Konzentration umkreisten die Tatsache, dass scheinbar der gesamte, vorrangig männliche Teil der deutschen Bevölkerung, sich seit Monaten mit aufwendiger Leidenschaft den Kopf geißelt, welcher Fußball-Rolf sich die Kapitänsbinde der Deutschen Nationalmannschaft an seinem Trikot fixieren darf. Das sind neue Dimensionen der Befriedigung durch eine infantil angelegte Grundversorgung.

Ich reaktiviere dabei Vorstellungen an eigene pubertäre Fußball-Fights in Hinterhöfen und verrotteteten Kleingärten, also zu Zeiten der späten Kreuzzüge, bei denen die Auseinandersetzungen um diesen Posten gleichfalls zu aufgeregten Zerwürfnissen führten, doch nach kurzer Zeit durch Vernunft und einem frühen Intellekt begradigt wurden. Das ist heute scheinbar nicht möglich.

Auf der Fahrt zu unserer „Pilzgegend“ durchfuhren wir Wurzen, Geburtsort von Joachim Ringelnatz, der am Beginn eines Gedichts eine der wundervollsten Liebesbeweise des vergangenen Jahrhunderts schrieb:

Ich habe dich so lieb!
Ich würde Dir ohne Bedenken
eine Kachel aus meinem Ofen schenken

Natürlich muss man dabei zumindest um eine Ecke denken. Laam und Pallack sollten darin wetteifern und ich übernehme derweil die Kapitänsbinde.

In der Nähe des Standorts dieses pilzigen Ungetüms liegt auch das Dorf Schildau, in der die Wiege Gneisenaus geschüttelt wurde, der preußische Generalfeldmarschall und Gigant von Waterloo.
Und natürlich erhebt Schildau auch den Anspruch, neben Ortschaften in Bayern, Brandenburg, im Erzgebirge….die legendären Dummhüte der Schildbürger entbunden zu haben.
Im Grunde kein Ruhmesblatt, aber touristenfreundlich.

So erzählt man sich, dass die Schildbürger bei kriegerischen Auseinandersetzungen ihre Kirchenglocke retten wollten, im Boot auf einen See ruderten und sie versenkten. Sie markierten die Versenkungsstelle mit einer Einritzung an ihrem Boot und ruderten zurück.

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Schildburgturm
215m über dem Wasser, Höhe 25m, Durchmesser 5.10m, höchste Erhebung im Torgauer Umkreis, erbaut 1936.

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Auf dem Rückweg von unserer „Pilzgegend“

Einige Sätze zum Pilz in der Kunstgeschichte habe ich mir in einem Beitrag am 27.10. 2008 in diesem Blog gegönnt.
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September 5, 2010 Posted by | Kunst, Leipzig, Neben Leipzig, Verstreutes | Hinterlasse einen Kommentar

Jürgen Henne, Armin Mueller-Stahl, ein Galerierundgang, der exklusive Begleiter zum Rundgang, natürlich DIN A3, Leipzig und die Top Ten, der Klang der Alarmharfen, die Zahnpflege männlicher Iltisse, „Fünf Patronenhülsen“, eine Russischlehrerin und ein aktualisiertes Abendmahl

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Kunst von Armin Mueller-Stahl (John Lennon)

Am 11./12. September gibt es den spätsommerlichen Rundgang durch die Galerien auf dem Gelände der ehemaligen Leipziger Baumwollspinnerei. Es werden Künstler und andere Gäste von allererster Sahne erwartet. Irgendeine Umfrage in New York platzierte Leipzig bei den global bevorzugten Reisezielen unter die Top Ten, vorrangig wegen der Abläufe auf diesem ehemaligen Industriegelände.

Das wäre ein Segen, doch vermeide ich dazu einen Kommentar. Meine Ansicht über Leipziger Kunst und Leipziger Ausstellungsdefizite habe ich schon häufig in diesem Blog feilgeboten. Und bei derartigen Dotierungen in Hitparaden schrillt ohnehin meine Alarmharfe für obskur-zwielichtige Abläufe.
Leipzigs einzige Tageszeitung (Leipziger Volkszeitung) präsentiert nun zu diesem Ereignis ihren „exklusiven Begleiter zum Rundgang“ (Zitat, LVZ), namens „SpinArt“. Eigentlich ein löbliches Ansinnen, obwohl bei den Herausgebern penetrant und in gewohnt einfältiger Manier zunächst vor allem mit dem Format geworben wird ( DIN A3, natürlich nur bei uns, nur bei uns, natürlich DIN A3…) Oft werden dann noch die Maße in cm nachgeliefert.
Vielleicht eine etwas schlichte Werbestrategie.
Mich interessiert in diesen Fällen das Format ähnlich ausladend wie die spätherbstliche Zahnpflege männlicher Iltisse im südlichem Neuseeland.
Es sei denn, es unterschreitet die durchschnittlichen Abmessungen eines Biskuits.

Vor wenigen Tagen sollte nun ein verkaufsantreibender Auszug aus dem Eingangsinterview des „exklusiven Begleiters zum Rundgang“, natürlich DIN A3, im Kulturteil der LVZ die Leser erhitzen, durften sie ein kleines Hors d`oeuvre vom Inhalt dieses gedruckten Edelmenüs abschmecken.
Ich erwartete diese Hitze, eine geschmackliche Sensation und ein Gespräch über Kunst, das mich auf das Pflaster wirbelt, mir die Luft nimmt und mich als Zeuge wichtiger und aktuell herausragender Kunstentwicklungen in einen Zustand bezaubernder Entrückung trägt. Eben angemessem dem Ergebnis dieser New Yorker Umfrage.

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Armin Mueller-Stahl, vermutlich ein aktualisiertes Abendmahl

Doch meine Augäpfel rutschten Richtung Gurgel, als sie Armin Mueller-Stahl auf der ersten Seite des Kulturteils der LVZ wahrnahmen. Armin Mueller-Stahl als erster Akteur, als Vortänzer im „exklusiven Begleiter zum Rundgang“, natürlich DIN A3.
Ich kann dessen schauspielerische Befähigung nur unvollkommen beurteilen. Meine letzte cineastische Begegnung mit ihm müsste ich auf etwa 1960 festlegen. Frank Beyers Film von den „Fünf Patronenhülsen“ forderte damals meine gesamten Emotionen. Mit Ernst Buschs Gesang und ohne klassenkämpferisch-ideologische Dauereinschläge.

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Filmplakat, links A.M.-S.

Jarmuschs „Nigth on Earth“ habe ich nicht gesehen, gleichfalls nicht „Die Manns“. Ich setze da oft andere Prioritäten. Und eine tägliche Erdrotation hat eben nur die berühmten 24 Stunden.
Ebenso muss ich meine Unkenntnis über Mueller-Stahls Violinenspiel zugeben.

Seine Bilder sind mir dagegen nicht ganz unbekannt und ich erinnere mich bei einzelnen Ausstellungen zumindest an eine halbierte Langeweile. Mueller-Stahl kann durchaus stilsicher eine Linie setzen, hat das Gespür für grafische Strukturen, für fein gezeichnete Reduzierungen, doch sollte er nicht die Farbtuben öffnen, dann wird es unansehnlich.
Und ich bin auch gewillt, meinen Respekt zu bezeugen. Jedenfalls sind diese Blätter mit ihren fragilen Netzarchitekturen und ironischen Deformationen eindringlicher als die Grafik von Grass.
Doch als Ouvertüre für ein Galeriefest globaler Superlative, als Portal, hinter dem erwartet wird, daß die künstlerische Avantgarde ihren Tornister auspackt, sind Mueller-Stahls Arbeiten und sein kunsttheoretischer Kleinkram eher ungeeignet.

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Kunst von Armin Mueller-Stahl

Und wenn dann im „exklusiven Begleiter zum Rundgang“ der Leipziger Volkszeitung, natürlich DIN A3, die Frage nach Mueller-Stahls Bindung zu Leipzig gestellt wird und man erhält u.a. den Hinweis, dass hier seine Mutter das Fach Russisch an der Arbeiter-u. Bauernfakultät unterrichtete, beginnt der Berserkerkampf, um Verbindungsstränge zum Galerierundgang zu ertasten und es gedeiht die Ahnung, einer sanften Verarschung ausgeliefert zu sein.
Aber sicher wird der Galerierundgang spannender, auch ohne „SpinArt“, der „exklusive Begleiter zum Rundgang“, natürlich DIN A3.

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September 1, 2010 Posted by | Film, Kunst, Leipzig, Presse | Hinterlasse einen Kommentar