Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne ,“Station to Station“ von David Bowie, „Station to Station“ von Doug Aitken und Tolstois „Anna Karenina“ im „Deutschlandradio Kultur“

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Aus meinem Musikfundus: David Bowie., „Station to Station“

Wer im Verlauf der 70er Jahre nicht nur bei den Rubettes, Bay City Rollers, Boney M, Pussycat… ekstatisch den Konzertboden ableckte (Bei der Erinnerung an diese Musik bekomme ich Ohrenscharlach), wird bei der Erwähnung der Wortgruppe „Station to Station“ sicherlich sofort an David Bowie denken.

Diese Scheibe erschien 1976 und fügte sich in die überwältigende Zeit Bowies zwischen 1970 und 1977 ein, in der er die Musik erforschte und die Musikszene beherrschte, neben „Station to Station“ auch „The Man Who Sold the World“(1970), „Hunky Dory“(1971), „The Rise and Fall of Ziggy Stardust…“(1972), „Aladin Sane“(1973), „Young Americans“(1975), „Low“(1977), „Hereos“(1977).

Es war die Zeit, als Bowie und Iggy Pop in Berlin als Nachbarn wohnten, sich die Kante gaben und bemerkenswerte Musik produzierten. Mitunter gesellte sich Brian Eno hinzu. Eigentlich fehlte nur noch Jürgen Henne.
Vielleicht aber auch alles nur Legende.
Wer weiß das schon?

Neben Bowies „Hunky Dory“, Zappas „Sheik Yerbouti“ und einer Scheibe von Soft-Machine war „Station to Station“ der erste Tonträger, den meine selige Oma vor Jahrzehnten im Rentnerkoffer aus dem „Westen“ in den „Osten“ schmuggelte.

USA-Karte

Doch „Station to Station“ der Gegenwart flimmert durch die deutschen Kinos, ohne David Bowie.

Der Film von Doug Aitken, eine Austellung von ihm gibt es in der Schirn-Kunsthalle Frankfurt/M. bis Ende September, beschreibt eine Zugfahrt in vierundzwanzig Tagen über viertausend Kilometer von der Osküste zur Westküste Amerikas, von New York nach San Francisco.
Er organisiert eine rollende Dauerperformance mit Teilnehmern aller Kunst-Gewerke, mit bildenden Künstlern, Tänzern, Musikern, Dichtern….
An zehn Orten wird die Bremse bis zum Anschlag gezogen und Bahnhof-Architekturen beben bald bei den nachfolgenden Happenings.
Sonst dröhnt, rumort und vibriert es innerhalb der begrenzten Kubik-Meter eines Eisenbahnwaggons, für Klaustrophoben kein sicherer Hort für ausgedehnte Entspannungs-Übungen.
Es entstanden zweiundsechzig einminütige Kurzfilme, der Streifen endet also nach einer reichlichen Stunde.

Die Installierung der Eisenbahn wurde ja in Amerika zum Synonym einer Verteilung „zivilisatorischer“ Maßstäbe aus Teilen der „Alten Welt“ in der sogenannten „Neuen Welt.“

Kategorien wie Geschwindigkeit und Stillstand, Relationen der Bewegung, der Veränderung und der Zeit werden ebenso nicht vernachlässigt wie soziologische Erkundungen, wie psychische Wirrungen bei Grenzüberschreitungen und Dimensionen der Mensch-Technik-Natur-Verwicklungen.

Der Genius loci wird akustisch, optisch beschworen, die Sonne ist ständiger Begleiter.
Man ordnete der Eisenbahn aus vergangenen Zeiten einen Status zu, welcher den gegewärtigen Netzwerken entspricht und ihr wird prophezeit, perspektivisch der einzige Ort zu sein, an dem sich Reiche und Besitzlose vermischen.
Verstehe ich nicht, werde aber nachdenken, wenn mich eine Abkühlung erfrischt.
Meine Einsicht in zahlreiche Darbietungen und deren intellektuelle Grundierung ist oft gegeben, doch bleiben Hürden.

Doch für einen erweiterten Exkurs „Philosophie im Film“ eignen sich die derzeitigen Temperaturen nicht.
Es bleibt bei einem erweiterten Filmtipp. Ich bin staatlich anerkannter Senior und kann mir diese Souveränität leisten.

Patti Smith röhrt ein Train-Song. In meinem Verständnis mit Janis Joplin, Björk, Aretha Franklin, Grace Slick, Laurie Anderson, Yoko Ono…die Klimax weiblicher Musikkultur im erweiterten Pop-Bereich.
Ich sah sie vor einigen Jahren bei einem Konzert in Jena, sie rotzte immer noch auf den Bühnenboden.

Joseph Conrad wird zitiert, Jackson Brown sinniert unspektakulär und ohne Gesang über Bahnhöfe und Thurston Moore, Gründungsmitglied von Sonic Youth, knallt eine musikalische Kiste zwischen die Gleise, die mir eine flächendeckende Gänsehaut bescherte.

In einem Happening folgt das Bahnhofs-Volk dem stolzen Peitschenschwinger, ein sprechender Bigfoot zeigt uns seinen Wald der Flaschenbäume, Farbbomben explodieren, eine Laser-Performance veredelt die Verbindung einer erbarmungslosen Technik mit der nächtlichen Landschaft.
Congos, natürlich aus Jamaika, schüttelt ihren Reggae über die Strecke, Moroder klimpert im Zugabteil,
Cat Power zelebriert ihren Minimalismus, Straßenmusiker vor Ort genießen die Öffentlichkeit.

Auch der Schweizer Urs Fischer und der Deutsche Thomas Demand sind dabei.

Die Eisenbahn, bislang Synonym für Gemütlichkeit und Instrument gemächlich betriebener Standortwechsel kann zum psychischen und physischen Inferno mutieren. Aber auch zu einem Areal von uferloser Kreativität.

Dieser Film ist sicher keine Sensation, wäre aber Teil einer absolut nützlichen Freizeitgestaltung, mit erheblicher Horizonterweiterung, außerdem nur etwas umfangreicher als „In aller Feundschaft“.


Szenen meines senilen Alltags

Bei einem Gespräch über diesen Film sprach ich von „Porfermance, statt Performance.

Szenen radio-journalistischer Zumutungen

Innerhalb der Sendung „Musikalisches Sonntagsrätsel“, auf „Deutschlandradio Kultur“ die ich mit Freude verfolge, getrieben von dem Ehrgeiz, nicht nur das Lösungswort zu erfassen, sondern jeden einzelnene Buchstaben ohne Nachschlagewerk notieren zu können, wurde Tolstois Novelle „Anna Karenina“ gefordert.
Ich kenne natürlich seine „Kreutzersonate“, „Kosaken“, „Vater Sergius“ , also Novellen, vobei die Grenzen zur Erzählung natürlich fließend sind.

Aber um „Anna Karenina“, dieses umfangreiche Roman-Epos, in die Sparte „Novelle“ einzuordnen, muss man schon ein gerüttelt Maß Selbstbewusstsein anbieten können. Oder Dussligkeit.

Und wenn man sich vorstellt, dass die Widergabe dieser Sendung als Aufzeichnung erfolgte und der gesamte Mitarbeiterstab diese Ausführungen ohne Aufmüpfigkeit zur Kenntnis nahm, schwinden mir die Sinne.
Da kann man sich vorstellen, was für Truppenteile in dieser Redaktion agieren, in einer Kulturredaktion.
Bei einer Abteilung, die sich weitgehend mit ZOO-Storys oder Formel 1-Ereignissen auseinandersetzt, würde man sicher schweigen

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Aus meinem Bücherfundus, Maupassant, Meisternovellen

Ich empfehle ein Studium der tatsächlichen Novellen von Storm, Kleist, Keller oder Schnitzler, meinetewegen auch Maupassant oder Flaubert.
Und danach sollte ein Blick in „Anna Karenina“. folgen.



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August 12, 2015 Posted by | Film, Kunst, Leipzig, Musik | Hinterlasse einen Kommentar

Jürgen Henne in Irland, Teil II ……….. Teil I am 23. Juni.

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Amiens, Frankreich, Picardie, Zwischenstation auf den Weg nach Irland.

Jeder hat ja in allen Lebens-Arealen seine bevorzugten Abläufe, Dinge, Geschmäcker, Gerüche, die möglichst ein stabiles Wohlsein unterstützen sollen.
So löffle ich lieber Erbsensuppe als Haferflocken, höre lieber Lou Reed als James Last oder Pere Ubu eher als Smokie, sehe lieber Twombly als Triegel und Rothko als Fischer-Art, fülle meine Vase eher mit Korbblütlern als mit Orchideen und liebe Filme von Kaurismäki, weniger „Tatorte“ aus Bad Salzufflen und Meppen.
Und ich spende eher für die denkmalpflegerische Bearbeitung der hochgotischen Kathedrale Notre Dame in Amiens (s.o.) als für das Leipziger Völkerschlachtdenkmal.

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Amiens, mittleres Hauptportal

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Lismore, Castle, Irland, Waterford, irische Südküste

An gleicher Stelle stand im 12.Jahrh. ein Kloster, danach zahlreiche Veränderungen und Neubauten.
Aktuell sichtbare Architektur aus der ersten Hälfte des 19.Jahrh., mit dominierenden Historismusformen der Gotik. Mit bemerkenswerter Gartenanlage.
Geburtsort von Robert Boyle, Elite-Physiker des 17. Jahrh. Forschte über Gasdruck und ähnlich unverständlichem Zeug.
Außerdem zeitweiliger Wohnort von Adele Astair, Schwester von Fred.
Genau die Information, die keine Sau braucht, mich in ihrer Entbehrlichkeit dennoch beglückt.

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Lismore, Castle, Westflügel als Galerie für Wechselausstellungen mit zeitgenössischer Kunst.

Abbildung: Robert Indiana, „Mississippi“

Robert Indiana ist der Gestalter von „LOVE“ (1966), eine Ansichtskarte als Auftragswerk vom „Museum of Modern Art“ in New York.
Durch die dilettantische Klärung von Rechtsfragen verlor Indiana die Eigentumsrechte, wodurch die Arbeit global genutzt werden konnte. Als innerstädtische Plastik, auf Suppendosen, an Tankstellen, als Cartoon, als Signalmittel gegen den Vietnamkrieg…. Indiana beklagte sich einmal, dass zwar jeder sein „LOVE“ kenne, doch niemand sein Gesicht. Nach meiner Information lebt er noch und müsste inzwischen alterstechnisch sich der Neunzig nähern.
Ich hatte schon die unbeschreibliche Freude durch das „Museum of Modern Art“ zu flanieren und eben auch „LOVE“ wahrzunehmen.
Weitere Aussteller in Lismore waren u.a. Victor Vasarely. Josef Albers, Karel Appel, Roy Lichtenstein…. Ich denke, damit kann man für 1-2 Stunden vorzüglich leben.

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Ardfert, Kathedrale, romanisches Portal, 13.Jahrh.

Auf diesem Gelände soll Brendan (Brendan, der Seefahrer), ein Heiliger Irlands, im 6.Jahrhundert ein Kloster gegründet haben Der Edel-Heilige Irlands ist aber St.Patrick.
Nach der Legende begann er in der ersten Hälfte des 6.Jahrh. eine Atlantik-Reise, mit vermutlich 60 Pilgern, nach einem „Gelobten Land“, von Heiligen bewohnt.
Erst nach sieben Jahren kehrte er zurück.
Die Möglichkeit, dass er den Boden Amerikas betreten hatte, wurde nie ausgeschlossen.
Schiffstechnisch war eine derartige Ozean-Bewältigung schon möglich.
Armer Kolumbus.

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Heiliger Brendan

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Ardfert, romanisches Fenster mit bemerkenswerter Ornamentik, 13. Jahrhundert

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Muckross House (1843), viktorianische Villa und ein Beispiel, dass Historismus im 19.Jahrhundert durchaus ansehnlich sein kann.
Zeitgleich mit dem Londoner Parlamentsgebäude („Gothic Revival“) ab 1840 erbaut.
Mittelpunkt des Killarney Nationalparks im Südwesten Irlands..

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Ringfort Leacanabuaile

Innerhalb des „Rings of Kerry“, unweit von Cahirciveen im südöstlichen Irland. Erbaut 9.Jahrh.

Unterirdische Räume, Souterin-Zugang, Treppen, Kammern und ein Bullaun sind noch erhalten.
Durchmesser ca. 22m, Höhe der Mauern ca. 1,5m.
Im Zusammenhang mit Ringforts müssten auch die Anlagen der Kategorien „Rath“ „Henge“ und „Dun“ beachtet und erläutert werden.
Ist mir aber etwas zu beschwerlich.
Auf der sanften Erhebung am oberen Bildrand links thront ein weiteres Ringfort, Cahergall, doch mit erheblich anderer Struktur.

Über die Funktion deartiger Anlagen wird trefflich gestritten.
Anlagen der Verteidigung, für kultische Zwecke….?

Ringforts gibt es aus der Bronzezeit, Eisenzeit und werden noch bis zum Beginn des späten Mittelalters nachgewiesen (13.Jahrh.)

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Irische Verkehrszeichen

Sie erinnern mich stetig an Abstraktionen klassisch-volkstümlicher Märchen-Illustrationen des 19.Jahrh./Anfang 20.Jahrh.
Hänsel und Gretel, Brüderchen und Schwesterchen…..

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Gallarus Oratory, Halbinsel Dingle, unweit von Kilmalkedar, Irland.

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Schiffskirche, Ahrenshoop, Darß, unweit von Ribnitz-Damgarten, Deutschland.

Nach einer ersten Grobeinschätzung könnten die beiden Kirchen durch ihre äußere Gestalt in eine Schublade eingeordnet werden.

Doch sollten zwei grundsätzliche Tatsachen beachtet werden.
Die zeitliche Differenz zwischen der Erbauung…..

…in Irland: vor ca. 1200 Jahren…
…und Deutschland: vor ziemlich korrekt 65 Jahren

…..und die Wahl des Baumaterials.

Das macht schon etwas aus!
Ohne jegliche Restaurierung und ohne Mörtel hat der irische Bau die erste Hälfte von Zweitausendfünfzehn bewältigt. Wahrscheinlich hat der Innenraum bis heute keinen Regentropfen gesehen. Bei diesem Insel- Klima eine Sonderleistung.
Nur mit unbehauenen Steinen, trocken und akkurat geschichtet. Acht x Fünf x Fünf Meter.
Die Bude in Ahrenshoop musste vor einigen Jahren restauratorisch behandelt werden.

Auch bei Gallarus Oratory kann die eindeutige Funktion nicht eindeitig geklärt werden.
Als Kirchenraum für eine Gemeinde sind die Abmessungen sicher zu dürftig.

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Irischer Sonnenuntergang mit fünf oder sechs Bäumen
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Irland, Cliff of Moher
Links unten lagert als weißer Span ein anständig großes Schiff.

Sicherlich das Touristenzentrum Irlands. Ich denke, ich bin Zeitgenossen aller Kontinente begegnet und habe mich grenzenlos wohlgefühlt.
Im Jahr bis zu 2 000 000 Besucher.
Am höchsten Punkt 214 Meter.
Nichts gegen den Königsstuhl auf der Ostsee-Insel Rügen. Hübsch anzusehen.
Aber gegen die irische Ozeanbegrenzung doch recht übersichtlich.

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Ennis, Denkmal, das Muhammed Ali vor einigen Jahren am Ort seiner irischen Wurzeln einweihte.
Um 1860 übersiedelte Abe Grady nach Kentucky und heiratete eine freigelassene Sklavin.
Deren Enkelin Odessa Lee Grady Clay beschenkte 1942 die Welt mit Cassius Clay.
Die Gradys leben noch heute auf den gleichen Quadratmetern.

Dazu die auffälig begehrte Serie: „Wo ist der Jürgen?“
Heute: Wo ist der Jürgen in Ennis?

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Poulnabrone Dolmen im Burren, um 3500 v.d.Z.
Der Burren ist eine Karstlandschaft, über die Offiziere Cromwells urteilten: „Zu wenig Bäume, um einen aufzuhängen, zu wenig Wasser, um einen zu ersäufen, zu wenig Erde, um einen zu verscharren.“
Doch immerhin haben sich hier etwa sechzig Arten von Pilzgeflecht angesiedelt.

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Küchen-Dekoration in einem irischen Ferienhaus, nahe der Westküste, mit Motiven des „Book of Kells„, eine mittelalterliche Handschrift, die im Leben Irlands ständig gegenwärtig ist, nicht nur in Touristenbuden.

Geschrieben um 780 von Mönchen auf der Insel Iona vor der schottischen Westküste.
Inhalt ist die Vulgata, eine lateinische Bibelbearbeitung des Hieronymus (4.Jahrh.)
Die vier Evangelien (Matthäus, Johannes, Lukas, Markus) wurden mit einer überbordenden Dekoration auf das Pergament verteilt.
Unterschiede der einzelnen kalligrafischen Muster deuten auf mindestens vier Teilnehmer, die ihr Material u.a. vom Hindukusch erhielten.
Allein über zweitausend Initiale überziehen die Seiten.
Seit Mitte des 17.Jahrhundert lagert es in Dublin.

Weitere Glanzpunkte insularer Buchkunst wären „Book of Lindisfarne“ (London) und „Book of Durrow“ (Dublin).

Allerdings hat auch Mitteleuropa eine ähnliche Kolossal-Kunst des Mittelalters zu bieten.

Mit meiner bewundernswerten und gefürchteten Spontanität denke ich da an den „Dagulf-Psalter“, natürlich an das „“Godescalc-Evangelistar“, die „Ada-Handschrift “ alle drei aus der Hofschule Karls des Großen in Aachen und an das Evangeliar Heinrichs des Löwen (etwa vierhundert Jahre später).

Außerdem ist Irland die Insel des Kreisverkehrs, der öffentlichen und funktionierenden Toiletten und der sieben Millionen Varianten der Farbe Grün in der Landschaft, der großen Hummeln und kleinen Wild- Kaninchen, der Trainingshosen im Stadbild und schwergewichtiger Menschen, des Ginsters und Rhododendrons, der Wurstlosigkeit und Quarklosigkeit bei der täglichen Nahrungsaufnahme, aber der Fleisch-Euphorie und der Hingabe zu Butter und Milch, des Moores, der Hochkreuze und des Geruchs der Kühe nach dem Regen, der tiefen Wolken und des teuren Alkohols.

Und im katholischen, „erzkonservativen“ Irland, wie es so oft beschrieben wird, spielt die Kirche eine auffällig untergeordnete Rolle innerhalb der sichtbaren Öffentlichkeit, z.B. ohne optische Behelligungen an Weggabelungen wie in manch deutscher Landschaft.
Auch keine Bibel-Nötigung in Hotels und anderen touristischen Übernachtungsmöglichkeiten.

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Juli 18, 2015 Posted by | Geschichte, Kunst, Leipzig, Neben Leipzig, Reisen | Hinterlasse einen Kommentar

Der Leipziger Jürgen Henne und 1000 Jahre Leipzig in einer Leipziger Zeitung

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„Da staunst du…..was diese Stadt zu bieten hat“ (Zitat)

Überschrift zur abgebildeten Seite in Leipzigs einziger Tageszeitung (11./12. Juli 2015)

Zum 1000-jährigen Jubiläum Leipzigs erinnert das Blatt an „Bewundernswertes, Einzigartiges und Liebenswertes“ (Zitat)

Gegenüber der schier unzumutbaren Gestaltungsqualität dieses Bilderhaufens war ich vor über fünfzig Jahren ein wahrer John Heartfield.
Denn ich agierte in unserer Thälmann-Pioniergruppe als Wandzeitungsgestalter und musste z.B. Themen wie: „Unsere Deutsche Demokratische Republik – Meine Heimat“ bearbeiten.
Oder „Ein Pioniernachmittag bei unseren sowjetischen Patensoldaten.“

Aber nicht diese formale Demütigung für alle Leser beeindruckt mich, das ist Alltag.

Mich irritiert eher die Auswahl an „bewundernswerten, einzigartigen und liebenswerten“ Personen, Traditionen, Dingen und Abläufen.

Ist das oben rechts nicht Philipp Lahm, eine enge Verbindung zu Leipzig ist mir nicht erinnerlich. Aber vielleicht hat er einmal auf dem Hauptbahnhof Softeis geschlabbert.

Dann holpert noch unästhetisch eine Art Straßenbahn durch das Bild. Eine Seilbahn kann es ja wohl nicht sein. Leipzigs Berge schafft jeder fette Dackel.
Elektrisierte Straßenbahnetze wurden z.B. schon in Frankfurt, Gera Halle, Plauen, Hamburg, Dortmund, Chemnitz, Dresden, Erfurt, Gotha….. installiert, bevor Leipzig aus der Hüfte kam.
Also auch kein Originalitätsknaller.

Ich sehe dann noch Lottokugeln, keine Ahnung, weshalb.
Und irgenwelche goldenen Töpfe, deren Inhalt ich nicht erkennen kann, ich bin doch kein Mikroskop.

Außerdem gibt es noch einige asiatische Akzente, die lieblos zwischen die anderen Fetzen gekracht wurden. Ein Hinweis auf das Grassimuseum hoffentlich, das verstehe ich, das ist angemessen. Trotzdem bleiben es beknackte Aufnahmen.

Unten links verharrt ein Mann, der scheinbar an irgendwelchen Mammut-Bäumen nach oben schaut. Oder die Kakteen-Stacheln zählt. Toll, ein feiner Einfall.
Die Hässlichkeit des Messe-Männchens nervt mich ohnehin schon seit Jahrzehten, hat aber aussdehnungsmäßig einen höheren Stellenwert als Balkenhols Richard Wagner.
Etwas Messe muss natürlich sein, doch weshalb dieser Knallkopf?

Und das Buch. Ich sehe nichts Gedrucktes. Für die Buchstadt Leipzig etwas wenig. Gut, links oben lese ich „Fahrradweg“. Und einige Zahlen auf Lotto-Dreckdingern. Bleibt dennoch etwas wenig.

Und die Musik. Neben Wagner flötet noch etwas der Thomanerchor, der auf der Collage aber derartig bedrängt wird, dass die Matrosensänger bei der Johannis-Passion ersticken würden.
Und wer steht als Gigant neben den Thomanern, natürlich Frank Schöbel, der größte Sohn Leipzigs.

Kein Bach, kein Mendelssohn, kein R.Schumann, keine C.Schumann, kein Mahler, kein Grieg, kein Gewandhaus mit Nikisch, Furtwängler, Walter, Konwitschny, Neumann, Masur……nicht einmal Karl Liebknecht, Leibniz….

Nein, Frank Schöbel muss es sein. Er wurde immer Frankie-Boy genannt. An meinen Wänden hingen aber die Bilder von Jagger-Boy, Zappa-Boy, Hendrix-Boy, Marriott-Boy, Burdon-Boy, mitnichten Frankie-Boy.

Oder ich übersehe etwas.
Doch lange kann man diese Seite nicht anschauen, da bekommt man ja Augen-Scharlach.

Oder vielleicht doch Gewandhaus. Denn im Bild unten lächeln heiter ein Bassist und eine Blechbläserin (oder Holzbläserin?), sehr volkstümlich. Wirkt eher wie eine Schrebergarten-Hochzeit.
Doch, wer weiß das schon.
Den viereckigen Randtext habe ich nicht gelesen, meine Motivation näherte sich dem Mittelpunkt der Erde.

Außerdem blieben Ulbricht, Paul Fröhlich und Walter Kresse unberücksichtigt, das finde ich gemein.

Frankie-Boy Schöbel im kulturellen Zentrum von Leipzigs 1000-Jahr-Feier.
Das muss man mögen.

Musik der Woche

Mit einem Querschnitt von „Hüsker Dü“, „Bauhaus“, „Cabaret Voltaire“ und den „New York Dolls“ kommt man gut über die Woche.
Und danach vielleicht etwas Debussy


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Juli 14, 2015 Posted by | Geschichte, Kunst, Leipzig, Presse | Hinterlasse einen Kommentar

Jürgen Henne und die Heimkehr zu meinen sächsischen Wurzeln, nach einem mehrwöchigen Landgang auf der irischen Insel. Teil I.

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Irland, die Insel einer überragenden Literatur

Mir ist spontan kein Land mit einer derartigen Dichte von hochwertiger Literatur erinnerlich, relativiert zur Bevölkerungsdichte. Dabei blieb bei dieser Ansichtskarten-Auswahl der Nobelpreisträger Seamus Heaney (1995) unberücksichtigt.
Vier Nobelpreisträger für Literatur seit neunzig Jahren bei einer Einwohnerzahl zwischen 2einhalb und 5einhalb Millionen Iren. Davor gab es z.B. noch Wilde und Swift und Beckett und Joyce sind ohnehin unschlagbar.
Als ich zu frühen Pubertätszeiten, also vor einhundert Jahren, Wildes „Rose und Nachtigall“ las, musste ich heftig weinen.

Ich tauschte am Beginn der 70er Jahre „Die Blechtrommel“ (wurde in der DDR nicht aufgelegt), die ich wenige Tage zuvor gegen ein anderes Buch (?) eingetauscht hatte, für die Dramen Becketts (wurde in der DDR nicht aufgelegt).
Ich tauschte auch Bücher von Rolf-Dieter Brinkmann (wurde in der DDR nicht aufgelegt) und Hubert Fichte (wurde in der DDR nicht aufgelegt) gegen die Romane Kafkas (wurde in der DDR nur arg begrenzt aufgelegt), die ich mir dann wieder hurtig neu besorgen musste.
Eigentlich tauschte man nur noch.

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Meine ersten lesbaren Informationen im Hafen von Rosslare, kurz vor dem Landgang. Eine feine und sensibel gewählte Begrüßung. Foto aus unserem Kabinenfenster.

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Irland, die Insel der Kathedralen…..
Rock of Cashel. Chor um 1240, Vierungsturm Mitte 14.Jahrh., „Cormacs Chapel“ (auf dem Bild eingerüstet), der sicher bedeutendste romanische Beitrag in Irland, blieb uns verschlossen. Wegen denkmalpflegerischen Arbeiten. Ich reagierte traurig, doch mit Verständnis.

Ich erinnerte mich dabei an meine hochgradige Verärgerung im Benediktinerkloster Alpirsbach 1990, in dem viele Teile gesperrt waren. Bei mir dominierte immer noch das Entsetzen, dass die Grenze vielleicht doch wieder vermauert würde. Also alles sehen und studieren, was auf dem Weg liegt, steht und hängt. Und darüber hinaus.
Für den Kreuzgang der Abtei im südfranzösischen Moissac hatte ich meine Familie 1991 zu einem Umweg von 300 Kilometern gezwungen.
Erbarmungslos.
Dann probte in dem Viereck eine schlechte Jazz-Truppe. Scheißstimmung
Heute ist man doch etwas gesetzter geworden.

Dazu auch der erste Teil der beänstigend begehrten, doch eher unregelmäßig bearbeiteten Serie: „Wo ist der Jürgen ?
Heute: Wo ist der Jürgen in Irland?“, Teil 1 (Bild oben)

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Irland, die Insel der Abbeys….
Jerpoint Abbey, Zisterzienserkloster, dreischiffig, gegründet 1158. Turm, 15 Jahrh. über der Vierung, Normalfall in der zisterziensischen Architektur.
In einer Kirche, wenige Meter abseits von Jerpoint Abbey, soll der heilige Nikolaus von Myra begraben sein ( das ist der vom Nikolaustag, mit den Bonbons in den Schuhen).
Ritter von Jerpoint überführten seine Leiche nach den Kreuzzügen aus Myra, Lykien/Türkei, nach Irland.
Aber auch italienische Kaufleute sollen am Ende des 11.Jahrh. den Sarkophag in Myra aufgehebelt, sich den bleichen Nikolaus geschnappt und im süditalienische Bari wieder ausgepackt und begraben haben.
Doch wer weiß das schon?

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In der „Holy Cross Abbey“, nahe der südirischen Bischofsstadt Thurles, gleichfalls ein ehemaliges Zisterzienserkloster wird angeblich (?) ein Splitter des Kreuzes Christi aubewahrt.
Ich besuchte während der vergangenen Jahrzehnte eine erkleckliche Reihe von religiösen Einrichtungen mit ähnlicher Triumph-Werbung.
Demnach hätte das Holzteil größentechnisch locker für die gesamte Familie King Kong gereicht.

Auch ein Teil der Vorhaut-Reliquie des Heiligen wird an zahlreichen Orten verehrt. Christi Eichel könnte man dann gleichwertig neben das Leipziger Völkerschlachtdenkmal stellen.

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Irland, die Insel der Schafe

Eigentlich wollte ich ein Lämmer-Quartett fotografieren, was aber ein dummes Schaf nicht akzeptieren wollte und sich hurtig entfernte. Ich brüllte hysterisch: „Bleib stehen, du dummes Schaf“, doch sprang es in der gewohnt albernen Jungschaf-Hüpferei ins hohe Gras.
Mir schien, ein unterdrücktes Heiterkeitsgurgeln in der Herde vernommen zu haben.
Deshalb nur ein Terzett.

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Irland, die Insel der Sheela-na-Gigs

Killinaby, unweit von Lisdoonvarna, am Fuße des Burren.

Plastisches Detail an einer Kirchenruine, ich vermute, Ende des 15.Jahrh./Beginn 16.Jahrh.
Darstellung einer Sheela-na-Gig.
Eine weibliche Figur, die mit ihren Händen die Vulva spreizt. Ein feines Angebot.
Vermutlich eine keltische Göttin, welche die Fruchtbarkeit verkörpert und deren Bedeutung, trotz der irischen Christianisierung, weitergeführt wurde.
Nicht ganz selten in Irland und England.
Etwas Phantasie muss sein. Doch das sollte zumindest dem maskulinen Bevölkerungsteil schon gelingen.
Ich vermute, dass diese Darbietung sich bei den heutigen Maßstäben keinesfalls für eine gefällige und stabile Erektion anbietet. Diese Vulva ist ja auch von einem halben Jahrtausend gezeichnet. Und wer will das schon mit einer Erektion belohnen.

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Irland, die Insel der mittelalterlischen Bildhauerei

Jerpoint Abbey

Grabmal des des Bischofs O`Dulony, erste Hälfte des 15. Jahrhunderts. Die sogenannten „Weepers“. Die „Weinenden“.

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Irland, die Insel der skrurrilen Bäume…..

Dazu der zweite Teil der immer noch beängstigend begehrten, doch eher unregelmäßig bearbeiteten Serie: „Wo ist der Jürgen?“ Heute: „Wo ist der Jürgen in Irland?“, Teil 2.

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….und der Autographenbäume, eher weniger nah…

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….halbnah

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…..nah

Blutbuche im „Coole Park“, unweit von Gort im mittleren Westen Irlands, Lebensort von Isabella Augusta Gregory, irische Dramatikerin, heute weitgehend vergessen. Aber ständige Gastgeberin für Mitglieder der globalen Literaturelite, die ihr Autogramm in den Baum einsäbelten, u.a. Shaw, Yeats und O`Casey.

Bei Nummer 2 hat George Bernard das Messer geprüft.
Schwierig nachzuvollziehen, doch wenn man vor dem Baum steht, erschließen sich die Schriftzüge.
Rechts neben der 2 das G, darunter B, recht gut zu erkennen, darunter das S, weniger gut zu erkennen.

Teil 2 folgt

Musik des Tages

Arvo Pärt: „Arbos“ für 8 Blechbläser und Schlagzeug
„These Words“ für Streichorchester und Schlagzeug
„Fratres“ für Kammerensemble

Dmitri Schostakowitsch: Sämtliche Streichquartette (15)

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Juni 23, 2015 Posted by | Geschichte, Kunst, Leipzig, Neben Leipzig, Reisen | Hinterlasse einen Kommentar

Jürgen Henne und „Die Verdopplung des Kosinus bei Gelb“ oder „Warum schmähte Porzellanputzer Torben Tilenius aus Bückeburg einen Elch im Herkynischen Wald?“

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Aus meinem Musik-Reservoir

1. Eine Gedenkminute für B.E.King.

Nach der Vereinigung gelang mir noch ein Konzertbesuch. Natürlich mit „Stand by me“. Aber auch mit „Spanish Harlem“, Coverversionen gibt es u.a. von Aretha Franklin und Willy de Ville in erwartet bester Manier.
Die Musik von King und gleichzeitig der Drifters bildet natürlich die Grenzen meiner sehr frühen Radio-Exzess-Zeiten, die man mit quietschenden Mittel-u.Kurzwellenempfang von Radio Luxemburg, Saarländischem Rundfunk und Sender Freies Europa umreißen kann.
Titel der Drifters wie „Save the last Dance for me“, „Saturday Night at the Movies“ (immer noch geeignet für eine Gänsehaut) und „Under the Boardwalk“, über Jahre in der Hitparade des Saarländischen Rundfunks am Ausgang der zweiten Hälfte der 60er Jahre als Cover-Version der Rolling Stones als sogenannte „Ewige“ gefeiert, gehören durchaus noch heute zum erweiterten Repertoire meiner Musik-Verpflegung.
Sicherlich klingt das für schlichte Gemüter wie Schnee von gestern.
Und jetzt sechzig Sekunden Ruhe.

2. Bericht im DLF über einen Boxkampf in Las Vegas

Boxen interessiert mich eigentlich weniger als die Spargelernte auf Spitzbergen.

Man spricht vom Kampf des Jahrhunderts.
Siegpreis: 150 000 000 Dollar
Verliererpreis: 100 000 000 Dollar.
Ein Besucher zahlte 26 000 Dollar für die Eintrittskarte.
Der Mundschutz eines Kämpfers wurde aus Goldstaub gefertigt.
Der Sieger erhält außerdem einen Gürtel mit Edelsteinen und ein Kilo Gold.
Ich hoffe, das sind alles nur Gerüchte.
Mein Weg zum gewaltfreien Systemkritiker wird allmählich geebnet.

3. Kino aktuell

„Big Eyes“ von Tim Burton.

In deutschen Kinos startete der Streifen am 24. April.
Durchaus ansehnlich, doch wird man von der Folter heimgesucht, sich über fast zwei Stunden unerträgliche Kunst anschauen zu müssen.
Der Streifen schildert die wahre Geschichte um Walter und Margaret Keane.
M.Keane malte über Jahre mitleidfordende Kinder mit albern monströsen Augen, als deren Schöpfer aber W.Keane in der Öffentlichkeit agierte, mit Einverständnis seiner Frau.
Denn die Signatur eines Mannes versprach größeren Triumph und erhöhten Gewinn.

Der Crash begann, als sich M. Keane im Fernsehstudio zu ihren Bildern bekannte.

Waltz spielt ausufernd wie immer und zelebriert eine göttlich-klebrige Lästigkeit.
Doch sollte er sich allmählich etwas zähmen, sonst mutiert seine hohe Schauspielkunst zu egomaner Kasperei.
Den wichtigsten Satz des Films sprach aber ein Galerist, der z.B. Bilder von Marc Rothko anbot.
Während Margarets Offenbarung als wahre Schöpferin dieser Bilder murmelte er sichtlich genervt: „Wer rühmt sich denn mit so etwas?“
Recht hat er.

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Mögliche Inspirationsquelle für Margaret Keanes Malerei

W. Kane starb im Jahr 2000, M. Kane malt bis heute………..urks.

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Leipzigs Kunstpark in der Alten Spinnerei

Wie armselig muss eine Kunstszene sein, die im Mai 2015, anlässlich der zehnjährigen, unbedingt verdienstvollen Existenz des Kunstparks in Leipzigs Alter Spinnerei als dominierene Abbildung in Leipzigs einziger Tageszeitung ein Bild von Neo Rauch anbietet.

Könnte man denken. Doch Leipzigs Kunstszene ist mitnichten armselig. Mitnichten.
Auch Neo Rauch hatte viele Jahre eine Kunst dargeboten, die mitnichten armeselig ist.

Ich vermute, dass ich die erste oder fast erste Fachkraft war, welche Neo Rauch in einem umfangreichen, doch eher halb-öffentlichen Text würdigte (1987). Ein expressiv gemaltes Schlagzeugensemble aktivierte meine synästhetische Veranlagung.
Anfang der 90er Jahre folgten dann weitere Beiträge in Leipzigs einziger Tageszeitung.
Es wäre also nicht unangemessen, mich als Vollard, Kahnweiler oder Durand-Ruel von Neo Rauch zu preisen.

Um über die aktuelle Qualität der Kunst Rauchs zu dozieren, müsste sich bei mir noch etwas gesteigerte Lust entwickeln.
Ich erahne dabei gewisse Sorgen.

Und wenn der Zeitungskritiker vor wenigen Tagen in der einzigen Leipziger Tageszeitung schleimt, dass in einer Gruppenausstellung mit 120 Künstlern (ausschließlich in der Spinnerei ansässig) „Vielfalt auf fast durchgängig hohem Niveau“ zu erleben ist, hätte man doch durchaus bei Rauchs Bild die Knipskiste des Journalisten in der Knipskistentasche lassen können um andere Arbeiten auf „hohem Niveau“ abzulichten.
Doch weshalb jüngere, noch unbekannte Künstler in den Vordergrund schieben, wenn Rauch dabei ist.

Und der Journalist schreibt dann von dem heißen Wochenende 2005, von geballter Kunstvermittlung, von Leipzig als Reiseziel, von dem Jubiläumsverzicht auf Feuerwerk, Blaskapelle, Kettenkarussell und zum Jubiläum eben die Kunst reichen müsse. Er erwähnt die Leipziger Malereidominanz und erwähnt Libuda aus dem Berliner Dunstkreis. Sam Dukan ist in die Räume des ehemaligen Fahrradladens Rotor umgezogen, auch Pierogi aus New York ist wieder einmal in Leipzig. Johannes Rochhausen bildet immer wieder sein eigenes Atelier ab. Und der Journalist erwähnt den Status der Fotografie und erwähnt, dass Aktmaler Martens diesmal auf Akte verzichtet und androide Wesen vorstellt, gemeinsam mit der Leipzig School of Design. Erwähnt der Journalist. Der Journalist erwähnt Margret Hoppes Beschäftigung mit der Architektur Le Corbusiers in Indien und erwähnt den umlaufenden Fries Ricarda Roggans bei Eigen+Art. Er erwähnt James Nizan von der Maerz-Galerie, der echten Entdeckung aus Kanada. Er spiele mit Perspektiven und Sichtachsen. Ähnlich wie Jong Oh, der aber mit Fäden und Glasscheiben spielt. Erwähnt der Journalist. Er erwähnt auch senfkleckernde Väter und lärmende Kinder. Und dann erwähnt er noch andere Hingucker……und so weiter und so nervend.

Bei „Hingucker“ bringe ich ohnehin meine sprachästhetische Guillotine in Stellung. Nichts gegen folkloristische Anbiederungen, aber „Hingucker“ geht nun gar nicht. Das ist der Zeitungssound von Guido Schäfer. Und wer will den schon.

Mein letzter Abschnitt beinhaltet also die Inhaltsangabe der „Kritik“ über die Ausstellungen auf dem Gelände der ehemaligen Spinnerei, zum zehnjährigen Jubiläum am vergangenen Wochenende.

Aufgemerkt! Kritiken sind erwünscht, Kunstkritiken, Ausstellungskritiken.
Doch der Autor erwähnt, erwähnt, erwähnt……es folgt eine Null, eine angenullte Kritik-Askese.
Irgendwie eine Mischung aus Kochbuch, Strickmusterbogen und Stadtplan von Meppen.

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Mai 4, 2015 Posted by | Film, Kunst, Leipzig, Musik, Presse, Sprache | 2 Kommentare