Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne in Niederösterreich und Willendorfs Venus, Kraulen gegen die Donau-Strömung, eine romanische Nagelschmiede, optische Ejakulationen in Göttweig, der Kangchendzönga der barocken Architektur, ein Gefängnis für Richard Löwenherz, versteinerte Hasen, alte kleine dicke Männer, ein Mord mit Ohrläppchenerweiterung und weiche Knie bei Kafka

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Venus von Willendorf.
Unaufdringlicher Hinweis für Jens Kassner.
Das ist nicht das Original.
Die Statue misst elf Zentimeter, geformt vor etwa 25 000 – 30 000 Jahre Jahren, also junge Altsteinzeit, das Original wird in Wien gelagert.
Dieser Erinnerungs-Klumpen am Fundort ist dementsprechend eine Nachbildung mit arg gestreckten Relationen.

Fast fünfundzwanzig Jahre mussten vergehen, um unser deutschsprachiges Nachbarland für wenigstens drei Wochen zu bereisen.
Da springt man etwas getrieben zwischen Mexiko und Kambodscha, Südafrika, Usbekistan, New York, San Francisco, Nordkap und in jeder Ecke Europas umher. Und für Österreich blieben bislang nur wenige Tage für Wien, Salzburg und Innsbruck übrig.
Wir entschieden uns aber nun diesjährig für Niederösterreich, einschließlich der Wachau.
Anfänglich mussten wir zu unseren Zielen schwimmen. Doch zwanzig Kilometer gegen die Strömung der Donau sind für einen Elitekrauler meines Zuschnitts nur ein paar lockere Zehenbewegungen.
Unser Nachtlager errichteten wir zwischen weich fliegenden Hornissen, etwas panischen Rauchschwalben und gefühlten 21 Millionen Blumenarten, nur wenige Meter vom Fundort der Venus von Willendorf entfernt (Bild oben).

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Blick aus unserer Ferienwohnung zu den Weinbergen der Donau, vorbei an einer hornalten Nagelschmiede.
Es wird von einem technischem Denkmal der späten Romanik gemunkelt. Ich kann das nicht so recht einschätzen, bleibe aber hochgradig skeptisch.

Natürlich sollte man sich, gemeinsam mit zwei Milliarden anderen Touristen, Prandtauers Stift Melk ansehen. Auch die Kaiserstiege in Göttweig, entworfen von L.v. Hildebrandt, könnte eine optische Ejakulation anregen.
Ich denke dabei natürlich sofort an Hildebrandts Oberes Belvedere in Wien, für mich vielleicht nicht der Mount Everest, doch der Kangchendzönga der barocken Architektur.

Auch für das Stift Altenburg, für Heiligenkreuz und das Stift Klosterneuburg mit dem einzigartigen Verduner Altar
muss kein Schritt bereut werden.

Gleichfalls sollten Besuche im Augustiner-Chorherrenstift Herzogenburg, in der Pfarrkirche zu Maria Laach mit der 6-fingrigen Maria, auf der Burg Aggstein mit einem sehr schönen Abtritt, in der Wallfahrtsbasilika Maria Taferl oder in Dürnstein, am Ende 12.Jh. gefängnisartiger Aufenthaltsort für Richard Löwenherz und scheinbar mit dem schönsten Barockturm Österreichs (blau) beschenkt, nicht in die Kategorie der Pausenfüller eingeordnet werden.

Das geographisch erweiterte Terrain um die Wachau ist also mit kunsthistorischen Brennpunkten doch recht eng gesteckt.
Und ich bin mit Freude dieser Touristenspur gefolgt.

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Doch gibt es auch z.B. die spätgotische Wehrkirche St.Michael, unweit von Spitz an der Donau.Um 1500

Ohne touristische Bedrängungen.
Schon der Große Karl errichtete am Ort einer heidnischen Kultstätte das Michaelsheiligtum. Die Kirche litt über die Jahrhunderte wie üblich unter Bränden, kriegerischen Zwischenspielen und sonstigen Einstürzen.

(Bilder links)

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Bemerkenswert die tierischen Figuren, die über den Dachfirst des Chors fegen (Hunde, Pferde)
Im Volksmund als „7 Hasen“ geliebt.
Übermittelt wurde eine Tragödie dieser Tiere, die bei extremer Schneehöhe über das Kirchendach hoppeln mussten, es aber bei bösartig rasantem Tauwetter nicht mehr verlassen konnten und versteinerten.

Alternativ wurde erwogen, dass der Dachdecker mit diesem Fauna-Ausschnitt seine Signatur setzen wollte. Er hieß vermutlich „Siebenhaas“

Schöne Storys. Doch bleibt sicher nur die kunsthistorische Erkenntnis der gebräuchlichen Ikonographie des Schutzes, der Abwehr böser Mächte („Wilde Jagd“).

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Auch im Umfeld der Pfarrkirche von Schöngrabern in Niederösterreich wird man nicht von Menschengeruch mit touristischem Hintergrund geplagt.
(Bilder rechts).

Keine alten kleinen dicken Männer mit kurzen Hosen, keine alten kleinen dicken Frauen mit kurzen Hosen. Ohne ständiges Gequassel und ohne pauselosen Geräuschpegel klickender Kameras.
Ich leugne nicht, selbst gern zu fotografieren.
Doch wäre es sicherlich nützlich, das Objekt der Begierde zunächst ohne Linsen abzutasten und zu beurteilen, bevor man draufhält, um dann mit dem Ergebnis permanent Verwandte und Freunde zu belästigen.
Ich habe keine Einwände gegen alte kleine dicke Männer mit kurzer Hose und alte kleine dicke Frauen mit kurzer Hose. Doch möglichst vor keiner romanischen Kirche, oder einer gotischen, oder vor dem Bauhaus, schon gar nicht mit Kamera.

Für diese Kirche gibt es keine schriftlichen Zeugnisse, keine Entstehungsurkunde. Unbekannt sind Bauherr und künstlerisches Umfeld(Erbaut um 1200/1250).

Als optisches Zentrum funkelt natürlich die sogenannte „Steinerne Bibel“, Szenen des Alten und Neuen Testaments, in die Außenwand der Apsis eingehackt.

So werden die Flächen von Adam und Eva belegt, Samson drischt auf den Löwen ein, der Teufel lässt seine Übellaunigkeit an Menschen aus, Wolf, Kranich, sechs Krüge der Kana-Hochzeit, Hölle, Verdammnis und Erzengel Michael, der den Teufel filetierte und die himmlichen Heerscharen befehligte, reihen sich auf der halbrunden Apsis.
Also alle Informationen, die der Mensch des Mittelalters so brauchte.

Ein besonderes Beispiel naiv-archaischer Wissensvermittlung und Bibeltreue auf reduzierter Fläche bieten uns Kain und Abel (Bild Mitte).

In der Mitte thront Gott und wird rechts von Kain mit einer Garbe umworben, links bettelt Abel um Gottes Zuwendung mit einem Lamm. Weil Gott nun doch eher seine kariösen Zähne in ein Jungschaf schlägt als an irgendwelchen Körnern zu knabbern, gibt er Abel den Vorzug. Der Zorn Kains entwickelt sich wuchtig.
Das ist alles bekannt.

Außerordentlich reizvoll nun der Angriff Kains auf Abel.
Die linke äußere Figur ist nämlich erneut Kain, der Abel albern am Ohr zieht, womit der Mord dargestellt wird.
Eine Ohrläppchenverlängerung also als Ouvertüre für ein gnadenloses Gemetzel.
Sehr charmant.

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Schöngrabern, Apsis

Kampf mit dem Löwen
Bild rechts.

Menschheit im Kampf mit dem Bösen.
Überhaupt ist das gesamte Programm dieser biblichen Darstellungen auf den Fight zwischen Gut und Böse ausgerichtet.
Auffällig die Position der beiden Hunde, die wegen Platzmangel eine vertikale Stellung beziehen. Da gab es keine Rücksicht.

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Auch die Wallfahrtskirche Maria Jeutendorf wird weitgehend von einer Anwesenheits-Askese menschlicher Leiber veredelt.

„Deus Creator“ – „Schöpfer Gott“
(Bild unten)

Eine recht bodenständige und unmissverständliche Darstellung der Weltenschöpfung, bei dem Gunter Gott scheinbar noch keinen stabilen Plan hat, wie er wohl nun Tapir und Tukan, Jürgen und Jens zwischen Knallerbse und Kastanienbaum in das Weltgefüge einordnen soll.

Sonderbarerweise erinnerte ich mich dabei spontan an die expressionistische Filmkultur um Murnau, Wegener, Lang, Wiene.

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Und selbstverständlich werden die Koordinaten im Umkreis von etwa siebzig Kilometern durch die Geburtsorte Kokoschkas (Pöchlarn), meines hochverehrten Egon Schieles (Tulln) und durch das Sanatoriom mit Franz Kafkas Sterbezimmer gekrönt (Kierling/Klosterneuburg)
(Bild rechts)

Als ich diese Treppe erstieg, entschloss sich mein männlich-stählerner Kniebereich doch zu einer weicheren
Konsistenz.

Musik der Woche

Galina Ustvolskaya, Klaviersonaten 1-6 (1947-1988)

Pixies, „Surfer Rosa“ und „Doolittle“

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juergenhennekunstkritik.wordpress.com

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Juni 20, 2013 Posted by | Leipzig | Hinterlasse einen Kommentar

6 x Jürgen Henne

Das Leben fordert jetzt wichtige Aufgaben. Deshalb eine Blog-Rast.

Ich empfehle aber „Jens Kassner-Texte und Kommentare“ in Google einzugeben, um sich dann unter „Endlich verhallendes Getöse“ an einem durchaus amüsanten Gefecht zu erfreuen (Henne, Rohl, Kassner)

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Abgefüllt in Sankt. Petersburg (gestellt)

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Mit mittelgroßem Detail eines Baggers, unweit von Leipzig

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Mit Opernbrille, vor „Rheingold“

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Regenwald mit Ruinen, Palenque, Mexiko

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Vor Niki de Saint Phalle, Toskana

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Mit Tier, Chichén Itzá, Mexiko

Juni 3, 2013 Posted by | Leipzig | 1 Kommentar