Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne und die Irritation des Tages

LVZ, 16.Oktober

Resümee über eine Auktion für die Dorfkirche in Güldengossa (b.Leipzig)

„….Picasso, Chagall, Klinger, Matisse, Mattheuer und Tübke zu vergleichsweise kleinen Preisen…“, schreibt die Auktionsbeobachterin.
Einige Zeilen später wurde zusätzlich auf angebotene Arbeiten von Marcks und Moritz Götze hingewiesen.
Die Conferencier-Talente des Auktionärs wurden journalistisch betont und die Auktion
als Ereignis mit einem gerüttelt Maß von Unterhaltungswert gepriesen (mit Orgelbegleitung).
Auf einem Bild am Ende des Textes haben sich dann der Auktionär und Kirchenvertreter, vermute ich, zu einem heiteren Gruppenbild zusammengefunden.
Mit der Unterschrift: …x,y,z „freuen sich über die gelungene Kooperation“.

Vielleicht bin ich gerade in das dramatische Stadium galoppierender Demenz eingetreten.
Oder will mich diese Zeitung mit ihren Beiträgen schleichend-bösartig zu einem einfältigen Ulf formen?
Denn die Auktion mit Arbeiten von Picasso, Chagall, Klinger, Matisse, Mattheuer,Tübke, Marcks, Götze (ingesamt vierundvierzig Arbeiten zu vergleichsweise kleinen Preisen) ergab eine Verkaufssumme von zweihundertundsechzig Euro.

Mit dieser Summe wird man nicht einmal zwei Schrauben für die Türklinke des Kirchenklos eindrehen können.
Für meine bemalten Ostereier stecke ich in zehn Minuten einen ähnlichen Betrag hinter die Ohren.
Desgleichen meine selige Großmutter mit ihren Aschenbechern, dekoriert mit Zigarrenbinden.

Deshalb irritiert mich heftig, wie man eine Auktion mit Arbeiten von Picasso, Chagall, Klinger, Matisse, Mattheuer,Tübke, Marcks, Götze zu vergleichsweise kleinen Preisen als „gelungene Kooperation“ feiern kann, bei der „immerhin“ (Zitat) zweihundertundsechzig Euro an die Kirchenglocken geklebt wurden.
„Immerhin“ würde ich mindestens als Halb-Synonym für „eigentlich gar nicht so schlecht“ oder „eigentlich doch ziemlich gut“ einordnen.

Und immerhin wurden scheinbar ein Bild Klingers, Grafiken von Marcks, Ernst Hankes und „Peter am Strand“ von Moritz Götze verkauft (von vierundvierzig Bildern).
Mir sind die Mechanismen und wirtschaftlichen Zusammenhänge des Kunstmarktes nur schemenhaft zugänglich, sie interessieren mich nicht.
Doch selbst für diese vier Zuschläge erscheinen mir zweihundertundsechzig Euro als ein etwas obskures Ergebnis.
Und die Bilder von Picasso, Chagall, Matisse, Tübke, Mattheuer…, die markig im ersten Satz des Artikels journalistisch serviert wurden, um die erhöhte Qualität der Auktion vorzustellen?
Denn für diese „vergleichsweise kleinen Preise“ hätte sich selbst mein Wellensittich
eine Grafik an seinem Spiegel festgezurrt.

Verschenkte man sie oder hängen sie an den Melkmaschinen des benachbarten Kuhstalls?
Wurden sie zu teuer angeboten oder haftete an den Geldscheinen von möglichen Käufern noch etwas Skepsis über die „Reinheit“ der angebotenen Arbeiten zu vergleichsweise kleinen Preisen?

Kein Wort dazu in der Zeitung.
Aber der launige Beitrag des Käufers von Klingers „Philosophen“ und eines pflügenden Bauern von Marcks wird zitiert:
„Wir haben einen Philosophen in der Familie, da passt das als Geschenk, ebenso wie Gerhard Marcks Holzschnitt des Bauern beim Pflügen für einen Agraringenieur.“
(Die sprachlichen Mängel habe ich unverändert übernommen).

Wenn der kommenden Auktion ein „Kunstfreund“ beiwohnen sollte, der einen Bäcker in der Familie hat, sollte man sich z.B. um eine Arbeit von Ludwig Richter bemühen.
Ich erinnere mich z.B an seine Brezelbuden auf Weihnachtsmärkten des 19.Jahrunderts und an die Illustrationen zu „Hänsel und Gretel“, auch mit ziemlich viel Gebäck zwischen den Bäumen.

Der Auktionator erhält dann gleichfalls noch die Möglichkeit, einen abgeklärt weisen Beitrag abzusenden.
Auf die Herkunft seiner Bilder angesprochen, verweist er auf die Auflösung von Privatsammlungen, denn:
„Manchmal ändern sich die Interessen, es wird Geld gebraucht, vielleicht fürs neue Smartphone.“
(Auch als möglicher Witz eher einfältig und die sprachliche Grobschlächtigkeit habe ich wiederum unverändert übernommen).

Bei diesem Niveau vertiefen sich vor Gram selbst die Falten meines Skrotums.

Ich begrüße aufrichtig jeden Euro, der für Denkmalpflege angelegt wird.
Doch mit derartigen Abläufen und einer journalistischen Nachbereitung von eher ärmlicher Kontur dürfte der Motivations-Faktor für ähnliche Veranstaltungen weitgehend kläglich ausfallen.


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Feldhamster als Autionär

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Oktober 21, 2017 Posted by | Leipzig | Hinterlasse einen Kommentar

Jürgen Henne und zwei Tage aus dem Leben eines Leipziger Zeitungslesers

Arena Leipzig, Ort der Konzerte Helene Fischers

Leipziger Volkszeitung, Dienstag, 10.Oktober
Überschrift im unteren Teil der Kulturseite:

„Helene hält Leipzig fünf Nächte in Atem“

Die LVZ-Brigade darf scheinbar die vertraulich-zugängliche Reduzierung auf „Helene“ benutzen.

Im Text wird einleitend von insgesamt 40 000 Besuchern bei 5 Konzerten in Leipzig geschrieben.
Anschließend skizziert die Autorin einzelne Programmpunkte der Veranstaltung.
So kreist Helene Fischer z.B. an einem überdimensionalen Uhrzeiger über den Köpfen ihrer Fans.
Auch ein Luftballett zehn Meter über der Bühne ist geplant.
Sie schwebt auf einer UFO-artigen Plattform mitten durch die Konzerthalle.

Die Journalistin skizziert dann gleichfalls das personelle Umfeld dieses Ereignisses.
Helene Fischer reist mit neun Musikern, zwanzig Tänzern und fünfunddreißig Trucks durch die weitgehend deutschsprachigen Areale Mitteleuropas, umgeben von einhundertundfünfzig Begleitern, die aber scheinbar während der Stunden der Errichtung und des Abbaus der Bühnen-Architektur nur herumstehen und Maulaffen feilhalten.

Denn für diese konditionelle Sonderleistung, einhundertundvierzehn Tonnen Material müssen hergewuchtet und verschraubt werden, stehen weitere zweihundert Recken zur Verfügung.
Wozu dann die einhundertundfünfzig Rumsteher und Maulaffenfeilhalter, die Autorin schreibt von „Personen“.
Und die Autorin ist auch die Glücksverkünderin für alle Betrübten und Hilflosen, für alle Ratlosen, Verzagten und Entmutigten, denen die Hoffnung auf ein Tickett aus dem Herzen gerissen wurde.
Denn im Frühsommer 2018 wird Helene Fischer erneut an einem überdimensionalen Uhrzeiger ihrer Fans kreisen, ein Luftballett zehn Meter über der Bühne planen und auf einer UFO-artigen Plattform mitten durch die Konzerthalle schweben.
Vergelt`s Gott.
Und vielleicht auch singen.
Das sollte dann Gott aber keinesfalls vergelten.

Leipziger Volkszeitung, Mittwoch, 11.Oktober
Überschrift zu einem Bilde im oberen Teil der Titelseite:

„Helene Fischer macht ihre Fans in Leipzig atemlos“ (s.auch Überschrift oben)

Bei insgesamt vier Sätzen wird in einem Satz furchtlos formuliert:
„Helene Fischer (33) machte gestern ihre rund 8000 Fans in der restlos ausverkauften Arena atemlos.“ (s.o.)
Mir scheint, die kollektive Atemnot röchelte sich in ein akutes Stadium.
Doch musste es weitergehen.

Und die Zeitung schreibt von Helene Fischers Flug durch die Luft, von ihrem Wasserkleid, einem selbstgetrommelten Intermezzo und einer Show, die durch Pyro-Effekte, Akrobatik und witzige Einfälle begeisterte.
Schon wegen der witzigen Einfälle wäre ich gern dabeigewesen.

Und die Zeitung schreibt weiter, dass Helene Fischer tatsächlich auch gesungen hat.
Aber derartig üppig kann selbst Gottes Vergeltungskraft nicht sein.

Leipziger Volkszeitung, Mittwoch, 11.Oktober
Überschrift zu einem Bild im oberen Teil der Kulturseite:

„Helene Fischer bringt die Arena Leipzig zum Kochen“

Die Atmung röchelt, jetzt wird gekocht.

Die Zeitung erwähnt erneut die neun Musiker und Sänger, auch die 20 Tänzer und Akrobaten und die 8000 Zuschauer, z.B. den Fanclub Schleiz (mit Bild).
Aber wo ist der Fanclub Borsdorf?
Das finde ich feige.
Helene Fischer am Trapez, an den Trommeln, sich kopfüber um die eigene Achse drehend.
Und sie scheint auch gesungen zu haben
Denn am Ende, so schreibt die Zeitung, hieß es „Atemlos durch die Nacht“
Scheinbar von Helene Fischer gesungen.

Aber ich vermute, durch die permanente, dreistündige Abquetschung der achttausend Luftröhren werden es die achttausend geknebelten, atemlosen, arg sauerstoffreduzierten Leiber und die sechzehntausend Beine nicht bis zum Ausgang schaffen, geschweige durch die Nacht.

Am Ende dieser fesselnden Vorinformation wird verkündet:
„Einen ausführlichen Bericht lesen Sie in unserer morgigen Ausgabe“
Au fein!

Klingt aufregend, doch wurde ich nun schon innerhalb der vergangenen Ausgaben anspruchsvoll und engmaschig über Helene Fischers Konzerte informiert.

Z.B.Über neun Musiker und Sänger, über zwanzig Tänzer und Akrobaten und achttausend Besucher, über fünfunddreißig Trucks, einhundertundfünfzig Rumsteher und zweihundert Aufbauer, die auch abbauen. Über Helene Fischer am Uhrzeiger, am Trapez, an den Trommeln, sich kopfüber um die eigene Achse drehend, beim Luftballett, auf einer UFO-artigen Plattform. Über Helene Fischers Flug durch die Luft, über eine Show mit Pyro-Effekten, Akrobatik und witzigen Einfällen.

Und über ihre Gesangseinlagen z.B. „Atemlos durch die Nacht“, die Gott nicht vergelten wird.
Ich bin weniger atem -, eher sprachlos.

Nun muss ich die Entscheidung treffen, ob ich den angekündigt ausführlichen Bericht über Helene Fischers Konzerte lese oder mein Interesse eher zu einer Studie über die frühe Ernte der spät wachsenden Radieschen im Südosten Borneos neigt.
Ich werde den Fanclub Schleiz fragen.
Oder den Fanclub Borsdorf.

Die Wucht dieser Wahl macht mich atemlos.
Deshalb werde ich jetzt durch die Nacht laufen.


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Oktober 13, 2017 Posted by | Leipzig | Hinterlasse einen Kommentar

Jürgen Henne und Empfehlungen für kultiviert-geschmackvolle Freizeitverrichtungen im erweiterten Umfeld Leipzigs mit einhundertunddreißig Kilomter als maximale Entfernung

Halle/S., Moritzburg.
Unweit davon der Dom mit herausragenden Pfeilerfiguren aus dem Umkreis Hans Backoffens.

Halle/S., Moritzburg
Zugang zu den Kunstsammlungen.

1. Ausstellung
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Neugestaltung der ständigen Sammlung in der Hallenser Moritzburg

Nachdem Hermann Gerlinger seine expressionistische Sammlung aus den Räumen der Moritzburg ausräumte, ein bemerkenswerter Verlust (außerdem wird ein Selbstporträt Schmidt-Rottluffs vermisst) und in Bernried aufstellte, wurde die ständige Sammlung der Burg neu organisiert und seit einigen Tagen dem Publikum angeboten.

Beachtlich der Mut, auch nationalsozialistische Kunst der Jahre 1933-45 innerhalb einer Dauerausstellung anzubieten, z.B. „Der Führer spricht“ von Paul Mathias Padua, eine besonders widerwärtige Darstellung von Hitlers deutscher Wunschfamilie.
Nur Sepp Hilz und Adolf Wissel malten mitunter unerträglicher („Bauernmadonna“,“Kalenberger Bauernfamilie“)
Padua agierte aber auch als wichtiger Eintreiber einer „germanisch heldischen“ Gesinnung von herausragendem Kotz-Potential, z.B. im Bild „10.Mai 1940“, der Beginn der deutschen Westoffensive.
Nur Elk Eber malte abstoßender, mit einer dümmlich-infantilen Aggressivität ohnegleichen (SA-Bilder).

Und immer wieder stößt mich die frappierende Ähnlichkeit dieser Bilder mit gemalten Erzeugnissen innerhalb der DDR-Kultur während der 50er Jahre ab.

Ohne konzentrierte Gedankensteuerung fallen mir sofort Hans Mayer-Foreyt („Ehret die alten Meister“)oder Harald Hellmich/ Klaus Weber („Die jüngsten Flieger“) ein
Für diese Kübelkunst mussten gleich zwei doktrinäre Dilettanten Hand anlegen.

Aber auch Gerhard Kurt Müller („Bildnis eines Offiziers der Volkspolizei“, oder so ähnlich) und Heinrich Witz („Der neue Anfang“) zelebrierten diese entsetzliche, penetrant ideologisierte Parteikunst.
Nicht verwechseln mit dem grandiosen Konrad Witz aus der Gegend um Basel, erste Hälfte 15.Jahrh.

Ich begrüße ausdrücklich diesen Schritt, die Kunst zwischen 1933 und 1945 nicht länger auszugrenzen.
Denn man kann nur bekämpfen, was man kennt.
Sonst wird man zum penetranten Eiferer oder macht sich zum lächerlichen Hugo.

Chemnitz, Theaterplatz mit Opernhaus und St.Petri Kirche

Chemnitz, Theaterplatz, König-Albert-Museum, Kunstsammlungen Chemnitz

Benannt nach Albert von Sachsen, sächsischer König von 1873 bis 1902.
Baumeister: Otto Stäber, der wahrscheinlich kurz vor seinem Tode auch innerhalb der Bauleitung bei der Errichtung der Chemnitzer Sparkasse arbeitete, heute Ausstellungsgebäude für die Gunzenhauser-Sammlung.

2. Ausstellung
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Jacques Lipschitz in den Chemnitzer Kunstsammlungen, König-Albert-Museum

Geboren 1891 in Litauen, überführte er den Kubismus von Braque, Gris und Picasso auf die Bildhauerei, z.T. auch koloriert.
Später die Hinwendung zu einer gelöst organischen Formung ohne blockhaft präzise Strenge.
Lipschitz kann unbekümmert in eine Qualitätskategorie aufgenommen werden, in welche die Kunstgeschichte z.B. auch Calder, Giacometti, Brancusi, Laurens, Archipenko, Arp, Gabo, Pevsner…abgelagert hat.
Also die große Zeit der Bildhauerei innerhalb der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts.
Einige Teilnehmer lebten auch länger, z.B. Henry Moore.

3. Ausstellung
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Johannes Grützke in Chemnitz, Kunstsammlungen Chemnitz, Gunzenhauser-Museum

Grützke starb im Frühling des laufenden Jahres, er wäre vor wenigen Tagen 80 geworden.
Der Berliner Maler kreierte bizarr überhöhte Massentypen, konform verzerrte Einheitsfratzen mit genormter Retorten-Hässlichkeit, die sich jeder einfältigen Manipulation unterwerfen.
Eine bemerkenswerte Malerei, die mich mitunter an Lucian Freud erinnert.

4. Ausstellung
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Expressionismus in Jena, Kunstsammlungen Jena

Nach der deutschen Vereinigung konnte man in Mitteldeutschland den Kelch expressionistischer Ausstellungen bis zur Neige leeren.
Dresden, Leipzig, Chemnitz, Halle, Zwickau, Apolda…gaben dieser Kunst einen würdigen Rahmen.
Aber eine geht trotzdem noch, z.B. in Jena.
Natürlich mit Macke, Kirchner, Heckel, Pechstein, Felixmüller, Beckmann, Nolde…., also das ganze alte, liebgewonnene Programm.

Auch Bilder des Schweizers Cuno Amiet werden ausgestellt.
Ich erinnere mich an eine Übersicht vor vielen Jahren, gleichfalls in Jena, mit der Kunst Amiets, ich vermute, gemeinsam mit August Macke.
Und ich erinnere mich gleichfalls, dass ich recht beeindruckt die Ausstellungsräume verließ.
Und ein zweiter Schweizer Künstler wird in diesem Abschnitt des mitteldeutsch-thüringischen Saale-Tals bis November dargeboten: Ferdinand Hodler.
Nun irritiert mich geringfügig diese Zuordnung zum Expressionismus.
Ist aber unerheblich, Hodler bleibt eine bedeutsame Erscheinung auf dem Weg zur Kunst des 20.Jahrhunderts.
Es gibt sicher nur wenige künstlerische Zeugnisse, die derartig erschüttern wie Hodlers Bilder über Krankheit, Sterben und Tod seiner Geliebten Valentine Godé Darel.
Da möchte man sich mit zwei Flaschen Wein in den Teppich einrollen.
Und vielleicht kann man sein spätes Spätwerk, vorrangig Landschaften, tatsächlich im expressionistischen Stil-Vokabular ablegen.
Ich werde mich bemühen.
Und Hodler bietet sich als Austellungsteilnehmer in Jena nahezu vordergründig an.
Denn sein vielleicht bekanntestes Bild hängt in der Aula der Friedrich-Schiller-Universität („Auszug der Jenenser Studenten“ etwa 3.50m x 5.50m ) und ich rekapituliere kurz und denke, daß diese bemalte Fläche von üppiger Ausdehnung in irgendeinem Geschichtsbuch der Erweiterten Oberschule abgebildet wurde (Erweiterte Oberschule = Gymnasium/Penne in der DDR)

Weimar, Neues Museum

5. Ausstellung
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Gerhard Marcks und Kollegen im Neuen Museum Weimar

Sicher konnten von Marcks keine dieser zukunftsorientierten Einflüsse ausstrahlen, die andere Bauhauslehrer wie Itten, Schlemmer, Albers, Kandinsky, Moholy Nagy,…so selbstverständlich versendeten.
Er blieb in dieser Schule der eher konservative Darsteller, verharrte in überlebten Handwerker-Traditionen, vermied jegliche Visionen und trennte sich deshalb recht zügig von Walter Gropius.
Und dennoch schuf er ein bemerkenswertes Bildhauer-OEuvre.
Auch seine Grafik ist zum Teil recht ansehnlich.


Nach einer Rolling-Stones-Scheibe („The Best of“) mein zweiter Tonträger, den ich in einem Leipziger Intershop nach einem garstig unvorteihaften Währungsumtausch von Ostmark in Westmark erwarb (Ende der 70er Jahre).
Danach ernährte ich mich für einen Monat ausschließlich von würzigem Moos aus der nahen Dübener Heide.

Eine Gedenkminute für Tom Petty.

Wir sahen und hörten ihn noch im Mai 2012 in Hamburg
Welch ein Glück!

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Oktober 3, 2017 Posted by | Leipzig | Hinterlasse einen Kommentar

Jürgen Henne und Karl-Heinz Adlers und Günther Hornigs Ausstellungen in Dresden

Karl-Heinz Adler
Relief, Pressspan, 1962

Karl-Heinz Adler
Raumblick
Es folgen weitere Arbeiten Adlers mit verschieden Materialen.
Acryl/Lw., weißer Pressspan, Hartfaser, Schnüre, Nägel…

Selbst im Band „Kunstdokumentation 1945-1990“, eine verdienstvolle Bearbeitung der SBZ/DDR-Kunstgeschichte von 1996 (fast 1000 Seiten) blieb Karl-Heinz Adler unerwähnt.
Diese Ignoranz wird sich nicht wiederholen,
Denn die Ausstellung im Dresdner Albertinum (zum 90. Geburtstag) sollte man als Würdigung für einen Künstler interpretieren, der über Jahrzehnte innerhalb der weitgehend geknebelten DDR-Kulturszene ein intellektuelles und gestalterisches System von höchstem Anspruch entwickelte, wodurch er zweifelsfrei in die vorderste Position der Konkreten Kunst Deutschland eingeordnet werden muss.

Zwischen der Ekelkunst der Realisten deutsch-sozialistischen Zuschnitts wurde die abstrakte Kunst Adlers natürlich erwürgt.
Nur bei baugebundenen Dekorationen, z.B. Fassadengestaltung, konnte er sein Abendbrot verdienen.
Adlers Arbeiten orientierten sich an den Theorien des Bauhauses und der Suprematisten (Malewitsch, El Lissitzky).
Aber auch zu der Düsseldorfer Formation „Zero“ (ab Frühjahr 1958, mit Uecker, Mack, Piene) vermute ich Anknüpfungspunkte)

Er formt Quadrate, Dreiecke, Vollkreise, Halbkreise, schichtet und rhythmisiert sie und verbindet diese geometrischen Grundmuster zu einer mathematisch-naturwissenschaftlichen Ästhetik.
Adler setzt eine archaische Geometrie innerhalb seiner Kunst mit den Archetypen in der Natur in übergreifende Zusammenhänge, bezeugt damit die Abhängigkeit von Kunst und Umwelt und seine Wahrnehmung grundsätzlicher Mechanismen der Natur, ohne sie aber naturalistisch widerzugeben.

Doch trotz dieser nicht selten seriell bearbeiteten Geradlinigkeit und einer weitgehend rational-pragmatischen Natur-Interpretation lösen sich aus den Bildern auch mytisch-suggestive Nuancen, die den Besucher mit positiven Emotionen nach magischen Erlebnissen, die eine poetische Nebenstimmung nicht ausschließen, aus dem Museumssaal führen.

Vielleicht ausgelöst durch Adlers radikale Rückführung aller Abläufe und Strukturen der aktuellen Übersättigung, der überbordenden Anmaßung bei der Wahrung aller Gleichgewichte, auf die elementaren Bausteine.

Und dennoch bleibt ein gerüttelt Maß Skepsis über den zukünftigen Umgang mit Adlers Kunst im öffentlichen Rahmen.
Denn seine Arbeiten werden im ehemaligen „Baselitz-Saal“ des Albertinums ausgelegt und an den Wänden befestigt.
Dieser Raum leerte sich, als Baselitz seine gesamten Bilder abhängte.
Es bleibt die Frage, welches Areal man ohne den Rückzug von Baselitz ausgewählt hätte.

Ich denke sofort an Dietrich Gnüchtel, ein bemerkenswerter Einzelgänger innerhalb der Leipziger Kunst, der seit einigen Tagen (zu seinem 75.Geburtstag) seine Arbeiten in der alten Handelshochschule aufgehängt hat.
Nicht gerade eine Elite-Stätte für Kunstausstellungen.

Karl-Heinz Adler. Ganz Konkret.
Albertinum, II.OG
Bis 15 Oktober 2017


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Günther Hornig
Lil-ko, 2001, Acryl/Lw.

Günther Hornig
Ohne Titel, 1988, Acryl/Lw.
Es folgen weitere Arbeiten Hornigs.

Die Ignoranz der infantil-aggressiven Kulturpolitik von DDR-Funktionären gegenüber Karl-Heinz Adler wurde, nur etwas abgemildert, auch auf Günther Hornig ausgedehnt.
An Ausstellungen und Ausstellungsbeteiligungen erinnere ich mich nur mühsam und oberflächlich.
Und doch gönnte man ihm eine einigermaßen angemessee Öffentlichkeit in mehr oder minder abgeschlossenen Bereichen.
Er arbeitete als Bühnenbildner und Theatermaler in Halle und Potsdam und lehrte über viele Jahre an der Kunsthochschule in Dresden.
Hornig wurde in Bitterfeld geboren (1937-2016), doch auf den „Bitterfelder Weg“ hat er sicher gespien.

Und jetzt ist Schicht im Schacht.
Denn wie sagte schon der 127-jährige Herbert Köfer: „Rentner haben niemals Zeit“.
Ich schäme mich, diese sprachliche Sülze verwendet zu haben.

Die Bilder müssen als Katalysator für eine weitere Zuwendung zur Kunst Hornigs
genügen.
Denn am vergangenen Wochenende wurde die Ausstellung beendet (Städtische Galerien Dresden, Willsdruffer Straße 2, Eingang Landhausstraße).
Und muss man denn immer alles erklären?
Aber noch einige Stichworte:
Turmskulpturen, Dynamik, Tatlin, Informel, Konstruktivismus, Materialbilder, panischer Gleichklang, labyrinthische Überlagerungen, Gesamtkompositiom ist 1:1, Farbe und Perspektive, Farbe und Volumen,…
Gute Nacht.




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September 19, 2017 Posted by | Leipzig | Hinterlasse einen Kommentar

Jürgen Henne, Arno Rink, Jahrhundertmaler, Top-Stars der internationalen Kunstszene und eine unzulässige Desorientierung.

Mein Sehnsuchtsziel

Menil Collection (Detail), Houston/Texas, u.a. mit Rothko Chapel und Twombly Gall
ery

Ich habe die Bilder Arno Rinks (gest.5.9.2017) spätestens seit Beginn der 70-er Jahre wahrgenommen.
Nicht immer mit Freude, geschweige mit Begeisterung.

Meine tiefe Zuneigung näherte sich schon damals heftig einer Kunst, der Begriffe wie Abstrakter Expressionismus, Informel, Tachismus, Lyrische Abstraktion, Hard Edge, Farbfeldmalerei, Art Brut, Nouveau Réalisme, Konkrete Kunst…zugeordnet werden.

P42001


Meine Sehnsuchtskunst seit vielen Jahren.
Cy Twombly, Altenburg (Thür.), Lindenau Museum, Sommer 2009

Vor anderen Originalen stand ich dann in New York.


Meine Sehnsuchtskunst seit vielen Jahren.
Mark Rothko, Blatt meines Kalenders, 2014

In München sah ich Rothkos Bilder in einer herausragenden Einzelausstellung.

Mark Rothko, wie oben

Die amerikanischen Namen Rothko, Pollock, Newman, Twombly, Motherwell, Kline, Still, de Kooning, Reinhard…, aber auch europäische Künstler, einschließlich deutsche Vertreter wie Dubuffet, Soulages, de Stael, Fautrier, Klein, Wols, Schumacher, Hartung, Winter, Bill, Albers, Fruhtrunk…drängten die Maler der DDR, insbesondere die „Leipziger Malerschule“ in eine recht unbedeutende Nische meines Interesses.

Mangelndes Interesse schloss aber nicht aus, dass ich sie zur Kenntnis nahm und ihren Werdegang einigermaßen aufmerksam verfolgte.
Und deshalb sind auch mein Gedenken und mein Respekt an und für Arno Rink keine Floskel und Pflichtaktion.
Denn immerhin fast fünfzig Jahre gehörte er zum Standartrepertoire zahlreicher Ausstellungen meiner Heimatstadt und der benachbarten DDR-Regionen.

Und er war scheinbar ein vorzüglicher Lehrer, der keine kleinen, treuen Mini-Rinks produzierte und seinen Schülern einen ansprechenden Freiraum zugestand.

Ich denke dabei sofort an Gustav Moreau, Symbolist des 19.Jahrh., vor dessen biblichen und antiken Mystik-Exzessen, eingebettet in eine gleisende Funkelmalerei, ich vor fünfzig Jahren ehrfurchtsvoll abkniete.
Und aus dessen Lehranstalt wüteten sich dann z.B. Matisse, Manguin, Marquet durch die Galerien („Fauves“, dt. „Wilde“), eine Art Parallelveranstaltung zur Dresdner „Brücke“, beide Vereine traten 1905 brachial in die Kunstgeschichte ein.
Natürlich mit grundsätzlich anderen Ausgangsmaterialien und Entstehungsabläufen.
Rouault war gleichfalls Moreaus Schüler, außerordentlich bemerkenswert.

Meine Sehnsuchtsmusik vor vielen, vielen Jahren

Max Bruch, 1.Violinkonzert
Und als Schallplatte steht sie bei mir immer noch, präzis katalogisiert, vor Bruckner

Auch Max Bruch, von dem nur noch sein erstes Violinkonzert durch die Musiksäle schluchzt, lehrte auffälig tolerant und hat gegensätzliche Komponisten wie Künneke („Ich bin nur ein armer Wandersgesell“), R.V. Williams und den Japaner Yamada ohne egozentrische Belästigungen unterrichtet.

Und eben auch Arno Rink.
Doch sollte man sich befleißigen, die Huldigungskirche im Dorf zu lassen.
Denn wenn Sachens Kulturministerin den verstorbenen Arno Rink als „Jahrhundertmaler“ einordnet, könnte man eine Verspottung des Malers vermuten.
Diese dümmlich leichtfertig und desinteressiert vorgetragenen Übertreibungen und die impertinente Zelebrierung der eigenen Ahnungslosigkeit sind mir zuwider.

Arno Rink ist mitnichten ein „Jahrhundertmaler“.
Die bildende Kunst Leipzigs war nie eine Jahrhundertkunst, in keinem Jahrhundert.
Sie konnte sich auch nie auf eine würdige Tradition berufen.
Anders als z.B. in München, Dresden, Düsseldorf (Düsseldorfer Malerschule 19.Jahrh., Rheinischer Expressionismus in Düsseldorf, Beuys als langjähriger Professor an der dortigen Akademie) fehlte in Leipzig das Fundament für eine gewichtige Trennung von weitgehend provinziellen Ansprüchen.

Auch durch die frühe Gründung einer Kunstakademie (Mitte 18.Jahrh.) konnte Leipzigs Malerei, Grafik, Bildhauerei einen überregionalen Anspruch bis heute nie verwirklichen.
Selbst Adam Friedrich Oeser, Gründer dieser Akademie, wurde fast ausschließlich als Zeichenlehrer des Studenten Goethe im kunsthistorischen Gedächtnis abgelegt.
Und ich bedaure ausgiebig, daß bei der Umgestaltung der Leipziger Nikolaikirche am Ausgang des 18.Jahrh. u.a. Bilder von Cranach und Lemberger durch gemalte Oeser-Gurken ersetzt wurden.

Dennoch wird die Musik-Buch-u.Pelzstadt Leipzig auch in jedem Künstlerlexikon erwähnt.
Denn der Elite-Nazarener Schnorr v.Carolsfeld wurde in Leipzig geboren, besiedelte aber schon frühzeitig München und Dresden.
Und auch Max Beckmann sowie Hans Hartung, zwei meiner Giganten der Kunst des 20 Jahrh., kreischten ihre ersten Töne in einer Leipziger Wiege.
Doch auch sie zogen schnell von dannen und in die weite Welt hinaus.

Ich könnte mich entschließen, Bernhard Heisig und Werner Tübke als Leipziger Künstler aufzuführen, die sich zumindest der Grenze zur internationalen Bedeutsamkeit genähert haben, auch bei einer künftigen, kunsthistorischen Einordnung.
Bei Neo Rauch gönne ich mir noch einige Zweifel.
Vor einigen Wochen las ich einen Beitrag, dessen Autor ganz entspannt Wolfgang Mattheuer als wichtigsten Maler des 20.Jahrh. feierte.
Ich falle vom Stuhl.

Nur unweit im Text zum „Jahrhundertmaler“ werden einige Schüler Rinks als „Top-Stars der internationalen Kunstszene“ gewürdigt.

Das ist eine unzulässige Desorientierung der Bewohner der mitteldeutschen Kulturlandschaft.
„Top-Stars“ mag schon sein.
Tony Marschall agiert auch seit Jahrzehnten als Top-Star.
Gleichfalls Mario Barth oder Eddie the Eagle.
Doch sollten die Einheiten Top-Star und Leistung, Qualität nicht kongruent zusammengefügt werden.
Wobei mir schon die Bezeichnung „Topstars“ in diesem Zusammenhang ziemlich auf die Testikel geht.

Keiner dieser Leipziger Lehrer und Schüler konnte auch nur annähernd erwarten, z.B. bei der diesjährigen documenta 14 in Kassel aufgenommen zu werden.

Natürlich könnte jetzt die Herrschaft von Korruption, Käuflichkeit, Kommerz, Publikumsanbiederung…für derartige Abläufe aufgerufen werden
Ähnlich wie bei Oscarverleihungen, Stockholmer Nobelpreis-Ritualen, bei Bachmannpreisen und Leipziger Kultur-Orden.

Diesen Aufschrei kann ich natürlich im maßvollen Rahmen akzeptieren.
Er ist berechtigt.

Doch stelle ich mir vor, Rauch, Schnell, Eitel, Weischer, Ruckhäberle, Baumgärtel, Griesel…. hätten ergiebige Räume in Kassel belegt.
Unverzüglich würde sich der römische Janus mit seiner etwas ungebräuchlichen Köpfigkeit vordrängen, vielleicht noch mit einer Doppelzüngigkeit ausgestattet und alle Leipziger Medien feiern die Kompetenz, die Souveränität, das sensible Gespür der documenta-Gestalter.
Doch so bleibt die Berichterstattung über die Ausstellung in Leipzigs Medien eine rare Kostbarkeit.
Wobei auch mich die Zufriedenheit über den diesjährigen Jahrgang der documenta nicht überwältigt.

Doch blieben Feininger in Chemnitz und Hannah Höch in Apolda.

Und es bleiben noch Macke, Campendonk, Nolde in Chemnitz, Marcks und Kollegen in Weimar, Karl-Heinz Adler in Dresden, Jugendstil in Arnstadt, frühchinesische Keramik in Leipzig und in Bälde Uecker in Leipzig.
Außerdem kommen die Rolling Stones nach Deutschland und Ian Anderson nach Leipzig.
Es geht also auch ohne Kassel.

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September 13, 2017 Posted by | Leipzig | Hinterlasse einen Kommentar