Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne und frühherbstliche Tage auf dem Fischland, auf dem Darß, auf dem Zingst, in Barth, in Marlow, in Kenz, in Eixen, im Wasser……

Jürgen Henne und die eher unregelmäßig bearbeitete Serie:
Jürgen Henne zeigt Ihnen…

Heute:
Jürgen Henne zeigt Ihnen: BA,nbevOS`sKÜ (Bemerkenswerte Architektur, nicht besonders entfernt von Ostsee`s Küste.

Barth, Marienkirche, 1250/1450.
Westfassade, die städtebauliche Lage der Kirche ermöglicht keine andere Aufnahme.
Auch die Zusammenhänge einzelnen Architekturgruppen kann nicht angemessen abgelichtet werden.
Für die mittelalterliche Stadtplanung eine durchaus selbstverständliche Situation.

Barth, Marienkirche.
Blick nach West.
Dreischiffige Hallenkirche, 6-jochig., Langhaus beträchtlich höher als der 2-jochige Chor (einschiffig).

Mitte des 19.Jahrh. neugotische Umgestaltung durch Stüler, ein Schüler Schinkels.

Friedrich August Stüler war einer der produktivsten Architekten während der ersten Hälfte des 19.Jahrh., z.B. Schweriner Schloss (gemeinsam u.a. mit Semper), Neues Museum Berlin, Potsdamer Friedenskirche…

Barth, Marienkirche.
Wandmalerei, südl. Seitenschiff, Ende d. 14.Jahrh., Christus als Weltenrichter.

Barth, Marienkirche.
Taufbecken (Bronze), achteckig, Mitte 14.Jahrh.
Zweireihige Bildfelder mit spitzbogigen Doppelarkaden, Szenen des Marienlebens (Besuch bei Elisabeth, Krönung, Verkündigung), Heilige, Apostel.

Barth, Marienkirche.
Bronzetaufe, Marienkrönung.

Barth, Marienkirche.
Bronzetaufe, Detail.

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Kenz, ehemalige Wallfahrtskirche St.Maria.
Erste Hälfte 15 Jahrh.

Kenz, St. Maria, Innenraum nach Ost.
Kreuzrippengewölbe, Dekoration Ende des 19. Jahr., unter Einbeziehung der Reste des 15.Jahrh.
Bemerkenswerter Reichtum an mittelalterlicher Glasmalerei (erste Hälfte 15.Jahrh), beispiellos in Mecklenburg/Vorpommern.

Kenz, St. Maria
Mittelalterliche Glasmalerei (z.Teil).
Neutestamentarische Ikonographie (Marienleben, Passion Christi), regionale Geschichte, Familien – u. herzögliche Wappen.
Insgesamt sechs Fenster.

Kenz, St. Maria
Mittelalterliche Glasmalerei (z.T.).

Kenz, St. Maria
Epitaph für Barnim VI., Sandstein, mit Brustbild Barnims, um 1600, eine auffällig qualitätsvolle Arbeit.

Kenz entfaltete sich im späten Mittelalter (15.Jahrhundert) zu einem bedeutsamen Wallfahrtsort, vom 17. bis 19. Jahrhundert mit seiner „Wunderquelle“ zur organisierten Pilgerstätte für Bedürftige, die Heilung von ihrer Krankheit suchten.
Doch schon im 14.Jahrhundert vertraute man dem Kenzer Gesundbrunnen.
Es wird vermutet, dass der erste Bau der Kenzer Kirche auf der ursprünglichen Heilquelle errichtet wurde.

Auch der kränkelnde Barnim VI., in der zweiten Hälfte des 14.Jahrhunderts Herzog einzelner pommerscher Areale (Greifswald, Wolgast) zog Richtung Kenz, um sich von der Edelbrühe innerlich, vielleicht auch äußerlich, berieseln zu lassen, schied aber unterwegs unweit von Ribnitz-Damgarten dahin, vermutlich an der Pest und wurde in Klenz begraben.
Deshalb auch das Epitaph an der Kirchenwand.

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Eixen, Georgskirche
Back- Feldsteinbau, Mitte d.13.Jahrh., östlicher Ziergibel.
Im Innenraum Wandmalerei des 13.Jahrh., spätgotischer Flügelaltar.
Die Kirche war geschlossen, keine Hinweise auf Öffnungszeiten, keine Telefonnummern.
Ich stand kurz vor der Mutation zu einem nordischen Berserker.

Natürlich gibt es im Norden nicht nur Hallenkirchen, Schinkel-Schüler, Weltenrichter, Kreuzrippengewölbe, Taufbecken, Marienkrönungen, Glasmalerei, Ziergibel, 2-schiffige Joche, Epitaphien….

….es gibt auch



….Möwen im Zingster Sand



….Vögel auf Zingster Strandschildern.



….Grüne Wege zum Ahrenshooper Strand.



….Kleinkugeliges Strauchobst auf dem Weg zum Ahrenshooper Strand, am Morgen.



….Zingster Sonnenuntergang, am Abend.



….Zeugnisse des deutschen Grauens auf dem Weg von Ahrenshoop nach Wustrow.



….Materialprüfanlagen auf dem Weg von Wustrow nach Ahrenshoop.

Zugabe

Innerhalb eines möglichen Herbstaufenthalts auf dem Fischland, auf dem Darß, auf dem Zingst sollte ein Besuch dieser Ausstellung nicht versäumt werden.



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Oktober 8, 2018 Posted by | Leipzig | Hinterlasse einen Kommentar

Jürgen Henne als verdienter Helfer der Landwirtschaft

Aber sicher, ich helfe gern der Landwirtschaft, sehr gern sogar.

Domholzschänke, unweit des Ufers der Neuen Luppe, Leipzig/Schkeuditz.

Vielleicht gibt es auch ein Plakat zur landwirtschaftlichen Unterstützung der Wein-Bauern.
Helfe ich gleichfalls gern, sehr gern sogar.


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September 28, 2018 Posted by | Leipzig | Hinterlasse einen Kommentar

Jürgen und Jochen – Donald und Horst


LVZ, 25. September, Seite 11, Leserbriefe, rechts unten

Lieber Jochen,

es gibt sie, diese Momente unvergleichlichen Glücks, wenn durch einen einzigen Satz sich der Nebel über der eigenen Ahnungslosigkeit lichtet, wenn der dumpfe Block von Unwissenheit im Sog intellektueller Großmeister, in deren Elysion sich Reife, Begabung und gelebte Weisheit vermählen, nun als geweihter Kristall der Erkenntnis zu einem höheren Bewusstsein führt.

Ja, ja, lieber Jochen, mit „Seehofer ist der Trump Deutschlands“ haben sie mir den Weg gewiesen, komplexe Zusammenhänge innerhalb global-politischer Mechanismen und Abläufe feinsinniger zu erfassen.

Und dieser Satz, lieber Jochen, hat mich auch gelehrt und motiviert, selbstständig in die Dialektik zwischenmenschlicher Abhängigkeiten, in psychisch-soziale Kausalitäten einzudringen und er bescherte mir eine Befähigung, die noch vor einigen Tagen von mir auf einem Areal der Unerreichbarkeiten abgelegt wurde.

Denn, lieber Jochen, entschuldigen Sie meine Respektlosigkeit, ich erweiterte Ihren fundamentalen Lehrsatz und kam frei und mündig zu der Überzeugung:

„Trump ist der Seehofer der USA“

Ich preise Sie, lieber Jochen, haben Sie Dank und empfangen Sie meinen Applaus, lieber Jochen.
„Klatsch, klatsch, klatsch…….“, lieber Jochen.


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September 26, 2018 Posted by | Leipzig | Hinterlasse einen Kommentar

Jürgen Henne und die alltäglichen Ärgernisse


Ein ungeschältes Frühstücksei in einer linken Hand.

Erstes Ärgernis
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Ich belegte vor einigen Tagen meinen Frühstücks-Sessel, das ungeschälte Frühstücksei in der linken Hand und spürte das Bedürfnis, mich von einer hochanständigen Buchbesprechung bilden, aber auch zur Lektüre des Bandes animieren zu lassen und fand tatsächlich auf der ersten Seite der Kulturabteilung von Leipzigs Tageszeitung (LVZ) die Rezension des Romans „Mit der Faust in die Welt schlagen“ eines mir unbekannten Autoren.

Der Buchtitel verstimmte mich etwas, klingt wie „Proletarier aller Länder…“ oder „Alle Räder stehen still,…“.
Oder „Halt`s Maul, sonst in die Fresse“.


Klütz, Uwe-Johnson-Museum, Herbst 2014.

Zunächst wurde ein Satz zitiert: „Es hatte ihn nicht beeindruckt, dass der Schornstein gesprengt werden sollte.“
Ich dachte, vielleicht sind es die ersten Worte des Buches, wäre nicht schlecht.
In Uwe Johnsons „Mutmaßungen über Jakob“ steht auch auf dem Papier als Einleitungssatz: „Aber Jakob ist immer quer über die Gleise gegangen.“
Doch dann macht Johnson einen Punkt, lässt zwei Leerzeilen stehen und führt erst anschließend den Roman weiter .
Dieser Satz steht, irritiert und man will weiterlesen.

Doch bei der „Weltfaust“ wird die Information „vervollständigt“: „Denn so vieles gab es, das die ganze Zeit einstürzte.“
Mir fiel das Ei aus der linken Hand und ich hatte jetzt drei davon im Schritt.
Und musste schluchzen.
Ich überflog den Zeitungstext nun in einer imposanten Geschwindigkeit.
Die Autorin beschreibt dann Passagen und wählt Zitate, die nach ihren literarisch- ästhetischen und inhaltlichen Wertvorstellungen dem Weltfaustbuch eine gehobene Bedeutung bescheinigen.

Ich las von wehenden Gardinen an den Fenstern volkseigener Ruinen, von Männern in Unterhemden an Fenstern der Neubaublocks.
Mir schauderte und ich schluchzte erneut: „Mein Gott, ist das simpel“, überflog dennoch weiter.

Ich las Tobis Satz (scheinbar ein wichtiger Handlungsträger): „Mich nervt die ganze Scheiße hier. Immer das Gleiche, und alles geht vor die Hunde. Immer schon, als wäre das nie anders gewesen.“

Ich las vom Vater, für den die Tschechen das Problem sind, von Felix, der sich mit Crystal Meth zerstört, vom gewaltbereiten Menzel, für den die Sorben schuldig sind, gleichfalls von der Großmutter, die ihren Garten einer syrischen Familie überlässt, wogegen Tobi antobt.

Jetzt beendete ich zügig meine Überfliegerei, denn ich bekam Augenschmerzen und wurde weder gebildet noch animiert.
Auch nicht durch die Verlagswerbung, die den Band als „hochaktuelle literarische Auseinandersetzung mit unserem zerrissenen Land“ aufgelegt hat.
Als „Buch zur Zeit“.
Was für ein nervendes Gesülze!

Mir geht es nicht um die berechtigten Sorgen der Bewohner in Teilen Ostdeutschlands, um Missstände und Triumphe der Verzweiflung, die unbedingt ausgesprochen werden müssen.
Mich erschüttern aber die literarische Qualität, die Klischee-Exzesse und die ständige Anbiederung am verkaufsträchtigen Mainstream.

Kierling b. Klosterneuburg, Franz Kafkas Sterbehaus, Sanatorium Hoffmann, Frühling 2013.

Zweites Ärgernis
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Ein deutscher Kultursender wirbt für eine Aktion in Magdeburg, bei der auch Literatur von Poe, E.T.A. Hoffmann und Kafka verarbeitet wird.
Die Moderatorin ordnet mit markiger Gewissheit das gesamte Trio in die literarische Elite des 19.Jahrhunderts ein.
Kafka und das 19.Jahrhundert, vielleicht noch auf einer Linie mit Adalbert Stifter.
Oder Fontane.
Oder Turgenjew.

Kafka wurde natürlich im 19.Jahrhundert geboren (1883), doch zeugt es von großer Tapferkeit, ihn literaturhistorisch in diesem Jahrhundert zu verankern.
Brecht krabbelte 1898 in eine Augsburger Wiege, für die Moderatorin vielleicht auch ein Vertreter dieser Zeit?

Drittes Ärgernis
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Deutschlandfunk, am Morgen, fünf vor acht, Sportnachrichten.

Am Mikrofon spricht X, ein Neuzugang (von drei Debütanten, Y u.Z, mir sind die Namen entfallen) der deutschen Fußball-Nationalmannschaft über das kommende Spiel:
„Ich denke, dass uns der Trainer einsetzt.“

Darauf die Sportmoderatorin:
„Auch Jogi Löw denkt, dass er x,y,z zum Einsatz bringt.“

Darauf Löw am Mikrofon:
„Ich denke schon, dass ich X,Y,Z einsetzen werde.“

Jetzt dachte auch ich, dass Löw X,Y,Z einsetzen wird.


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September 12, 2018 Posted by | Leipzig | Hinterlasse einen Kommentar

Jürgen Henne, ein Louis-Malle-Festival bei gefühlt dreiundachtzig Grad, mit Maurice Ronet im Fahrstuhl und einem Revolver im Campingbeutel, mit Wallys Fragen und Andrés Antworten, mit Einhörnern, Lilys und der Freude am morgendlichen Kaffee

Cover der Louis-Malle-Kasette mit neun DVD`s
„Fahrstuhl zum Schafott“, Jeanne Moreau.

Bei dem Klima der vergangenen Wochen bevorzuge ich, eher weniger zu agieren und ausgiebiger zu konsumieren.
Ich zelebriere den Müßiggang, fläze liegend, halbliegend, halbsitzend, sitzend, mitunter auch stehend oder halbstehend bei gefühlt dreiundachtzig Grad Raumtemperatur und in der Regel mit ein paar Eiswürfeln im Schritt, auf oder neben dem entsprechenden Möbilar, flankiert von Getränken unterschiedlichster Gärung, eingehüllt von Büchern, CD´S, DVD´s aus der Rubrik….„Was ich schon immer wieder einmal lesen, hören, sehen wollte….!“
Nicht weit entfernt ein Notizblock, um meine tägliches Quantum Weltliteratur zu schreiben.
Also agiere ich doch ein wenig.

Filmtitel der Louis-Malle-Kasette.

Filme von Louis Malle wollte ich schon immer wieder einmal sehen.
Nicht unbedingt „Fahrstuhl zum Schafott“, sein erster Film, der mich vor über fünfzig Jahren in Füsslis Alb-Nächte trieb, sich aber heute eher zu einer soliden Nachmittags-Unterhaltung eignet.
Doch wegen der musikalischen Begleitung durch Miles Davis könnte sich der Film endlos abspulen.

Und „Zazie“ nervte mich schon immer etwas.
Natürlich entwickeln sich wieder Erinnerungen an die cineastischen Faustkeilträger Méliès und Sennett, an Stop-Motion und Slapstick.
Auch wenn Chaplin, Ionesco, Truffaut den Film heftig bejubelten (lt. Wikipedia), dominierte bei mir nach wenigen Minuten erneut ein gerüttelt Maß an Gleichgültigkeit.

Zu aufdringlich formen sich diese filmhistorischen Rückgriffe zu einem plakativ vorgetragenen Nummernprogramm, ohne sicht-u.hörbare Bearbeitungen des Regisseurs.
Ob Hitlerparodien, Chaplin-Gestus, Küchenschlachten im Stummfilm-Modus, Malle vergisst in diesem Streifen seinen eigenen, unbestreitbar vorhandenen Abdruck in der Filmgeschichte zu installieren.
In diesem Fall dann doch lieber Filme Chaplins, Absurdes Theater von Ionesco und Truffauts Filme.

Meine Malle-Kasette bot mir dann z.B. noch „Lacombe Lucien“, ein früher Versuch, der französischen Bevölkerung eine Debatte über das diffizile Problem der Kollaboration mit der deutschen Besatzung während des 2.Weltkriegs anzubieten.
Malle agiert dabei weitgehend als neutraler Beobachter, der auch der Résistance keine Lorbeer-Kränze knüpft.
Ohne Polemik, nüchtern, lakonisch werden Abläufe geschildert, bei denen man eigentlich einen emotionalen, auch pathetischen Rahmen erwartet.
Und diese Sachlichkeit auch bei eher unpolitischen, aber grauenvollen Abläufen (Tierjagden, Zerstörung eines Schiff-Modells)) entwickelt eine Intensität, bei der die Gänsehaut der Anteilnahme sich zu üppigen Hügelketten erweitert.
Zu Recht wurde der Film für den Auslands-Oscar nominiert.
Mit Therese Giehse.
Der Laiendarsteller Pierre Blais (Hauptrolle), von Beruf Holzfäller, starb ein Jahr später bei einem Motorrad-Unfall in der Nähe von Moissac, eine Kleinstadt mit einer einzigartigen Benediktiner-Abtei und dem vielleicht schönsten Kreuzgang der europäischen Kunstgeschichte.

(Wegen des Besuchs dieses Kreuzganges zwang ich meine Familie vor sechsundzwanzig Jahren zu einem Umweg von dreihundert Kilometern über französische Landstraßen während der Erntezeit).
Mein Gott, war ich ein Sack.

In „Black Moon“, gleichfalls mit Therese Giehse, zelebriert Malle einen surrealistische Reigen von mitunter etwas schlichtem Zuschnitt.
Schlangen kriechen unter weibliche Nachtgewänder, ein Einhorn nölt durch die Gegend, nackte Kinder wuseln mit einem Schwein durch die Landschaft, eine alte Frau spricht mit einer voluminösen Ratte und die Hauptakteurin, ein Nebendarsteller, der Richard-Wagner-Arien kräht und dessen Schwester heißen alle Lily.
Der Weg zu Lewis Carrolls „Alice im Wunderland“ ist natürlich nicht weit, doch entbehrt Malles Film weitgehend einer intellektuellen Unterfütterung.
Aber es bleiben berauschende Bilder, immerhin.

Neben „Verhängnis“, ein Psychogramm familiärer Zersetzung, dekoriert mit erotomanischen Exzessen, die vaginal, oral,…ausgiebig in zahlreichen Szenen abgerüttelt werden und mit einem herausragenden Jeremy Irons besetzt, den ich erstmalig in „Mission“(1986) zur Kenntnis nahm, flimmerte während dieser Tage bei inzwischen gefühlt siebenundachtzig Grad Zimmertemperatur auch „Eine Komödie im Mai“ durch mein heimisches Kultur-Areal.
Eine Komödie mit Michel Piccoli, die eine Beerdigung in der französischen Provinz während der 68er Dreschereien schildert und der Akt der Körperversenkung durch den Streik der Totengräber erschwert wurde.
Durchaus feinsinnig, hintergründig und selbst Cohn Bendit spielt, zumindest in den Gesprächen, eine Rolle.

Cover von Malles „Das Irrlicht“.
Maurice Ronet als Alain Leroy, er spielte auch die Hauptrolle im „Fahrstuhl zum Schafott“.

Ich küre aber „Das Irrlicht“ und „Mein Essen mit André“ zu den Glanznummern meines privaten Louis-Malle-Festivals.

In „Das Irrlicht“, nach einem Roman von Pierre Drieu la Rochelle, der sich selbst zu einer Kollaboration mit dem Nazis entschloss und mit Maurice Ronet („Fahrstuhl zum Schafott“) in der Hauptrolle wird ein Alkoholiker (Alain Leroy), der als geheilt gilt, von den Ärzten aufgefordert, die Klinik zu verlassen.
Nur widerwillig folgt er den Anweisungen, löst sich von seinem Refugium des Schutzes, der Regelmäßigeit, der Zuflucht und Ruhe mit einem Revolver im Campingbeutel, durchstreift Paris und sucht bei ehemaligen Bekannten und Freunden einen Sinn für die weitgehend kampflose Abwendung von der Klinik.

Leroy erkennt aber zügig, dass alle Ideale und progressiven Lebensentwürfe, die ihm mit seinen damaligen Freunden verbanden, in Genügsamkeit bürgerlicher Mittelmäßigkeit verrotteten.
Er beginnt bald seine Verachtung gegen deren Materialismus und Empathielosigkeit, gegen Selbstgefälligkeit und pseudointellektuelles, belangloses Geschwätz zu zelebrieren.
Er verweigert sich kompromisslos und zieht entsprechende Konsequenzen, dazu hatte er ja auch die Kurzlauf-Waffe im Handgepäck.
Ziemlich verstörend und durchaus geeignet, die private Lebenssituation zu überprüfen.
Die Musik Eric Saties begleitet diese grundsätzliche Privat-Diagnose.
Eine feine Entscheidung.

Cover von Malles „Mein Essen mit André“.
Wallace Shawn als Wally.

Weniger verstörend, ohne Satie und Miles Davis, doch im Grunde von ähnlicher Anlage, das Gespräch endet aber weniger dramatisch, drehte Malle „Mein Essen mit Andre“.
Der Filmtitel kann aber nicht so recht die prickelnde Spannung erzeugen

Zwei ehemalige Freunde aus der Theaterbranche treffen sich nach Jahren in einem französischen Restaurant New Yorks.
Und an diesem Tisch spielen sich fast die gesamten einhundertundzehn Minuten des Films ab, selbst die Toiletten werden gemieden.
Nur ein Bissen der Mahlzeit wird hin und wieder mechanisch und nebensächlich in die Mundhöhle geschoben.
Und sie reden über das Leben.
Auch diese Information steigert nicht gerade die Begierde nach diesem Film.

Doch sind es die vielen klugen Sätze von André (Andre Gregory), die Fragen und wenigen, aber ebenso klugen Sätze von Wally (Wallace Shawn) und die offenen, bereitwilligen Gesten Andrés und Wallys, die mich veranlassen, dieses gefilmte Essen in meine Rubrik „Unvergessliches“ einzuordnen.
Im Grunde spricht nur André, Wally hört zu und fragt, André spricht, Wally hört zu und fragt, André spricht, Wally hört zu und fragt…..

André spricht über sein Leben, über seine oft etwas schrägen, religiös-spirituellen, gelegentlich auch esoterischen Aktionen in Montauk, in Wüsten und polnischen Wäldern, im schottischen Findhorn.
Und Wally hört zu.
Nur am Ende der Mahlzeit entschließt er sich zu einem kleinen, charmanten, unaggressiv vorgetragenen Protest, bezweifelt den Sinn von Andrés Lebensläufen und feiert die Genügsamkeit und Schönheit alltäglicher Abläufe.
Der Kaffee am Morgen, seine Familie…

Diese Gegenüberstellungen, diese Kontraste sind so alt wie die menschliche Fähigkeit, die eigene Existenz philosophisch zu erklären und mitnichten ein originärer Beitrag Malles.

Doch diese Fragen und Antworten, diese klugen Sätze von André und Wally, die offenen und bereitwilligen Gesten…., ich würde sie gern zu einem Essen im Terzett einladen.

Auch der „Spiegel“ schrieb damals:

„Eines der kleinen, heimlichen Kino-Erlebnisse dieses Jahres – macht nicht satt, will es auch nicht, deshalb ist es ein Film.
Im Leben kann man leicht jeden Tag mit zwei langweiligeren und dümmeren Menschen essen gehen.“

Könnte von mir sein.


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August 28, 2018 Posted by | Leipzig | Hinterlasse einen Kommentar