Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne, vier Wochen in Oberösterreich und ein ungeordnetes Potpourri vortrefflicher, überraschender, skurriler, bedenklicher, doch in jedem Fall nützlicher und weiterbildender Wahrnehmungen, Teil II (Teil I am 14. 6.)

Toilettenhäuschen im Kurpark Bad Hall

Ich habe hier beide Möglichkeiten der Vollendung des Stoffwechsels zelebriert und konnte mich nur schwer von diesen wenigen Kubikmetern trennen.

Der Architekt dieser Bedürfnisanstalt, Mauriz Balzarek, war Schüler von Otto Wagner, der wiederum während der Zeit des „Fin de siècle“ die Haupstadt Wien auf das Heftigste bearbeitete und mit zahlosen Bauwerken das Stadtbild veränderte. z.B…..Hosenträgerhaus, Pavillon am Karlsplatz, Majolikahaus, Kirche am Steinhof, Nepomuk-Kapelle…,usw.,usw.
Unweit dieser Einrichtung für gesteigertes Wohlbefinden dirigierte Gustav Mahler während des Sommers 1880 im Bad Haller Theater, mit 20 Jahren.
Sicherlich nicht eine seiner Sinfonien, denn Nr.1 wurde meines Erachtens erst Ende der 80er Jahre uraufgeführt.

Ried im Traunkreis
Diese spätgotische Kirche, um 1520 errichtet, wird architekturhistorisch eher weniger beachtet, hat sich aber den Status eines Naturdenkmals errankt.
Denn seit vielen Jahrzehnten schlingt sich kontinuirlich und mit wachsender Dichte Efeu um den Turm herum und am Turm nach oben.

Kefermarkt

Text an der Hauswand:
„Zum weltberühmten Flügelaltar von Kefermarkt“

Jawohl, recht haben sie, immer dort entlang, da weiß man gleich, was man hat.
Man könnte sich ja sonst in die Kneipe verirren.

Kefermarkt, Wallfahrtskirche, der weltberühmte Flügelaltar

Christoph von Zelking erwartete, bzw. befahl in seinem Testament von 1490, dass für die Pfarrkirche von Kefermarkt, die er selbst gebaut hatte, ein Altar hergestellt werde.
Er selbst schrieb von „Taffel“ (Tafel), damals die übliche Bezeichnung für derartige Kircheninhalte.
Werkstattleiter, Brigademitglieder und andere Teilnehmer dieser herausragenden Schöpfung können nur erahnt werden.
Der Name des Hauptmeisters jedenfalls wabert noch immer anonym durch die drei Schiffe dieser Staffelkirche (Sonderform der Hallenkirche).
Christoph von Zelking agierte als nicht unwesentliches Mitglied der kaiserlichen Gefolgschaft von Friedrich III.

Der Altar wurde innerhalb der 90er Jahre des 15.Jahrh. aus Lindenholz geschnitzt.
Trotz der hohen Meisterschaft des Produzenten sind zahlreiche Bezugspunkte zu anderen künstlerischen Bestrebungen seiner Zeit recht deutlich sichtbar.
Eine kunstgeschichtliche Normalität.

Dabei können selbst innerhalb des Kefermarkter Altars abgestufte Qualitätsebenen, moderner Formwille und etwas altertümlicher Stillstand eingeordnet werden.

Eine unübersehbare Linie, vor allem bei dem Verständnis für Raum und Drapereie, führt z.B. in die Werkstatt Nikolaus Gerhaerts (Hochaltar des Konstanzer Münsters).
Auch die Arbeiten von Vater Michel und Sohn Gregor Erhart werden für die Kefermarkter Künstler und Handwerker eine auffällige Nebenbedeutung gehabt haben.
Und gleichfalls die gesamte Anlage des Altars Michael Pachers in St.Wolfgang, einschließlich der Schreinwächter.

Augenfällig sind z.B. in Kefermarkt die Bevorzugung architektonischer Zierformen gegenüber vegetabilischer Motive.
Die Leerstelle, der Hohlraum werden bearbeitet, erhalten eine gestaltungswürdige Bedeutung und Christophorus trägt bartlos das Jesuskind über den Fluss, außerordentlich selten in dieser Zeit.

Kefermarkt, Hochaltar, Schrein

Drei überlebensgroße Holzskulpturen

Petrus, links, Schutzherr der katholischen Kirche
St.Wolfgang, mittig, Bischoff von Regensburg
Christophorus, rechts, Christusträger

Kefermarkt, Hochaltar

Anbetung

Vorn kniend Melchior mit Goldkiste
Dahinter Balthasar mit Weihrauch-Schiffchen
Dahinter Caspar mit Myrrhe-Pokal

Scheinbar ist aber die Zuordnung der Geschenke zu den Königen in theologischen Plaudervereinen noch nicht geklärt.

Hinten rechts schaut Josef, scheinbar etwas genervt, dem Treiben zu.
Links unten ein Hund, sicher ein Todessymbol.
Links oben ein Turbanträger mit Hammer, vermutlich das Selbstbildnis eines Werkstatt-Mitgliedes.

Kefermarkt, Hochaltar

Marientod

Oben empfängt Christus die Seele Mariens.

Kremsmünster, Stiftskirche des Benediktinerstifts
Mittelschiff nach Osten mit Bildteppichen um die Pfeiler

Stift Kremsmünster, Fischkalter
Simson zerdrischt einen Löwen, mit Fischen im Wasser.

Wasserbecken zur Aufbewahrung und Entnahme von Fischen, die aus den umliegenden Teichen geliefert wurden, auch wichtig für die Lagerung und als Reserve in Fastenzeiten.
Gebaut 1690/92 von C.A. Carlone, erweitert um 1720 von J. Prandtauer (Erbauer des Stifts Melk, UNESCO-Welterbe).
Anlage mit insgesamt fünf Becken.

Stift Kremsmünster, Fischkalter
Petrus entnimmt einem Fisch eine Steuermünze, mit Fischen im Wasser.

Stift Kremsmünster, Fischkalter
Neptun, dahinter dröhnt Triton in sein Tritonshorn, mit Fischen im Wasser.

Ich bin mitnichte ein Fachmann des Fischaufbewahrungswesens.
Doch scheint mir die aktuell-benediktinische Tierhaltung nicht ausgegoren und für die Kiementräger etwas arg nüchtern und deshalb unbefriedigend.

Schloss Parz, Grieskirchen, um 1520
Bedeutendstes Schloss-Ensemble der Renaissance in Österreich (vermutlich)

Schloss Parz, Grieskirchen
Renaissance-Freskenzyklus an der Südseite (Detail)

Sieg des Protestantismus über die katholische Kirche.
Kinder Israels fliehen durch das Rote Meer, verfolgt von den Pharaonen.
Damalige Aktualisierung: Katholiken verfolgen Protestanten, die römische Kirche unterliegt und macht sich zum Horst.

Hans Staudacher

Im Schloss werden einige Räume für Ausstellungen mit zeitgenössischer Kunst genutzt (Galerie Schloss Parz).
Zwischen diesen ganzen alten Zeug (s.o.) dienen derartige Intermezzi zur Stabilität des Wohlbefindens.

Hans Staudacher

Antonio Tamburro

Antonio Tamburro



Zugabe…Zugabe…Zugabe…Zugabe…Zugabe…Zugabe...Zugabe……Zugabe…Zugabe…

An des Wanderers Wegesrand lagen auch z.B….

…die Rokoko-Kirche des Zisterzienserstifts Wilhering…

…und schöne Bäume…

…und eine Kreisel-Ausstellung im Schloss Tollet…

…und ein bewegtes Panorama in Bad Ischl…

…und eine Bergwiese mit Kirche…

…und eine verschneite Landschaft (hinten), Blick vom Kirchenplatz, Bild zuvor…

…und Michael Pachers Wolfgangsaltar in St.Wolfgang am Wolfgangssee…

…und auf dem Weg zu Klaus, zu Olaf gingen wir am Tag darauf…



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Juni 20, 2019 Posted by | Leipzig | Hinterlasse einen Kommentar

Jürgen Henne, vier Wochen in Oberösterreich und ein ungeordnetes Potpourri vortrefflicher, überraschender, skurriler, bedenklicher, doch in jedem Fall nützlicher und weiterbildender Wahrnehmungen, Teil I (Teil II in Bälde)

Stiftsbasilika St. Florian

Nach Florianus, Amtsvorsteher des römischen Stadthalters Aquilinus, wurde 304 n.Chr. während der Christenverfolgung unter Diokletian in der Enns ertränkt. Bevorzugter Heiliger Oberösterreichs.
Nach Kriegsbeschädigungen, Bränden, Gewölbeeinstürzen, Gotisierungen, Barockisierungen entwickelte sich aus einer kleinen Holzkirche (Zeit der Völkerwanderung) ab Mitte der 80er Jahre des 17.Jahrh.eine Architektur, die weitgehend dem heutigen Bild entspricht.
Architekt und Stuckateur: Carlo Antonio Carlone und sein Bruder Giovanni Battista.

Überhaupt hat man den Eindruck, dass Familie Carlone die gesamte Region Oberösterreich flächendeckend in einen barocken Exzess getrieben hat.

Stiftsbasilika St. Florian, Krypta

Sarkopharg Anton Bruckners.
Dahinter eine gefühlte Milliarde sehr ästhetisch und akribisch gestapelter Menschenknochen mit einer Schädel-Dominanz, unweit der Kirche ausgegraben.
Frühmittelalterliche Herkunft, auch ein paar altrömische Rüben könnten darunter sein.

Asten, Paneum (Brotmuseum)

Erbaut von Coop Himmelb(l)au, ein Architekturbüro, Ende der 60er Jahre in Wien gegründet, mit internationaler Beteiligung, u.a. auch Ufa-Kristallpalast Dresden, Musée des Confluences Lyon, Europäische Zentralbank Frankfurt/M….

Der Oberbau des Museums in Asten verweist auf Form und Konsistenz eines nach oben wuchernden Brotteigs.

Traunkirchen am Traunsee, Pfarrkirche, sogen. „Fischerkanzel“

Innerhalb meiner über 50-jährigen „Kunstbetrachtung“ habe ich kein vergleichbares Teil gesehen, ist mit zumindest nicht erinnerlich.
Um 1750 geschnitzt.
Verbildlicht das Wunder des reichen Fischfangs. Im Boot hantieren Johannes und Jakobus.
Im Hintergrund hat sich Petrus erniedrigend vor die Füße von Jesus geschmissen,…“ich bin ein sündiger Mensch“. Jesus bietet ihm dann den Job des Menschenfängers/Menschenfischers an.
Dieses Gequarke ging mir schon vor einem halben Jahrhundert ziemlich kernig auf die Nüsse.
Aber die Kanzel ist natürlich bemerkenswert.

Traunkirchen, Fischerkanzel

Traunkirchen, Fischerkanzel

Algen, Muscheln, Tang vermischen sich zu einem deftigen Meeres-Sud, dekoriert mit scheinbar etwas unfreundlicher Wasserfauna (unten).

Traunkirchen, Fischerkanzel

Auf dem Weg zum jugendstiligen (mit Hinweisen auf das frühe „Art déco“) Kraftwerk „Steyrdurchbruch“, rechts hinten im Detail sichtbar.

Kraftwerk, Steyrdurchbruch, Brücke

Kraftwerk, Steyrdurchbruch, Details eines Brückenpfeilers

Wallfahrtskirche Frauenstein, Friedhof, Grab der Familie Kulenkampff

Selbstverständlich versuchten auch wir während der 60er Jahre stetig Hans-Joachim Kulenkampffs „Einer wird gewinnen“ in unsere ostdeutsche Stube zu holen.
Wenn die Wetterlage sich günstig formte.
Doch nicht selten formte sich die Wetterlage ungünstig und wie in Carpenters „The Fog“ waberten nur teigige und tonlose Umrisse, über die Bildfläche, die sich nur wenige Quadratzentimeter ausgedehnter präsentierte als eine damalige F6-Schachtel.
Wir saßen vor einem „Rubens“, es gab noch „den Rembrandt“ und „den Dürer“

Der Umfang meiner Erinnerung an den Sendungs-Inhalt ist überschaubar.
Doch hatte mich schon damals Kulenkampffs feinsinnige und unaufdringliche Arroganz, seine kultivierte Ironie, die nur manchmal und fast lautlos einen zynischen Nebenklang erhielt, durchaus fasziniert.
Aber weitaus tiefer grollte z.B mein Zorn, wenn an sonnabendlichen Nachmittagen das nebulöse Bildschirmgewabre „meinen“ Beatclub bis in die Unsichtbarkeit trieb.
Dann aktivierten sich meine Gene mit dem Zuständigkeitsbereich für pubertäre Cholerik.

Frauenstein, Pfarrkirche, Schutzmantelmadonna

Doch war die Kenntnisnahme von Kulenkampffs Grabstätte eher ein Zufallsprodukt.
Denn wir suchten eigentlich zielstrebig die Schutzmantelmadonna in der Frauensteiner Pfarrkirche/Wallfahrtskirche.

Frauenstein, Schutzmantelmadonna

Um 1500 hergestellt, mit erhöhter Wahrscheinlichkeit aus den Werkstätten Michel Erharts oder seines Sohnes Gregor Erharts, Großmeister in den Jahren des Übergangs von Spätgotik zur Renaissance.
Als Hauptwerke Michel Erharts gelten z.B. die Wangen am Ulmer Chorgestühl und Teile des Rentabels der Klosterkirche in Blaubeuren, von schier herausragender Qualität.

Frauenstein, Schutzmantelmadonna

Gestiftet wurde diese Lindenholzschnitzerei sicherlich von Maximilian I.,über zehn Jahre römisch-deutscher Kaiser am Beginn des 16.Jahrh.
Anlass wird wohl des Kaisers dringliche Rettung aus Seenot gewesen sein.

Frauenstein, Schutzmantelmadonna

Unter den Schutzbedürftigen befinden sich Maximilian I. und seine Frau, gleichfalls Florian Waldauf, Tiroler Ritter und Ratgeber des Kaisers und seine Frau sowie zwei Figuren mit ungeklärter Ikonographie, die eher nur als Füllmasse agieren.


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Juni 14, 2019 Posted by | Leipzig | Hinterlasse einen Kommentar

Mai 2019, Jürgen Henne in Oberösterreich. Zuvor hatten schon Johann Friedrich Böttcher, Anton Bruckner, Johannes Brahms, Hans Joachim Kulenkampff, Albrecht Altdorfer, Hermann Bahr, Michael Pacher, Richard Tauber, August Strindberg, Theodor Billroth, Gustav Mahler, Friedrich Gulda, Erich Tschernack von Seysenegg, Adalbert Stifter, Gustav Klimt, Hugo Wolf, Georg Riezlmayr, Johannes Kepler, Alfred Kubin, Philipp Arnold La Renotière Ferrary, Thomas Bernhard, Stefan Zweig, Nikolaus Harnoncourt, Franz Schubert, Julius von Payer… in dieser Region gelebt, gearbeitet, haben sie besucht, haben sich an sie erinnert, sind in sie geflüchtet, sind in ihren Grenzen verbleicht……Und nun auch Jürgen Henne……. Ich habe mich für die Kategorie „Besucher“ entschieden


…in Enns

…in Ansfelden

…in Ansfelden

…in Frauenstein
Auf dem Grabstein der Familie Kulenkampff:
Hans Joachim 1921-1998

…in Traunkirchen

…in Traunkirchen

…in Bad Ischl

…in Steyr

…in Steyr

…in Steyr

…in Bad Hall

…in Bad Hall
Text auf der Tafel:
„An dieser Stelle stand das alte Bad Haller Theater, in dem der Komponist Gustav Mahler im Sommer 1880 dirigierte.“

…in Kremsmünster

…in Kremsmünster

…in Kremsmünster

…in Kremsmünster
Zitat, auf der Tafel unten, aus dem Buch „Die Schrecken des Eises und der Finsternis“ von Chr. Ransmayr.
Empfehle ich heftig als Lesematerial.

…in Eferding
Text auf der Tafel:
„In diesem Haus feierte Astronom Johannes Kepler seine Hochzeit mit der hiesigen Bürgerstochter Susanne Reuttinger.“

…in Steinbach
Während unserer Anwesenheit nutzte eine Tauchergruppe Mahlers Komponierbude am Attersee, um ihre Ausrüstung zu trocknen.

…in Steinbach

…in Steinbach

…in Steinbach


…und nun auch Jürgen Henne, z.B. bei der tiefschürfenden Analyse des spätgotischen Altars im oberösterreichischen Gampern.


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Juni 6, 2019 Posted by | Leipzig | Hinterlasse einen Kommentar

Jürgen Henne und Peter August Böckstiegel in Altenburg und Peter August Böckstiegel in Apolda und sprachästhetische Quastenflosser in Leipzig

Bahnhofstraße 42 in Apolda, April 2019
Am Beginn der 70er Jahre des 19.Jahrhunder mit auffälligen Elementen des italienischen Landhaus-Stils erbaut, für Robert Francke, Mitinhaber einer Wollwarenfabrik in Apolda.
Danach unterschiedlich genutzt.
Ab 1995 Sitz und Galerie des Kunsthauses Apolda Avantgarde.

Aktuelle Ausstellung, Peter August Böckstiegel, bis 16.Juni 2019, Dienstag bis Sonntag 10-17 Uhr.
Eintritt 5,- Euro
Ermäßigt 4,- Euro

Ausstellungsplakat

Leipziger Volkszeitung vom 24.11.1995, Kulturseite, Abbildung zum Text

Leipziger Volkszeitung vom 24.11.1995, Kulturseite, Text zur Abbildung

Leider bekommt man in diesem Haus keine Erlaubnis, einige Bilder fotografisch abzulichten, vermutlich auch Dieter Bohlen und Roland Kaiser nicht.
Und für eine Beschreibung der Ausstellung ohne Bildbeispiele kann ich kein erhöhtes Begehren entwickeln.
Außerdem drängt mich diese Hitzigkeit des Aprils ohnehin in ein zumindest mittleres Stadium der Lethargie.
Deshalb mein Beitrag vom 24.11. 1995 in Leipzigs Tageszeitung (s.o.) über eine Ausstellung mit Druckgrafik Böckstiegels im Altenburger Lindenau-Museum (5.November 1995 – 7.Januar 1996).
Kann man so machen.
Denn eine beträchtliche Anzahl der damaligen Arbeiten wurde auch jetzt in Apolda für die Übersicht zubereitet.

Natürlich hätte ich sicher nach fast fünfundzwanzig Jahren einzelne Sätze und Teilsätze inhaltlich und sprachlich anders formuliert.

Und damals wie heute fallen mir bei bescheuerten Zusammensetzungen wie „Ausnahme-Künstler“ die Haare aus den Nasenlöchern.

Denn bemerkenswert häufig musste ich als freischaffender Zeitgenosse dieses Blattes die Marter ertragen, dass angestellte Mitarbeiter von fast beleidigender Talentlosigkeit meine Texte veränderten, wie eben z.B. „Ausnahme-Künstler“ für v.Gogh (s.o.).
Derartigen Sprach-Kehricht gab es bei mir auch damals nicht.

Nicht selten träumte ich mich deshalb mit einer Machete in deren Frühstücksrunde.

Denn nicht ein einziges Mal, niemals, wirklich niemals hatte die anmaßende Hybris, meine Texte qualitativ durch dämliche Einschübe und sülzige Veränderungen erhöhen zu wollen, eine Ahnung von Kompetenz dieser journalistischen Pantoffeltierchen, dieser sprachästhetischen Quastenflosser aufkeimen lassen, wirklich niemals.
Niemals.
Wirklich.

Außerdem hatte scheinbar das drucktechnische Personal bei dieser Seite einige Konzentrationsprobleme.

Aber ähnlich wie bei Altenburgs Ausstellung vor fast fünfundzwanzig Jahren sollte sich erneut ein Besuch im Thüringer Land für sensible Feingeister lohnen, die nicht nur die lärmend-kulturellen, oft grobschlächtigen Großaktionen feiern, sondern auch die reduzierten, doch keineswegs minderwertigen Abläufe beachten.

Doch anders als im Lindenau-Museum, dessen Räume fast ausschließlich mit Druckgraphik gefüllt wurden, nur vereinzelt angereichert mit wenigen Öl-Bildern und Zeichnungen, wenn sie zur Verdeutlichung bestimmter Zusammenhänge beitrugen, bieten die Galeristen in Apoldas Bahnhofstraße 42 einen reichen Querschnitt durch die unterschiedlichen Techniken Böckstiegels.
Dadurch wurde auch mein Urteil gefestigt, daß eher dem graphische Teil von Böckstiegels OEuvre (Holzschnitte, Lithographien) die qualitativ gewichtige Rolle zugeordnet werden muss, weniger der Malerei.

Wer anderer Meinung sein sollte, ist ahnungslos.
Basta.

Katalog zur Altenburger Austellung vor fünfundzwanzig Jahren.


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April 25, 2019 Posted by | Leipzig | Hinterlasse einen Kommentar

Jürgen Henne, die Pein mit Deutschlands Demokratie und Frank Capellan als normaler oder unnormaler Korrespondent. Wer weiß das schon

Reichstagsgebäude, Sitz des Bundestages, für den jede demokratisch gewählte Partei nach bewährt demokratischem Brauch einen Vizepräsidenten zur Verfügung stellt.
Von Christo und Jeanne-Claude verhüllt, Sommer 1995.

Reaktion von Frank Capellan auf die erneute Weigerung des Bundestages, der AfD das Amt eines Vizepräsidenten zu genehmigen.

„…Zu Recht. Wäre sie gewählt worden, hätte sich der Eindruck verfestigt, die AfD wäre eine ganz normale Partei, was nicht stimmt…“

Ich brauche keine AfD.
Die gesamte Fraktion kann meinetwegen auf Defoes Robinson-Insel umsiedeln. Vielleicht finden sie ein paar Freitage mit einer richtigen deutschen Eiche im Schritt, die täglich echte deutsche Volkslieder gegen den Ozean krähen.

Und der Vergleich dieses zwölfjährigen Infernos im vergangenen Jahrhundert mit den Verdauungsergebnissen von gefiederten Flattertieren ist mir hochgradig zuwider und sollte niemals verziehen werden.

Und ich würde auch Boateng als meinen Nachbarn ausgiebig und herzlich begrüßen.

Und die Nachfahren von Otis Redding, James Brown, Wilson Pickett…mit einer lauten, wilden, ungezügelten Musik-Performance in unsere Hausgemeinschaft aufnehmen.
Vielleicht könnte ich dann gemeinsam mit Abkömmlingen von Marvin Gaye und Bessie Smith „I Heard it Throug the Grapevine“ oder den „St. Louis Blues “ singen.

Und am Abend des 5.Dezembers putze ich Aretha Franklins Urenkeln die Schuhe, während sich Sidney Poitier und Forest Whitaker in meiner Filmecke „In der Hitze der Nacht“ ansehen. Womöglich klingelt dann auch noch ein Spross des unvergleichlichen Rod Steiger.
Es kann gar nicht bunt genug sein.

Aber außerdem bin ich auch ein hemmungsloser Liebhaber demokratischer Strukturen.
Und deshalb empfinde ich die AfD-Abläufe unsäglich und bedenklich (siehe ganz oben).

Die AfD wurde von unabhängigen Gremien Deutschlands als verfassungskonform und dem Grundgesetz folgend eingeordnet.
Sie wurde nicht als verfassungsfeindlich verboten.
Also eine demokratische Partei, der man demokratisch begegnen sollte.
Man kann sie bekämpfen, meinetwegen auch hassen.
Aber eben demokratisch bekämpfen und demokratisch hassen, aber nicht mit armselig-biederen Boykott-Aktionen.
Ich denke eigentlich, dass selbst intellektuell etwas schwerfällige Sitzplatz-Beleger des Bundestages diese Zusammenhänge begreifen sollten.

Man muss sich das vorstellen, der größten Opposition im deutschen Bundestag wird ein Grundrecht verwehrt, wobei es nicht um die einzelnen Kandidaten geht, vor der Partei der Bewerber wird sich übergeben.
Kann man ja, doch sollte man demokratisch kotzen, vielleicht kotze ich mit, aber erst, wenn ein Mitglied diese Partei den Titel eines Vizepräsidenten des Bundestages tragen darf.
In meiner Heimatregion Sachsen steht die AfD bei 25%, Die Linke bei 17%, SPD und Grüne unter 10%.
Bei diesem Stand könnte ich mich tatsächlich zu einem gerüttelt Maß Übelkeit entschließen.

Frank Capellan bestreitet mit markig-analytischen Fähigkeiten den Status einer „normalen“ Partei für die AfD (s.oben).

Nicht normal = unnormal, vermute ich.

Und nur unnormale Zeitgenossen wählen eine unnormale Partei
Also die gesamte Truppe von Millionen AfD-Wählern auf eine Bekloppten-Insel.
Und Capellan ist der Aufseher, ein richtig normaler Aufseher.

Vielleicht wird in Deutschland in wenigen Jahren der Anteil von „unnormalen“ Wählern die Schar der „normalen“ Abstimmer übersteigen.

Dann sollten sich Politiker und Journalisten gegenseitig anspeien, denn sie wären es vor allem, die unbedarften, dogmatisch durchgestylten Politikbetreiber, Poilitikvermittler, Politikinterpreten, die mit ihren einfältig geordneten Verständnis für politische und soziale Abläufe diese unerquicklichen Entwicklungen vorangetrieben hätten.
Frank Capellan agiert als Korrespondent im Hauptstadtstudio des Deutschlandradios.
Als normaler Korrespondent oder als unnormaler Korrespondent?
Wer weiß das schon.



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April 11, 2019 Posted by | Leipzig | Hinterlasse einen Kommentar