Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne und die Mallorca-Werbung der Woche

Die vierseitige Reisewerbung, die mich vor einigen Tagen behelligte, bietet mir Urlaub in Davos an, mit einem Bild herrschaftlicher Berge unterlegt, verfeinert durch Schnee.

Auch eine Reise zwischen Adria und Julischen Alpen, ergänzt mit verschneiten Bergen und einige Tage zwischen Großvenediger und den Dolomiten, bereichert durch Berge im Schnee, könnte ich reservieren.
Gleichfalls wird eine Woche Aufenthalt im Kleinwalsertal angeboten, mit Schnee auf den Bergen.
Ich könnte die Fahrt zu einem Konzert André Rieus in Maastricht buchen. Werde ich aber nicht. Aber als Werbung ist immerhin André Rieu optisch sichtbar.
Auch ein Konzert Andrea Bergs auf der Berliner Waldbühne steht zu Debatte, werde ich aber gleichfalls nicht nutzen.
Doch Andrea Berg wurde als Motiv für die Werbung ausgewählt.

Für Wien glänzt das Obere Belvedere auf dem Werbe-Lappen, Chenonceau für die Loire-Schlösser, eine Harzbahn für den Harz, die Semperoper für „Der Barbier von Sevilla“ in der Semperoper, ein Tulpenfeld für eine Reise zur Tulpenblüte nach Holland, der Rhein für eine Rheinfahrt,….
Kann man so machen
Die Qualität der Abbildungen pendelt zwischen befriedigend und saumäßig.
Aber kann man so machen.

Doch dann quält sich das Auge noch zu einer Mallorca-Werbung
Mallorca-schönste Insel der Balearen.

Vorn gibt es eine florale Ausstattung, der ich auf der Fahrt von Leipzig nach Borna über Espenhain und Böhlen neben der Landstraße begegnen würde.
Als landschaftlicher Kontrast erheben sich im Hintergrund, geografisch angemessen, einige Erhöhungen wie Kohlehalden.
Und von links mittig bis rechts mittig durchzieht dieses Panorama von gehobener Unansehnlichkeit eine zusammengepferchte Architektur-Reihung mit Stein-Eimern, die als Hotels genutzt werden.
Mallorca-schönste Insel der Balearen.
Na klasse.
Der Fotograf sollte es einmal mit „Murmeln zählen“ versuchen.

Da frage ich mich auch, welche Bilder diese Reisebüro-Heinis für Nummer 2 oder Nummer 3 der Schönheits-Charts der Balearen-Inseln auskramen würden, z.B. für Ibiza oder Menorca. Denn Nummer 1 ist vergeben.


Ein Exemplar meiner kleinen Miro-Sammlung.

Miro übersiedelte 1956 nach Mallorca und blieb bis zu seiner Verbleichung 1983 auf der Insel.
Ich vermute, dass die touristische Mallorca-Zersetzung während der 70er Jahre begann und Miro die ersten, aber vielleicht noch nicht so rabiaten Insel-Hully-Gullys zur Kenntnis nehmen musste.
Ich habe die Balearen bisher gemieden.
Das Miro-Museum in Cala Major (bei Palma) würde ich mir schon gern ansehen.
Doch nach dieser Werbung werde ich mich wohl für einige Tage in Castrop Rauxel entscheiden.
Oder für Wanne Eickel.
Oder ich frühstücke in der heimischen Hütte, fliege hin, Miro-Museum, fliege zurück, Abendbrot wiederum in der heimischen Hütte.

juergenhennekunstkritik.wordpress.com
juergen-henne-leipzig@web.de
ILEFLoffsen2005198309092012dorHH

Advertisements

Dezember 14, 2018 Posted by | Leipzig | Hinterlasse einen Kommentar

Jürgen Henne, Maurice Ravel, Leonard Bernstein und eine Konzertkritik

Der Blogbetreiber sinniert etwas misslaunig über den aktuellen Zustand der Medien
(Leipzig,Galerie für zeitgenössische Kunst)
———————————————-
———————————————–

Konzertkritik vor wenigen Tagen in der Leipziger Volkszeitung.

Schon die Überschrift“ Natur-u. Liebeslyrik in Tönen“ belegte mich mit einem spürbaren Bedürfnis nach Distanz.

Und dann kam es knüppeldicke, wie meine selige Großmutter zu sagen pflegte.

Da gehören Ravels G-Dur-Klavierkonzert und „Dapnis e Chloé „zum Besten und Schönsten der Zeit“ (Den Fehler im französischen Original-Titel des Balletts habe ich aus dem Artikel übernommen).
Einerseits „kostbar gewirkt aus dem Geiste der Spieluhren„, andererseits „überbordend, sinnlich, schillernd, funkelnd und sanft erotisch“.
Aber „Daphnis et Chloé bietet aus der Sicht des Kritikers auch noch eine „sinnliche Wucht, eine Pracht der Farben, eine Strahlkraft der Reflexe, eine Macht der Schönheit, eine delikate Natur- und Liebeslyrik in Tönen“.

Daphnis und Chloe nähern sich also nicht nur sinnlich, sondern auch wuchtig sinnlich.
Hier geht was ab.

Und dann gibt es das Gewandhausorchester mit „deutschen, dunklen Samt-und Brokattönen“, bei dem Ravels „subtile Kostbarkeiten gut aufgehoben sind“.
Da hätte das deutsche Orchester mit seinen dunklen Samt-und Brokattönen sicher auch auf Hans Markarts Sitzecke vorzüglich musiziert.

Aber auch der Pianist Javier Perianes bekommt sein sirupsüßes Fett weg, denn „filigraner, delikater, subtiler, feinsinniger und eleganter ist es kaum darstellbar“ (Ravels Klavierkonzert).

Und der Dirigentin gelingt es, „den Eigenklang des Leipziger Wohlklangkörpers für die alle Genre-Grenzen sprengende Musik nutzbar zu machen.
Gemeint ist die Musik Leonard Bernstein, mit dessen „beglückender, Funken sprühender Ouvertüre zu „Candide“ der schöne Abend beginnt.“

Außerdem „betören die lüstern swingenden Tanz-Episoden aus Bernsteins leichtfüßigem Musical-Erstling „On the Town“, der übrigens…“

Mein Gott, hier wird ganz schön gewuchtet.

Inzwischen bin ich ganz filigran, funkelnd aber auch sanft erotisch und lüstern swingend von meinem Hocker gerutscht.

Anfangs glaubte ich, der Kritiker entschloss sich bei seinem Text zu einer Parodie, zu einem journalistischen Spottgedicht in freien Versen.
Mitnichten, es ist der pure Ernst.

In meinem Musik-Salon lagern auf CD herausragende Einspielungen der beiden Kompositionen Ravels.
Ich glaube nicht, dass ich sie durch Aufnahmen ersetzen würde, deren Besprechung musiktheoretischer und aufführungspraktischer Qualitäten in einem derartig ungenießbaren Gelee-Würfel vor sich hin glibbert.

(Die hervorgehobenen Textteile sind Zitate. Nur selten musste ich aus Gründen der Verständlichkeit den Satzbau geringfügig umstellen, ohne inhaltliche Veränderung).


juergenhennekunstkritik.wordpress.com
juergen-henne-leipzig@web.de
ILEFLoffsen2005198309092012dorHH

Dezember 6, 2018 Posted by | Leipzig | Hinterlasse einen Kommentar

Jürgen Henne, Bernardo Bertolucci, Rigolettos Ouvertüre und ein Gespräch über „1900“

Das Cover von „1900“ ist natürlich von bestechender Dümmlichkeit und eine ästhetische Körperverletzung
Man würde auf eine Biografie Barkhorns oder Erich Hartmanns tippen.

Eine Gedenkminute für Bernardo Bertolucci

Zu einem uneingeschränkt tätigen Propagandisten für Bernado Bertolucci würde ich mich auf Grund meines ambivalenten Verhältnisses zu dessen Filmen nur bedingt eignen.

Eigentlich gibt es nur zwei Filme des gebürtigen Pamigiani (Einwohner Parmas), der sich aber schon während seiner Kindheit mit der Familie in Rom ansiedelte, die ich in die Top 139 meiner bevorzugten Filme aufnehmen würde und die folgerichtig meine DVD-Sammlung bereichern, „Der letzte Tango von Paris“ und „1900“.

Doch wer kann schon erwarten, dass zwei der selbst geschaffenen Filme, Gedichte, Novellen, Gemälde, Kompositionen, Kochrezepte, Rettich-Züchtungen….den kommenden Urknall überstehen werden.
Ich vermute, dass Nora Gomringer und Julia Engelmann es z.B. nicht erwarten sollten
Bertolucci durchaus.
Und ich bin überzeugt, dass schon zahlreiche Texte mit meiner Handschrift den Weg in ferne Galaxien angetreten sind.

Erstmalig sah ich „1900“, als sich mein Ekel vor linken Dogmen, vor linker Geschichtsfälschung, in der DDR bis zum Brechreiz zelebriert, vor schleimig-verlogenen Parteikadern befriedigend festigte.
Deshalb nervten mich auch durchaus die mitunter plakativ gesetzten Regie-Einfälle klassenkämpferischen Zuschnitts und die missionarischen Behelligungen in diesem Film von 1976.
Ich sah „1900“ in einem Leipziger Kino.

Doch schon die erste Szene (nach einem Vorgriff auf den Abschluss des fünfstündigen Streifens) aktivierte meine Gänsehautbildung bis in die Kniekehlen.
Ein als Rigoletto verkleideter Trunkenbold strauchelt in der Finsternis durch das Bild mit: „Giuseppe Verdi ist tot, Giuseppe Verdi ist tot…“
Und darüber dröhnen die unvergesslichen Orchester-Einschläge der Ouvertüre Rigolettos.

Und diese unvergleichliche Bildregie, diese Farben-Ästhetik und der regelrechte Kolorierungs-Exzess mit der Farbe Rot, allerdings wiederum mitunter grenzwertig.

Und natürlich die Schauspieler, trotz aller technischer und digitaler Dröhnungen auch heute noch das wichtigste Filmmaterial.
Robert de Niro und Gérard Depardieu als Söhne des Gutsbesitzers, bzw. des Landarbeiters, Burt Lancaster als vergreister Vertreter der alten Gutsherren-Generation und der diabolische Donald Sutherland als Verkörperung der „Neuen“ Zeit, des faschistischen Italiens.
Fünf Stunden eine Hymne auf die Schauspielkunst.

Mich treibt es nicht zu einer tiefschürfenden Analyse der Filme Bertoluccis, zu der ich zweifelsfrei fähig wäre, auch zu seinen Arbeiten, von denen mein DVD-Player wegen ihrer ungenießbaren Kunstgewerblichkeit verschont bleibt, z.B. „Little Buddha“.

Aber infolge jahrezeitlich geschuldeter Gesundheits-Defizite läuft bei mir momentan nichts, abgesehen von der grünen Grütze aus meiner Nase und dem Darm-Material mit der Konsistenz aufgelöster Brühwürfel aus dem Anus.

Bei einer Rotwein-Runde vor einigen Jahren dozierte ein Teilnehmer über die Ungenauigkeit des Filmtitels, denn wir müssten doch eigentlich wissen, dass Verdi 1901 verstarb und die Handlung beginnt mit Verdis Tod. „Warum also „1900“, legte er knackig nach.
Er starrte mir triumphierend in die Augen und wartete auf eine Huldigung.
Ich starrte zurück und überzeugte ihn davon, dass ich über wesentliche Daten von Leben und Werk Verdis informiert sei.
„Na und?“ engegnete er dann.
Ich versuchte anschließend etwas ängstlich, ihn zu überzeugen, dass es nicht um 1900, 1901 oder 1902…gehe, aber um ein neues Jahrhundert, um ein neues Zeitalter, welches sich ankündigte, um eine Zeitenwende.
Wenn Verdi sich 1898 verabschiedet hätte, der Filmtitel „1900“ wäre gleichfalls angemessen gewählt.
Hätte sich Bertolucci z.B. für den Filmtitel „1401“ entschieden, würde man eine gewisse Skepsis akzeptieren müssen, denn 1401 wurde Störtebekers Kopf ohne Restkörper dem Meer übergeben.
Er lachte hölzern, beharrte auf seiner Analyse und reduzierte seine intellektuelle Durchdringung des Films weiterhin auf diese Jahreszahl.
Bald gelang es mir aber, das Thema zu wechseln und wir debattieren nur noch über Autos, Fußball, Saufen, Ficken…


juergenhennekunstkritik.wordpress.com
juergen-henne-leipzig@web.de
ILEFLoffsen2005198309092012dorHH

November 28, 2018 Posted by | Leipzig | Hinterlasse einen Kommentar

Jürgen Henne, Egon Schiele und was geschah auf einer Saalfelder Toilette?

LVZ, am vergangenen Freitag.

Endlich ein Beitrag, der mich über das Wochenende zu einer kreativen Stellungnahme herausforderte, der jeden Leser dazu zwang, Position zu beziehen, um dann mit effizienter Beharrlichkeit für sich selbst, aber auch im interessierten Kollektiv um die Ecke, eine humanistische und versöhnliche Erlösung zu finden.

Schiele-Denkmal in Tulln (2013)

Es bleibt natürlich eine Nuance Unzufriedenheit.

Denn die Abort-Flucht in Saalfeld erschien der Redaktion bedeutender als ein Hinweis auf Egon Schiele, der am 31. Oktober 1918 starb, also vor 100 Jahren.
Kein Wort über den österreichischen Maler, Zeichner, Opfer der spanischen Grippe mit 28 Jahren, nur wenige Tage nach seiner schwangeren Frau.
Kein Hinweis, geschweige eine Würdigung, weder vor noch nach dem Tag der gebackenen Luther-Rosen.

Und die Nuance Unzufriedenheit erweitert sich beträchtlich, wenn man zur Kenntnis nehmen musste, dass in diesem Blatt an herausragender Stelle z.B. über das Buch von Hartmut König berichtet wurde, eine der kulturpolitisch unappetitlichsten Figuren der DDR-Geschichte.

Oder über den 50. Jahrestag der Premiere von „Heisser Sommer“, gleichfalls unübersehbar in die Zeitung eingeordnet, diese einfältige Kino-Gurke im pubertären Spannungsfeld dampfender und sozialistisch aufgeheizter Testikel und Klitorides.

Bei diesem Anspruch braucht man natürlich keinen Egon Schiele.

Aber es hätte mich sicher interessiert, ob der Frau es gelang, die Aborttür zu verschließen oder sie sich mit ihrem Freund auf der Klobrille weiterkloppte und sich vielleicht gegenseitig die Abortbürste in den Rachen drückten.

Man wird einfach nicht mehr zuverlässig informiert.


juergenhennekunstkritik.wordpress.com
juergen-henne-leipzig@web.de
ILEFLoffsen2005198309092012dorHH

November 6, 2018 Posted by | Leipzig | Hinterlasse einen Kommentar

Jürgen Henne, Éric Rohmer, Toni Joe White und ein florales Stillleben

Kassette mit Filmen Éric Rohmers, chronologisch geordnet

Jess Hahn als Peter Wesselrin (Pierre)

Filme von Éric Rohmer gehören nicht gerade zum täglichen Stammrepertoire innerhalb der deutschen Fernsehunterhaltung, auch nicht 1.30 Uhr im Nachtprogramm, auch nicht bei öffentlich-rechtlichen Sendern.

Natürlich hat Rohmer selbst bei bekennenden Cineasten mit einer frenetischen Hinwendung zum französischen Kino nicht den überwältigenden Nimbus wie z.B. Truffaut, Chabrol, Godard…auch nicht den etwas reduziert überwältigenden Nimbus wie Malle, Resnais, Rivette, Tati, Melville…

Denn alle aufgeführten Filmemacher besetzten auch das Mainstream-Kino um die Ecke, zumindest mit einem Film, z.B. „Der eiskalte Engel“ (Melville), „Letztes Jahr in Marienbad“ (Resnais), „Fahrstuhl zum Schafott“ (Godard), „Der eiskalte Engel“ (Melville), „Die Ferien des Monsieur Hulot“ (Tati), „Die Unschuldigen mit den schmutzigen Händen“ (Chabrol), „Die schöne Querulantin“ (Rivette).

Bei Rohmer führen derartige Fahndungen zu keinem Ergebnis.

Im Rahmen meiner herbstlichen und heimischen Rohmer-Festtage legte ich als Ouvertüre seinen ersten Film in die DVD-Kiste und fragte mich, jedenfalls nach diesem Streifen, weshalb Rohmers Arbeit doch nur am Rand beachtet und bearbeitet wird.
Denn „Im Zeichen des Löwen“ ist ein beachtliches Debüt aus dem Jahr 1959.
Als einziger Film in dieser Kassette (10 DVD`s) blieb „Im Zeichen des Löwen“ bisher ohne Synchronisation, also mit deutschen Untertiteln, außerdem wurde ihm keine Farbigkeit zugebilligt.
Kann ich nicht beklagen.

Peter Wesselrin (Pierre), ein amerikanischer Komponist, lebt ohne Fortune in Paris, windet sich dennoch ziemlich gutlaunig, auch mit der Hilfe von Freunden, durch seine Existenz, preist die Schönheit seines Sternbildes (Löwe) und prophezeit eine reichhaltige Erbschaft.
Die Erbschaft kündigt sich an, denn seine Tante hat tatsächlich die Hufe hochgerissen.
Er gibt Sauf-Feste und seine nervenden Frohsinns-Exzesse, seine Großmäuligkeit und die gönnerhaften Humanismus-Attitüden stellen ihn nicht gerade in die Reihe glaubwürdiger Symphatie-Garanten.

Doch bald verschwindet Pierre und die Freunde erfahren, dass Tantchen den Pierre zugunsten des Neffen enterbt hat.
Und dann beschreibt Rohmer den Abstieg Pierres bis an die Seite der Pariser Clochards.
Anfangs malträtiert er Telefone, um bei Freunden und Bekannten Geld zu leihen, doch es ist Hochsommer und die Pariser haben ihre Wohnungen verlassen.
Mittellos wird ihm das Hotel verwehrt, die fettigen Flecke auf der Hose vergrößern sich, der beschädigte Schuh wird mit einem Stofffetzen aus der Mülltonne „repariert“, ein keimiger Bart wuchert im Gesicht.
Pierre beginnt, Nachtlager auf Bänken zu bereiten und auf Märkten Nahrungsmittel zu stehlen.
Er versucht, auf einer Bank Naschwerk von Kindern zu entwenden und fischt aus einem Gewässer eine verschleimte Tüte, in der er Kalorien erhofft.
Pierre wird von einem Clochard in einem verlotterten Kinderwagen durch die Straßen gekarrt und betritt spätestens jetzt das Stadium elender Verwahrlosung, Erniedrigung und existenzieller Hoffnungslosigkeit.

Aufstehen, laufen, hinsetzen, aufstehen, laufen, hinsetzen, aufstehen, laufen, hinlegen, schlafen….aufstehen, laufen, hinsetzen, aufstehen, laufen, hinsetzen, aufstehen, laufen, hinlegen schlafen…, dazu hungern, dürsten…

Rohmer beschreibt diese Abläufe reduziert, lakonisch und mit einer Dehnung, die durch ihre Wiederholungen auch beim Zuschauer eine Melange von Aggression und dem Bedürfnis nach Hilfestellungen provoziert.

Es scheint, dass Pierre sich auf alle Pariser Bänke gesetzt und gelegt, sich an alle Brückengeländer der Seine gelehnt, alle Treppen der Stadt bewältigt und sich durch alle Straßen bei abendlichen Regen und bei heller Tagessonne gequält hat.

Die Zeit fließt zäh, ein Tag endet in der Länge eines überflüssig und nutzlos gelebten Jahrhunderts.
Doch Pierre läuft und läuft…, er zelebriert die Ruhelosigkeit, um den sinnlosen Abläufen seines Lebens zu entfliehen.
Ein höllischer Kreislauf.
Nur selten winselt er fast unhörbar seinen Jammer aus der vertrockneten Mundhöhle, wenn er z.B. sich in eine Mauer krallt, mit einer keuchenden Klage:“ Immer diese dreckigen Steine, immer diese dreckigen Steine…“

Neben dem Hauptdarsteller und der Stadt mit ihren Straßenschluchten, durch die endlose Autoreihen dröhnen, mit ihren Seine-Ufern und Parks, bevölkert durch launig agierende Menschengruppen, reißt die Musik sich die Funktion des dritten Handlungsträgers zwischen die Violin-Saiten.
Intoniert von Gérard Jarry begleitet die Musik Louis Saguers mit befriedigender Schrägheit und infernalischen Intermezzi den Clochard Pierre in die waagerechte Position auf der vielleicht schmutzigsten Straße von Paris.

Doch dann wendet sich das Blatt, bzw. der Geldschein.
Ob ich mit dem Abschluss der Story zufrieden bin, muss ich mir nochmals überlegen.

Erste Zugabe
———————–

Florales Stillleben mit ornithologischem Akzent, mitten in Leipzig

Zweite Zugabe
————————

Ich bitte um eine Gedenkminute für Toni Joe White, der sich vor wenigen Tagen in den Swamp-Rock-Himmel verabschiedete.


juergenhennekunstkritik.wordpress.com
juergen-henne-leipzig@web.de
ILEFLoffsen2005198309092012dorHH

Oktober 27, 2018 Posted by | Leipzig | Hinterlasse einen Kommentar