Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne und die Chemnitzer Kunstsammlungen

Kunstsammlungen in Chemnitz, Theaterplatz

K.O.Götz, „Ingrid“, Stahl 2002

Schenkung des Künstlers, hängt im Treppenhaus der Chemnitzer Kunstsammlungen.
Karl Otto Götz starb 2017 mit 103 Jahren, ein wesentlicher Vertreter des Informel in Deutschland.

Im Verlauf des Jahres verlässt Ingrid Mössinger dieses Haus, welches sie einundzwanzig Jahre beherrschte (seit 2005 aber auch z.B. die Sammlung Gunzenhauser im ehemaligen Gebäude der Sparkasse und die Villa Esche Henry van de Veldes).

Es wäre für jede andere Stadt ein Segen gewesen, die Sammlung Gunzenhauser als ständige Ausstellung mit markanter Austrahlung in ihr kulturelles Sortiment aufnehmen zu dürfen.
Mir sind die einzelnen Abläufe nicht mehr erinnerlich, doch wurden die Bilder neben Chemnitz auch Dresden und Leipzig mit der Maßgabe angeboten, dass am künftigen Standort ein eigenes Haus zur Darbieteung der Sammlung bereitgestellt wird.

Doch ehe an der Elbe und der Pleiße der Wecker schellte, stand Ingrid Mössinger vor Gunzenshausers Tür und der Vertrag wurde zügig unterschrieben.
Die Dresdner und Leipziger Kunstverwalter putzten sich vielleicht gerade die Zähne.

Bald darauf wurden die Bilder durch das ehemalige Sparkassengebäude (1930) in Chemnitz getragen.
Und Ingrid Mössinger lächelte sicherlich souverän.
Bundespräsident Köhler eröffnete dann Ende 2007 das Museum Gunzenhauser.

Unbedingt bedauerlich für einen Leipziger seit Neandertal-Zeiten, zumal gerade die zentralen Glanznummern dieser Sammlung (Expressionismus, Verismus/Neue Sachlichkeit) in den Hallen der Leipziger Museen kraftvoll gegen Null tendieren.

Neben der ständigen Repräsentation gab es auch bemerkenswerte Sonderausstellungen bei Gunzenhauser.
Ich denke dabei z.B. an Hödicke und Fetting, an Thieler und Münter.

Aber auch durch Sonderausstellungen im Hauptgebäude der Chemnitzer Kunstsammlungen am Theaterplatz wurde man animiert, erwartungsvoll die etwa achtzig Kilometer von Leipzig zum Nordrand des Erzgebirges zu bewältigen.
Ich erinnere mich freudig an- K.O.Götz und Allen Jones, an Scully, Hoehme, Beuys und Adamski. An Beckmanns Selbsporträts, an Grimmling, Warhol und Hähner-Springmühl.
Aber auch an die russischen Peredwischniki und die russische Avantgarde (Die Aufzählung ist unvollständig und chronologisch ungeordnet).

In Anbetracht der bemerkenswerten Leistung Ingrid Mössingers, diese Region fast fugenlos in das traditionell unvergleichliche Kultur-Areal Mitteldeutschlands eingegliedert zu haben, werde ich die aktuellen Ausstellungen von mittelmäßigen bis grottigen Zuschnitt nur oberflächlich umreißen.

Ausstellungsplakat Chemnitzer Kunstsammlungen
Bis 28.Januar

Jacques Lipschitz (1891-1973, geb. in Litauen) siedelte 1909 nach Paris über und begegnete bald Picasso, Braque, aber vor allem Gris und die Aufnahme kubistischer Elemente in seine Bildhauerei ergab sich fast zwingend.
In Chemnitz werden aus dieser Zeit sieben oder acht Arbeiten ausgestellt, uneinholbar die besten und kunsthistorisch wertvollsten der Ausstellung.

Der „Rest“ der Übersicht, kleinwulstige, großwulstige, figurale Bildhauerei mit etwas amorpher Tendenz sowie unauffällig durchschnittliche Porträt-Plastik, können dem Anspruch des frühen Werks nicht folgen.
Aber immerhin kann man dankbar die einzelnen Abschnitte der Kunst von Lipschitz zur Kenntnis nehmen.

Dieses, aus meiner Sicht bemerkenswerte Gefälle auf qualitativer Ebene innerhalb eines Künstlerlebens ist nicht selten.
Ich denke dabei z.B. sofort an den Franzosen A.Derain, Mitglied der „Fauves“ (1905 gegründet, im gleichen Jahr wie die Dresdner „Brücke“), der dann später zu mitunter unerträglichen Stilmitteln des Hellenismus und Klassizismus wechselte.

Ausstellungsplakat Chemnitzer Kunstsammlungen
Von Pablo Picasso bis Robert Rauschenberg
Bis 18.Februar

Eine Schenkung der Sammlung Céline, Heiner und Aeneas Bastian.

Dazu kein Kommentar.
Vielleicht nur der Hinweis, dass ich die Räume recht zügig durchquerte.



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Januar 18, 2018 Posted by | Leipzig | Hinterlasse einen Kommentar

Jürgen Henne und die Pein an altmärkischen Kirchen zum Jahreswechsel

Stendal, Jakobikirche, zwischen Weihnachten und Neujahr 2017

Am Hauptportal ein etwas zerlumpter Hinweis auf die Funktion dieser Kirche als Station eines Pilgerwegs (Jakobsweg).
Doch diese Hütte wirkt derartig abweisend, als hätte seit der Reformation kein Pfarrer-o.Pilgerfuss das Portal durchquert.
Stendal gehört zu den Zentren der Altmark, auf deren Areal zahlreiche Orte als eingetragene Teilnehmer von Sädtebündnissen agieren, die an der Straße der Romanik, an der Fachwerkstraße und eben auch am Jakobsweg liegen (Salzwedel, Arendsee, Seehausen, Rohrberg, Schönhausen, Beuster, Wiepke, Diesdorf)
Eine würdige Aufgabe.

Stendal, Dom St. Nikolai, zwischen…wie oben

Bemerkenswertes Beispiel norddeutscher Backsteingotik.
Von kunsthistorisch erstrangiger Bedeutung ist der reichhaltig bewahrte Bestand an Glasmalerei (Mitte 15.Jahr.).

Stendal, Dom St Nikolai, zwischen….wie oben.

Logo der Initiative „Geöffnete Kirche“ oder präziser „Verlässlich geöffnete Kirche“ der evangelischen Kirchen Deutschlands, der sich auch die Zweigstelle Mitteldeutschlands anschloss.
Also Öffnungszeiten auch außerhalb der Gottesdienste.

Stendal, Dom St Nikolai, zwischen….wie oben.

Hinweis auf Öffnungszeiten, der mir doch einen erheblichen, nachweihnachtlichen Verdruss bereitete.
Mein Verdruss steigerte sich nach den Aufenthalten in Salzwedel und Gardelegen noch erheblich, weil deren „Gotteshäuser“ eine ähnliche Abgrenzungspolitik betreiben, wobei selbst die Angabe der Verriegelungszeiten nicht korrekt angegeben wird.
Denn diese Kirchen bleiben von Oktober bis April ungeöffnet, ein erweitertes Winterhalbjahr.
Also im Jahr fünf Monate geöffnet, sieben Monate verschlossen und mit geöffneten Schießscharten.
Erscheint mir etwas dürftig.
Natürlich werden auch winterliche Gottesdienste angeboten, doch selten in den Kirchen, zumeißt in irgenwelchen Gemeindehütten.
Sicherlich gibt es auch vereinzelte Gruppenführungen, ich vermute mit dreijähriger Voranmeldung.

Doch benötige ich weder Gottesdienste noch Führungen.
Ich möchte nicht von weitgehend labernden Pfarrern behelligt werden.
Auch brüllenden Reiseleitern gehe ich nicht ungern aus dem Weg.
Des Pfarrers Beiträge über aktuelle Zeitläufe und Gottes Gnade sind für mich ähnlich entbehrlich wie des Reiseführers Referate über Architekturgeschichte.

Ich möchte auch keinesfalls die optischen und akustischen Abläufe eines Abendmahls zur Kenntnis nehmen, sie wurden während dieser Tage oft in die Gottesdienste integriert.
Auch nicht das Schlürfen und Lutschen an irgendwelchen Kelchen.

Ich will einfach nur in einer Kirche sitzen, aufstehen, durch den Raum laufen…wieder sitzen, wieder aufstehen, wieder durch den Raum laufen….
Und vielleicht an irgend etwas glauben.
Vielleicht auch nicht.
Das wird mir der liebe Gott wohl zugestehen.
Auch im Winter.
Nur 1-2 Stunden.
Und wenigstens an Wochenenden.

Ich akzeptiere natürlich die Probleme eisiger Kirchen und den Mangel an Rentner-Mumien für Aufsichtspflichten.
Doch erwarte ich zumindest während der weihnachtlichen Wochen bis zum Beginn des neuen Jahres eine Sensibilität für Zeitgenossen, die gerade innerhalb dieser, mitunter lebensgefährlichen und für sie psychisch unerträglichen Zeit in „Gotteshäusern“ Trost und Hoffnung suchen.
Und Gottesdienste in öden Gemeinde-Buden sind dafür nur begrenzt geeignet.

Ich fordere deshalb eine angemessene Bezahlung für mögliche Aufsichtskräfte in Kirchen, die sich zum Wohlergehen ihrer Mitmenschen den winterlichen Misslichkeiten stellen würden.
Denn warum sollte man Gott kostenlos dienen.

Und den Glauben an eine Besucher-Askese während dieser Tage in dieser Region kann ich nicht unterstützen.
Ich denke, dass ich Touristen z.B. durch ihre holländische, französische, ungarische Sprache einordnen konnte, auch vor Kirchen-Portalen.
Und nach der Kenntnisnahme der deutschen Auto-Kennzeichen dürften flächendeckend alle Bundesländer ihre touristischen Botschafter in die Altmark verschickt haben.

Ich vermute, der Grund für diese mangelnde Barmherzigkeit resultiert nicht aus finanziellen Miseren.
Denn für gläubige und ungläubige Gönner sind die Portale scheinbar weit geöffnet.

Bild oben:
Angabe der Sponsoren für die Marienkirche in Gardelegen (Altmark).

Man könnte aber auch z.B. bei den katholische Kollegen um Franz-Peter Tebartz-van Elst in Limburg um finanzielle Unterstützung bitten.



Ehemalige Burg in Kalbe (Altmark), errichtet um 900, mit Nonnenkloster

Aber außer geschlossenen Kirchen gab es z.B. geöffnete Ruinen( s.o.).

Oda aus dieser klösterlichen Gemeinschaft heiratete in der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts Herzog Mieszko, vermutlich der Gründer Polens.
Also europäische Geschicht in Kalbe an der Milde.

Altmärkisches Gewässer mit arg überschaubaren Flächenmetern, kurz vor Beginn der Dämmerung, 29.12.2017.

Denn außer geschlossenen Kirchen und geöffneten Ruinen gibt es eben auch noch eine altmärkische Landschaft.

Zugabe I
Verdrießlichkeit des Tages

Fernsehprogramm am 6.1. 2017, ARD

9-19.57 Uhr
Wintersport

Für diese anspruchsvolle Erfüllung des Bildungsauftrags beschenke ich öffentlich-rechtliche Sendeställe doch gern mit meinen Gebühren.

Zugabe II

LVZ, 6.1.2018

Abgesehen von der unsäglichen Einfältigkeit der Pointe (in diesem Blatt wird auch gelegentlich Donald Trump noch mit Donald-Duck-Schnabel abgebildet) erschrecken mich die Parallelen zu den zwölf grauenhaftesten Jahren deutscher Geschichte.

Es gibt Gesprächspartner, die meine Beiträge lesen und mich dann fragen:

„Du bist wohl für Trump?
Ich antworte:
„Aber nein, aber nein, aber nein…, ich bin keineswegs für Trump.“
Er fragt wieder:
„Und warum schreibst Du dann so etwas.“
Ich antworte:
„Mir geht es mitnichten um Trump, mich beunruhigt nur, dass es Normalität und verbreiteter Wunsch werden, Menschen mit abweichenden Normen sofort in einer Zelle mit dem Türschild „Krankheit, Psychopath, Gefahr…“ anzuketten.“
Er fragt dann:
„Aber Du bist doch trotzdem für Trump.“

Ich wechsele dann in der Regel ziemlich rasant das Thema und wir debattieren anschließend nur noch über RB Leipzig und übers Ficken.

Auch der unerträgliche Daniel Kehlmann charakterisierte schon alle Trump-Wähler u.a. als verwirrt und dem Wahn verfallen („Die Zeit“, 19.Januar 2017).


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Januar 8, 2018 Posted by | Leipzig | Hinterlasse einen Kommentar

Jürgen Henne und Hans Arp in Leipzigs Rosental

Leipzig/Rosental, Abenddämmerung, 3.Dezember.

Kleines Gewässer, teils flüssiger, teils gefrorener Aggregatzustand.

Für eher schlichte Gemüter:

Helle Fläche = Eis + Schnee
Dunkle Fläche = Wasser ohne Eis + ohne Schnee

Ein Bild von Hans Arp, durch die Natur, durch meteorologische Abläufe
herausragend geformt.
Ich stand davor und genoss meine Gänsehaut.
Setzen, 1.

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Dezember 4, 2017 Posted by | Leipzig | Hinterlasse einen Kommentar

Jürgen Henne und die eher unregelmäßig bearbeitete Serie „Irritationen des Alltags“. Heute: „Die verschwörerisch geheimnisvolle Verteilung von Prioritäten durch Leipziger Journalisten

„Mein“ Jimi Hendrix auf Vinyl, Amiga/DDR

LVZ, vor einigen Tagen, zweite Kulturseite, Detail
Text zum 75. Geburtstag von Jimi Hendrix

Legende der Leidenschaft
Erschließt sich mir nicht, diese „Legende der Leidenschaft“.
Irgendwie ein sprachlich-aufgedunsenes Pantoffeltierchen, unter der Maßgabe abgewürgt, sich mit vermeintlicher Bedeutsamkeit aufzudrängen.

Eine Legende, deren Leidenschaft legendär ist.
Also Jimi Hendrix, die leidenschaftliche Legende.
Oder der legendäre Leidenschaftliche.

Dali lebte auch leidenschaftlich, besonders bei seiner Bartpflege und der gemalten Brandstiftung an langhalsigen Steppentieren sowie der Zelebrierung zermatschter Zeitmesser.
Unbedingt legendär.
Auch Picasso war, z.B. während der Anwesenheit weiblicher Zeitgenossen, man sollte auch von einer leidenschaftlichen Legende sprechen, mit legendären Leidenschaften gesegnet.

Oder Reinhold Messner, allein bei seiner Besteigung aller vierzehn Achttausender bewältigte er etwa siebzig Kilometer, die Strecke von Leipzig nach Dessau, eigentlich eine Legende der Leidenschaft.
Auch Pol Pot frönte der Leidenschaft, vorrangig bei der Vernichtung seiner Bevölkerung.
Und Freisler kreischte leidenschaftlich seine Stellung zu einer demokratischen Justiz in die Gerichtssäle, zweifellos legendär.
Ein legendär leidenschhaftlicher Gerichtssaalkreischer.

Flaubert schildert in einer Erzählung den leidenschaftlich geführten, aber zerstörerischen Bücherwahn eines Bibliomanen, Hesse im „Nachtpfauenauge“ das kindlich leidenschaftliche Gefecht um Schmetterlinge und Hoffmann im „Fräulein von Scuderi“ die destruktive Leidenschaft des Goldschmieds René Cardillac zu seinem selbstgefertigten Schmuck (Innerhalb einer Verfilmung agiert als Cardillac der bemerkenswerte Willy A. Kleinau)
Vielleicht keine historischen Legenden der Leidenschaft, doch immerhin literarische Legenden der Leidenschaft.

Es sollte doch gelingen, unter Beachtung der motivierenden Wirkung von Überschriften auf das weitere Informationsinteresse der Leser, eine derartig nervende, unspezifische und einfältig aufgeblähte Wortsülze zu umgehen, um anschließend einen individuell geprägten Hinweis zu bevorzugen.
Denn Dali, Picasso, Messner, Jürgen Henne, Pol Pot, Freisler, Cardillac…wurden und werden durch Leidenschaften getrieben, jeder auf seine Weise und sollten deshalb als Einzelexemplar beschrieben werden, auch in einer Überschrift.

Der erste Satz dieses Beitrags über Jimi Hendrix beschreibt dann das Festival in Woodstock:

Regen, Schlamm, Frieden, Liebe, Sound.
Meine Muskulatur für den Gähn-Vorgang wird aktiviert.

Bald darauf über die Gitarre von Hendrix:

Glühen, bluten, grollen, schreien.
Die Aktivierung meiner Muskulatur für den Gähn-Vorgang wurde abgeschlossen und ich gähne, gähne, gähne…..

Immer diese unergiebigen Wiederholungen, dieser ständig nachgenölte und aufdringlich öde Senf, seit fast fünfzig Jahren.

Bald darauf über Jimi Hendrix`Variante von „Star Spangled Banner“:

…“eine Kakophonie für die schwarzen Bürgerrechtler“…

Ich höre keine Kakophonie bei dieser Version der US-amerikanischen Nationalhymne, nicht alles was lärmt und kreischt ist Kakophonie.
Verfremdung wäre eine angemessene Beschreibung.
Aber wem interessiert das schon.
Schon gar nicht diesen Verfasser, der auch mit euphorisch vermittelten Dilettantismus seine musikhistorische Unkenntnis zelebriert (s.meinen Text vom 19.7.2017)

Nach einem Drittel des Artikels schloss ich die Zeitung und entpellte mein Frühstücksei.
Denn es gibt ja noch wichtige Dinge im Leben.

LVZ, vor einigen Tagen, zweite Kulturseite, Gesamtansicht

Der Text zu Jimi Hendrx wurde am Rand der zweiten Kulturseite fast auf ein unsichtbares Areal gedrängt, in die Rubrik: „Da ist ja noch ein bisschen Platz“.
(links, fast auf dem Tisch, nichts für Einäugige)

Und sofort erinnere ich mich an die Zelebrierung eines Buches von Hartmut König vor wenigen Tagen als dominantes Kulturereignis, welche die erste Seite dieses Teils der Zeitung beherrschte.
Hartmut König, diese unsägliche Erscheinung, dieser biedere, muffige, untertänige Klampfenheini der DDR-Kulturpolitik.

Ich erinnere mich ebenso an die schwärmerischen Informationen selbigen Autors über die neue Kolorierung der DEFA-Filmgurke „Du und ich und Klein-Paris“ (1971), gleichfalls vor einigen Tagen in bevorzugter Stellung auf der Zeitungsseite eingeordnet.
Auch Klaus-Dieter Henkler wird als Schauspieler erwähnt.
Schon der Gedanke an das Duo Hauff/Henkler verursacht bei mir ausuferndes Ohren-Asthma.
Während Hendrix bei den Kultur-Schnuffis der DDR sicherlich Schreikrämpfe auslöste, dürfte dieser Gesangs-Scharlach bei ihnen ein stabiles Hosen-Stäbchen garantiert haben, sicherlich auch bei Hartmut König.

Zugabe zum Thema

LVZ, 1.Dezember, zweite Kulturseite, rechts unten, kaum sichtbar.

Bericht über ein Konzert von „Musica Nova“ (Zwei Tage zuvor).
Diese Reihe beinhaltet ausschließlich Musik des 20/21.Jahrh, eine Leipziger Seltenheit.
Dagegen wird jede musikalische Blähung Beethovens, Mendelssohns, Schumanns….journalistisch frenetisch bejubelt

Und ich denke wiederum zügig an diesen fast das Format sprengenden Text zu Hartmut König und an das Gelaber über „Du und ich und Klein-Paris“, das gleichfalls mit dem Status einer erweiterten Bedeutung beschenkt wurde, gemessen am Quadratzentimetermillimeteranteil innerhalb des Zeitungsformats.

Musik des Tages

Toru Takemitsu
„In An Autumn Garden“

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Dezember 2, 2017 Posted by | Leipzig | Hinterlasse einen Kommentar

Jürgen Henne und die weitgehend unregelmäßig bearbeitete Serie: „Irritationen im Alltag“. Heute: „Jürgen Henne und ein Konzertprogramm des Grauens“. Dazu Gottfried Benn und Morton Subotnick

„IN CONCERT“
„HIGHLIGHTS“

Warum wählt man eigentlich nicht „Konzert“ und bevorzugt „Concert“.
Erschließt sich mir nicht.
Und dann kommt es knüppeldick, wie es meine selige Großmutter launig formuliert hätte.

Roland Kaiser, Helene Fischer, Hits der größten Boygroups aller Zeiten, Chris Norman, Julia Engelmann.
Mit wird schwindlig.
Wenn ich diesen Veranstaltungsführer entrolle, werde ich dann mit Namen wie Fury in the Slaughterhouse, Dieter Thomas Kuhn, Vanessa May, Kelly Family, Howard Carpendale, Kastelruther Spatzen, Mireille Mathieu, Semino Rossi, Matthias Reim, DJ Ötzi gequält, auch eine Schlagernacht des Jahres soll mich begeistern.
Mein Schwindel entschließt sich für eine stabile Aufrechterhaltung.

Außerdem gibt es z.B. noch ein Musical „MIT DEN HITS VON WOLFGANG PETRY“, ein „ELVIS-DAS MUSICAL“, ein „FALCO-DAS MUSICAL“, „THE AUSTRALIAN PINK FLOYD SHOW“,…
Ich finde keine Einwände gegen Presley, Falco, Pink Floyd (Petry übergehe ich einmal), doch diese inzwischen grenzenlose Vermatschung fremder Leistungen strapaziert meine Toleranzgrenze doch beträchtlich.
Da touren z.B. eine Beatles Revival Band, eine Queen Revival Band, eine Status quo Revival Band, eine Led Zeppelin Revival Band, eine Dire Straits Revival Band durch die Gegend.
Und sicherlich noch zahlreiche andere Revivals Bands.

Ich stelle mir vor, „Whole Lotta Love“ ohne Robert Plant und Jimmy Page.
Oder drei Stunden Dire-Straits-Musik ohne Mark Knopfler und drei Stunden Queen-Musik ohne Freddie Mercury.
Dafür aber mit Mike Müller und Sven Schulze aus Wanne Eickel, eingepackt in die gleiche Kleidung wie ihre Vorbilder.
Mir graust.

Es geht eben nicht nur um Musik, auch um Charisma und Erinnerungen.

Natürlich gibt es überragende Cover-Versionem, die aber mitnichten eine deckungsgleiche Version des Originals anstreben.

Ich denke dabei z.B. an die höchst individuell ausgeformte Version von Dylans „All Along the Watchtower“ von Jimi Hendrix oder an Spooky Tooths „I Am the Walrus“ (Beatles).
Gleichfalls an die Bearbeitungen fremder Titel durch Deep Purple („Hush“), durch Vanilla Fudge („You Keep Me Hangin`On“/Supremes) an Ike und Tina Turner („Proud Mary“/CCR) oder an Eric Burdons Animals mit „River Deep-Mountain High“ (Ike und Tina Turner)
Natürlich sollte Joe Cockers „With a Little Help from My Friends“ (Beatles) nicht vergessen werden.

Jedenfalls würde ich mich, wenn beim Anblick einer schönen Frau sich das Volumen in meinem Schritt erweitert und man mir, entsprechend den gegenwärtigen Diskussionen, Sexismus vorwirft und als Strafe mir die Wahl zwischen einer Besuchswoche für diese Konzerte oder die einwöchige Inhaftierung im Chateau d`If abietet, ungemein zügig für die Kerkerzelle von Edmond Dantes entscheiden.

Ich gönne doch jedem seine Freizeitgestaltung und unterstütze des Alten Fritzes Maxime: „Jeder soll nach seiner Facon selig werden“.

Doch wenn ein Veranstalter mir in seinem Programm etwa fünfunddreißig Konzerte anbietet und ich bei keinem dieser Ereignisse auch nur die Möglichkeit erwäge, daran teilzunehmen, muss ich mir vielleicht ängstlich eine galoppierende Verbreiung meiner Dattel bescheinigen oder, soziologisch gesehen, eine zunehmende Infantilisierung breiter Schichten befürchten.

Jedenfalls motiviert mich dieses Konzertprogramm, den Inhalt meiner Spar-Sau auf Grund des Verzichts von Konzert-Billett-Käufen auf einer stabilen Ausdehnung zu halten.

Gohrisch 2014, mit Sofia Gubaidulina, stehend

Gohrisch 2015, mit Isabel Karajan, stehend, noch hinter den Kulissen

Gohrisch 2016, Konzertgelände, mit Fahnen vorn und Strohballen hinten

Gohrisch 2017, mit Sofia Gubaidulina, sitzend

Gohrisch, unmittelbare Umgebung des Konzert-Areals, Jahr für Jahr

Aber es gibt ja noch Leipzigs „Musica Nova“ und die Moritzburger Kammermusiktage, gleichfalls Gohrischs Schostakowitsch-Tage (s.Bilder) und Kristian Järvis „Nordic Pulse“ in Leipzig 2018 (Januar/April/Juni).
Und in Dresden/Hellerau könnte man das gesamte Jahr über campieren.

Der Rüssel meiner Spar-Sau erstarrt.

Und nur wenige Tage vor meinem Geburtstag im kommenden Jahr wird der Lette Andris Nelsons diese gurkige Zeit von Blomstedts und Chaillys Ermüdungskonzerten am Leipziger Gewandhaus für vier Jahre unterbrechen.
Ich liebe diese Geburtstagsgeschenke.

Eine dramatische Entwicklung für die halbmumifizierten Konzertbesucher, die nur noch bei der Musik von Beethoven, Brahms, Mendelssohn, Schumann…. ihre weitgehend vertrockneten, blassen Schlüpfer in den Orchestergraben und auf die Taktstöcke der Dirigenten werfen.

Ich plädiere für eine Erweiterung des baltischen Einflusses auf die Leipziger Konzertpläne.

Zugabe

SPIEGELONLINE(!!) forderte auf, das Outfit ausgewählter Teilnehmer dieser Bambi-Kasperei zu bewerten, eine Bestätigung meiner Entscheidung, mich dieser Zeitschrift nicht mehr zu nähern.
Auch nicht beim Zahnarzt.
Also kein Beitrag über die Bambi-Empfänger, über deren Verdienste und Qualitäten (interessiert mich nur am Rande, aber immerhin), nur die Einladung zur kollektiven Klamottenanklotzerei mit Stimmenabgabe an 24 Leibern (oder 26, ist mir entfallen).


Literatur der Woche

Gunnar Decker:

„Gottfried Benn, Genie und Barbar“

Musik des Tages

Morton Subotnick:

Touch, Part I+II
Jacobs Room, Part I+II


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November 23, 2017 Posted by | Leipzig | Hinterlasse einen Kommentar