Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne und Hans Brosch in der Leipziger Galerie für zeitgenössische Kunst

Mein kunsttheoretisch und sprachlich unverzichtbarer Einsatz für ein Projekt von überragender, fast beängstigender Bedeutsamkeit mit hohem Zeitaufwand erschwert zur Stunde eine weitschweifige Beschreibung der großartigen Ausstellung mit Bildern von Hans Brosch in der Leipziger Galerie für zeitgenössische Kunst.
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Hans Brosch, geb. 1943, übersiedelte 1979 in die Bundesrepublik und wurde, nach anfänglicher Aufmerksamkeit, auch zwischen Flensburg und Sonthofen weitgehend ignoriert.
Brosch, in der DDR ohnehin auf Grund seiner nonfigurativen Kunst nicht gelitten, musste sich einfach dem Pech beugen, dass nach seinem Grenzwechsel der Westen Deutschlands bald wieder von der gegenständlichen Kunst heimgesucht wurde. Und Klaus Werner, sein Förderer und Gründer der Galerie für zeitgenössische Kunst in Leipzig, er starb vor wenigen Wochen, hatte nur noch bedingt Einfluss auf Broschs Popularitätserweiterung.

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Stilistische Bezugspunkte würde ich bei einzelnen Bildern Sonderborgs, bei späten Werken Hans Hofmanns und vor allem bei Walter Stöhrer erkennen.
Für die lyrische Abstraktion, in Paris entwickelt und dann für Europa maßgebend, fühlte sich Brosch ohnehin nicht zuständig (Manessier, Bissiere, Mathieu ). Und auch gegenüber der informellen Kunst Deutschlands ( Bernard Schultze, Otto Karl Götz ) bewahrte er seine Skepsis und bevorzugte eher die härtere, exzessivere Gangart der amerikanischen Expressivität.

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Die Bilder tragen dann Titel wie „Straße“, „Crash“, „Harlekinade“ und „Fuchsbau“

Am 24.Februar gibt es ein Gespräch in der Galerie mit Hans Brosch, Carsten Probst und vielleicht Matthias Flügge u.a. (19 Uhr).

Am 10. März unterhält sich Brosch mit Martin Schieder, 19 Uhr.

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Februar 22, 2010 Posted by | Kunst, Leipzig | Hinterlasse einen Kommentar

Jürgen Henne, arme Würste, armselige Kreaturen, Hans Hartung, Sanddorngetränke, Hodenhochstand, Westropolis, Palenque, Flower Pot Men und die alltägliche Folter, in Deutschland Kunstkritiken zu schreiben

Jürgen Henne, die arme Wurst, die armselige Kreatur mit Hodenhochstand in Paris, auf der Flucht vor einer psychiatrischen Einweisung in Deutschland, noch etwas taumelig nach den zwiespältigen Eindrücken des Besuches der Sainte-Chapelle
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Ich schrieb u.a. in diesem Blog einige Sätze über die Ausstellung Hans Hartungs im Leipziger Bildermuseum. Ich bekräftigte meine hohe Zuneigung zu dessen Kunst und klagte aber über die angebotene Auswahl.
Ein Kommentator bescheinigte mir dann den Status einer „Armen Wurst“, welche sich im Leben langweilt, vom Neid getrieben wird und den „Neid auf das Leben anderer“ in dieser Form herausschreit.
Nur weil ich die Auswahl der Bilder Hartungs im Leipziger Bildermuseum für misslungen hielt und einige seiner Werkteile für nur bedingt ansehnlich? Also Neid auf Hans Hartung, gestorben vor einundzwanzig Jahren mit fünfundachtzig?
Ich lud dieses intellektuelle Schwergewicht zu einem Treffen vor den Bildern Hartungs ein. Meine Befürchtung einer Null-Reaktion erfüllte sich.

—-und etwas misslaunig im hohen Norden Deutschlands nach einer unkontrollierten Verabreichung von Sanddorngetränk mit erhöhtem Umdrehungsangebot, daneben als Beschützer die Frucht einer liebevoll- körperlichen Annäherung
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In unsäglichen Foren wie Westropolis, deren Teilnehmer scheinbar mit Beil und Ku-Klux-Klan-Ansätzen vor ihren Computern kreischen, entschloss man sich scharfsinnig, meinen Status zu variieren und wählte die „Armseelige Kreatur“ als Endlösung, die ihre „unverdauten geistigen Exkremente auf die Tastatur erbricht“ (Die Rechtschreibung entspricht dem Original). Dieser Einordnung wurde dann von einer anderen Forumsteilnehmerin „Klugheit, Witz und Schlagfertigkeit“ zugebilligt. Na, Klasse.
Nur weil ich sanft den Beitrag einer Teilnehmerin dieses Forums in die Kategorie Integrationskitsch eingeordnet hatte.

…und auf der Flucht in den Dschungel von Palenque (Mexiko) bei sechsunddreißig Grad im Schatten und einhundertvierundachtzig Prozent Luftfeuchtigkeit. Doch alles ist besser, als in Deutschland von dem Bedürfnis getrieben zu werden, Kritiken zu schreiben.
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Immer wieder gern werden mir auch Hodenhochstand bescheinigt und Telefonnummern von Psychiatrien empfohlen.
Ich bekenne meine Ratlosigkeit und verstehe diese Kausalitäten nicht. Meine Kritiken, mit heißem Herz und ehrlichem Gemüt empfunden und aufgeschrieben, auf welchem Terrain auch immer, werden spontan in die Tonne für armselige Kreaturen mit Hodenhochstand getreten. Ich erfahre dann von derartigen Hochfrequenz-Denkern nicht die kümmerlichsten Ansätze einer Reaktion auf inhaltlicher Ebene und nicht die Gründe ihres Zorns.
Sicherlich erhalte ich täglich wohlwollende Zustimmung und Huldigungen, die mich fast zu einer rotköpfigen Scham anregen. Aber leider immer nur im privaten Mail-Verkehr. Die Öffentlichkeit wird weitgehend gemieden.

Es ist keine gute Zeit für Kritik. Standartisierter Meinungsgrütze wird nachgehechelt. Der Mechanismus der Anbiederung bei medial vermittelten Normen, die Furcht vor der Zerstörung des eigenen kleinen Lebensentwurfs durch skeptische Fragen des Nachbarn, die Hemmung, sich hin und wieder neben das schützende Durchnittskollektiv zu stellen und die latente Aggressionsbereitschaft bei Entwicklungen außerhalb der Norm treiben auch die Kunstkritik in das Stadium der Überflüssigkeit. Denn wenn jede negative Kritik als Auswurf von Gehässigkeit, Neid und Bösartigkeit verabscheut wird, hat sie tatsächlich keinen Sinn.
Was für ein übles Leben muss demnach Eduard Hanslick geführt haben, der die Sinfonien Tschaikowskis als „stinkende“ Musik bezeichnet hat.

…und vor dem südafrikanischen Tafelberg

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Aber ich habe keine Hemmungen, z.B das Buch „Adam und Evelyn“ des gefeierten Ingo Schulze auf Grund von literarischer Dürftigkeit abzulehnen und für sprachästhetische Feingeister und Verfechter eines intellektuellen Grundanspruchs als unlesbar einzustufen.

Auch gegenüber Helene Hegemann und ihrem Buch entscheide ich mich für eine mittlere Skepsis, ich habe den Band noch nicht gelesen.
Doch die verbreitete Hysterie, verbunden mit dem Hinweis, dass Hegemanns Griffe in die geistigen Terrains anderer Autoren die Literatur positiv beeinflussen und revolutionieren werden und die Abläufe kein Zeichen von Ideenarmut und schriftstellerischer Inkompetenz sind, sondern neue literarische Konzepte anbieten, verursacht bei mir doch eine Portion Weichknie.

…und bei Sturm und Hitze in San Francisco. In unseren Gehörgängen schmalzt ferienselig die Hymne der Flower Pot Men.

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Und ähnlich den Mechanismen bei Brussig, Ingo Schulze,Tellkamp oder Roche (ausnahmslos eher dürftige Literatur, aber schon mit Vergleichen zu Döblin und Th.Mann beschenkt) wird Helene Hegemann von Preisverleihung zu Preisverleihung eilen. Und keine Jury kann sich die Ungeheuerlichkeit leisten, diese Eigendynamik zu unterbrechen.
Die Mittelmäßigkeit triumphiert, Populismus und kalkulierte Markstrategien werden gehobene Ansprüche nie akzeptieren und mit Vehemenz bekämpfen.
In der Kunst und in der Kunstkritik.
Doch das interessiert kein Schwein.

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Februar 15, 2010 Posted by | Leipzig, Literatur, Musik, Verstreutes | Hinterlasse einen Kommentar

Jürgen Henne, „Ein russischer Sommer“ mit Tolstoi, die Zwielichtigkeit radikal vorgetragener Menschenliebe und Dostojewski, Turgenjew, Tschechow und die Pein, vor einer Leinwand zu sitzen

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Wohlgelaunter Tolstoi

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Lew Tolstoi war nie „mein“ schreibender Russe des 19. Jahrhunderts. Diese religiös unterfütterten und moralisierenden Gutmensch-Allüren erschienen mir immer suspekt und etwas zwielichtig.
Meine Titanen der russischen Sprache gruppierten sich da eher um Dostojewski, Turgenjew und Tschechow.
Auch die Tolstojaner mit ihrem Fanatismus, ihrer ewig-vegetarischen Moosfresserei und der unerträglich starren Bereitstellung christlicher Dogmen haben mich schwer genervt.
Jeder soll natürlich seinen Lebensentwurf zelebrieren. Wenn dann aber missioniert und die eigene Lehre als heilige und einzige Wahrheit gepriesen wird, der Menschheitsrest wäre dann Unrat, reagiere ich auffällig eklig. Kinski käme dagegen bei den Dreharbeiten von Fitzcarraldo oder seinen Bibellesungen wie ein sanfter Zeitgenosse daher.
Deshalb hoffte ich, dass mich der Film „Ein russischer Sommer“ etwas versöhnen könnte, doch wurde ich selten so einfältig von der Leinwand drangsaliert.
Ich war bereit, mein Wissen zu erweitern, einzudringen in die russische Welt am Beginn des 20. Jahrhunderts. Doch ein derartiges Nullprogramm für meine intellektuelle Unruhe wurde mir nur selten geboten.
Nicht ein Mindestmaß ernthafter Vorschläge für das Verständnis philosophischer und politischer Dimensionen, literarische Aspekte wurden im Grunde völlig ausgeklammert. Tolstoi war aber ein Schriftsteller, kein Kaninchenzüchter.

Die gesamte Anlage des Films stagniert auf Ebenen von Familienkitsch, Schlagworte wie Freiheit und Gewaltlosigkeit werden da in den Raum gelispelt, doch ohne substanzielle Fundamentlegung.
Tolstojaner bei affiger Gymnastik, eine cholerische Gräfin Tolstoi, der weitgehend gütige Lew, der Sekretär mit seinen ständig feuchten Augen der Ergebenheit und das Klischee des bösartig-schleimigen Tschertkow, dessen eindimensionale Darstellung fast sträflich erscheint, heben diesen Streifen recht locker über die Grenze zur Lächerlichkeit.
Auch die Bildsprache ist weitgehend klischee-tropfend und so alt wie das Leipziger Rosenthal (Grammofon im russischen Garten, in dem Fall mit Puccini auf der Platte). Diese albernen Abläufe kulminieren dann, als zahlreiche Bäuerlein mit ärmlichem Habitus auf dem Bahnhof den Tod Tolstois bekreischen.
Doch dann waren 112 Minuten Film bewältigt und ich suchte das Weite.
Helen Mirren und Christopher Plummer spielen ordentlich, doch nicht überragend und sie können denn Film nicht retten. Die Oscar-Nominierungen kann ich nicht nachvollziehen.

Wandernder Tolstoi mit Sekretär

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Den besten Eindruck machen die vereinzelten Einstellungen vom russischen Birkenwald. Natürlich auch ein Klischee, aber immerhin schön.
Vielleicht lese ich jetzt eine Erzählung Tolstois, die Romane sind mir einfach zu lang.

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Februar 8, 2010 Posted by | Film, Leipzig, Literatur | Hinterlasse einen Kommentar

Jürgen Henne, „Nord“ von Rune Denstad Langlo, Aki Kaurismäki und ein wundervoller Suizid

Hauptdarsteller Anders Baasmo Christiansen als Jomar Henriksen

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Sicher wird Rune Denstad Langlo umfassend David Lynchs „The Straight Story“ zur Kenntnis genommen haben. Auch die Filme Aki Kaurismäkis, Bent Hamers und Jarmuschs dürften Ihm nicht gerade abstoßen.
Und natürlich wird „Nord“ unsere Welt nicht in ein Zeitalter cineastischer Wundertüten überführen.
„Nord“ bleibt aber ein Film, bei dem man auch nach dem Kinobesuch nicht die Lücke in seiner Geldbörse bedauert.
Langlos Streifen verstört nicht, er wirft den Zuschauer nicht als fleischiges Vakuum mit dem lautlosen Urschrei eines depressiven Nervenbündels auf die Straße, um sich sofort mit existenziellen Hauptkategorien zu quälen.
Es dominiert eher ein gemäßigt-optimistischer Ton, dekoriert mit grotesken Abläufen und Situationen, ohne aber zu hysterischen Heiterkeitsorgien genötigt zu werden.

Der Weg Jomars (A.B.Christiansen) in den Norden Norwegens, wo ihm ein vierjähriger Sohn erwarten könnte und die Begegnung mit Landsleuten, die parallel zu des Nordpols Nähe immer skurriler agieren, unterstützen ihn, seine eigene Lebensdürftigkeit zu analysieren. Ein kleines Nummernprogramm bizarrer Einfälle wird abgespult. Etwas tiefschürfendere Erweiterungen hätte man sich schon gewünscht, doch achtundsiebzig Filmminuten sind dazu nicht geeignet.

Ein junger Mann mit großem Traktor, mit einem bemerkenswerten Saufkult (von einem Polen gelernt!) und dem Willen, keine „Schwulenfrucht“ Ananas in seinem Haus zu dulden, ein älterer Herr, der nur mit einem „Ja“-„Ja“-„Ja“ nervt und der Samengreis dann ganz oben und sein wundervoll gelungener Suizid versöhnen zumindest zum Teil mit der Gewissheit, keiner Sternstunde ausufernder Originalität beigewohnt zu haben.

Der alte Same bei der finalen Selbstentsorgung

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Langlo zelebriert eine wirkungsvolle Sprachaskese, philosophisches Dauergeschwätz, wie es sich bei diesem Film anböte, wird durch suggestive Bilder ersetzt. Karge Dialoge in einer Landschaft, die den Menschen auch nicht gerade mit der Atmosphäre des Elysiums empfängt.
Eine mehrwöchige Tour durch Norwegen hat meine Zuneigung zu diesem Land ohnehin erheblich gestählt. Leider wurden keine Stabkirchen ins Bild gerückt, diese ansehnlichen Beiträge zur europäischen Architektur gibt es nur südlicher.
Überhaupt wird die Landschaft als gleichwertiger Bedeutungsträger eingesetzt, welcher neben der Würdigung von Schönheit auch psychisch-seelische Zustandsformen der Bewohner bzw. Durchreisenden abbildet.

Landschaft mit Jomar und brennender Hütte
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Jomar mit Traktorist und Zeugnissen obskurer Sauf-Rituale auf den Köpfen
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Natürlich steht ein Regisseur wie Aki Kaurismäki gerade noch in Sichtweite vor Langlo. Schon bei der kurzfristigen Erinnerung an „Das Mädchen aus der Streichholzfabrik“ bilden sich auf meinem ansehnlichen Körper markante Gänsehautpickel der Begeisterung.
Aber dennoch erwarte ich freudig und aufgeschlossen den nächsten Film von Rune Denstad Langlo

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Februar 5, 2010 Posted by | Film | 2 Kommentare