Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne und Hans Arp in Leipzigs Rosental

Leipzig/Rosental, Abenddämmerung, 3.Dezember.

Kleines Gewässer, teils flüssiger, teils gefrorener Aggregatzustand.

Für eher schlichte Gemüter:

Helle Fläche = Eis + Schnee
Dunkle Fläche = Wasser ohne Eis + ohne Schnee

Ein Bild von Hans Arp, durch die Natur, durch meteorologische Abläufe
herausragend geformt.
Ich stand davor und genoss meine Gänsehaut.
Setzen, 1.

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Dezember 4, 2017 Posted by | Leipzig | Hinterlasse einen Kommentar

Jürgen Henne und die eher unregelmäßig bearbeitete Serie „Irritationen des Alltags“. Heute: „Die verschwörerisch geheimnisvolle Verteilung von Prioritäten durch Leipziger Journalisten

„Mein“ Jimi Hendrix auf Vinyl, Amiga/DDR

LVZ, vor einigen Tagen, zweite Kulturseite, Detail
Text zum 75. Geburtstag von Jimi Hendrix

Legende der Leidenschaft
Erschließt sich mir nicht, diese „Legende der Leidenschaft“.
Irgendwie ein sprachlich-aufgedunsenes Pantoffeltierchen, unter der Maßgabe abgewürgt, sich mit vermeintlicher Bedeutsamkeit aufzudrängen.

Eine Legende, deren Leidenschaft legendär ist.
Also Jimi Hendrix, die leidenschaftliche Legende.
Oder der legendäre Leidenschaftliche.

Dali lebte auch leidenschaftlich, besonders bei seiner Bartpflege und der gemalten Brandstiftung an langhalsigen Steppentieren sowie der Zelebrierung zermatschter Zeitmesser.
Unbedingt legendär.
Auch Picasso war, z.B. während der Anwesenheit weiblicher Zeitgenossen, man sollte auch von einer leidenschaftlichen Legende sprechen, mit legendären Leidenschaften gesegnet.

Oder Reinhold Messner, allein bei seiner Besteigung aller vierzehn Achttausender bewältigte er etwa siebzig Kilometer, die Strecke von Leipzig nach Dessau, eigentlich eine Legende der Leidenschaft.
Auch Pol Pot frönte der Leidenschaft, vorrangig bei der Vernichtung seiner Bevölkerung.
Und Freisler kreischte leidenschaftlich seine Stellung zu einer demokratischen Justiz in die Gerichtssäle, zweifellos legendär.
Ein legendär leidenschhaftlicher Gerichtssaalkreischer.

Flaubert schildert in einer Erzählung den leidenschaftlich geführten, aber zerstörerischen Bücherwahn eines Bibliomanen, Hesse im „Nachtpfauenauge“ das kindlich leidenschaftliche Gefecht um Schmetterlinge und Hoffmann im „Fräulein von Scuderi“ die destruktive Leidenschaft des Goldschmieds René Cardillac zu seinem selbstgefertigten Schmuck (Innerhalb einer Verfilmung agiert als Cardillac der bemerkenswerte Willy A. Kleinau)
Vielleicht keine historischen Legenden der Leidenschaft, doch immerhin literarische Legenden der Leidenschaft.

Es sollte doch gelingen, unter Beachtung der motivierenden Wirkung von Überschriften auf das weitere Informationsinteresse der Leser, eine derartig nervende, unspezifische und einfältig aufgeblähte Wortsülze zu umgehen, um anschließend einen individuell geprägten Hinweis zu bevorzugen.
Denn Dali, Picasso, Messner, Jürgen Henne, Pol Pot, Freisler, Cardillac…wurden und werden durch Leidenschaften getrieben, jeder auf seine Weise und sollten deshalb als Einzelexemplar beschrieben werden, auch in einer Überschrift.

Der erste Satz dieses Beitrags über Jimi Hendrix beschreibt dann das Festival in Woodstock:

Regen, Schlamm, Frieden, Liebe, Sound.
Meine Muskulatur für den Gähn-Vorgang wird aktiviert.

Bald darauf über die Gitarre von Hendrix:

Glühen, bluten, grollen, schreien.
Die Aktivierung meiner Muskulatur für den Gähn-Vorgang wurde abgeschlossen und ich gähne, gähne, gähne…..

Immer diese unergiebigen Wiederholungen, dieser ständig nachgenölte und aufdringlich öde Senf, seit fast fünfzig Jahren.

Bald darauf über Jimi Hendrix`Variante von „Star Spangled Banner“:

…“eine Kakophonie für die schwarzen Bürgerrechtler“…

Ich höre keine Kakophonie bei dieser Version der US-amerikanischen Nationalhymne, nicht alles was lärmt und kreischt ist Kakophonie.
Verfremdung wäre eine angemessene Beschreibung.
Aber wem interessiert das schon.
Schon gar nicht diesen Verfasser, der auch mit euphorisch vermittelten Dilettantismus seine musikhistorische Unkenntnis zelebriert (s.meinen Text vom 19.7.2017)

Nach einem Drittel des Artikels schloss ich die Zeitung und entpellte mein Frühstücksei.
Denn es gibt ja noch wichtige Dinge im Leben.

LVZ, vor einigen Tagen, zweite Kulturseite, Gesamtansicht

Der Text zu Jimi Hendrx wurde am Rand der zweiten Kulturseite fast auf ein unsichtbares Areal gedrängt, in die Rubrik: „Da ist ja noch ein bisschen Platz“.
(links, fast auf dem Tisch, nichts für Einäugige)

Und sofort erinnere ich mich an die Zelebrierung eines Buches von Hartmut König vor wenigen Tagen als dominantes Kulturereignis, welche die erste Seite dieses Teils der Zeitung beherrschte.
Hartmut König, diese unsägliche Erscheinung, dieser biedere, muffige, untertänige Klampfenheini der DDR-Kulturpolitik.

Ich erinnere mich ebenso an die schwärmerischen Informationen selbigen Autors über die neue Kolorierung der DEFA-Filmgurke „Du und ich und Klein-Paris“ (1971), gleichfalls vor einigen Tagen in bevorzugter Stellung auf der Zeitungsseite eingeordnet.
Auch Klaus-Dieter Henkler wird als Schauspieler erwähnt.
Schon der Gedanke an das Duo Hauff/Henkler verursacht bei mir ausuferndes Ohren-Asthma.
Während Hendrix bei den Kultur-Schnuffis der DDR sicherlich Schreikrämpfe auslöste, dürfte dieser Gesangs-Scharlach bei ihnen ein stabiles Hosen-Stäbchen garantiert haben, sicherlich auch bei Hartmut König.

Zugabe zum Thema

LVZ, 1.Dezember, zweite Kulturseite, rechts unten, kaum sichtbar.

Bericht über ein Konzert von „Musica Nova“ (Zwei Tage zuvor).
Diese Reihe beinhaltet ausschließlich Musik des 20/21.Jahrh, eine Leipziger Seltenheit.
Dagegen wird jede musikalische Blähung Beethovens, Mendelssohns, Schumanns….journalistisch frenetisch bejubelt

Und ich denke wiederum zügig an diesen fast das Format sprengenden Text zu Hartmut König und an das Gelaber über „Du und ich und Klein-Paris“, das gleichfalls mit dem Status einer erweiterten Bedeutung beschenkt wurde, gemessen am Quadratzentimetermillimeteranteil innerhalb des Zeitungsformats.

Musik des Tages

Toru Takemitsu
„In An Autumn Garden“

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Dezember 2, 2017 Posted by | Leipzig | Hinterlasse einen Kommentar

Jürgen Henne und die weitgehend unregelmäßig bearbeitete Serie: „Irritationen im Alltag“. Heute: „Jürgen Henne und ein Konzertprogramm des Grauens“. Dazu Gottfried Benn und Morton Subotnick

„IN CONCERT“
„HIGHLIGHTS“

Warum wählt man eigentlich nicht „Konzert“ und bevorzugt „Concert“.
Erschließt sich mir nicht.
Und dann kommt es knüppeldick, wie es meine selige Großmutter launig formuliert hätte.

Roland Kaiser, Helene Fischer, Hits der größten Boygroups aller Zeiten, Chris Norman, Julia Engelmann.
Mit wird schwindlig.
Wenn ich diesen Veranstaltungsführer entrolle, werde ich dann mit Namen wie Fury in the Slaughterhouse, Dieter Thomas Kuhn, Vanessa May, Kelly Family, Howard Carpendale, Kastelruther Spatzen, Mireille Mathieu, Semino Rossi, Matthias Reim, DJ Ötzi gequält, auch eine Schlagernacht des Jahres soll mich begeistern.
Mein Schwindel entschließt sich für eine stabile Aufrechterhaltung.

Außerdem gibt es z.B. noch ein Musical „MIT DEN HITS VON WOLFGANG PETRY“, ein „ELVIS-DAS MUSICAL“, ein „FALCO-DAS MUSICAL“, „THE AUSTRALIAN PINK FLOYD SHOW“,…
Ich finde keine Einwände gegen Presley, Falco, Pink Floyd (Petry übergehe ich einmal), doch diese inzwischen grenzenlose Vermatschung fremder Leistungen strapaziert meine Toleranzgrenze doch beträchtlich.
Da touren z.B. eine Beatles Revival Band, eine Queen Revival Band, eine Status quo Revival Band, eine Led Zeppelin Revival Band, eine Dire Straits Revival Band durch die Gegend.
Und sicherlich noch zahlreiche andere Revivals Bands.

Ich stelle mir vor, „Whole Lotta Love“ ohne Robert Plant und Jimmy Page.
Oder drei Stunden Dire-Straits-Musik ohne Mark Knopfler und drei Stunden Queen-Musik ohne Freddie Mercury.
Dafür aber mit Mike Müller und Sven Schulze aus Wanne Eickel, eingepackt in die gleiche Kleidung wie ihre Vorbilder.
Mir graust.

Es geht eben nicht nur um Musik, auch um Charisma und Erinnerungen.

Natürlich gibt es überragende Cover-Versionem, die aber mitnichten eine deckungsgleiche Version des Originals anstreben.

Ich denke dabei z.B. an die höchst individuell ausgeformte Version von Dylans „All Along the Watchtower“ von Jimi Hendrix oder an Spooky Tooths „I Am the Walrus“ (Beatles).
Gleichfalls an die Bearbeitungen fremder Titel durch Deep Purple („Hush“), durch Vanilla Fudge („You Keep Me Hangin`On“/Supremes) an Ike und Tina Turner („Proud Mary“/CCR) oder an Eric Burdons Animals mit „River Deep-Mountain High“ (Ike und Tina Turner)
Natürlich sollte Joe Cockers „With a Little Help from My Friends“ (Beatles) nicht vergessen werden.

Jedenfalls würde ich mich, wenn beim Anblick einer schönen Frau sich das Volumen in meinem Schritt erweitert und man mir, entsprechend den gegenwärtigen Diskussionen, Sexismus vorwirft und als Strafe mir die Wahl zwischen einer Besuchswoche für diese Konzerte oder die einwöchige Inhaftierung im Chateau d`If abietet, ungemein zügig für die Kerkerzelle von Edmond Dantes entscheiden.

Ich gönne doch jedem seine Freizeitgestaltung und unterstütze des Alten Fritzes Maxime: „Jeder soll nach seiner Facon selig werden“.

Doch wenn ein Veranstalter mir in seinem Programm etwa fünfunddreißig Konzerte anbietet und ich bei keinem dieser Ereignisse auch nur die Möglichkeit erwäge, daran teilzunehmen, muss ich mir vielleicht ängstlich eine galoppierende Verbreiung meiner Dattel bescheinigen oder, soziologisch gesehen, eine zunehmende Infantilisierung breiter Schichten befürchten.

Jedenfalls motiviert mich dieses Konzertprogramm, den Inhalt meiner Spar-Sau auf Grund des Verzichts von Konzert-Billett-Käufen auf einer stabilen Ausdehnung zu halten.

Gohrisch 2014, mit Sofia Gubaidulina, stehend

Gohrisch 2015, mit Isabel Karajan, stehend, noch hinter den Kulissen

Gohrisch 2016, Konzertgelände, mit Fahnen vorn und Strohballen hinten

Gohrisch 2017, mit Sofia Gubaidulina, sitzend

Gohrisch, unmittelbare Umgebung des Konzert-Areals, Jahr für Jahr

Aber es gibt ja noch Leipzigs „Musica Nova“ und die Moritzburger Kammermusiktage, gleichfalls Gohrischs Schostakowitsch-Tage (s.Bilder) und Kristian Järvis „Nordic Pulse“ in Leipzig 2018 (Januar/April/Juni).
Und in Dresden/Hellerau könnte man das gesamte Jahr über campieren.

Der Rüssel meiner Spar-Sau erstarrt.

Und nur wenige Tage vor meinem Geburtstag im kommenden Jahr wird der Lette Andris Nelsons diese gurkige Zeit von Blomstedts und Chaillys Ermüdungskonzerten am Leipziger Gewandhaus für vier Jahre unterbrechen.
Ich liebe diese Geburtstagsgeschenke.

Eine dramatische Entwicklung für die halbmumifizierten Konzertbesucher, die nur noch bei der Musik von Beethoven, Brahms, Mendelssohn, Schumann…. ihre weitgehend vertrockneten, blassen Schlüpfer in den Orchestergraben und auf die Taktstöcke der Dirigenten werfen.

Ich plädiere für eine Erweiterung des baltischen Einflusses auf die Leipziger Konzertpläne.

Zugabe

SPIEGELONLINE(!!) forderte auf, das Outfit ausgewählter Teilnehmer dieser Bambi-Kasperei zu bewerten, eine Bestätigung meiner Entscheidung, mich dieser Zeitschrift nicht mehr zu nähern.
Auch nicht beim Zahnarzt.
Also kein Beitrag über die Bambi-Empfänger, über deren Verdienste und Qualitäten (interessiert mich nur am Rande, aber immerhin), nur die Einladung zur kollektiven Klamottenanklotzerei mit Stimmenabgabe an 24 Leibern (oder 26, ist mir entfallen).


Literatur der Woche

Gunnar Decker:

„Gottfried Benn, Genie und Barbar“

Musik des Tages

Morton Subotnick:

Touch, Part I+II
Jacobs Room, Part I+II


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November 23, 2017 Posted by | Leipzig | Hinterlasse einen Kommentar

Jürgen Henne und die eher unregelmäßig bearbeitete Serie: „Jürgens Bilderbogen, ohne überbordente Kommentare.“ Heute: „Jürgens Jenenser Bilderbogen, ohne überbordene Kommentare.“

Jena ist sicherlich nicht meine ganz große Sehnsuchtsstadt.

An die Schlacht bei Jena/Auerstedt am Beginn des 19.Jahrhunderts würde ich spontan denken und an die Aktivitäten der Jenenser Studenden bei der Drescherei gegen Napoleon, „dokumentiert“ durch Ferdinand Hodler.
Das Bild hängt in der Schiller-Universität.

Auch Ernst Haeckel in Jena käme mir zügig in den Sinn.
Ich las schon recht früh das Kinder/Jugendbuch „Entdeckungsfahrt mit der Beagle“, welches u.a. die Fahrten Darwins und Haeckels Kampf um die Verbreitung des Darwinismus beschreibt.
Und gleichfalls ärgerte ich mich schon früh, dass er von einfältigen Ignoranten als „Affendoktor“ gedemütigt wurde.

Und natürlich trieb sich die literarische, philosophisch-idealistische Romantik im thüringischen Verlauf der Saale herum und pflanzte ihre blaue Blume in die studentischen Köpfe (Novalis, Tieck, Schlegel, Schelling, Fichte,…)

Ich erinnere mich auch an meine pubertäre Fussball-Euphorie, die ich, etwa gefühlt im 13.Jahrhundert, dem Jenaer Club spendete, vor allem Peter Ducke, dem wundervoll schrägen, ewig cholerisch wütenden Mittelstürmer aus Thüringen.

Doch im Zentrum einer Stadtführung sollte natürlich das Geburtshaus von Sarah Wagenknecht stehen, mit Oskar als Stadtführer.
Eine Intensivbehandlung wird danach im Universitäts-Klinikum angeboten.

Aber auch beachtliche Ausstellungen könnten zu einem Besuch Jenas motivieren, z.B. „Es gibt nur ein Programm: Freiheit!“, eine außerordentlich ansehnliche Übersicht mit expressionistischer Malerei, Grafik und Zeichnungen im Städtischen Museum, Markt 7.
Zum 100. Todestag von Botho Graef.
Leider nur noch bis 19.November.

Bilder der Ausstellung

Ernst Ludwig Kirchner
„Garten Graef in Jena“, 1916, Öl/Lw.

E.L.Kirchner
„Kopf Professor Graef“, 1915, Holzschnitt
In Berlin geboren, lehrte Botho Graef fünfzehn Jahre in Jena und entwickelte die Stadt schon am Beginn des 20.Jahrhunderts zu einem Zentrum damals zeitgenössischer Kunst.
Einzelheiten kann man sicherlich bei Wikipedia verfolgen.
Oder irgendwo anders.

E.L.Kirchner
Lithografie
Der Bildtitel ist mir entfallen.
„Badestube beim Militär“ oder ähnlich.

E.L.Kirchner
„Promenade vor dem Café, Farblithografie auf Velin-Papier.
Die fotografische Widergabe ist mir hochgradig misslungen.
Dieser nervige Gelb-Grund malträtiert die Augen.
Doch die hochwertige Flächenfüllung, dieses edle Zusammenspiel von Linien und Formen kann man aber durchaus nachvollziehen.

Ferdinand Hodler
„Der Schwur“, 1915, Öl/Lw.

Ferdinand Hodler
„Berggipfel am Morgen“, 1915, Öl/Lw.

Dieser Hodler gefällt mir besser.

Erich Kuthian
Landschaft.
In Nordrhein-Westfalen geboren, lehrte er ab Sommer 1903 an der freien Zeichenschule in Jena.
Das Bild irritiert mich etwas.
Besonders das obere Drittel erinnert mich doch eindringlich an die grundsätzlichen Visionen von Sascha Schneider und Findus.
Und das muss nun wirklich nicht sein.

Bilder von Heckel, Nolde, Schmidt-Rottluff kann ich nicht anbieten.
Mein Fotografenapparat hatte die Hufe hochgerissen.

Vom Städtischen Museum nur 3x den aktuellen Weltrekord im Dreisprung wiederholen und man steht vor St. Michael, die wichtigste Kirche in Jena.

Blick durch das Mittelschiff zum Chor.
Spätgotische Hallenkirche ( Seitenschiffe mit gleicher Höhe wie Mittelschiff, im Gegensatz zum basilikalen Typ).
Romanische Saalkirche als Vorgängerbau im 11.Jahrh., die aktuelle Kirche wurde im ersten Jahrzehnt des 16.Jahrhunderts beendet.
Die Arbeit am Turm dauerte fünfzig Jahre länger.

Herausragende Hallenkirchen Mitteldeutschlands stehen z.B. in Annaberg, Pirna, Schneeberg, Freiberg.

Gewölbe-Detail, der sogenannte Jenaer Stern.

Teile des Gewölbes wurden im 2.Weltkrieg zerstört.

Heiliger Michael, Holz, Mitte 13.Jahrhundert.
Einer der wenigen Erzengel.
Er meuchelte den Teufel, der nicht selten in Drachen-Maskerade auftrat.
Wertvollster Beitrag dieser Kirche zur Kunstgeschichte.

Epitaph
Keine Ahnung, wessen auf dieser Gedenktafel gedacht wurde.
Aber durchaus eine qualitätsvolle Arbeit.

Luthers Grabplatte
Tatsächlich das originale Teil, welches an Luthers Grube in Wittenberg abgeladen werden sollte.
Über die Gründe will ich nicht referieren, ist mir zu anstrengend.
Begriffe wie Schmalkaldischer Krieg, Schmalkaldischer Frieden 1547, Luther starb 1546, Karl V, Gründung des sächsischen Kurfürstentums, Wittenberg lag dann außerhalb des Areals der ernestinischen Wettiner, Geschenk an die Jenaer Universität…kann ich mir gerade noch abquälen.


Zugabe

Die Kunstsammlungen Jena eröffnen am 2.Dezember eine Ausstellung mit Arbeiten von Niki de Saint Phalle.

Digital Camera P42001

Jürgen und Niki im Giardino dei Tarocchi in Capalbio, südliche Toskana.


Musik des Tages

John Zorn, „Naked City“ und zahlreiche andere Scheiben Zorns.


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November 14, 2017 Posted by | Leipzig | Hinterlasse einen Kommentar

Jürgen Henne und ein Moritzburger Bilderbuch mit Beispielen gemalter Einblicke nach der Umgestaltung der Hallenser Kunstsammlungen, ohne überbordende Kommentare. Teil 1, „Moderne eins“.

Kunstsammlung Moritzburg, Halle/S., 1.Obergeschoss, Westflügel.
„Moderne eins“, Auschnitt

Mit Bildern u.a. von Felixmüller (vorn, links), Jawlensky (vorn, rechts), Beckmann (ein früher Max) hinten rechts, Klimt (ein mittlerer Gustav) hinten links…..

Otto Dix
Versuchung des hlg. Antonius, 1942, Öl/Holz
Der veristische, neu-sachliche Maler mit dem stechenden, sozialkritischen Blick auf religiös-naiven „Abwegen“.
Ziemlich nervend.
Ein Bild aus den Jahren seiner „inneren Emigration“.
Wirksamere Versionen der Storys um die Belästigungen des ägyptischen Eremiten und Begründer der christlich-mönchischen Existenzform malten natürlich z.B. H.Bosch und M.Grünewald (Isenheimer Altar, Colmar).

Innerhalb der Musik des 20.Jahrh. hat Paul Hindemith dieses Thema herausragend und mit diszipliniertem Duktus zwischen die Notenzeilen gesetzt.

Georg Schrimpf
Drei Mädchen, 1932, Öl/LW.
Vertreter der Neuen Sachlichkeit in Deutschland, Reaktion auf die Zersplitterung der Formen z.B. im Expressionismus. Durchaus in der Tradition zur frühen Renaissance Italiens und Nebenwege können auch bis an die Barriere zu Surrealismus und Pittura metafisica führen (Radziwill).

Karl Völker
Proletariermädchen, 1925, Öl/Lw/Holz
Handwerklich bemerkenswert.
Mitglied der „Novembergruppe“ (ab 1918) und Verbindungen zur „Asso“ (Assoziation revolutionärer bildender Künstler), ab Ende der zwanziger Jahre.
In Maßen vergleichbar mit Curt Querner und Otto Griebel, auch mit Dix in seinen grandiosen Zeiten.

Lyonel Feininger
Dom Halle, 1931, Öl/Lw.
Die Literatur über Feiniger bringt Bibliotheksmagazine zum Bersten.
An dieser Stelle also Schicht im Schacht.
Aber vielleicht nur der Hinweis, dass z.B. ein Besuch der Kirche in Gelmeroda (A 4, Abfahrt Weimar) bereichernde Ergebnisse bringen könnte.
Feininger malte sie ausgiebig.
Und auf der Insel Usedom kann man auch zahlreichen Motiven folgen, die Feininger zeichnete und malte, z.B. die Holländermühle in Benz, die dann Otto Niemeyer-Holstein kaufte.
Auf dem Benzer Friedhof wurde neben Niemeyer-Holstein und Carola Stern auch Rolf Ludwig beigesetzt, der vortrefflichste Mime der DDR.

Ein paar Tage in Feiningers Radspur könnte als erholsame Alternative zu der intellektuellen Dauerbelastung in Leipzig durch die quälende Dauerpräzens eines Leipziger Fußballclubs durchaus Bestand haben.

Oskar Nerlinger
Brücken-Emil, 1925, Öl/Lw.
Während der 20er Jahre Annäherung an Herwalth Waldens Zeitschrift „Sturm“ mit durchaus bemerkenswerten Arbeiten, ab 1932 Mitglied der „Asso“, Beginn des Niedergangs. Bald nach dem Kriege Übersiedlung in die DDR, Vollendung des künstlerischen Niedergangs.

Alexej von Jawlenski
Frauenkopf, 1912/13, Öl/Malkarton
Eine ähnliche Situation wie bei Feiniger, s.o.
Also gleichfalls Schicht im Schacht.

Wiederum nur der Hinweis, daß im Chemnitzer Museum Gunzenhauser neben Sammlungen in Museen von Dortmund, Wiesbaden und Pasadena(Kalifornien) das global umfassendste Angebot der Bilder Jawlenskys lagern und das ich innerhalb der vergangenen Jahre wohl von keinem anderen Künstler eine derartig reichliche Anzahl von Arbeiten in öffentlichen Ausstellungen gesehen habe.
Es hat mich natürlich sehr erfreut.

Kunst in Deutschland zwischen 1933 und 1945

Heinz Trapp

Fritz Klimsch

Paul Mathias Padua

Bei zwei dieser letzten Bildern erfasst mich eher ein gemäßigtes Unwohlsein.
Klimsch und Trapp, der mir völlig unbekannt war, haben Kunst zubereitet, die massiver die Übelkeitsdrüsen aktivieren.
Und Gedanken kommen natürlich sofort an diese gesamte Ekel-Truppe um Ziegler, Wissel, Hilz, Ziegler, Peiner, Dettmann, Happ, Thorak, Breker…., wobei man Breker aber unbedingt ein hohes künstlerisches Vermögen zugestehen sollte.

Diese lächerlich abgelutschten Gurken-Leiber von Trapp und Klimsch, an denen vielleicht schon Himmler und Streicher mit feuchtem Schritt herumleckten, kann man getrost in den Bottich schieben.
Bei Paduas widerwärtiger Propaganda wurden dagegen unheilvollere Reaktionen angestrebt.
Ein Junge, vielleich 12/14-jährig, trommelt mit Hingabe, mit heißem Gesicht im Licht der Glut des Hintergrunds und einer exzessiven Opferbereitschaft, mit einem Willen zu töten und selbst zu sterben, in der „entscheidenden“ Schlacht für Hitler und für das „Deutsche Vaterland“.
Als „Letztes Aufgebot“.
Das Bild malte Padua 1944, also die gemalte Forderung und die gemalte Erwartung auch an Kinder, Deutschland bis zum letzten Tag zu verteidigen.

Vergleichbar mit Veit Harlans Film „Kolberg“, eine Beschreibung des Sieges der Bevölkerung Kolbergs im heutigen Polen gegen die Übermacht der Armee Napoleons (1806).
Von fast schmerzhafter Intensität und einem unbeschreiblichen Heinrich George.
Doch Veit Harlan und auch Leni Riefenstahl hätten auf der Nürnberger Anklagebank Platz nehmen müssen.
Eigentlich auch Padua.

Doch Padua wurde 78 Jahre alt, Riefenstahl 101, Klimsch 90 und Trapp 92.

Ich vermute, der Trommler erreichte nicht dieses Alter.
Auch nicht tausende Kinder in Berlins Straßen während der ersten Monate 1945.


Teil 2, „Moderne zwei“ folgt in Bälde

Musik des Tages

Francis Poulenc
Konzert für Orgel, Streicher und Pauke g-moll
Konzert für Cembalo und Orchester

Ich bin keineswegs eingetragenes Mitglied im Fanclub Orgel und Cembalo.
Doch diese Konzerte sind herausragend.
Mit Seiji Ozawa und dem Boston Symphony Orchestra.


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Und dann noch diese infantile DSprtachen und Gedankengänge von höchster Einfalt.

November 4, 2017 Posted by | Leipzig | 1 Kommentar