Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne und die verlorene Welt zwischen historisch unfassbaren Sensationen und blamabel desaströsen Katastrophen

Heimatlicher Fernseher, Biathlon (liegend)

Heimatlicher Fernseher, Biathlon (stehend)

Phantastisch
Unglaublich
Sensationell
Historisch
Unvorstellbar
Überragend
Ausgezeichnet
Brillant
Super
Pulverisierend
Klasse
Unfassbar
Perfekt
Wahnsinn
Großartig
Grandios

Bei dieser Aufzählung könnte man vermuten, mit seiner Nase in einem Synonymwörterbuch zu stecken.
Aber mitnichten, etwa dreißig Minuten einer Reportage im deutschen Fernsehen über die Disziplin Massenstart innerhalb des olypischen Biathlons in diesen Tagen habe ich in Stichworten notiert.
Einzelne Begriffe hymnischen Zuschnitts wurden mehrmals in den Äther gekräht.


Sprachlicher Ablauf der Reportage (Fiktiv, doch recht nah an des Reporters Vokabular)

Vier Schussserien eines deutschen Athleten, zweimal liegend und zweimal stehend zu jeweils fünf Schüssen, bedeutet viermal, nach jeweils fünf Schüssen: „Unvorstellbar, unglaublich, überragend…..“

Fünfmaliges Schießen eines deutschen Athleten bedeutet bei vier Schussserien zwanzig Schüsse und zwanzigmal „Wahnsinn, grandios, phantastisch….“

Vier Schussserien bei vier deutschen Athleten als vier Teilnehmer dieses Wettkampfes, zweimal liegend und zweimal stehend zu je fünf Schüssen, bedeutet sechzehnmal, nach jeweils fünf Schüssen: „Brillant, super, sensationell…“

Vier deutsche Athleten als vier Teilnehmer dieses Wettkampfes schießen bei einem Wettkampf mit vier Schussserien zu jeweils fünf Schüssen insgesamt achtzig Schüsse.
Also achtzigmal: „Unglaublich, sensationell, historisch, unfassbar….“

Beispiel der spachlichen Beschreibung eines Schießblocks mit fünf Schüssen, stehend oder liegend (Fiktiv, doch recht nah an des Reporters Sprache).

Erster Schuss: „Perfekt“
Zweiter Schuss:„Großartig“
Dritter Schuss:„Unvorstellbar“
Vierter Schuss:„Sensationell“
Fünfter Schuss:„Historisch“

Und es bleibt natürlich noch die Laufzeit mit zahlreichen Zeitmessungen auf der Strecke.
Also genug Möglichkeiten für eine reichhaltige Anwendung von: „Überragend, Wahnsinn, sensationell….“

Wenn eine Fußball-Mannschaft gegen ein Team von ählicher Qualität in dessen Stadion mit 1:2 verliert, spricht und schreibt man in der Regel von einem Desaster, von einer Pleite oder einem Fiasko. Auch die Blamage, das Debakel, der Flop und die Katastrophe werden zur Beschreibung einer Niederlage von 1:2 gegen eine gleichwertige Mannschaft in deren Stadion eingesetzt.
Feingeister nutzen auch den Begriff der Tragödie.

Es wird nur noch gekreischt, gelärmt, krakeelt.

Der Verlust der Zwischentöne, die Verschüttung der Mittelwege, der Abstufungen und Nuancierungen zwischen sprachlich mutierten Brachial-Blöcken, der mangelnde Einsatz von sensibel formulierter Wertigkeit treibt die emotionalen und rationalen Ebenen einer sinnvollen Kommunikation in die unzivilisierten Niederungen primitiver, infantiler Brunst-Schreie.
Der Wegfall dieser Welt reicher Schattierungen zwischen „überragend, perfekt, grandios“ und „desaströs, katastrophal, blamabel“ führt zu unsäglich vergröberten Denk-u.Beurteilungsstrukturen.

Und wie wird man die Forschungergebnisse benennen, welche z.B. die Krankheiten Krebs und Aids aus der künftigen Menschheitsgeschichte tilgen würden, wenn die Begriffe „sensationell“ oder „historisch“ schon für die hundertprozentige Trefferquote bei einer Schussserie innerhalb eines Biathlon-Wettkampfes vergeben sind, liegend oder stehend?

Oder wie wird man künftig Sophie Scholl, Dietrich Bonhoeffer, Janos Korczak beurteilen, wenn der Begriff „Held“ schon einem Fußballer verliehen wird, der während eines Meisterschaftsspiels aus vierzig Metern den Ball im Tor versenkt?

Oder wie soll man z.B. Attila und Robin Hood einordnen oder Störtebeker und Vlad III.Draculea, wenn der Begriff „Legende“ schon für einen Boxer verwendet wird, der seinen Gegener derartig malträtierte, dass er abschließend nur noch als roher Fleisch-Klops aus dem Ring gerollt werden konnte?

Fragen über Fragen.
Doch wer weiß das schon.
Denn es ist ein weites Feld (Fontane)


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Februar 21, 2018 Posted by | Leipzig | Hinterlasse einen Kommentar

Jürgen Henne und die eher unregelmäßig bearbeitete Serie: „Jürgen Henne und die Verstreuungen des Alltags.“

Schkeuditz, Art Kapella, ehemalige Friedhofskapelle

Verstreuung I

„Cluster und Linien“

Ausstellung in der Art Kapella Schkeuditz.

Freya Richter, Rauminstallation
Anja Kleinmichel, Klavier, Musik von Galina Ustwolskaja







In einem Begleittext zur Ausstellung wird von Freya Richters „Raummalerei“ geschrieben, die sie seit 2004 in zahlreichen Umgebungen zelebriert.
Von einer festgelegten Sammlung unterschiedlicher Gegenstände, die den Raum „immer wieder anders befragt“, begleitet von der Musik G. Ustwolskajas.
Raummalerei und Musik entwickeln, entsprechend verbunden mit dem jeweiligen Umfeld, neue und unverwechselbare Dimensionen.

Klingt ziemlich wichtig, ist nicht ausufernd originell und ich konnte diese Wirkung nicht nachvollziehen.
Denn bei meinem Besuch in Schkeuditz lagen, standen, schwebten Kleidungsstücke, Taschen, Brotbüchsen, Getränkebehälter,….zwischen Freya Richters Raummalerei.
Auch G.Ustwolskajas Musik vermisste ich schmerzlich.

An einem Tisch im Zentrum der ehemaligen Friedhofskapelle saßen die Eigentümer von Kleidungsstücken, Taschen, Brotbüchsen, Getränkebehältern,…. eine Formation malender, zeichnender Zeitgenossen, die altersmäßig weitgehend in der zweiten Hälfte der Jahreszahlen zwischen 1.u.100 angesiedelt waren.
Ein wunderbarer Anblick.
Doch eine konzentrierte Ausstellungsbegehung war dadurch nicht möglich.

Als eine Teilnehmerin den Grund meines Besuches zur Kenntnis nahm und etwas genervt, vielleicht auch etwas spöttisch, ein wissendes „Sowas nennt man heute Kunst!“ formulierte, prophezeite ich mir selbst einige unterhaltsame Minuten.

Ich versuchte, mimisch meine Distanz zu diesem unreflektierten Verhältnis gegenüber zeitgenössischer Kunst auszudrücken, worauf ein stattlicher Mann mich etwas herrisch aufforderte: „Nun erklären sie uns doch diese Kunst!“

Meine Antwort reduzierte sich auf die lakonisch vorgetragene, natürlich etwas überspitzte Feststellung: „Kann ich nicht, will ich nicht, interessiert mich auch nicht“ und vertiefte diese Selbsteinschätzung mit dem Hinweis, dass mich spontan abgespulte, nervig dahin gelaberte Frontal-Interpretationen von Kunstwerken erstklassig anöden.

Es folgte ein kollektives Lächeln der Hobby-Künstler, scheinbar unterlegt mit der Gewissheit, irgendeinen Blödmann vor sich zu haben, der nur im Wege herumsteht.

Ich begann darauf inständig zu mahnen, sich mit zeitgenössischer Kunst einzulassen (auch mit Musik, Literatur…) und bat darum, Linien zeitgenössischer Kunst zu den gegenwärtigen Ebenen und Verhältnissen sich gnadenlos wandelnder Gesellschaften zu ziehen.
Und nun folgte das gesamte Angebot von Klischees, dem ich mich seit meinem 20.Lebensjahr stelle, also seit Ende des dreißigjährigen Krieges: „Derartige Kunst kann ich auch“, „Das kann mein fünfjähriger Urenkel besser“, „Früher konnten sie wenigstens noch richtig malen“, …..
Ich redete dann von der Notwendigkeit zeitgemäßer Kunst, von der Überflüssigkeit kollektiver Interpretationen und von individuellen Bereichen der Kunstherstellung, auch der Kunstverarbeitung, rühmte die emotionale Wucht farblicher Kontraste, die Feinheit von Strukturen, die Schönheit „inhaltsfreier“ Kompositionen in einer gegenstandslosen Kunst und wagte auch einzelne Abstecher zur Ikonographie in den Zeiten des Mittelalters, der Renaissance…und besonders des 21.Jahrhunderts.

Es blieb viel Skepsis.
Doch verließ diese Unterhaltung nie das Level der Lockerheit und endete ohne aggressive Nuancen.
Da gab es z.B. nach der Aufstellung der Beethoven-Skulptur vor dem Bilder-Museum (Lüpertz) oder innerhalb der Reaktionen auf die Perspektiven, die Andris Nelsons als künftiger Gewandhaus-Kapellmeister ankündigte, bemerkenswert streitsüchtigere, zänkische, bornierte Beiträge („Das wird sich Leipzig nicht bieten lassen“, zu Nelsons).
Eine dümmliche Anmaßung von einem gesamten Leipzig zu sprechen.

Auch ich quälte mich nicht selten durch Dispute, besonders in privatem Bereich, innerhalb derer mir schien, als würden die Arme meiner Gesprächspartner, hinter dem Rücken verschränkt, eine Kalaschnikow formen.
Auch die Aufbewahrung zeitgenössischer Künstler in Arbeitslagern wurde gefordert, Komponisten und Schriftsteller eingeschlossen.

Natürlich hat dabei auch die hiesige Presse ein gerüttelt Maß Verantwortung zu tragen.
Denn man schreibt dann doch eher leichtfüßig über irgendeinen „Vetter aus Dingsda“, beschreibt in einem hochgradig entbehrlichen Text einen singenden Partei-Agitator aus unsäglichen DDR-Zeiten, feiert auf zentralen Seiten irgendwelche Jubiläen von einhundertjährigen Sängern und preist die Neuveröffentlichung von schlechten DDR-Filmen.
Beiträge über Konzerte mit zeitgenössischer Musik werden dann neben eine Pudding-Werbung von Lidl eingeordnet.

Öffnungszeiten der Art Kapella

Di, Mi, Sa, So 13-17 Uhr, bis 18. Februar.
Bis gestern wurde auf der Homepage noch die Ausstellungsdauer 21.Januar – 28. Februar angegeben.

Während der Öffnungszeiten am 17.2 u. 18.2. spielt Anja Kleinmichel Klaviermusik von Galina Ustwolskaja.


Verstreung II

Ein Kultursender beschreibt Rod Stewart u.a. als Mitglied der Small Faces.
Aber nicht doch!
Rod Stewart war nie Musiker der Small Faces, er trat 1969 den Faces bei, nachdem Steve Marriott, Sänger und Zentrum der Small Faces diese Band verließ und die Faces als deren Nachfolge agierten, aufgefüllt mit Musikern anderer Bands.

Verstreung III

Ein Kultursender spielte eine eher mäßige Cover-Version von „What a Wonderful World“ und datierte dann mit dem Gefühl musikhistorischer Faktensicherheit das Original in das Jahr 1986, ohne dessen Interpreten zu nennen.
Aber nicht doch!
Der Song wurde 1968 veröffentlicht und von Louis Armstrong gesungen.

Ich vermute, derartige Fehlgriffe werden inzwischen als Normalität akzeptiert und Berichtigungen als überflüssige Anstrengung bewertet.



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Februar 16, 2018 Posted by | Leipzig | Hinterlasse einen Kommentar

Jürgen Henne und eine tägliche Behelligung

Leipzig, Straßenbahnhof Möckern, Museum für vergreiste Schienenfahrzeuge

Als hingebungsvoller Passagier aller Leipziger Nahverkehrsmittel nutze ich auch die Straßenbahn und liebe besonders die sicherlich zweitlängste Strecke zwischen zwei Haltestellen (Stallbaumstraße-Mückenschlösschen durch das Rosental), besonders im Frühjahr, wenn die Geruchsschleier des Bärlauchs mich entzücken (Mitunter wehen sie auch bis in unsere heimatliche Hütte).

Rosental mit Märzenbecher und dem Schatten meines männlich-herben Körpers

Und ich erfreue mich während der späten Wintertage an den Wald-Teppichen, dekoriert mit Märzenbechern.
Ich lehne dann entspannt meinen germanischen Kopf gegen die Scheibe und belächle den Verkehrsstau, sehe in die purpur erhitzten Gesichter der Autofahrer, an deren Seiten feuchte Ohrläppchen vibrieren. Die Hände wirbeln fahrig und unkontrolliert über Knöpfe, Schalter und Hebel des Fahrzeug-Interieurs und aus trockenen Mundhöhlen zahlreicher Auto-Chauffeure, vorbei an knirchenden Zähnen und zuckenden Unterlippen vermeine ich das gesamte Vokabular unflätiger Unmutsbekundigungen wahrzunehmen.

Seit einigen Monaten irritiert mich aber ein „Wissensquiz“, der aus Monitoren erheblich nervt, die im Aufenthaltsraum der Straßenbahn-Fahrgäste installiert sind.
(Ich vermeide den gebräuchlichen Begriff „Tram“, die Verfechter einer Anwendung dieser sprachästhetischen Dämlichkeit wirken dadurch auch nicht klüger)

Unter dem Slogan „Wie klug sind die Leipziger?“(oder „wir Leipziger“, habe ich vergessen), wird aktuell diese Frage gestellt:

„Mit welchem Ruf umrundeten 1989 die Leipziger den Ring“ (oder so ähnlich).
———————————————————————————————-

1. Wir sind Leipziger
2. Yes, we can
3. Wir sind das Volk
4. Nur die Liebe zählt

Mir sind Erhebungen über die Leipziger Klugheit nicht erinnerlich, doch die Austüftler derartiger Späßchen müssten sicher eine auffällig niedrige Eingruppierung auf der nach unten und oben offenen Klugheits-Skala akzeptieren.
Um diesen Anspruch zu folgen, würde ich noch ein fünftes Wahlangebot empfehlen.

„Von der Mitte zur Titte zum Sack, zack,zack.“

Ich hätte auch Vorschläge für neue Runden, z.B.:

Welche Sprache wird in Leipzig vorrangig gesprochen?
——————————————————————————————-
1. Albanisch
2. Gebärdensprache
3. Sächsisch
4. Esperanto

Welches köstliche Mittagsgericht hat seinen Ursprung in Leipzig?
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1. Mozartkugeln
2. Königsberger Klops mit Thüringer Klößen
3. Leipziger Allerlei
4. Wodka Gorbatschow


Musiktitel des Tages

Animals, mit Eric Burdon

When I Was Young
It`s My Life
Don`t Bring Me Down

Kann man auch 365x im Jahr hören.


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Januar 28, 2018 Posted by | Leipzig | Hinterlasse einen Kommentar

Jürgen Henne und die Grässlichkeit des Tages – Caravaggio als Maler der Renaissance

Meine heimische Caravaggio-Lektüre

Die kommenden zwei Jahre wird die Renaissance im Mittelpunkt stehen, vermutet der Schreiber des Textes auf der Titelseite des Kulturteils (LVZ, 19.Januar).
Auch als Mittelpunkt der aktuellen Ausstellung im Leipziger Kunstkraftwerk, bei der man „auf einem großen Touchscreen durch die Bestände der Uffizien blättern kann“(Zitat, LVZ).

Über den Sinn, über Qualitäten und mögliche Überflüssigkeiten muss ich schweigen, ich habe die Ausstellung noch nicht gesehen.
Ich befürchte aber, es bleibt bei dieser Ignoranz, denn der Besuch des Museums vor Ort in Florenz ist mir noch in edelster Erinnerung.
Und ich befürchte gleichfalls, dass ich keine „sehr hohe Auflösung der Reproduktionen“(Zitat, LVZ) bei diesem Uffizien-Ersatz benötige.

Zudem wir noch die Gnade erhielten, florentinische Tage und Stunden gewählt zu haben, in denen wir innerhalb mancher Räume eine absolute Einsamkeit zelebrierten, also nur wir und die Bilder.

Der Zeitungs-Text informiert weiterführend, dass in Bälde auch Michelangelo und Raffael im Kunstkraftwerk gehuldigt werden.
Gleichfalls Caravaggio, dessen Name aber auch schon in diesem Text als würdiger Vertreter der Renaissance-Kunst gefeiert wird.

Aber Caravaggio ist von dieser Epoche ähnlich weit entfernt wie der Verfasser des Textes von zumindest durchschnittlichen Kenntnissen der Kunstgeschichte (Dessen Name ist mir entfallen).
Auch wenn man sich der Aktion anschlösse, den Abschnitt des Manierismus (1520/30-1600) in die Spätrenaissance einordnen zu müssen, eine Aktion, der ich eher behäbig folgen würde, darf Caravaggio kunsthistorisch mitnichten in diese Phase des 16.Jahrhunderts aufgenommen werden.
Schon die Manieristen ignorierten wesentliche Kennzeichen der Renaissance-Kunst wie Harmonie und Proportionalität.
Doch Caravaggio ging nicht nur einen Schritt weiter, er entfernte sich von den Normen der Renaissance wie der kleine Muck mit seinen Wunderlatschen vom Oberleibläufer des Sultans, beim Wettlauf um den Posten des Chef-Sprinters.

Ich werde jetzt keine kunstheoretische Erörterung über die historische Stellung Caravaggios anbieten, den Textschreiber würde es ohnehin überfordern.

Es genügt, seine Bilder zu sehen: das drastisch eingesetzte Chiaroscuro (Hell-Dunkel-Malerei), den Einsatz alltäglicher Gestalten als Modelle und die Vermeidung jeglicher Idealisierung, selbst bei der Wiedergabe von Heiligen, dramatische Bildkonstruktionen, eine tiefschürfende Psychologisierung…..

Danach werden auch eher kunsthistorisch schlichte Gemüter erkennen, daß Caravaggio weitab des 16. Jahrhunderts agierte.
Um diese Erkenntnis sollte man sich auch bei einer Zeitung bemühen.

Zugabe

Heute hätte Janis Joplin ihren 75. Geburtstag gefeiert, sicherlich mit Eric Burdon, Mick Jagger, Van Morrison, Jimmy Page, Keith Richards, Chris Farlowe, John Mayall…
Eigentlich ein legendärer, runder Geburtstag für alle, bis dahin Überlebende.

Dazu nicht einmal ein Halbsatz in der LVZ.
Aber die schleimige Würdigung irgendeines Bühnen-Jubiläums von Frank Schöbel für die Ost-Menschen, das knallt.
Und in Bälde gibt es ja die 75igsten von Monika Hauff, Klaus Dieter Henkler, Thomas Lück…
Dann wird das Zeitungspapier wieder glühen.

Aber vergelt`s Gott, ARTE sendete vor einigen Wochen einen außerordentlich ansehnlichen, zweistündigen Beitrag über Janis Joplin.

Und vielleicht war diese Unkenntnis auch sinnvoll.
Denn das ein Kulturjournalist dieser Zeitung die Musik Janis Joplins in einen musikhistorischen Zusammenhang z.B. zu Chris Doerk einfädelt, kann natürlich nicht ausgeschlossen werden.

Ich denke, es ist an der Zeit, dieses lokale Blättchen ungelesen weiterzuschieben.
Ab morgen.


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Januar 19, 2018 Posted by | Leipzig | 1 Kommentar

Jürgen Henne und die Chemnitzer Kunstsammlungen

Kunstsammlungen in Chemnitz, Theaterplatz

K.O.Götz, „Ingrid“, Stahl 2002

Schenkung des Künstlers, hängt im Treppenhaus der Chemnitzer Kunstsammlungen.
Karl Otto Götz starb 2017 mit 103 Jahren, ein wesentlicher Vertreter des Informel in Deutschland.

Im Verlauf des Jahres verlässt Ingrid Mössinger dieses Haus, welches sie einundzwanzig Jahre beherrschte (seit 2005 aber auch z.B. die Sammlung Gunzenhauser im ehemaligen Gebäude der Sparkasse und die Villa Esche Henry van de Veldes).

Es wäre für jede andere Stadt ein Segen gewesen, die Sammlung Gunzenhauser als ständige Ausstellung mit markanter Austrahlung in ihr kulturelles Sortiment aufnehmen zu dürfen.
Mir sind die einzelnen Abläufe nicht mehr erinnerlich, doch wurden die Bilder neben Chemnitz auch Dresden und Leipzig mit der Maßgabe angeboten, dass am künftigen Standort ein eigenes Haus zur Darbieteung der Sammlung bereitgestellt wird.

Doch ehe an der Elbe und der Pleiße der Wecker schellte, stand Ingrid Mössinger vor Gunzenshausers Tür und der Vertrag wurde zügig unterschrieben.
Die Dresdner und Leipziger Kunstverwalter putzten sich vielleicht gerade die Zähne.

Bald darauf wurden die Bilder durch das ehemalige Sparkassengebäude (1930) in Chemnitz getragen.
Und Ingrid Mössinger lächelte sicherlich souverän.
Bundespräsident Köhler eröffnete dann Ende 2007 das Museum Gunzenhauser.

Unbedingt bedauerlich für einen Leipziger seit Neandertal-Zeiten, zumal gerade die zentralen Glanznummern dieser Sammlung (Expressionismus, Verismus/Neue Sachlichkeit) in den Hallen der Leipziger Museen kraftvoll gegen Null tendieren.

Neben der ständigen Repräsentation gab es auch bemerkenswerte Sonderausstellungen bei Gunzenhauser.
Ich denke dabei z.B. an Hödicke und Fetting, an Thieler und Münter.

Aber auch durch Sonderausstellungen im Hauptgebäude der Chemnitzer Kunstsammlungen am Theaterplatz wurde man animiert, erwartungsvoll die etwa achtzig Kilometer von Leipzig zum Nordrand des Erzgebirges zu bewältigen.
Ich erinnere mich freudig an- K.O.Götz und Allen Jones, an Scully, Hoehme, Beuys und Adamski. An Beckmanns Selbsporträts, an Grimmling, Warhol und Hähner-Springmühl.
Aber auch an die russischen Peredwischniki und die russische Avantgarde (Die Aufzählung ist unvollständig und chronologisch ungeordnet).

In Anbetracht der bemerkenswerten Leistung Ingrid Mössingers, diese Region fast fugenlos in das traditionell unvergleichliche Kultur-Areal Mitteldeutschlands eingegliedert zu haben, werde ich die aktuellen Ausstellungen von mittelmäßigen bis grottigen Zuschnitt nur oberflächlich umreißen.

Ausstellungsplakat Chemnitzer Kunstsammlungen
Bis 28.Januar

Jacques Lipschitz (1891-1973, geb. in Litauen) siedelte 1909 nach Paris über und begegnete bald Picasso, Braque, aber vor allem Gris und die Aufnahme kubistischer Elemente in seine Bildhauerei ergab sich fast zwingend.
In Chemnitz werden aus dieser Zeit sieben oder acht Arbeiten ausgestellt, uneinholbar die besten und kunsthistorisch wertvollsten der Ausstellung.

Der „Rest“ der Übersicht, kleinwulstige, großwulstige, figurale Bildhauerei mit etwas amorpher Tendenz sowie unauffällig durchschnittliche Porträt-Plastik, können dem Anspruch des frühen Werks nicht folgen.
Aber immerhin kann man dankbar die einzelnen Abschnitte der Kunst von Lipschitz zur Kenntnis nehmen.

Dieses, aus meiner Sicht bemerkenswerte Gefälle auf qualitativer Ebene innerhalb eines Künstlerlebens ist nicht selten.
Ich denke dabei z.B. sofort an den Franzosen A.Derain, Mitglied der „Fauves“ (1905 gegründet, im gleichen Jahr wie die Dresdner „Brücke“), der dann später zu mitunter unerträglichen Stilmitteln des Hellenismus und Klassizismus wechselte.

Ausstellungsplakat Chemnitzer Kunstsammlungen
Von Pablo Picasso bis Robert Rauschenberg
Bis 18.Februar

Eine Schenkung der Sammlung Céline, Heiner und Aeneas Bastian.

Dazu kein Kommentar.
Vielleicht nur der Hinweis, dass ich die Räume recht zügig durchquerte.



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Januar 18, 2018 Posted by | Leipzig | Hinterlasse einen Kommentar