Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne ,“Station to Station“ von David Bowie, „Station to Station“ von Doug Aitken und Tolstois „Anna Karenina“ im „Deutschlandradio Kultur“

02

Aus meinem Musikfundus: David Bowie., „Station to Station“

Wer im Verlauf der 70er Jahre nicht nur bei den Rubettes, Bay City Rollers, Boney M, Pussycat… ekstatisch den Konzertboden ableckte (Bei der Erinnerung an diese Musik bekomme ich Ohrenscharlach), wird bei der Erwähnung der Wortgruppe „Station to Station“ sicherlich sofort an David Bowie denken.

Diese Scheibe erschien 1976 und fügte sich in die überwältigende Zeit Bowies zwischen 1970 und 1977 ein, in der er die Musik erforschte und die Musikszene beherrschte, neben „Station to Station“ auch „The Man Who Sold the World“(1970), „Hunky Dory“(1971), „The Rise and Fall of Ziggy Stardust…“(1972), „Aladin Sane“(1973), „Young Americans“(1975), „Low“(1977), „Hereos“(1977).

Es war die Zeit, als Bowie und Iggy Pop in Berlin als Nachbarn wohnten, sich die Kante gaben und bemerkenswerte Musik produzierten. Mitunter gesellte sich Brian Eno hinzu. Eigentlich fehlte nur noch Jürgen Henne.
Vielleicht aber auch alles nur Legende.
Wer weiß das schon?

Neben Bowies „Hunky Dory“, Zappas „Sheik Yerbouti“ und einer Scheibe von Soft-Machine war „Station to Station“ der erste Tonträger, den meine selige Oma vor Jahrzehnten im Rentnerkoffer aus dem „Westen“ in den „Osten“ schmuggelte.

USA-Karte

Doch „Station to Station“ der Gegenwart flimmert durch die deutschen Kinos, ohne David Bowie.

Der Film von Doug Aitken, eine Austellung von ihm gibt es in der Schirn-Kunsthalle Frankfurt/M. bis Ende September, beschreibt eine Zugfahrt in vierundzwanzig Tagen über viertausend Kilometer von der Osküste zur Westküste Amerikas, von New York nach San Francisco.
Er organisiert eine rollende Dauerperformance mit Teilnehmern aller Kunst-Gewerke, mit bildenden Künstlern, Tänzern, Musikern, Dichtern….
An zehn Orten wird die Bremse bis zum Anschlag gezogen und Bahnhof-Architekturen beben bald bei den nachfolgenden Happenings.
Sonst dröhnt, rumort und vibriert es innerhalb der begrenzten Kubik-Meter eines Eisenbahnwaggons, für Klaustrophoben kein sicherer Hort für ausgedehnte Entspannungs-Übungen.
Es entstanden zweiundsechzig einminütige Kurzfilme, der Streifen endet also nach einer reichlichen Stunde.

Die Installierung der Eisenbahn wurde ja in Amerika zum Synonym einer Verteilung „zivilisatorischer“ Maßstäbe aus Teilen der „Alten Welt“ in der sogenannten „Neuen Welt.“

Kategorien wie Geschwindigkeit und Stillstand, Relationen der Bewegung, der Veränderung und der Zeit werden ebenso nicht vernachlässigt wie soziologische Erkundungen, wie psychische Wirrungen bei Grenzüberschreitungen und Dimensionen der Mensch-Technik-Natur-Verwicklungen.

Der Genius loci wird akustisch, optisch beschworen, die Sonne ist ständiger Begleiter.
Man ordnete der Eisenbahn aus vergangenen Zeiten einen Status zu, welcher den gegewärtigen Netzwerken entspricht und ihr wird prophezeit, perspektivisch der einzige Ort zu sein, an dem sich Reiche und Besitzlose vermischen.
Verstehe ich nicht, werde aber nachdenken, wenn mich eine Abkühlung erfrischt.
Meine Einsicht in zahlreiche Darbietungen und deren intellektuelle Grundierung ist oft gegeben, doch bleiben Hürden.

Doch für einen erweiterten Exkurs „Philosophie im Film“ eignen sich die derzeitigen Temperaturen nicht.
Es bleibt bei einem erweiterten Filmtipp. Ich bin staatlich anerkannter Senior und kann mir diese Souveränität leisten.

Patti Smith röhrt ein Train-Song. In meinem Verständnis mit Janis Joplin, Björk, Aretha Franklin, Grace Slick, Laurie Anderson, Yoko Ono…die Klimax weiblicher Musikkultur im erweiterten Pop-Bereich.
Ich sah sie vor einigen Jahren bei einem Konzert in Jena, sie rotzte immer noch auf den Bühnenboden.

Joseph Conrad wird zitiert, Jackson Brown sinniert unspektakulär und ohne Gesang über Bahnhöfe und Thurston Moore, Gründungsmitglied von Sonic Youth, knallt eine musikalische Kiste zwischen die Gleise, die mir eine flächendeckende Gänsehaut bescherte.

In einem Happening folgt das Bahnhofs-Volk dem stolzen Peitschenschwinger, ein sprechender Bigfoot zeigt uns seinen Wald der Flaschenbäume, Farbbomben explodieren, eine Laser-Performance veredelt die Verbindung einer erbarmungslosen Technik mit der nächtlichen Landschaft.
Congos, natürlich aus Jamaika, schüttelt ihren Reggae über die Strecke, Moroder klimpert im Zugabteil,
Cat Power zelebriert ihren Minimalismus, Straßenmusiker vor Ort genießen die Öffentlichkeit.

Auch der Schweizer Urs Fischer und der Deutsche Thomas Demand sind dabei.

Die Eisenbahn, bislang Synonym für Gemütlichkeit und Instrument gemächlich betriebener Standortwechsel kann zum psychischen und physischen Inferno mutieren. Aber auch zu einem Areal von uferloser Kreativität.

Dieser Film ist sicher keine Sensation, wäre aber Teil einer absolut nützlichen Freizeitgestaltung, mit erheblicher Horizonterweiterung, außerdem nur etwas umfangreicher als „In aller Feundschaft“.


Szenen meines senilen Alltags

Bei einem Gespräch über diesen Film sprach ich von „Porfermance, statt Performance.

Szenen radio-journalistischer Zumutungen

Innerhalb der Sendung „Musikalisches Sonntagsrätsel“, auf „Deutschlandradio Kultur“ die ich mit Freude verfolge, getrieben von dem Ehrgeiz, nicht nur das Lösungswort zu erfassen, sondern jeden einzelnene Buchstaben ohne Nachschlagewerk notieren zu können, wurde Tolstois Novelle „Anna Karenina“ gefordert.
Ich kenne natürlich seine „Kreutzersonate“, „Kosaken“, „Vater Sergius“ , also Novellen, vobei die Grenzen zur Erzählung natürlich fließend sind.

Aber um „Anna Karenina“, dieses umfangreiche Roman-Epos, in die Sparte „Novelle“ einzuordnen, muss man schon ein gerüttelt Maß Selbstbewusstsein anbieten können. Oder Dussligkeit.

Und wenn man sich vorstellt, dass die Widergabe dieser Sendung als Aufzeichnung erfolgte und der gesamte Mitarbeiterstab diese Ausführungen ohne Aufmüpfigkeit zur Kenntnis nahm, schwinden mir die Sinne.
Da kann man sich vorstellen, was für Truppenteile in dieser Redaktion agieren, in einer Kulturredaktion.
Bei einer Abteilung, die sich weitgehend mit ZOO-Storys oder Formel 1-Ereignissen auseinandersetzt, würde man sicher schweigen

IMG_0675

Aus meinem Bücherfundus, Maupassant, Meisternovellen

Ich empfehle ein Studium der tatsächlichen Novellen von Storm, Kleist, Keller oder Schnitzler, meinetewegen auch Maupassant oder Flaubert.
Und danach sollte ein Blick in „Anna Karenina“. folgen.



juergenhennekunstkritik.wordpress.com
juergen-henne-leipzig@web.de
ILEFLoffsen2005198309092012dorHH

Advertisements

August 12, 2015 Posted by | Film, Kunst, Leipzig, Musik | Hinterlasse einen Kommentar

Jürgen Henne und „Die Verdopplung des Kosinus bei Gelb“ oder „Warum schmähte Porzellanputzer Torben Tilenius aus Bückeburg einen Elch im Herkynischen Wald?“

IMG_0459

Aus meinem Musik-Reservoir

1. Eine Gedenkminute für B.E.King.

Nach der Vereinigung gelang mir noch ein Konzertbesuch. Natürlich mit „Stand by me“. Aber auch mit „Spanish Harlem“, Coverversionen gibt es u.a. von Aretha Franklin und Willy de Ville in erwartet bester Manier.
Die Musik von King und gleichzeitig der Drifters bildet natürlich die Grenzen meiner sehr frühen Radio-Exzess-Zeiten, die man mit quietschenden Mittel-u.Kurzwellenempfang von Radio Luxemburg, Saarländischem Rundfunk und Sender Freies Europa umreißen kann.
Titel der Drifters wie „Save the last Dance for me“, „Saturday Night at the Movies“ (immer noch geeignet für eine Gänsehaut) und „Under the Boardwalk“, über Jahre in der Hitparade des Saarländischen Rundfunks am Ausgang der zweiten Hälfte der 60er Jahre als Cover-Version der Rolling Stones als sogenannte „Ewige“ gefeiert, gehören durchaus noch heute zum erweiterten Repertoire meiner Musik-Verpflegung.
Sicherlich klingt das für schlichte Gemüter wie Schnee von gestern.
Und jetzt sechzig Sekunden Ruhe.

2. Bericht im DLF über einen Boxkampf in Las Vegas

Boxen interessiert mich eigentlich weniger als die Spargelernte auf Spitzbergen.

Man spricht vom Kampf des Jahrhunderts.
Siegpreis: 150 000 000 Dollar
Verliererpreis: 100 000 000 Dollar.
Ein Besucher zahlte 26 000 Dollar für die Eintrittskarte.
Der Mundschutz eines Kämpfers wurde aus Goldstaub gefertigt.
Der Sieger erhält außerdem einen Gürtel mit Edelsteinen und ein Kilo Gold.
Ich hoffe, das sind alles nur Gerüchte.
Mein Weg zum gewaltfreien Systemkritiker wird allmählich geebnet.

3. Kino aktuell

„Big Eyes“ von Tim Burton.

In deutschen Kinos startete der Streifen am 24. April.
Durchaus ansehnlich, doch wird man von der Folter heimgesucht, sich über fast zwei Stunden unerträgliche Kunst anschauen zu müssen.
Der Streifen schildert die wahre Geschichte um Walter und Margaret Keane.
M.Keane malte über Jahre mitleidfordende Kinder mit albern monströsen Augen, als deren Schöpfer aber W.Keane in der Öffentlichkeit agierte, mit Einverständnis seiner Frau.
Denn die Signatur eines Mannes versprach größeren Triumph und erhöhten Gewinn.

Der Crash begann, als sich M. Keane im Fernsehstudio zu ihren Bildern bekannte.

Waltz spielt ausufernd wie immer und zelebriert eine göttlich-klebrige Lästigkeit.
Doch sollte er sich allmählich etwas zähmen, sonst mutiert seine hohe Schauspielkunst zu egomaner Kasperei.
Den wichtigsten Satz des Films sprach aber ein Galerist, der z.B. Bilder von Marc Rothko anbot.
Während Margarets Offenbarung als wahre Schöpferin dieser Bilder murmelte er sichtlich genervt: „Wer rühmt sich denn mit so etwas?“
Recht hat er.

url

Mögliche Inspirationsquelle für Margaret Keanes Malerei

W. Kane starb im Jahr 2000, M. Kane malt bis heute………..urks.

url

Leipzigs Kunstpark in der Alten Spinnerei

Wie armselig muss eine Kunstszene sein, die im Mai 2015, anlässlich der zehnjährigen, unbedingt verdienstvollen Existenz des Kunstparks in Leipzigs Alter Spinnerei als dominierene Abbildung in Leipzigs einziger Tageszeitung ein Bild von Neo Rauch anbietet.

Könnte man denken. Doch Leipzigs Kunstszene ist mitnichten armselig. Mitnichten.
Auch Neo Rauch hatte viele Jahre eine Kunst dargeboten, die mitnichten armeselig ist.

Ich vermute, dass ich die erste oder fast erste Fachkraft war, welche Neo Rauch in einem umfangreichen, doch eher halb-öffentlichen Text würdigte (1987). Ein expressiv gemaltes Schlagzeugensemble aktivierte meine synästhetische Veranlagung.
Anfang der 90er Jahre folgten dann weitere Beiträge in Leipzigs einziger Tageszeitung.
Es wäre also nicht unangemessen, mich als Vollard, Kahnweiler oder Durand-Ruel von Neo Rauch zu preisen.

Um über die aktuelle Qualität der Kunst Rauchs zu dozieren, müsste sich bei mir noch etwas gesteigerte Lust entwickeln.
Ich erahne dabei gewisse Sorgen.

Und wenn der Zeitungskritiker vor wenigen Tagen in der einzigen Leipziger Tageszeitung schleimt, dass in einer Gruppenausstellung mit 120 Künstlern (ausschließlich in der Spinnerei ansässig) „Vielfalt auf fast durchgängig hohem Niveau“ zu erleben ist, hätte man doch durchaus bei Rauchs Bild die Knipskiste des Journalisten in der Knipskistentasche lassen können um andere Arbeiten auf „hohem Niveau“ abzulichten.
Doch weshalb jüngere, noch unbekannte Künstler in den Vordergrund schieben, wenn Rauch dabei ist.

Und der Journalist schreibt dann von dem heißen Wochenende 2005, von geballter Kunstvermittlung, von Leipzig als Reiseziel, von dem Jubiläumsverzicht auf Feuerwerk, Blaskapelle, Kettenkarussell und zum Jubiläum eben die Kunst reichen müsse. Er erwähnt die Leipziger Malereidominanz und erwähnt Libuda aus dem Berliner Dunstkreis. Sam Dukan ist in die Räume des ehemaligen Fahrradladens Rotor umgezogen, auch Pierogi aus New York ist wieder einmal in Leipzig. Johannes Rochhausen bildet immer wieder sein eigenes Atelier ab. Und der Journalist erwähnt den Status der Fotografie und erwähnt, dass Aktmaler Martens diesmal auf Akte verzichtet und androide Wesen vorstellt, gemeinsam mit der Leipzig School of Design. Erwähnt der Journalist. Der Journalist erwähnt Margret Hoppes Beschäftigung mit der Architektur Le Corbusiers in Indien und erwähnt den umlaufenden Fries Ricarda Roggans bei Eigen+Art. Er erwähnt James Nizan von der Maerz-Galerie, der echten Entdeckung aus Kanada. Er spiele mit Perspektiven und Sichtachsen. Ähnlich wie Jong Oh, der aber mit Fäden und Glasscheiben spielt. Erwähnt der Journalist. Er erwähnt auch senfkleckernde Väter und lärmende Kinder. Und dann erwähnt er noch andere Hingucker……und so weiter und so nervend.

Bei „Hingucker“ bringe ich ohnehin meine sprachästhetische Guillotine in Stellung. Nichts gegen folkloristische Anbiederungen, aber „Hingucker“ geht nun gar nicht. Das ist der Zeitungssound von Guido Schäfer. Und wer will den schon.

Mein letzter Abschnitt beinhaltet also die Inhaltsangabe der „Kritik“ über die Ausstellungen auf dem Gelände der ehemaligen Spinnerei, zum zehnjährigen Jubiläum am vergangenen Wochenende.

Aufgemerkt! Kritiken sind erwünscht, Kunstkritiken, Ausstellungskritiken.
Doch der Autor erwähnt, erwähnt, erwähnt……es folgt eine Null, eine angenullte Kritik-Askese.
Irgendwie eine Mischung aus Kochbuch, Strickmusterbogen und Stadtplan von Meppen.

juergenhennekunstkritik.wordpress.com
juergen-henne-leipzig@web.de

ILEFLoffsen2005198309092012dorHH

Mai 4, 2015 Posted by | Film, Kunst, Leipzig, Musik, Presse, Sprache | 2 Kommentare

Jürgen Henne und die begehrte, doch eher unregelmäßig bearbeitete Serie: „Jürgens alltägliche Erregungen und Verunsicherungen.“

——————————-
Erste Erregung
——————————-

l

Opernhaus Zürich

Vor wenigen Tagen im Deutschlandfunk über die Uraufführung einer Oper in Zürich

Das Zürcher Opernhaus animierte Christian Jost zu einer Oper und der Komponist wählte die Vertonung der „Roten Laterne“, nach dem Buch von Su Tong, welches wiederum auf Thang Yimous gleichnamigen Film vom Anfang der 90er Jahre basierte.
Ein fast vollendeteter Streifen mit der fast beängstigend schönen Gong Li.

Der Opern-Kritiker quasselte nun vor sich hin, nicht ganz spannend, nicht ganz langweilig und endete mit dem Fazit: „Man fragt sich natürlich, was uns heute noch Abläufe in China der 20/30er Jahre des vergangenen Jahres interessieren könnten.“ Er gab keine Antwort und beendete zufrieden seinen Beitrag.

Meine Zufriedenheit blieb überschaubar.

Was interessieren uns dann eigentlich noch Sophokles oder Euripides, Dante und Cervantes, Shakespeare, Büchner und Kleist, natürlich auch Goethe und Lessing, dessen Ringparabel sich mit verblüffender Aktualität anbietet ? Oder Ibsen, Tschechow, Kafka, Dostojewski, Beckett…….?

Sicher nicht deshalb, weil sie irgendwelche Provinz-Sülze schrieben, deren Bedeutung an dörflich-regionalen Grenzen verkümmerte.
Man wird sie noch nach dem kommenden Urknall lesen, denn sie erzählten universelle Geschichten, durchfurchten die gesellschaftliche und individuelle Seele und berührten die Substanz menschlicher Konflikte bis in die Ewigkeit.
Die „Rote Laterne“ beschreibt radikal ausgelebte Traditionen mittelalterlichen Zuschnitts, zerstörerische Intrigen, überkommene Zwänge und totalitäre Strukturen in abgegrenzten Arealen, die global beliebig verteilt werden können. In einer Zeit beginnender Revolten und rebellisch-subversiver Abläufe.
Denn Mitte der 30er Jahre begann Mao seinen „Langen Marsch“ um sich während des Bürgerkriegs dem Einzugsgebiet Chiang Kai-sheks zu entziehen. Entscheidend für „Maos China“ und die Ouvertüre für Diktatur und Volkermord.

Die Geschichten davor und danach sollten uns schon interessieren, Herr Opernkritiker.
Also auch die „Rote Laterne“, als Buch, Film oder Oper.

———————————
Zweite Erregung
———————————

Kino_1

Kino im Leipziger Umfeld

Der Hinweis: „Eintrittskarten erhalten Sie auch…..“, ist keineswegs korrekt. Denn man erhält sie nicht „auch“, sondern ausschließlich an diesem Besucher-Fressnapf.

Das bedeutet niederträchtig riechende Popcorn-Schwaden, dass die Nasenhaare ausfallen, Getränke-Dunst, ähnlich dem Urin besoffener Flatterfrettchen und interne Familienstreits über des Volumen des Popcorn-Bottichs für die kommenden Stunden, acht oder zehn Kilogramm.
2005 sahen wir den Film „Die große Stille“ über den Alltag des Schweigeordens der Kartäuser aus dem Mutterkloster im Südosten Frankreichs. Unbeschreiblich.
In Film herrschte eine völlige Geräusch-Askese, auch keine Musik, nur Naturtöne, Bewegungen von Schlüsseln und Riegeln, menschliche Schritte, Klänge der Nahrungsmittelverteilung. Über fast drei Stunden. Ein formendes Erlebnis.

Und jetzt stelle ich mir vor, eine Familie und ein Handwagen, gefüllt mit Knabbermüll, hätten sich in meinem akustischen Umfeld platziert. Ich wäre zu einer Fleisch und Fett gewordenen Guillotine mutiert.

——————————-
Dritte Erregung
——————————–

Digital Camera P42001

JH in der Loipe, doch ohne Waffe.

Biathlon-WM, 2015, Fernsehfunk, Interview mit Athleten, die vor Erschöpfung fast noch Blut spucken.

„Ärgert es Sie, dass Sie zwei Scheiben nicht getroffen haben.“

Einfach nur noch abschalten!

—————————————
Erste Verunsicherung
—————————————

Gestriger“Bild“-Titel

„Nino de Angelo beschmiert Brautkleid“

Mein Gott, ist das gemein. Einfach ein Brautkleid beschmieren. Durch diese Information verlief mein Tag nachdenklicher.
Doch wer ist Nino de Angelo? Ich kenne Nino Hagen und Nino Simone. Auch Fra Angelico und seine Fresken in Florenz. Doch vermute ich, er liegt seit über fünfhundert Jahren in der Kiste.

——————————

Musik des Tages

Anton Bruckner 3.Sinfonie
Pavement „Crooked, Crooked Rain“, „Wowee Zowee“, „Terror Twilight“

Kunst des Tages

Wieder einmal in einem Katalog Cindy Shermans blättern

Literatur des Tages

Short Storys von O.Henry

juergenhennekunstkritik.wordpress.com
juergen-henne-leipzig@web.de

ILEFLoffsen2005198309092012dorHH

März 17, 2015 Posted by | Film, Geschichte, Leipzig, Musik, Presse | Hinterlasse einen Kommentar

Jürgen Henne und die begehrte, doch unregelmäßig bearbeitete Serie: „Jürgens Kulturtipps“ und „musica nova“, George Crumb, Art Brut, Birdman, Schröder-Sonnenstern und ein Tisch auf der Autobahn

5065001863271

George Crumb, Makrokosmos

5121x9zHYhL

George Crumb, Black Angels

Mein derzeitges Angebot an „Crumb-Musik“. Nicht ausladend, doch für ein kleines Crumb-Festival hinreichend

25 Februar, 20 Uhr, Leipzig, Mendelssohn-Saal im Gewandhaus. „Musica nova“

Musik von George Crumb und Fausto Romitelli.
Ensemble Avantgarde, Steffen Schleiermacher, Martin Steuber an der E-Gitarre.

Man sollte nicht atemlos durch die Nacht hetzen, aber mit atmender Unruhe den Mendelssohnsaal finden, dessen Namensgeber als Komponist der überragenden „Italienischen Sinfonie“ trunken macht, während sein Violinkonzert über den Dächern von „Paul und Paula“ bis heute DDR-Tränen rinnen lässt.

—————————–

Birdman-3

Vor wenigen Tagen sahen wir „Birdman“.
Vor wenigen Stunden erhielt der Film den Oscar. Eine gute Entscheidung.

Bei „wissenden“, exzessiv agierenden USA-Verächtern werden sich jetzt die Wutgene zu Würfeln modellieren, wird sich die Meinung ausformen, dass ich doch eine ziemlich bekloppte Nuss bin. Denn diese Oscar-Aktion ist doch nur ein kapitalistisches Dreck-Happening. Und das Land ist ohnehin moralisch und ethisch der letzte Unflat. Werden sie sagen.
Ich bin zahlreiche Wochen durch Nordamerika gestreift. Von San Francisco bis New York, von Las Vegas bis zu den Niagara-Fällen. Ich liebe dieses Land, auch die Bevölkerung. Ich bin also mitnichten ein USA-Verächter, aber auch kein unterwürfiger Oscar-Fanatiker.
Und hin und wieder verlässt doch ein Film die Hallen mit der Nickel-Kupfer-Silber-Statue, der nebenbei auch noch hochwertig ist.
Als Beispiel eignet sich „Birdman“ vorzüglich.

—————

Hirts

Künstler und Sammler, rechts unten Friedrich Schröder-Sonnenstern, kunsthistorisch bekanntester Vertreter von Art Brut

Halle, Galerie des Kunstvereins Talstraße e.V
Wahn-Sinn, Jean Dubuffet & Art Brut, Sammlung Klewan, München, bis 17.Mai, Di-Fr 14-19 Uhr, Samstag-Sonntag 14-17 Uhr

Art Brut beinhaltet die Kunst von Menschen mit geistiger „Behinderung“. Sie wurde von Dubuffet gefördert, theoretisch bearbeitet und zugänglich gemacht. Dabei ist Dubuffet selbst ein außerordentlich einflussreicher Künstler des 20. Jahrhundert.
Schon zu DDR-Zeiten erhielt ich das illegale Privileg, in einigen Katalogen der Prinzhorn-Sammlung zu blättern (benannt nach Hans Prinzhorn), eine Zusammenstellung von Arbeiten aus psychiatrischen Anstalten von teils unglaublicher Qualität.
Mein Interesse an diesem „Nebenweg“ künstlerischer Produktion besteht immer noch und Literatur von Leo Navratil wäre als Einstieg eine plausible Empfehlung.

Verkehrsnachricht des Tages

Deutschlandfunk, gestern, 8.35 Uhr

Auf der Autobahn x liegt zwischen y und z ein Tisch auf der Fahrbahn.
Ob noch Mitmenschen daran Platz nahmen, um ihr Frühstücksei zu verzehren, wurde nicht mitgeteilt.

Musik des Tages

Beasty Boys „No Sleep Till Brooklyn“ und „Rhymin & Stealin“ aus „Licensed to Ill“
ACDC „Highway to Hell“
Guess Who „American Woman“
Vivaldi „Vier Jahreszeiten“

juergenhennekunstkritik.wordpress.com
juergen-henne-leipzig@web.de

ILEFLoffsen2005198309092012dorHH

Februar 24, 2015 Posted by | Film, Kunst, Leipzig, Musik | Hinterlasse einen Kommentar

Jürgen Henne und die begehrte, doch eher unregelmäßig bearbeitete Serie: „Verspätete Kulturtipps.“ Heute: Andy Warhol in Chemnitz. Nur noch bis 22.Februar. Außerdem die begehrte, doch gleichfalls unregelmäßig bearbeitete Serie: “ Unverantwortlich verspätete Kulturtipps.“ Heute: Pere Ubu im Leipziger Werk II

RED081216WARHOLREED02_001

Andy Warhol und Lou Reed

Warhol entwarf das Cover für die erste Platte von Velvet Underground mit Lou Reed („The Velvet Underground & Nico“). Auch die Rolling Stones wurden mit einem Cover Warhols beschenkt („Sticky Fingers“) von 1971. Eine herausragende Scheibe der 70er Jahre.
Ich hatte noch die Freude, zwei Konzerte Lou Reeds zu erleben (Berlin, Dresden).
Außerdem einen Auftritt John Cales, doch bei sauiger Akustik in der wichtigsten neugotischen Kirche Leipzigs.

—–

BOWIEWARHOL-630x410

David Bowie als Andy Warhol, mit Dennis Hopper

Szene aus dem Film „Basquiat“.
Jean-Michel Basquiat ordne ich hemmungslos in die Kategorie der wichtigsten Künstler des 20. Jahrhunderts ein, noch vor z.B. Matisse oder de Chirico.
Der Film von Julian Schnabel ist keineswegs brillant, doch ansehnlich.
Außerdem wäre ich gern mit Bowie und Iggy Pop am Ausgang der 70er Jahre durch Berlin gezogen, scheinbar angereichert durch Lou Reed und John Cale.
Aber ich musste ja in dem schlecht riechenden Kommunismus-Idyll DDR zerlumpen. Diesen Zorn werde ich bis in die Kiste mitnehmen.

Jedenfalls gibt es in Chemnitz eine ausgezeichnete Ausstellung mit Arbeiten Andy Warhols, vorrangig Siebdrucke. Ingrid Mössinger hat es wieder angerichtet.
Eher durchschnittlich gebildete Museumsbesucher werden vielleicht verzweifelt nach Bildern mit Marilyn Monroe, Elvis Presley und Marlon Brando fahnden. Oder nach tausend Suppendosen. Vergeblich.
Denn unter dem Titel „Death and Disaster“ werden Arbeiten gezeigt, die man sich im eigenen Schlafzimmer nur nach einer Pulle Whisky vorstellen könnte.
Suizid und andere Verbleichungsmöglichkeiten wie Unfälle, Morde, Hinrichtungen und Rassenunruhen dominieren die Chemnitzer Museumswände.
Eine Popularitäts-Koryphäe wurde aber nicht ausgeschlossen. Jacqueline Kennedy, Bilder aus den Zeiten der Ermordung von John F.

chemnitz-theaterplatz-mit-koenig-albert-27600

Chemnitz, Theaterplatz mit König-Albert-Museum, Tatort der Warhol-Ausstellung, mit Opernhaus und St.Petri

Serientitel wie „Skull“ und „Elecric Chair“ weisen in die entsprechende Richtung.
Zwei Dosenbilder wurden dann doch in Chemnitz abgeladen, die sich aber gefügig in das Gesamtkonzept einordnen. Denn angefaulter Thunfisch, Inhalt dieser Blechteile, war entscheidend behilflich, den Tod von zwei Frauen zu beschleunigen, deren Porträts unter den Dosen lächeln.
Diese grauenvolle Sachlichkeit bei Themen, nach deren Kenntnisnahme man brüllend irgendwo am Südpol verröcheln möchte, zusammengefügt mit einer fast schmerzhaft-schönen Ästhetik, erzeugt einen unerbittlichen Sog.

Eine unvergleichliche und große Kunst.
Und Freunde serieller Konzepte sind in dieser Ausstellung ohnehin vorzüglich aufgehoben.
Der Katalog ist gleichfalls trefflich, mit einer nicht alltäglichen Farben-Kongruenz.

Heute 20 Uhr im Leipziger Werk II: Pere Ubu.
Fast so wichtig wie Lou Reed.

Ich vermute, dass nur noch David Thomas von der Urbesetzung dabei ist. Immerhin. Es würde der Entwicklung ähneln, wenn nur noch Mick Jagger bei den Rolling Stones auf die Bühne kriechen würde. Oder Eric Burdon, allein bei den Animals. Oder Ian Anderson, allein bei Jethro Tull. Immerhin.

Höhepunkte unserer Zeit

Putin überreicht dem ägyptischen Präsidenten als Gastgeschenk eine Kalaschnikow.

Im Leipziger Rosental werden Wanderer fast von einer Drohne erschlagen.

Ballade des Tages
Schiller: „Die Bürgschaft“

Musik des Tages
Gabriel Fauré: Requiem. Ich habe die Aufnahme mit dem Boston Symphony Orchestra unter Ozawa und bin zufrieden.

Literatur des Tages
Musikkritiken von Eduard Hanslick


juergenhennekunstkritik.wordpress.com
juergen-henne-leipzig@web.de

ILEFLoffsen2005198309092012dorHH

Februar 12, 2015 Posted by | Film, Kunst, Leipzig, Musik | Hinterlasse einen Kommentar