Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne und die unregelmäßige Serie: „Filme, die keine Sau kennt, außer Jürgen“ – Heute: „Höhenfeuer“ (Schweiz, 1985)

Meine Videokassette aus der Bronzezeit mit „Höhenfeuer“, außerdem „Die Nacht des Jägers“, gleichfalls eine cineastische Sonderleistung. Noch eine recht ordentliche Qualität der Wiedergabe.

Wenn man locker und unbeschwert bei aktueller Literatur Parallelen zur griechischen Tragödie beschwört, wäre es möglich, dass die Zuhörer ihrem Gesprächspartner eine gewichtige Weisheit bescheinigen und beachtliche Wertschätzung zollen.
Ich benötige derartige Strategien nicht mehr, komme aber bei Fredi M. Murers Film „Höhenfeuer“ nicht an der Gewissheit vorbei, eben diese Traditionslinien in das antike Griechenland ziehen zu dürfen.

Der Handlungsort wurde irgendwo in der zentralen Schweiz angesiedelt, ist aber nicht bedeutend, könnte auch in Grönland liegen.
Auf einer abgelegenen Alp agieren der Vater, nicht gerade ein Toleranz-Tornado, die Mutter, sowie Tochter und Sohn, seit der Geburt taubstumm, der schon mal gern Kofferradios in Jauchengruben schmettert und Kühe mit aufgespannten Regenschirmen belästigt.

Isoliert suchen die Pubertierenden die Bewältigung dieser Beschwernisse, finden in der Einsamkeit als Lösung nur die geschwisterliche Extremannäherung, die in einer Schwangerschaft kulminiert.
Der Vater rastet aus und die Geschichte endet in einem Fiasko griechisch-antiken Zuschnitts um 400-500 v.Z., zumindest in Ansätzen.

Das Spiel beginnt mit der Nahaufnahme von zwei Maulwurffallen und den entsprechenden Inhalten. Die Opferzahl wird sich am Ende des Films wiederholen, allerdings keine Maulwürfe. Ich neige eher nicht dazu, bei jedem farbigen Schnürsenkel eine unverzichtbare Symbolik zu vermuten.
Doch ist „Höhenfeuer“ reich gesegnet mit allegorischen Bildern, Symbolen und Riten, die außerhalb der Schweizer Bergwelt mitunter nicht leicht zu entschlüsseln sind.
Trotz mancher regionaler Besonderheiten verblüfft die Story aber dennoch durch den hohen Grad von Allgemeingültigkeit.
In langen Einstellungen und einer fast schmerzhaften Genauigkeit werden die täglichen Verrichtungen auf der Alp zelebriert, wobei der Nahrungszubereitung und dem Verzehr dieser Ergebnisse ein erhöhter Stellenwert zugemessen wird. Das Interieur ist weitgehend abgedunkelt und wird von einer kargen, präzisen Kommunikation ausgefüllt, die in ihrer Schlichtheit aber auch existenzielle Fragen bereithält.
Für den Vater ist körperliche Arbeit die einzige Möglichkeit, das Leben zu bewältigen. .
„Die fressen alle mehr, als was sie schaffen, da unten“ (Filmzitat). Außerhalb seines überschaubaren Alp-Terrains scheinen nur noch Sodoms und Gomorrhas vor sich hin zusumpfen.
Und so wird auch der Sohn das „Steinespalten“ als wichtige Aufgabe innerhalb seines Pubertätskampfes empfinden.
Dabei wird die familiäre Bindung durch solide Emotionen und gehobene Zuneigung gezeichnet und es ergeben sich innig ausgelebte Episoden (z.B die erste Rasur des Knaben mit Vaters Unterstützung).
Immer wieder wird das verschlossene und geöffnete Fenster als künstlerisches Bild eingesetzt und erhält in den letzten Filmszenen eine verstörende, poetische, aber konsequent abgeschlossene Bedeutung.

Der Tatort

Murer verzichtet weitgehend auf die Vorführung monumentaler Gebirgspanoramen und verlässt sich auf die Wirkung des Details, auf eine sparsame, dennoch durchaus bedrohliche Filmakustik und eine edle Farbigkeit, die auch durch krasse Akzente bereichert wird.
Mitunter entwickelt er skurrile Abläufe.
So übernachten Tochter und Sohn auf der Alp, entfernt vom Elternhaus, bedeckt mit einem voluminösen Federbett und bald nackten Hintern unter sternigem Himmel und auf gleichfalls nacktem Boden.
Nach dem Finale überfliegt ein Hubschrauber mit Kuh im Gepäck die Alp.
Auch die erotischen Overtüren und sexuellen Irritationen werden von Murer ohne Geschwätzigkeit, Voyeurismus und ohne skandalträchtige Szenerien abgedreht. Man möchte es den Geschwistern gönnen.
Eine Verbindung von tiefer Zärtlichkeit, in einer ignoranten Welt, die keine Auswege anbietet.
Im Film wird Schwizerdütsch gesprochen, von sächsischen Untertiteln begleitet.
„Höhenfeuer“ erhielt 1985 den Goldenen Leoparden auf dem Filmfestival in Locarno. Viel zu wenig.

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März 30, 2011 Posted by | Leipzig | 13 Kommentare

Jürgen Henne leidet an der Verlotterung der Presse und dümmliche Kunsterziehung, einfältige Schenkelklopfer, Mario Barth, Gustav Adolf Schur, Heinz Florian Oertel, Lippert, kapitalistische Dekadenz, prähistorische Sülze, Rentnernostalgie und Schnatterinchen umschlingt Millionen

Als eine bevorzugte Beschäftigung pflege ich die Nörgelei an Verlotterung und Banalisierung der Presse.

„In der LVZ-Autorenarena wird herzlich gelacht – aber auch zum Denken angeregt“ (Unter der Überschrift, etwas undeutlich)

Verstehe ich nicht.
In Teilen der Lesung wurde also herzlich gelacht und nicht nachgedacht, sozusagen nur saublöd und mit einfältigen Bewegungsabläufen vor sich hingekreischt. Während anderer Abschnitte sah man dann nur tiefschürfende Gedankenmimik. Wer seine Lachmuskeln aktiviert, dem träfe ein Buch aufs Maul.

….“zum Denken angeregt“….“was will der Künstler uns damit sagen“… – grauenvolle Erinnerungen an die Klischee-Didaktik einer weitgehend dümmlichen DDR-Kunsterziehung.

Wissen Sie, Frau Insa van den Berg (Verfasserin des Artikels), weshalb mich Frauen u.a. so begehren?
Weil ich bei Humor nachdenke, auch bei meiner eigenen Produktion und innerhalb bedeutsamer Denkprozesse, mehrmals täglich, auch gelegentlich „herzlich“ lache.
Und bei anspruchsvollen Frauen rangiert intelligenter Humor als erstrangiges Auswahlkriterium bei der Partnerwahl.

Aber Zeitgenossen, bei den das Humorverständnis in den Witzchen Mario Barths und des Schmalrippchens aus Marzahn aufgebraucht ist, müssen natürlich Humor und gedankliche Leistungen trennen.

Und es lasen u.a. Heinz Florian Oertel, Wolfgang Lippert, Otto Mellies, Peter Ensikat, später dann scheinbar Gustav Adolf Schur und Gojko Mitic – diese ganze alte prähistorische Sülze aus DDR-Zeiten ist entsetzlich, diese lächerlich Anbiederung der Zeitung an Rentnernostalgie.
Die sportlichen Leistungen Schurs sind natürlich unbestritten, doch herzlich lachen kann ich sicher nur über seine DDR-Volkskammerreden. Und auch heute fungiert er nicht gerade als Garant für anspruchsvolle Beiträge.
Auch Oertels Kompetenz im sportlichem Fach ist verbürgt. Doch soll ich mir nochmal das Gequarke um „Waldemar“ anhören. Oder die Fernsehbeiträge dieses hartnäckig dogmatischen Einpeitschers zu Dick Fosbury und Dave Wottle, die er sicher gern bis zur Tür einer psychiatrischen Anstalt begleitet hätte. Fosbury kreierte den neuen Hochsprungstil mit dem Rücken zur Latte und Wottle lief die Mittelstrecken mit Golferkappe und bemerkenswert schlurfend.
Für Oertel Symptome kapitalistischer Dekadenz.
Doch beide wurden Olympiasieger.
Oder soll ich mich in Lipperts Lebenserinnerungen vertiefen, Katalysator für den Eintritt in lähmende Apathie, akustisch dekoriert durch dieses unsägliche „Erna kommt“.
Da höre ich doch noch lieber Ludwigs Ode an die Freude, gesungen von Schnatterinchen und lache herzlich.

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März 21, 2011 Posted by | Leipzig, Literatur, Presse | 1 Kommentar

Jürgen Henne, Aaron Copland und Billy the Kid, korpulente Nasen, eine Orgelsinfonie, Eric Burdon in San Francisco, drei Pullen Billig-Gesöff, Zappa, Yardbirds, John Mayall, Stockhausen, Kai Kollenberg, Intellekt unter einem Maulwurfshügel und die Raffinesse meiner seligen Großmutter

Aaron Copland

Ich bin ja nun nicht gerade der ausgewiesene Fanatiker von Aaron Coplands Musik. Diese Dominanz folkloristischer Riesenhäppchen kann mich mitunter spürbar nerven.
Das Angebot meiner privaten Musikgeschichte akustischen Zuschnitts beschränkt sich deshalb auf „Billy the Kid“, Appalachian Spring“ und „Rodeo“. Eingespielt vom San Francisco Sinfonie Orchester, das sich scheinbar rasant zum führenden Bannerträger für dessen Musik entwickelt hat.

Vor einigen Tagen, in den mittleren Morgenstunden, wurde nun im Deutschlandfunk innerhalb der Rubrik „Die neue Platte“ die „Orgelsinfonie“ von Copland angeboten, gleichfalls von den Musikern der Stadt zelebriert, durch welche schon Scott Mckenzie und die Flower Pot Men mit Blumentöpfen auf den Stimmbändern flanierten und deren Nacht Eric Burdon besang.
Und ich könnte mir vorstellen, diese Sinfonie käuflich zu erwerben. Ein frisches, eher experimentell geprägtes Stück aus frühen Zeiten, noch nicht diktiert von gefälligen, angenehm hörbaren, doch durchaus konventionellen Klangstrukturen.

Aaron Copland mit Nase. Ich liebe Männer mit korpulenter Nase, sonst könnte ich mich ja selbst kaum ertragen

Die kleine Anekdote um Copland, während dieser Sendung vorgetragen, gefällt mir besonders.
Nach dem letzten Ton der Orgelsinfonie wandte sich der Dirigent geschwind zum Publikum, um zunächst den Applaus zu behindern und sagte:
„Wer ein solches Stück schreibt, wird in fünf Jahren zum Mörder.“
Copland starb 1990 mit neunzig Jahren, nicht auf dem elektrischen Stuhl, auch nicht auf Alcatraz.

Copland mit Stöckchen und bei der Fein-Justierung seines linken Schallknorpels

Im Zusammenhang mit San Francisco erinnere ich mich lüstern, dass ich an einem Abend vor vielen Jahren bei drei Wetten mit einer Halbfreundin drei Flaschen Wein gewann.
Sie behauptete mit quirliger Arglosigkeit, Mick Jagger singt „San Francisco Nigth“, Woodstock liegt vor den Toren dieser Westküstenstadt und Bob Dylan nölte bei dem Festival auch herum.

Ich löste diese Aufgaben souverän, empfand aber vor allem den Zweifel an meiner Animals – War – Burdon – Kompetenz als unentschuldbare Zumutung.
Wir gaben uns dann abends mit den drei Pullen Billig-Gesöff dramatisch die Kante und versenkten uns dann in halbkomatösen Zuständen ohne gegenseitige Berührung in die Betten.


Eric Burdon & War. Zwei großartige Scheiben. Vor etwa dreißig Jahren für 160 DDR-Mark erworben (Doppel-LP). 80-100 Mark waren der Standart für eine Platte vom dekadenten Klassengegner. Lou Reed, Frank Zappa, Little Feat, Van Morrison, Pink Floyd, Colosseum, Yardbirds….trieben mich deshalb nicht selten an die Grenze zur finanziellen Verkümmerung. Es folgten dann Abendbrote mit einer Tasse Moos-Bouillon mit einer halben Karotte.

David Bowie. Heroes. Schmuggelware meiner seligen Großmutter vom Weserland nach Leipzig.

Nach Großmutters „Westbesuchen“ harrte ich mit Gänsehaut auf dem Leipziger Bahnhnhof ihrer Ankunft. Ich freute mich natürlich ohnehin auf meine Oma, diese gute Frau.
Doch meine Freude erhielt dann ihre Abrundung, wenn ich so ein schwarzes Rillenwunder auf dem Kofferboden wahrnahm. Musik von Zappa, Bowie, Rolling Stones, Led Zeppelin, Stockhausen, John Mayall, Johnny Winter….also alles, was mein weites Musikherz so aufnehmen wollte. Und noch mit fünfundachtzig Jahren überwand meine Großmutter mit aller Raffinesse die Kontrollen dieser Grenzdeppen.

Aktueller Nachtrag

Kai Kollenberg, mir unbekannt, was auch so bleiben wird, kritisiert in der gestrigen Leipziger Volkszeitung eine Scheibe von Beady Eye, scheinbar Nachfolger von Oasis. Er spricht von Kopie und Plagiat. Edelkai mag ja recht haben, doch charakterisiert er diese Musik kernig als „Guttenberg-Pop“ .

„Guttenberg-Pop“ – lieber Kai, dieses Format ist ja unterirdisch. Das sind ja Dimensionen von Dümmlichkeit, die sprachlich und intellektuell nicht einmal aus einem Maulwurfshügel hervorragen.

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März 12, 2011 Posted by | Leipzig, Musik, Presse | Hinterlasse einen Kommentar

Jürgen Henne, Michael Morgner und Karl Marx in Chemnitz. Kommunistische Hybris, Clara Mosch, Galerie Oben, ein Affront gegen Zement-Kultur, Angstfiguren, die Häutung der Flächen, Destruktion und Sanierung und Morgners Angebot zur Qual

Chemnitz. Karl Marx. Von Lew Kerbel in die Form gedroschen und in Bronze gegossen.

Zunächst ein optisches Hilfsmittel zur Magenhygiene. Also etwas zum Abkotzen. Kommunistische Hybris, verbunden mit veheerendem Verständnis für ästhetische Wirkungsebenen und Rezeptionsmechanismen.
Widerlich.
Der Welt größte Porträtbüste. Über sieben Meter, vierzig Tonnen.

Nochmals Marx-Kerbel, weil es so schön den Magen reinigt

Ich erinnere mich an einen ekelhaften Massenaufmarsch in Dresden, vor dem Hauptbahnhof, anlässlich der Enthüllung eines saublöden Thälmann-Denkmals, Mitte der siebziger Jahre. Und ich als Student mit lästig blauem FDJ-Lappen um die Brust. Schon damals eine Qual, aber auch schon mit den Gedanken, dass mir die Bildhauerei von Henry Moore und Arp, von Giacometti und Brancusi doch eher zusagt als dieser Thälmann-Klumpen. Bei der öffentlichen Huldigung dieser Namen hätten uns die Lehrkräfte sicher mit einer Fritz-Cremer-Statue erschlagen

Michael Morgner,Gletscher, 28.3.07
Tuschlavage über Prägung und Asphalt auf Papier, Collage/Decollage
, Leinwand

Im Zusammenhang mit meinem Text zu Klaus Hähner-Springmühl für das bedeutsamste Künstlerlexikon dieser Welt, habe ich mit Freude und auch heftiger Abneigung einige Erinnerungen an die Kunstgeschichte von Karl-Marx-Stadt (Chemnitz) der siebziger und achtziger Jahre aktivieren dürfen, in die auch Hähner-Springmühl wichtige Akzente setzte.

Es ging dabei um die Künstlergruppe „Clara Mosch“, zusammengesetzt aus den Namen der Gründungsmitglieder Michael Morgner, Thomas Ranft, Carlfriedrich Claus, Gregor-Thorsten Schade und Dagmar Ranft-Schinke. Ein langes Kapitel wäre dafür angemessen. Gegründet im Mai 1977, beendet im Herbst 1982. Wichtig in Chemnitz dieser Jahre auch die „Galerie Oben“, eröffnet 1973 und unermüdlich bei der Bereitstellung von Ausstellungsflächen für „Clara Mosch“.
Meines Erachtens sind, außer Carlfriedrich Claus, der mit Abstand älteste Kollege, noch alle Mitglieder am Leben und dürften sich kontinuierlich der 70 nähern.
Und eben auch Michael Morgner, geboren 1942 in Chemnitz. Einige, seiner recht großformatigen Bilder hängen bis zum 20. März in den Ausstellungsräumen der Chemnitzer Kunstsammlungen am Theaterplatz.

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Gletscher, 28.3.07, linke Tafel, Detail

Morgner, 1942 geboren und zwischen 1961-66 Student an der Leipziger Graphikhochschule, hatte nie das Bedürfnis, in die förderungswürdige Elite sozialistischer Künstler eingeordnet zu werden. Seine Kunst, nicht den offiziell bebrüllten Normen angemessen, wurde belauert und argwöhnisch kontrolliert.
Er war 1973 Gründungsmitglied der Chemnitzer „Galerie Oben“ und 1977 Mitbegründer von „Clara Mosch“. Bald vereinigten sich in diesem Umfeld über einhundert Stasi-Iltisse. Erneut ein Grund zur Magenreinigung.
Er verweigerte 1988 die Teilnahme an der X. Kunstausstellung der DDR, ein grandioser Affront gegen deren Zement-Kultur und zog sich überhaupt von staatlichen Kunst-Orgien zurück.

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Jüdisches Requiem, Tuschlavage über Prägung und Asphalt auf Papier, Collage auf Leinwand

Ab Beginn der achtziger Jahre und als Folge individueller Leidenserfahrungen nimmt Morgner existenzielle Werte und substanzielle Botschaften religiösen Zuschnitts in seine Ikonographie auf.

Das Motiv um Ecce Homo wird dabei ähnlich genutzt wie weitere Abläufe und traditionelle Verständigungsinhalte der Passion Christi.
Religion wurde in der DDR weitgehend nur widerwillig gelitten und auch
Morgner erkannte das Potential, mit Bildern der Kreuzigung, der Auferstehung auf private und gesellschaftlich nur schwer erträgliche Situationen zu weisen.
Sicherlich auch mit dem Blick auf südamerikanische Befreiungstheolgien.

Natürlich sind diese Hilfsmittel legitim, zumal in diktatorischen Kulturen. Und kunsthistorisch abgesegnet.
Eine Tendenz zu Plakativität, zu gedanklicher Vergröberung kann Morgner aber nicht vollständig vermeiden, wobei diese Ebene durch seine handwerklich-künstlerische Befähigung fast vollständig aufgehoben wird.
Auch an den Einsatz von „Tauwetter“ zur Beschreibung politischer Mechanismen und von schwer beherrschbaren Gletschermutationen als Motiv zur Schilderung möglicher Klimaentgleisungen und des gnadenlosen Figths zwischen Mensch und Natur muss man sich in dieser Schnörkellosigkeit erst einmal gewöhnen.

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Gletscher, 20.4.07, Tuschlavage über Prägung und Asphalt auf Papier, Collage/Decollage auf Leinwand

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3 Figuren im Raum, Technik wie oben

Morgner schafft sich Schablonen, die er immer wieder auf die Bilder aufträgt, oft kaum sichtbar. Ins Material-Chaos eingesaugt. Er nennt Sie dann Angstfigur, Stürzender, Aufsteigender, Schreitender…., psychische Basis-Situationen und gymnastische Grundübungen, deren Mitteilungskern nicht schwer zu entschlüsseln ist.
Im Museum läuft ein zwanzigminütiges Video, welches das Verfahren Morgners verständlich macht.
Nach der Arbeit an einer Radierpresse wird der Druck mit Asphaltlack bestrichen, mit den Händen. Weiteren Schritten folgen dann Übermalungen und Überzeichnungen mit Tusche, jetzt mit ständigem Einsatz von Wasser.
Morgner beginnt jetzt die unterschiedliche Materialien zu spalten, schafft Furchen und zerstört Zusammenhänge. Er häuft Schichten zu Reliefs, wäscht Farbe ab und trägt sie wieder auf.
Er enthäutet die Fläche und versorgt sie darauf mit neuen Schutzschichten. Einer Verletzung folgt Versiegelung, Destruktion erwartet Sanierung. Brandwunden schlieren sich zu einer Ästhetik der Auflösung. Und dazwischen Angstfiguren, Stürzende, Aufsteigende….

Morgner wuchtet monumentale Themen auf seine Bilder. Die Maße sind beträchtlich und das Format scheint mitunter zu bersten. Mit hoher Meisterschaft reduziert er die Tafeln weitgehend auf Schwarz-Grau-Braun und ist auch gewillt, uns zielgerichtet zu quälen. Wir sollten dieses Angebot annehmen.
Hocherfreut war ich über die Kunde, dass er schon frühzeitig die Malerei von Georges Rouault zumindest als einprägsame Orientierungshilfe empfand ( s.Text v. 4. Februar 2011).

Selbstporträt, Tafeln I+V, Technik wie oben. Tafeln II-IV Relief-Prägefigur auf bearbeitetem Foto, Pentaptychon

Michael Morgner. Bilder 1985-2008, Kunstsammlungen Chemnitz, Theaterplatz 1, bis 20. März

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Selbstporträt, rechte Tafel, Detail

Schweißtuch, Tuschlavage über Prägung……,
Detail

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März 3, 2011 Posted by | Leipzig | 1 Kommentar