Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne hört seine Weihnachtsgeschenke – Schostakowitsch, Gubaidulina, Tavener, Glass, Feldman, Xenakis, denkt an Aphrodite, kommt in arge Zeit – und Schreibnot und gönnt den Lesern für ihre private Nachbereitung seiner begnadeten Denkanstöße eine unerhebliche Blog-Pause

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jürgen Henne – akustisches und nahrhaftes Verpflegungsmaterial für seine Musikstunden als Stillleben.

Vielleicht höre ich zunächst die fünfzehn Streichquartette von Schostakowitsch. Dann vielleicht ein Allegretto-Häppchen der Sinfonien Dmitris (Ein Weihnachtsgeschenk vor vielen Jahren). Das „Leningrader“ Allegretto muss es ja nicht unbedingt sein. Denkbar wäre auch eine Teilung des Schostakowitsch-Blocks durch ein ausgedehtes Intermezzo mit Sofia Gubaidulinas Kammermusik, bei dem ich mich dann sicherlich verzückt in den Holzboden wühle.

Womöglich folge ich auch Philip Glass auf den fiktiven Spuren des Strandläufers Einstein, beschädige meine Oberschenkelmuskulatur durch den Nachvollzug der Perkussion-Orgien von Xenakis mit meinen Handballen, bestätige und unterstütze hingebungsvoll die Ovationen Morton Feldmans für Beckett und Rothko und erstarre vor der Schönheit von John Taveners „Eternity`s Sunrise“.

Vielleich unterstütze ich auch zwischendurch meinen möglichen Tinnitus und biete ihm als Katalysator die Scheiben der Beasty Boys und der Sex Pistols an. Große Musik wird es auf alle Fälle sein.

Also eine Blog-Pause. Außerdem will ich zu einer Kultstätte, an der sich Aphrodite herumgelümmelt haben soll.

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Januar 25, 2009 Posted by | Leipzig, Musik | Hinterlasse einen Kommentar

Jürgen Henne und Teil Zwei des „Kunst-Ausblicks“ der Leipziger Volkszeitung, 14.Januar (s.auch Blog von Jürgen Henne, 6.Januar)

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Jürgen Henne als Diogenes, nicht auf der Suche nach Menschen, aber nach einer lesbaren Leipziger Tageszeitung ohne Schadstoffe zur Symptombeschleunigung von Augen-Angina und intellektueller Anorexia nervosa
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Ich habe, widerborstig gegen meine eigene Ankündigung, den zweiten Teil des „Kunst – Ausblicks“ für Leipzig gelesen (s.auch Text in meinem Block, 6.Januar).

Arne Linde von der Galerie ASPN (Spinnerei) räsoniert zunächst entspannt, aber etwas schlicht über Galeristenpsychologie und über ihre individuelle Marktstrategie. ( „Man muss die Galeristen auch ein bisschen lesen können. Wenn jemand sagt, es läuft Spitze, dann ist das relativ. Es kommt auf die Vorgeschichte an.“) Sie preist die Unterstützung durch „Hempel (Dogenhaus), Kleindienst, Lybke
(Eigen+Art) und so weiter“. Warum immer nur Hempel, Kleindienst, Lybke und keine Preisung für „und so weiter“. In dem Artikel sollte es um einen jauchzend-hellen „Kunst-Ausblick“ gehen, nicht um Gerontologie. Hier vereinigen sich Galeristenpsychologie und Marktstrategie mit traditionellen Verbeugungsriten und kalkulierter Journalisten-Demut

Nach etwas Internationalität und architektonischer Zukunft auf dem Galeriegelände der Spinnerei wird in dem Text ein markiger „Ortswechsel in die Innenstadt“ angekündigt. Denn „auch in der Innenstadt etablieren sich junge Galerien“, wird weise berichtet. Sicher. Alte Galerien sind schon länger in der Innenstadt.
Und etwas Marktstrategie von Hieronymus Wachter von der Galerie Irrgang am Thomaskirchhof und der Hinweis auf den ordentlichen Verkauf von gut gemachten Radierungen und figürlicher, farbiger Plastik. Bemerkenswert spannend. Wachter zeigt unter anderem Bilder von Zander und Perlet….schauder,schauder.

Und dann wieder etwas Marktstrategie von Emanuel Post mit seiner Galerie in der innerstädtischen Windmühlenstraße.
Das waren dann die jungen Galerien in Leipzigs Innenstadt. Und das war dann schon Teil Zwei des „Kunst-Ausblicks“.

Und wo bleibt die Kunst? Dieser „Ausblick“ fasziniert durch eine öde Wiederholung gängiger Klischees durch gängige Galerien in einer gängig-journalistischen Verpackung, eingezwängt in eine strangulierende Hierarchiekultur.
Ein Bericht über die Marktlage von dreimal gerütteltem Krustenketchup oder eine Einschätzung der Karieshäufigkeit bei spätpubertierenden Meuchelmardern hätten ähnliche Textstrukturen erfordert.
Ich bitte um keine weiteren Teile.

Die „Kunst-Ausblicke“ in der Leipziger Volkszeitung waren verheerend, die Kunst in Leipzig wird hoffentlich besser

Nachschlag:
In der heutigen Ausgabe der LVZ (16.Januar) die Ankündigung eines wochenendlichen Rundgangs auf dem Spinnereigelände mit der besonderen Hervorhebung der Dogenhaus Galerie, von Eigen+Art und der Galerie Kleindienst
(siehe oben)

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Januar 15, 2009 Posted by | Kunst, Leipzig, Presse | Hinterlasse einen Kommentar

Jürgen Henne und Teil Eins des „Kunst-Ausblicks“ der „Leipziger Volkszeitung“, 6.Januar 2009, Seite 9

Abgesehen davon, dass mich die Überschrift des Artikels „Quo vadis, Leipziger Malerei?“ mit ihrem lärmend-wichtigen Frontalklischee nervt, verblüfft die Reduzierung hiesiger Kunst auf Malerei. Wodurch natürlich das unsägliche Thema „Leipziger Schule“ wieder festgezurrt wurde. Und dann wieder Rauch, Weischer, Perlet, Plogsties, Loy, Schnell. Es fehlen Eitel, Ruckhäberle, Baumgärtel. Die sind dann im Teil II dran.

Und wieder diese völlige Ignoranz gegenüber möglichen Stimmen, welche dieser Kunst keine Orgien der Begeisterung entgegenschluchzen. Bemerkenswert schlicht verbunden mit dem markigen Hinweis, dass der Neid immer ein guter Kritiker war, welcher die Leipziger Erfolge aus allen Richtungen begleitete. Die Verdünnung von Kritik, berechtigt oder unberechtigt, auf Auswürfe von Neid, ist dann wohl die einfältigste Reaktion und bietet ein intellektuelles Gesprächsangebot, welches sich einem labernden Nichts nähert.

Der Verfasser bietet auch keinen Ansatz, sich über qualitative Fragen dieser Kunst zu verständigen, über Entwicklungen, auch unter Einbeziehung anderer Tendenzen gegenwärtiger Malerei in Leipzig, abseits von Rauch, Weischer, Perlet, Plogsties, Loy, Schnell. Diese Notwendigkeiten tendierten in Leipzig der vergangenen Jahre hartnäckig gegen eine scharf geschnittene Null. Und die Erleuchtung, Traditionslinien von Uralt – Alt – Mittel – Neu – Ganzneu – Schulen in Leipzigs Malerei und Grafik erkannt zu haben, erscheint mir als Ausgangsmaterial von etwas kargem Zuschnitt.

Unkompliziert und mit geradliniger Leichtfüßigkeit wird eher auf die Sammlung Essl verwiesen, die mit Bildern der „Neuen Leipziger Schule“ immer noch durch Europa tourt (Ich habe mich in Torgau durch diese Schlichtbildchen-Galerie gequält) und auf Weischer und dessen Reise zur New Yorker Armory-Show. Na, dann ist ja alles gut und alles wie immer.

Und des Verfassers Hinweis, dass die figurativen Maler zur Zeit den Trend gegen sich haben könnten, besticht durch eine fast beleidigende Überflüssigkeit. Selbstverständlich gibt es diese welligen Bewegungen bei der Popularität einzelner Kunstströmungen. Diese Erkenntnis ist alt wie das Rosental. Doch der Schreiber begründet diese „böswillige“ Entwicklung mit globalen Neidattacken. Doch bald wird der Trend wieder der figurativen Malerei entgegen stürmen. Und dann kann der Verfasser wieder über Weischer, Rauch, Eitel, Schnell, Ruckhäberle, Baumgärtel, Perlet, Plogsties, Loy plaudern. Und ich werde mich um eine Kommunikation mit den Steinköpfen auf den Osterinseln bemühen.

Teil II werde ich nicht lesen, mich schaudert bei dieser Vorstellung.

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Januar 6, 2009 Posted by | Kunst, Leipzig, Presse | Hinterlasse einen Kommentar

Jürgen Henne zwischen den Jahren in Ahrenshoop mit Naturkitsch, Albert Einstein, Herbert Tucholski, Ludendorff, George Grosz, Strandlyrik, Strand mit Bunker und 0,1 L Sanddorngeist bei Edeka für 6.90 Euro

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Körperstellung auf frostigem Boden nach der Einschüttung von 0,1 Liter Sanddorngeist und der Erstarrung nach der Kenntnisnahme des Hohlraumes, welcher dieser Kauf in die Kleingeldabteilung meiner Geldbörse geschlagen hat ( Edeka für 6.90 Euro). Für 0,1 Liter Sanddorngeist mit 45 Umdrehungen werden 6.90 Euro gefordert, dabei füllen 0,1 Liter gerade einmal einen männlich-herben Karieszahn.

Bodden zwischen Ahrenshoop und Wustrow, Ende Dezember 2008

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Strandlyrik auf den Resten einer Strandburg-Variante des vergangenen Sommers. Andere Sandarchitekturen wurden mit Weinflaschen, benutzten und unbenutzten Kondomen, mit Hinweisen auf die Zugehörigkeit zu Fan-Sekten im fußballerischem Bereich und zerschlissener Markenkleidung veredelt.

Zwischen Ahrenshoop und Prerow

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Ahrenshoop, Dorfstraße 6, Altes Zollhaus, Aufenthaltsort Albert Einsteins während des Sommers 1918.

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Ahrenshoop, Ortsteil Althagen, Dornenhaus, erbaut vor über 350 Jahren. Brecht und Helene Weigel trieben hier ihr munteres Spiel im August 1950.
Der Grenzweg zwischen Ahrenshoop/Ortsteil Althagen und Ahrenshoop/Ort markiert den Übergang vom Fischland zum Darß und die Grenze zwischen Mecklenburg und Vorpommern.

1311 Erste urkundliche Erwähnung von Ahrenshoop
1395 Zerstörung durch eine Streitmach der Hansestadt Rostock
1395 Sturmflut zerstört das Dorf
1628 Ahrenshoop im Dreißigjährigen Krieg
1648 Vorpommern wird schwedisch, deshalb auch Ahrenshoop
1771 Ahrenshoop zählt achtunddreißig Einwohner
1809 französische Besatzung
1892 Bildung der Ahrenshooper Malerkolonie
1928 Ahrenshoop mit 2153 Badegästen
1949 –
1989 DDR
Seit fünfundzwanzig Jahren erfreut Jürgen Henne als Ehrengast die Einwohner in Ahrenshoop (etwa 3-5 Tage im Jahr)

In Ahrenshoop des 20. Jahrhunderts zeichneten, malten, schrieben, faulenzten und meditierten neben Jürgen Henne außerdem u.a. Gerhard Hauptmann, Jawlensky und Marianne von Werefkin, George Grosz, Feininger, Kandinsky, Gerhard Marcks und Johannes R. Becher, der bemerkenswerte Dichter des Expressionismus, der später zu einem Parteilyriker mutierte.

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Holzschnitt von Herbert Tucholski in der „Galerie Alte Schule“ in Ahrenshoop

Herbert Tucholski (1896-1984)
Studium in Berlin und Dresden. Bedeutsam vorrangig die Holzschnitte mit einer maßvollen, überschaubaren Komposition und eindeutig definierten Proportionen. Ekelte sich vor allen manierierten Mätzchen und betonte den Eigenwert der Materialwirkung.
Es könnte sich allerdings nach längerer Aufmerksamkeit für diese Kunst die Gähnmuskulatur aktivieren. Dennoch eine handwerklich solide Kunst ohne scharlataneskes Herumgehample. Im Leipziger Reclam-Verlag erschien 1985 der Band „Herbert Tucholski – Bilder und Menschen.“ Dieses kleine Buch steht sicherlich nicht in der ersten Reihe meines Regals, verstaubt und verfettet aber auch nicht im unzugänglichem Hintergrund.

Ausstellung bis März 2009

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Ahrenshoop, Dorfstraße 18, von Paul Müller-Kaempff 1892 erbaut und als erstes Künstlerhaus in Ahrenshoop die architektonische Wiege der Malerkolonie, die heute als Tradition der „Schule von Barbizon“ angepriesen wird.
Natürlich sehr gewagt. Von kunsthistorischen und kunstsoziologischen Traditionslinien sicherlich ein angemessener Anspruch. Doch die Kunst wird natürlich durch qualitative Universen getrennt. Sich auf einer Höhe mit Millet, Th. Rousseau und den lockeren Mitgliedern Corot und Daubigny zu bewegen, erfordert aber auch tatsächlich titanische Kräfte.
Vielleicht eher vergleichbar mit der Truppe in Worpswede, 1895 gegründet, die etwas südlicher als die Ahrenshooper Zeitgenossen ihre Beschreibungen der norddeutschen Moor u. Heidelandschaft einem markanten Industriealisierungstumult gegenüberstellten. Anders als die Impressionisten und ihren optimistischen Zukunftsvisionen verharren diese Landschaftsfetichisten, ob in Ahrenshoop, Worpswede oder Barbizon, bei einem melancholisch-arkadischen Landschaftsideal.

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Ahrenshoop, Dorfstraße 52
Ludendorff, Hindenburgs General, „erhob“ das Haus zu einem „kleinen Hautquartier“ und ödete dort nicht selten als Gast seine Mitmenschen voll. Deshalb das Haus eigentlich abreißen. Doch auch Gerhard Hauptmann betrat 1930 die Räume dieser Villa. Also doch nicht abreißen.

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Ahrenshoop, Kunstkaten, Eröffnung am 11.Juli 1909

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Kunst von Alda Siguroardottir im „Neuen Kunsthaus Ahrenshoop“

Am 30. Dezember durfte ich in diesen Räumen mich an einer bemerkenswerten Video-Tanz-Performance mit Philine Sollmann aus Ulm und dem Indonesier Ruben Reniers erfreuen.

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Ursprünglich eine alte Doppelbüdnerei, vom Berliner Künstler Hermann Abeking 1904 gekauft. George Grosz schwärmte von den Abekings als „einer wahren Boheme-Familie, ganz ohne Vorurteile.“

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Ahrenshoop, Haus Elisabeth
Elisabeth von Eicken (1862 – 1940) bewohnte das Haus von 1894-1936, einflussreichste Künstlerin der Ahrenshooper Malerkolonie.

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Ahrenshoop, Haus Elisabeth, Ausstellung u.a. mit Arbeiten von Hubertus von der Goltz.
„Flucht“ – Messing, Ätzung, 2008

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Ahrenshoop, Strand mit Sonnenuntergang

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Ahrenshoop, Wald

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Ahrenshoop, Bodden mit Schnee

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Ahrenshoop, Landschaft mit Haus

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Ahrenshoop, Strand mit Bunker

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Januar 4, 2009 Posted by | Kunst, Neben Leipzig, Verstreutes | Hinterlasse einen Kommentar