Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne ,“Station to Station“ von David Bowie, „Station to Station“ von Doug Aitken und Tolstois „Anna Karenina“ im „Deutschlandradio Kultur“

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Aus meinem Musikfundus: David Bowie., „Station to Station“

Wer im Verlauf der 70er Jahre nicht nur bei den Rubettes, Bay City Rollers, Boney M, Pussycat… ekstatisch den Konzertboden ableckte (Bei der Erinnerung an diese Musik bekomme ich Ohrenscharlach), wird bei der Erwähnung der Wortgruppe „Station to Station“ sicherlich sofort an David Bowie denken.

Diese Scheibe erschien 1976 und fügte sich in die überwältigende Zeit Bowies zwischen 1970 und 1977 ein, in der er die Musik erforschte und die Musikszene beherrschte, neben „Station to Station“ auch „The Man Who Sold the World“(1970), „Hunky Dory“(1971), „The Rise and Fall of Ziggy Stardust…“(1972), „Aladin Sane“(1973), „Young Americans“(1975), „Low“(1977), „Hereos“(1977).

Es war die Zeit, als Bowie und Iggy Pop in Berlin als Nachbarn wohnten, sich die Kante gaben und bemerkenswerte Musik produzierten. Mitunter gesellte sich Brian Eno hinzu. Eigentlich fehlte nur noch Jürgen Henne.
Vielleicht aber auch alles nur Legende.
Wer weiß das schon?

Neben Bowies „Hunky Dory“, Zappas „Sheik Yerbouti“ und einer Scheibe von Soft-Machine war „Station to Station“ der erste Tonträger, den meine selige Oma vor Jahrzehnten im Rentnerkoffer aus dem „Westen“ in den „Osten“ schmuggelte.

USA-Karte

Doch „Station to Station“ der Gegenwart flimmert durch die deutschen Kinos, ohne David Bowie.

Der Film von Doug Aitken, eine Austellung von ihm gibt es in der Schirn-Kunsthalle Frankfurt/M. bis Ende September, beschreibt eine Zugfahrt in vierundzwanzig Tagen über viertausend Kilometer von der Osküste zur Westküste Amerikas, von New York nach San Francisco.
Er organisiert eine rollende Dauerperformance mit Teilnehmern aller Kunst-Gewerke, mit bildenden Künstlern, Tänzern, Musikern, Dichtern….
An zehn Orten wird die Bremse bis zum Anschlag gezogen und Bahnhof-Architekturen beben bald bei den nachfolgenden Happenings.
Sonst dröhnt, rumort und vibriert es innerhalb der begrenzten Kubik-Meter eines Eisenbahnwaggons, für Klaustrophoben kein sicherer Hort für ausgedehnte Entspannungs-Übungen.
Es entstanden zweiundsechzig einminütige Kurzfilme, der Streifen endet also nach einer reichlichen Stunde.

Die Installierung der Eisenbahn wurde ja in Amerika zum Synonym einer Verteilung „zivilisatorischer“ Maßstäbe aus Teilen der „Alten Welt“ in der sogenannten „Neuen Welt.“

Kategorien wie Geschwindigkeit und Stillstand, Relationen der Bewegung, der Veränderung und der Zeit werden ebenso nicht vernachlässigt wie soziologische Erkundungen, wie psychische Wirrungen bei Grenzüberschreitungen und Dimensionen der Mensch-Technik-Natur-Verwicklungen.

Der Genius loci wird akustisch, optisch beschworen, die Sonne ist ständiger Begleiter.
Man ordnete der Eisenbahn aus vergangenen Zeiten einen Status zu, welcher den gegewärtigen Netzwerken entspricht und ihr wird prophezeit, perspektivisch der einzige Ort zu sein, an dem sich Reiche und Besitzlose vermischen.
Verstehe ich nicht, werde aber nachdenken, wenn mich eine Abkühlung erfrischt.
Meine Einsicht in zahlreiche Darbietungen und deren intellektuelle Grundierung ist oft gegeben, doch bleiben Hürden.

Doch für einen erweiterten Exkurs „Philosophie im Film“ eignen sich die derzeitigen Temperaturen nicht.
Es bleibt bei einem erweiterten Filmtipp. Ich bin staatlich anerkannter Senior und kann mir diese Souveränität leisten.

Patti Smith röhrt ein Train-Song. In meinem Verständnis mit Janis Joplin, Björk, Aretha Franklin, Grace Slick, Laurie Anderson, Yoko Ono…die Klimax weiblicher Musikkultur im erweiterten Pop-Bereich.
Ich sah sie vor einigen Jahren bei einem Konzert in Jena, sie rotzte immer noch auf den Bühnenboden.

Joseph Conrad wird zitiert, Jackson Brown sinniert unspektakulär und ohne Gesang über Bahnhöfe und Thurston Moore, Gründungsmitglied von Sonic Youth, knallt eine musikalische Kiste zwischen die Gleise, die mir eine flächendeckende Gänsehaut bescherte.

In einem Happening folgt das Bahnhofs-Volk dem stolzen Peitschenschwinger, ein sprechender Bigfoot zeigt uns seinen Wald der Flaschenbäume, Farbbomben explodieren, eine Laser-Performance veredelt die Verbindung einer erbarmungslosen Technik mit der nächtlichen Landschaft.
Congos, natürlich aus Jamaika, schüttelt ihren Reggae über die Strecke, Moroder klimpert im Zugabteil,
Cat Power zelebriert ihren Minimalismus, Straßenmusiker vor Ort genießen die Öffentlichkeit.

Auch der Schweizer Urs Fischer und der Deutsche Thomas Demand sind dabei.

Die Eisenbahn, bislang Synonym für Gemütlichkeit und Instrument gemächlich betriebener Standortwechsel kann zum psychischen und physischen Inferno mutieren. Aber auch zu einem Areal von uferloser Kreativität.

Dieser Film ist sicher keine Sensation, wäre aber Teil einer absolut nützlichen Freizeitgestaltung, mit erheblicher Horizonterweiterung, außerdem nur etwas umfangreicher als „In aller Feundschaft“.


Szenen meines senilen Alltags

Bei einem Gespräch über diesen Film sprach ich von „Porfermance, statt Performance.

Szenen radio-journalistischer Zumutungen

Innerhalb der Sendung „Musikalisches Sonntagsrätsel“, auf „Deutschlandradio Kultur“ die ich mit Freude verfolge, getrieben von dem Ehrgeiz, nicht nur das Lösungswort zu erfassen, sondern jeden einzelnene Buchstaben ohne Nachschlagewerk notieren zu können, wurde Tolstois Novelle „Anna Karenina“ gefordert.
Ich kenne natürlich seine „Kreutzersonate“, „Kosaken“, „Vater Sergius“ , also Novellen, vobei die Grenzen zur Erzählung natürlich fließend sind.

Aber um „Anna Karenina“, dieses umfangreiche Roman-Epos, in die Sparte „Novelle“ einzuordnen, muss man schon ein gerüttelt Maß Selbstbewusstsein anbieten können. Oder Dussligkeit.

Und wenn man sich vorstellt, dass die Widergabe dieser Sendung als Aufzeichnung erfolgte und der gesamte Mitarbeiterstab diese Ausführungen ohne Aufmüpfigkeit zur Kenntnis nahm, schwinden mir die Sinne.
Da kann man sich vorstellen, was für Truppenteile in dieser Redaktion agieren, in einer Kulturredaktion.
Bei einer Abteilung, die sich weitgehend mit ZOO-Storys oder Formel 1-Ereignissen auseinandersetzt, würde man sicher schweigen

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Aus meinem Bücherfundus, Maupassant, Meisternovellen

Ich empfehle ein Studium der tatsächlichen Novellen von Storm, Kleist, Keller oder Schnitzler, meinetewegen auch Maupassant oder Flaubert.
Und danach sollte ein Blick in „Anna Karenina“. folgen.



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August 12, 2015 Posted by | Film, Kunst, Leipzig, Musik | Hinterlasse einen Kommentar

Jürgen Henne mit Verstreungen und Verstrickungen, Freude und Flaute von 0 bis 0 oder 12 bis 12

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Jürgen Henne als Meister der Organologie…..

Violine und Klavier im Schlösschen (Gohliser Schlösschen in Leipzig/Gohlis).
Eine Konzertanzeige in der einzigen Leipziger Tageszeitung (1./2. August).

Im weiteren Text wird dann die Teilnahme des Pianisten und eines Cellisten angekündigt.
Ein Cellist bei einem Konzert mit Werken für Klavier und Violine.
Das lässt mich durchaus stutzen.
Sicher sollte man nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen, nicht päpstlicher sein als der Papst, nicht den Kümmel aus dem Käse pulen und überhaupt die Kirche im Dorf lassen.

Und sicher rüttelt oder streicht man mehr oder weniger gewalttätig sowohl am Cello als auch an der Violine mit einem Bogen über die Saiten.
Beide Hohlkörper wurden in die Kategorie Streichinstrumente aufgenommen.

Ich stelle mir aber nun vor, in einem Konzertprogramm werden Hendrix-Variationen für Klavier und E-Gitarre annonciert, ein Zupfinstrument.
Auf der Bühne stehen aber ein Klavier und eine Harfe, gleichfalls ein Zupfinstrument. Also dann „Purple Haze“ und „Voodoo Child“ in Debussy-Manier.
Ich liebe Debussy, aber „All Along the Watchtower“ (Eigentlich von Dylan) an der Harfe. Müsste man sich daran gewöhnen.

Oder ein Konzert für Klavier und Triangel wird empfohlen, eindeutig ein Schlagzeug.
Doch die Bühne betreten ein Pianist und ein Kesselpauker, also ein Schlagzeuger für ein Schlaginstrument.
Als Ersatz für lieblich sanfte Triangelmusik ist die Kesselpauke nur bedingt geeignet. Eher als akustische Grundierung auf Charons Fähre bei der Fahrt auf dem Styx, unterstützt durch die dusslige Bellerei von Kerberos.

Oder der feierlich majestätische Gong (bzw. Tamtam), natürlich Schlaginstrumente, bei Mussorgskis Kiew-Tor wird durch eine Kesselpauke ersetzt. Oder durch eine Triangel oder durch ein Tamburin, auch ein Schlaginstrument.

Und wenn ich ein Stück Violine hören will, würde mich der Cello-Ersatz stören.
Und wenn ich mich auf ein Cello-Konzert vorbereite, könnte eine Violine missmutige Grundstimmung bei mir erzeugen.
So einfach ist Leben.
Natürlich sind beide Instrumente Wundergaben aus dem Elysium.

Ich bitte also, zukünftig die Benennung der Streichinstrumente in Beiträgen mit auffällig geringem Umfang präziser zu handhaben.

Ich weiß es immer noch nicht. Säbelte gestern, nur wenige Meter von meiner Behausung, nun ein Geiger oder ein Cellist an seinem Instrument herum.

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….. als bedeutender Züchter der Gemeinen Pertersilie…..

Für ein eingetragenes Mitglied der Senioren-Gesellschaft „Ewig köchle der Eintopf“ muss natürlich eine regelmäßige Ernte dieses Grünzeugs gewährleistet sein.
Nahrungssoziologische Umfragen machten deutlich, dass besonders der deutsche Mann eine kontinuierlich angebotene Schüsselverpflegung bevorzugt.
An meiner ausufernden Männlichkeit sollte deshalb nicht gezweifelt werden.
Und im sächsischen Ableger der UNESCO wird gemunkelt, meine Kartoffelsuppe und meine Erbsen-bzw. Reiseintöpfe zumindest in das mitteldeutsche Kulturerbe aufzunehmen.

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…..als Fachmann serieller Kunsttheorien in der Funktion eines Meisters der seriellen Fotografie (Leipzig/Eutritsch)…..

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…..als Meister der Obstbearbeitung (Johannisbeeren)…..

Wenn ich Mitmenschen begegne, die in Kaufanlagen ihren Beerenkorb mit ein paar Gramm vom benachbarten Gefäß anreichern, um sieben Cent zu sparen und sich dabei selbst und ihre atemberaubende Coolness feiern, würde ich gern die Aufforderung entgegennehmen: „Henker von Leipzig, walte Deines Amtes.“
Oder Pfirsiche kneten, bis der Fruchtstein sichtbar wird.
Oder wenn Brot und Brötchen bearbeitet werden, bis sich der Naseninhalt oder das feuchte Schamhaar von gerade abgeschlossenen Kratzhandlungen unter den schmutzigen Fingernägeln gelöst haben und mit der Teigware eine schmierig-körnige Einheit bildet.

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…..als Meister der Entomologie

Verbunden mit einem Beitrag der eher unregelmäßigen bearbeiteten aber beispiellos begehrten Serie: „Wo ist das Tier?“
Heute: „Wo ist die lebende Dekoration auf der Balkon-Flora?“

Filmtipp

„Die große Stille“
Über die „Grande Chartreuse“, Mutterkloster der Kartäuser, ein radikaler Schweigeorden, unweit von Grenoble.
Fast drei Stunden Natur-u.Klostergeräusche, einschließlich religiöse Abläufe.
Fast ohne die „normale“ menschliche Stimme.

Musiktipp

Brahms Konzert für Violine (es gibt nur das eine)
Dvorak Konzert für Violoncello (es gibt nur das eine)

Besonders geeignet für Journalisten (siehe oben)

Literaturtipp

Lyrik und Prosa von Ulrich Zieger (gest. 23. Juli 2015)

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August 4, 2015 Posted by | Leipzig, Musik, Presse, Verstreutes | Hinterlasse einen Kommentar

Jürgen Henne und Mario del Monaco

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Heute vor einhundert Jahren kreischte sich Mario del Monaco aus dem Schoß seiner Mutter.
Und ich vermute, dass ich zwischen zwei Brusttränkungen nicht bei seiner, doch bei meiner Mutter schon sehr früh dessen Stimme auf irgendeinem Sender der Mittelwelle hörte.

In pubertärem Alter erwarb ich dann diese Schallplatte (M.del M., vermutlich als Otello, links), eine der ersten Scheiben meiner Sammlung, die ich über alle Wohnungswechsel behütete.

Darauf brüllt, jammert, schmelzt Mario das gesamte Repertoire des tenoralen Faches herunter.
Natürlich Verdi mit Troubadour (natürlich „Lodern zum Himmel“), Maskenball, Macht des Schicksals.
Ohne Puccini läuft selbstredend gar nichts. Mit Madame Butterfly, Mädchen aus dem goldenen Westen, Turandot, Tosca („Wie sich die Bilder gleichen,“ „Und es blitzen die Sterne“)
Wobei ich immer die Bilder-Session bevorzugte.
Dazwischen Bizet (Blumenarie aus Carmen), Meyerbeer (Die Afrikanerin), Umberto Giordano (Andrea Chenier) und Leoncavallo (Bajazzo).
Also das ganze traditionelle Programm, um weinend unter den Teppich zu kriechen.

Lyrische Tenor-Partien kammen bei del Monaco fast nie in die Pfanne und auf die Bühne, da konnte man nicht so wundervoll dramatisch lärmen.

Zeitgenössische Kommentare sprachen vom bestaussehendsten und lautesten Sänger.
Ein anderer Kritiker lobte das „Goldene Gebrülle“.

Sein Debüt gab er als Linkerton (Madame Butterfly) in Mailand.
Vergelt`s Gott, schlug er, trotz einiger Filme, nicht den Absturz in die Trivialität eines Lanza oder Kiepura ein.

Favorisierte Gesangspartnerin wurde Renata Tebaldi, nicht immer ein bekömmlicher Charakter.
Die Öffentlichkeit betrachtete dann mit humoristischen Zuschnitt die Duette auch schon mal als Duelle.

Musik des Tages

Opernarien mit Mario del Monaco


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Juli 27, 2015 Posted by | Geschichte, Leipzig, Musik | 1 Kommentar

Jürgen Henne und Bob Dylans „Like A Rolling Stone“

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Ein Blumenstrauß für die Musik

Am 20. Juli 1965, also vor fünfzig Jahren, wurde Bob Dylans „Like A Rolling Stone“ veröffentlicht.
Damit begann mein entgültiger Einstieg in das Elysion der Musik.

Noch heute für mich ein Wunderwerk neben Titeln wie: „My Generation“ (Who), „Hey Joe“ (Jimi Hendrix), „Astral Weeks“ (Van Morrison), „Strawberry Fields Forewer (Beatles), „All Or Nothing“ (Small Faces), „When I Was Young“ (Animals), „On The Road Again“ (Canned Heat), „Gimme Some Lovin`“(Spencer Davis Group)…..zwischen 1965 und 1968.

Es waren gute Jahrgänge. Sie treiben mich auch noch heute an die Zimmerdecke.
Derartige Jahrgänge gibt es natürlich auch in der aktuellen Musik, nur ist die Suche etwas beschwerlicher.

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Eine Extrablume für Bob Dylan, aus eigener Züchtung












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Juli 20, 2015 Posted by | Leipzig, Musik | Hinterlasse einen Kommentar

Jürgen Henne und eine verzögerte Nachbetrachtung der 6. Schostakowitsch – Tage in Gohrisch, Juni 2015

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Hinter der Baumreihe fügt sich die Konzertscheune in Landschaft und Dörflichkeit Gohrischs ein, Spielstätte für die 6. Schostakowitsch-Tage, Juni 2015
Elbsandsteingebirge.

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Schostakowitsch lacht – eine Rarität

Einem exzessiven Musikverbraucher, der seit Jahrzehnten zwischen Konzerten mit der Tonkunst von Palästrina, Berlioz, Satie, Debussy und Berg pendelt, zwischen Schönberg, Webern, Feldman, Glass, Gubaidulina, zwischen Lou Reed, Elvis Costello, Patti Smith, Stevie Winwood, Mick Jagger und Blixa Bargeld muss schon ein gerüttelt Maß an Qualität angeboten werden, um eine positive Reaktion erwarten zu können.

Die Komponisten, Musiker, Organisatoren und freiwilligen Einsatzkräfte zu den Schostakowitsch-Tagen in Gohrisch schafften das ganz locker.
Sieben musikalische Ereignisse an drei Tagen mit jeweils vierhundert bis sechshundert Besuchern haben erhebliche Spuren in meiner Konzertbesucher-Biographie hinterlassen.

Natürlich wurde Schostakowitsch gespielt, u.a. drei Streichquartette und die Musik zum Film „Das neue Babylon“ (1929), in der er auch die „Internationale“ und „Unsterbliche Opfer“ verarbeitet.
Ich dachte dabei an nahe Verwande, die sich bei der Trauerfeier um den verstorbenen Stalin-Euphoriker Wilhelm Pieck (1960) unter den Klängen von „Unsterbliche Opfer“, eine Melodie der russischen Revolution von 1905, tränentechnisch heftig verausgabten.
Vergeudete Tränen.
Auch Offenbachs „Can Can“ wurde bei „Babylon“ durchgenudelt (Eine Liebesgeschichte während der Pariser Kommune), desgleichen Walzer und Polka, also eine schier unerschöpfliche Fülle an Zitaten und eigener Phantasie (Dirigat Waldimir Jurowski, gegewärtiger Leiter des London Philharmonic Orchestra)

Zum Abschluss des ersten Tages dann Schostakowitschs Sonate für Violine und Klavier G-Dur, sehr schroff und kantig, in zwölftöniger Manier, in der damaligen Sowjetunion nicht gerade eine Wunsch-Komposition.
Schostakowitsch beschenkte David Oistrach mit dieser Sonate zu dessen 60 Geburtstag. Bei der Uraufführung im Moskauer Konservatorium saß Swastoslaw Richter am Klavier.

Schostakowitsch komponiert, Oistrach fiedelt, Richter klimpert. Da kann man nicht klagen.

Als Konzert-Ort wurde in Gohrisch eine Scheune ausgewählt. Klingt zunächst etwas nach rudimentärer, unvollkommener Interimslösung. Aber mitnichten, es wäre eine völlige Fehleinschätzung. Ich habe selten eine derartig grandiose Tonakustik erlebt. Die Gründe vermag ich nicht zu erläutern. Ich bin kein Tontechniker.
Doch wie mit einem Seziermesser getrennt, öffneten sich die Töne in den Raum. Violine, Viola, Klavier, Cello, Flöte, Fagott…beanspruchten eisern ihre individuelle Notwendigkeit. Ich erinnere mich z.B. an Konzerte mit Eric Burdon/Brian Auger in Halle oder John Cale in der Leipziger Peterskirche, vor einigen Monaten.
Dabei vermengten sich die einzelnen Instrumente zu einem unerträglichen Matsch, die Noten versumpften in einer Pampe, deren einzelne Linien man nicht mehr nachvollziehen konnte.
Es lag natürlich nicht an den vorzüglichen Musikern.

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Jascha Nemtsov

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Borodin-Quartett, Gohrisch 2015, nach der Verleihung des Schostakowitsch-Preises

Zu einer markanten Kampfansage für eine stabile Konzentration entwickelten sich zwei Konzerte mit dem charismatischen Pianisten Jascha Nemtsov, der 24 (!) Präludien und Fugen von Vsevolod Zaderatsky spielte, also 48 (!) kleine Stücke zwischen 58 Sekunden und etwa 4 Minuten, insgesamt 220 Minuten.
Eine Musik, die nie enden sollte.
Einem edlen Langzeitmenü aus französischen Landen ähnlich wartet man auf die nächste Portion, mit den Gedanken, was sich Der „Koch“ ( Zaderatsky) hat nun wohl einfallen lassen.
Zaderatsky wurde in einer ukrainisch-polnischen Adelsfamilie geboren (1891) und agierte ab 1915 als letzter Musiklehrer des Zarensohns. Also biografische Details, die ihn ab 1917 zu Gewürm erniedrigten.
Er schrieb die 24 Präludien und Fugen in einem sibirischen Gulag zwischen 1937 und 1939.

Zaderatskys Präludien und Fugen pendeln gnadenlos zwischen traditioneller Barockmusik (Dreiteiligkeit der Fuge…)und zeitgenössischen Prinzipien, die sich auch schon einmal der Atonalität nähern können.
Tragische Stimmungen werden von heiteren, derb-burleken Bildern abgelöst. Melancholische Lautlosigkeit und expressive Dramatik binden sich an Melodien, deren Üppigkeit nur veblüffen kann.

Und natürlich Arvo Pärt, dieser estnische Meister der Reduzierung, der einmal sagte, dass die „reinen Glockenklänge“ der Vollendung am nächsten kämen.
Die Kategorie „Ruhe“ bestimmt Pärts Arbeit. Nur wenige Akkorde und Töne werden immer wieder in neue Zusammenhänge gebracht und moduliert.
Von Arvo Pärt gab es in Gohrisch z.B. ein „Vater unser“ für Countertenor und Streichquartett, „Arbos“ für acht Blechbläser und Schlagzeug und „Quintettino“ für Flöte, Oboe, Klarinette, Fagott und Horn.

Innerhalb von vier Programmpunkten wurden Vertonungen von Dichtkunst angeboten. Neben Pärts Liedern für Countertenor (Andreas Scholl), u.a. von Clemens Brentano und Zaderatskys Kompositionen für Singstimme und Klavier trieben mir besonders Schostakowitschs Bearbeitungen von Gedichten der unvergleichlichen Marina Zwetajewa die Gänsehaut auf meinen fülligen Leib, also einige Quadratmeter Gänsepickel.

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Bühnenbild zu „Vergiss Dein Pfuschwerk, Schöpfer“ – Vertonte Gedichte von Christine Lavant

Außerdem passte er Lyrik von Christine Lavant zwischen die Pausen einer Cellosonate ein, eine österreichische Dichterin, die mir bislang unbekannt war. Gesprochen und gespielt von Isabel Karajan, Tochter von Herbert.

„Alter Schlaf, wo hast Du Deine Söhne?
junge, starke Söhne sollst du haben,
solche Kerle, die noch mehr vermögen
als bloß kommen und die Lampe löschen.“

Strophe eines Gedichts von Christine Lavant, ich vermute, daran kann man sich gewöhnen.

Von Benjamin Britten wurde „These Words“ mit einem umfassenden Angebot von Blechbläsern und Schlagzeug intoniert, wobei „Unsterbliche Opfer“, anders als bei Schostakowitsch, nicht in einen größeren Rahmen eingebunden war, aber als Solo-Thema die kurze Komposition bestimmte.

Die einzige Musik dieser Tage, bei der meine Augen etwas gelangweilt der Versuchung erlagen, die architektonische Dachstruktur der Scheune zu erfassen, bildete das Streichquartett a-Moll von Nikolai Mjaskowski (1881-1950). Hübsch anzuhören Doch quäkte darin einfach zuviel Tschaikowski. Natürlich sind „Pique Dame“, auch „Eugen Onegin“ und die 6.Sinfonie herausragende Werke. Dann eben doch lieber gleich Tschaikowski als Mjaskowski.
Doch kann dieses Intermezzo gertrost vernachlässigt werden.

Ich bin sicher kein Großmeister mit der Gabe, meine Lebenskreise schon Jahrzehnte voraus zu koordinieren.
Doch für einige Tage im Juni des kommenden Jahres sind diese Kreise schon stabil umrissen.

Weiterführende Empfehlung

„Dem kühlen Morgen entgegen“

Film von Oliver Becker und Katharina Bruner über Schostakowitsch während der Zeit Stalins, mit Armin Mueller-Stahl.
Eine Mischung von Gesprächen (Rostropowitsch, Roschdestwenski, Maxim Sch.), Puppenspiel, aus Material alter sowjetischer Filme und gefilmten Schostakowitsch-Studien.

Außerordentlich hochwertig.

Abspann

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Das Gute und das Böse
Ich vermute Anfang der 70er Jahre.
Breschnew, Gromyko,Schostakowitsch


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Juli 1, 2015 Posted by | Leipzig, Musik, Neben Leipzig, Reisen | Hinterlasse einen Kommentar