Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne und Leipzig liest, läuft, hört, singt, tanzt, feiert, bellt, laust, fickt, trumpt, fällt aus dem Himmel, haut auf die Schnauze….

LVZ, 13.August

Gefühlt bei jeder zweiten Ausgabe wird in Leipzigs Tageszeitung, in der Regel auf der Titelseite, etwas infantil verschleimt Leipzigs Zusammengehörigkeit zelebriert.
Also Montag-Mittwoch-Freitag-Sonntag.
Sonntags erscheint keine Zeitung, dann wird eben schon am Sonnabend zuvor zelebriert.
Also Montag-Mittwoch-Freitag-Sonnabend.

Während der Buchmesse heißt es dann: „Leipzig liest.“

Vor einem Leipzig-Marathon: „Leipzig läuft.“

Während der Hörspieltage oder vor Abläufen am Zooschaufenster und vor dem Alten Rathaus: „Leipzig hört.“

Natürlich geht bei organisierten Massenaktionen auch schon einmal: „Leipzig singt“, „Leipzig tanzt“, „Leipzig feiert“….

Neben meiner Verunsicherung über das beleidigende Defizit der Zeitungs-Schreiber beim Einsatz sprachlicher Möglichkeiten irritiert mich mein Gefühl, auf einer kleinen Lepra-Insel am Rande der Stadt zu verkümmern.

Denn ich lese mitnichten mit zwei Millionen Mitlesern auf der Buchmesse, ich lese in meiner heimatlichen Hütte.

Ich höre gleichfalls nicht mit sieben Millionen Mithörern am Zooschaufenster oder vor dem Alten Rathaus. Oder auf der Wiese in ZOO-Nähe. Mir genügen Konzertsäle und meine heimatliche Hütte.

Ich verweigere ebenso die Teilnahme an der Bewältigung marathonähnlicher Strecken über Leipzigs Asphalt, gemeinsam mit elf Millionen Mitläufern, ich laufe im Bärlauch-Schleier durch Leipzigs nordische Wälder.

Ich singe auch nicht mit Heerscharen von Mitsängern, tanze nicht mit Heerscharen von Mittänzern, feiere nicht mit Heerscharen von Mitfeierlingen…

Ich bitte Leipzigs Journalisten, meinen Aussätzigen-Status zu beachten.

Also „Leipzig liest, außer Jürgen“, Leipzig läuft, außer Jürgen“, Leipzig hört, außer Jürgen.“
Würde ich so akzeptieren.

Bei der aktuellen Ankündigung der Aktivitäten, die „Leipzig“ so im Schilde führt, lässt mich die mangelnde Harmonie zwischen Bildinhalt und dessen journalistische Kommentierung etwas stutzen (s.o.).

Ich habe das mathematische Verständnis eines Feldhamsters und mich Ende der 60er Jahre gerade so mit letzter Wucht und kurz vor dem Koma durch das Mathe-Abitur geschoben.
Ein Antrag, mich als Carl Friedrich Gauß von Gohlis bezeichnen zu dürfen, würde wohl nicht die Zustimmungsmehrheit erhalten, schon gar nicht bei meinen noch lebenden Mathelehrern

Aber trotzdem beharre ich gnadenlos auf meinem Zählungsergebnis von sieben Surfern (s.o.), vielleicht etwas dürftig für ein Leipziger Massenereignis unter der markigen Ankündigung „Leipzig surft los“.
Außerdem bestreite ich die Notwendigkeit des Einsatzes von „los“ bei „Leipzig surft los“.
Ein reduziertes „Leipzig surft“ wäre ausreichend, „Leipzig surft los“ klingt einfach nur beknackt.
Ein Gespür für sprachlichen Feinsinn haben diese Zeitungshersteller, das stinkt nicht nur zum Himmel, das stinkt bis in die übernächste Galaxis.

Aber sicher werden sich bald neue Möglichkeiten ergeben, die unzerstörbare Verbundenheit Leipziger Bürger und Bürgerinnen auf dem Titelblatt ihrer Tageszeitung auch journalistisch zu dokumentieren.

Vielleicht in Bälde bei einer volkstümlichen Fallschirmsprung-Performance.
„Leipzig fällt vom Himmel“, klingt doch spannend.

Oder „Leipzig bellt“ für eine niedliche Hundeausstellung.
Als Alternative könnte man „Leipzig laust sich“ erwägen.

Oder bei Boxkämpfen für die ganz Kleinen auf Leipzigs Zentral-Markt wäre doch ein „Leipzig haut sich auf die Schnauze“ eine angemessene Losung.

Und natürlich „Leipzig fickt“ als Slogan der Vorfreude für eine Erotikmesse.

Aber besonders erfreut wäre ich über den Besuch des aktuellen Präsidenten der Vereinigten Staaten in Leipzig, der entzückt an der sozialdemokratischen Tür des Lipinski-Hauses in der Rosa-Luxemburg-Straße leckt, umringt von Leipzigs gesamter Bevölkerung.
Nur Jürgen wäre abwesend und die Leipziger Edelgazette könnte titeln: „Leipzig trumpt, außer Jürgen.“

Musik des Tages

Nach all diesen Lesereien, Laufereien, Hörereien, Singereien, Tanzereien, Feiereien, Bellereien, Lausereien, Fickereien, aus dem Himmelfallereien, auf die Schnauzehauereien….wäre ein Rückzug in die Individualität mit Amon Düül II auf der Kiste eine angemessene Reaktion.

„Yeti“
„Tanz der Lemminge“
„Carnival in Babylon“
„Wolf City“

Aus den Jahren 1970-73, die große Zeit von Amon Düül II.

Ich bevorzuge „Yeti“, da quiekt, quäkt, dröhnt, scheppert es so wundervoll.


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August 16, 2019 Posted by | Leipzig, Medien, Musik, Sprache | Hinterlasse einen Kommentar

Jürgen Henne, menschliche Promipaare im Sommerhaus, Vertreter der Promifauna, Merlan, Miras, Heiter, Bartsch, Wendler, Koc……., Zweitausendeins, Tapirglocken im Hintern und ein AnimalsWarBurdonVinylMedley

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Zunächst einige Promis von animalischer Grundausstattung, Faunapromis sozusagen
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Plattencover von „Steppenwolf“

Abruzzen, Manoppello Stazione, Santa Maria d`Arabona, gotischer Osterleuchter (Detail), 2018

Abruzzen, Serramonacesca, San Liberatore a Maiella, Portal, 2018

Kärnten, Gerlamoos, Filialkirche, Wandmalerei, 2017

Kärnten, Klagenfurt, Zentrum, 2017

Brandenburg, Brunnenfigur, 2017

Eckberg, Elbschloss, Schlosspark, 2016

Amiens, Kathedrale Notre Dame, Portal (Igel), 2015

Sardinien, Santissima Trinità di Saccargia, 2015

Wismar, Haus, 2017

Die Stellenbeschreibung zu Personen mit dem Nimbus einer öffentlichen Prominenz hat sich ja nun infolge berstender Kommunikationsebenen ziemlich radikal gewandelt.
Auch in Bezug auf prominente Paare.

Vor fünfzig Jahren dachte ich dabei z.B. an Ike und Tina Turner, deren „River Deep Mountain High“ ich gnadenlos in meine ewige Top Zwanzig der 60er Jahre einordnen würde.
Mit markiger Tendenz zum Portal der Top Zehn, irgendwo im Umfeld von „Keep on Running“ und „Gimme Some Lovin`“(Spencer Davis Group) und „When I Was Young“ der Animals.
Vor einigen Jahren hörten wir Konzerte mit Steve Winwood, bzw. Eric Burdon, immer noch charismatische Erscheinungen.

In dieser Zeit gab es z.B auch das Gesangsduo Abi und Esther Ofarim, die aber ähnlich gnadenlos meine Top 20 verpassen würden.
Aber symphatisch waren sie.
Und prominent.
Auch Caesar und Kleopatra wurden in den Katalog legendärer Paare aufgenommen, desgleichen Nofretete und Echnaton.
Auch Clara und Robert Schumann, über 3000 Jahre später.
Und Bettina und Achim von Arnim, ein paar Jahrzehnte zuvor

Aber so richtig populär und prominent wurden Paare erst im 2o./21.Jahrhundert.

Lotte und Walter Ulbricht waren in der DDR hochgradig populär, besonders bei „Partys“, wenn sich eine ausgelassene Stimmung nur behäbig entwickeln wollte.

Auch Margot und Erich Honecker konnten sich sicher nicht über eine reduzierte Popularität erbosen.
Allerdings mischte sich nun zur Heiterkeit ein beträchtliches Maß an Hass.

Und natürlich das schwimmende Doping-Pärchen Matthes/Ender.
Cornelia Ender erreicht aber nicht ganz das verheerende Erscheinungsbild mancher schwimmenden Mitstreiterin, die sich äußerlich mitunter A.Schwarzenegger näherte.

Und Hauff/Henkler, oh Gott, erlöse uns davon.

Der Unterschied zwischen prominent und populär erschließt sich mir ohnehin nur recht schwerfällig.
Als prominent gelten vielleicht eher die Feingeister mit nicht zu leugnenden Fähigkeiten und Verdiensten.
Populär kann vielleicht jeder sein, auch z.B. D.Katzenberger, die Geissens, irgendwelche Vögel in irgendwelchen Dschungelcamps, die sich verweste Tapir-Glocken in den Hintern schieben und dabei „Keine Bange, wir holen eine Zange“ singen (Ein Lied von Hauff/Henkler).
Oder irgendein Bauer, der irgendeine Frau sucht…irgendwo.

Da bevorzuge ich schon eher die Verbindungen Kennedy/Monroe, Celan/Bachmann, Kandinsky/Münter, Henze/Bachmann, P.Curie/M.Curie, Sartre/Beauvoir, Dylan/Baez, Graf/Agassi, Dick/Doof, Bonny/Clyde,…, Weltgeschichtsteilnehmer mit einer positiven Leistung, mit einem Vermögen, welches die kulturelle und politische Entwicklung zumeist positiv geprägt hat.

Und dann gibt es ja noch das deutsche Fernsehen, z.B. mit der Sendung „Das Sommerhaus der Stars – Kampf der Promipaare“
Promipaare ist sicherlich die feinsinnige Abkürzung für prominente Paare.
Und als Stars werden sie ebenso gefeiert, als prominente Stars sozusagen, mehr geht nicht.

Auf dem kleinen Bild der Fernsehzeitschrift zu dieser Sendung hält ein drollig vergnügtes Paar ein Produkt von schlauchbootähnlicher Grundanlage dem Fotografen vor den Rüssel.
Darunter werden diese Heiterkeitsfrettchen als Willi und Jasmin Herren vorgestellt.
Noch nie gehört.
Kann ja einmal passieren, man kann ja nicht alles wissen.
Sagte ich mir.
Und dann folgten die weiteren Promipaare, die Stars, die prominenten Stars (ohne Abbildungen).

Benjamin Boyce & Kate Merlan
Jessika Cardinahl & Quentin Parker
Elena Miras & Mike Heiter
Menowin Fröhlich & Senay Ak
Steffi & Roland Bartsch
Michael Wendler & Laura Müller
Johannes Haller & Yeliz Koc

Ich wiederholte die Lesung.
Aber tatsächlich, es blieb dabei, ich kannte keinen einzigen Namen dieser Promipaare, dieser Stars, dieser prominenten Stars.
Und ich erahnte es wiederholt, daß das wahre, wirkliche Leben an mir vorbeiwogt und meine ignorante Zunge an dem prall gefüllten Kelch des Daseins noch nicht einmal genippt hat.
Doch merwürdigerweise spürte ich keinen Antrieb, auf irgendwelchen Informationsportalen irgendeine Aufklärung über diese Promipaare zu erhalten.

Dann doch eher ein kleines AnimalsWarBurdonVinylMedley.

Animals
Erwarb ich Ende 70er Jahre für achtzig DDR-Mark, damals der gängige Preis.

Eric Burdon & War
Kostete mir um die Mitte der 70er Jahre zweihundert DDR-Mark und reduzierte deshalb mein Nahrungsangebot für drei Wochen auf Löwenzahn und Baumrinde.

Eric Burdon & War
Ich vermute, gleichfalls Mitte der 70er Jahre in meine Plattenkiste aufgenommen, für achtzig DDR-Mark.

Eric Burdon

Am 12.November 1989 mit Hilfe des Begrüßungsgeldes bei Zweitausendeins in der Westberliner Kantstraße gekauft, zusammen mit „Exile on Main Street“ (Rolling Stones), mit Zappa, Yardbirds, Colosseum, Steppenwolf, Roxy Music…
Die gesamten einhundert BRD-Begrüßungsmark formten sich also zu schwarzen Scheiben.


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Juli 31, 2019 Posted by | Kunst, Leipzig, Medien, Musik, Reisen, Verstreutes | Hinterlasse einen Kommentar

Jürgen Henne und Impressionen der 10. Internationalen Schostakowitsch – Tage in Gohrisch, Juni 2019

Königstein (Burg Königstein, Barbarina), Stolpen (Burg Stolpen, Gräfin Cosel), Bad Schandau (Tarantino), Pirna (Marienkirche), Rathen/Wehlen (Bastei), Bielatal….Orte, die der erfahrene Ostdeutsche, speziell der gemeine Sachse, wissenssicher in die Region „Sächsische Schweiz“ einordnet.

Und dann gibt es noch Gohrisch, irgendwo zwischendrin.
Ein Luftkurort, der nicht am Ufer der Elbe liegt, ohne überwältigende Felsenformationen, ohne Monumental-Burgen, mit einer Landschaft, deren Grandiosität überschaubar bleibt (Immerhin gibt es den Berg Gohrisch).

Und dennoch besteigen im Gohrischen Frühsommer seit zehn Jahren um die fünfhundert Zeitgenossen mit spezieller Neigung zu russischer Musik des 20. Jahrhunderts die Höhen zu einem stabilen Felsen, zu einem Koloss der tönenden Kunst.

Denn im Jahr 1960 versuchte Dmitri Schostakowitsch im deutschen-demokratischen Elbsandsteingebirge sein Rückenmark-Makel zu heilen und komponierte aber „nebenbei“ das 8.Streichquartett, nicht unbedingt mit sozialistischem Gestus, nicht selten aber als eine der wichtigsten Partituren des 20.Jahrhunderts gefeiert, aber zumindest als das am häufigsten gespielte Streichquartett, munkelt man.

Ein gewichtiges Ereignis, welches ein paar Getreue von Schostakowitschs Musik vor zehn Jahren veranlasste, zunächst ein Zelt zu errichten, Musiker einzuladen, die natürlich Musik spielten, nicht selten nach den Noten von Schostakowitsch.
Bald vollzog man die Umsiedlung in eine Scheune.

Mir ist keine Veranstaltung ähnlichen Zuschnitts gegenwärtig, die mit einer derartigen Intensität auf dörflichem Fundament diese Wucht an Bedeutung entwickelte.

Bald standen Gidon Kremer, Gennady Rozhdestvensky, Thomas Sandeling, Michail und Vladimir Jurowski, Isabel Karajan, Sofia Gubaidulina, Franz Welser-Möst…vor dem Scheunentor (Konzerthalle), Andris Nelsons, Chef des Gewandhauses, nahm vor wenigen Tagen in Gohrisch den Schostakowitsch-Preis entgegen.
Die Teilnahme von Mitgliedern der Staatskapelle Dresden ist Normalität.

Arvo Pärt und Penderecki hatten sich angekündigt, mussten aber wegen Unpässlichkeit absagen.
Wäre schon möglich, beide sind erheblich über 80.
Aber immerhin hatten sie es erwogen, vermute ich zumindest.

Gohrisch (1800 Einwohner) gönnt sich selbstbewusst einen Schostakowitsch-Platz, Juni 2019

Auch ein Schostakowitsch-Häuschen, Juni 2019

Und eine Schostakowitsch-Büste, Juni 2019

Und Schostakowitsch-Beflaggung…, Juni 2019

Und besonders für vier Tage eine Schostakowitsch-Scheune…, Juni 2019

…mit Schostakowitsch-Dekoration…, Juni 2019

Während also in Leipzig endlos Johann Sebastian abgenudelt wurde, dominierte in Gohrisch eine paradiesische Maßlosigkeit des Angebotes für Musik des 20 Jahrhunderts, nach deren Bewältigung man auf dem Trommelfell, aber einem beglückten Trommelfell, über die benachbarten Frühsommerwiesen kroch. An vier Tagen acht Veranstaltungen mit neunundzwanzig Einzelkonzerten, zusätzlich anderer Ereignisse z.B Diskussionen, Filme…

Von „Drei Stücken für Streichquartett“ von Strawinsky und dem „8 Streichquartett“ Schostakowitschs, von Glasunows „Quartett für vier Saxophone“und Schostakowitschs „Suite für Varieté-Orchester“, von Prokofjews Streichquartett Nr.2 über kabardinische Themen und Schostakowitschs „Sieben Romanzen nach Gedichten von Alexander Blok“ für Sopran und Klaviertrio bis zum „Streichquartett Nr.9“ von Schostakowitsch und dem „Grand Duet“ der Schostakowitsch-Schülerin Galina Ustwolskaja – dieses 10. Festival zelebrierte die russische Musik des 20 Jahrhunders.

Ergänzt wurde das Notenfest durch einige Kompositionen von Mieczyslaw Weinberg, ein russischer Komponist, jüdisch polnischer Herkunft („Streichquartett Nr.5“, „Zwei Lieder ohne Worte“ für Violine und Klavier)

Es gab natürlich auch etwas skurrile Aktionen.

Uraufgeführt wurde z.B. „Im Wald“, ein kurzes Klaviersolo, dass der dreizehnjährige Schostakowitsch komponierte, nichts dagegen zu sagen.
Inhaltlich zu diesem Stück wurde dann am gleichen Abend Mussorgskis „Bilder einer Ausstellung“ in Beziehung gesetzt.
Mit der Begründung, dass der pubertierende Dmitri einen Waldspaziergang beschreibt und Mussorgski das Gehüpfe durch ein Museum.
Diese musikalisch-inhaltliche Relation muss erst einmal verarbeitet werden.
Zumal Mussorgskis Tonschöpfung ja nicht gerade ein exemplarisches Beispiel für die Musik des 20.u.21 Jahrhunderts ist, wie es die Festivalmacher ankündigen.

Ich vermute, dass auch der Mainstream beachtet werden muss, ist wiederum nichts dagegen zu sagen, es muss sicherlich sein.
Denn auch Prokofjews „Peter und der Wolf“ wurde gespielt und auch dabei erkannte ich keine zwingende Notwendigkeit.

Aber das sind Marginalien, denn die Schostakowitsch-Tage in Gohrisch haben sich, gemeinsam mit den Veranstaltungen in Hellerau, mit Musica nova in Leipzig und den Messiaen-Tagen in Görlitz unverzichtbar in meinem kulturellen Jahres-Programm für weitgehend zeitgenössische Musik etabliert.

Das Quartier für Gohrisch 2020 ist schon gebucht.


Und noch wenige Impressionen der gerade vergangenen Schostakowitsch-Tage in Gorisch.

Florian Uhlig, Klavier
Linus Roth, Violine
Ilona Domnich, Sopran
Emil Rovner, Cello

Nach der Darbietung der „Sieben Romanzen nach Gedichten von Alexander Blok“ für Sopran und Klaviertrio (Schostakowitsch).
Für mich unbedingt eine musikalische Klimax innerhalb des Festivals

Jekwan Sunwoo, Klavier
Isang Enders, Cello

Nach der Darbietung von Prokofjews „Sonate für Violoncello und Klavier, op 119.
Zuvor quietschten und hämmerten sie sich durch „Grand Duet“ von G. Ustwolskaja, das wundervoll schrägste Teil der vier Tage und gleichfalls ein Katalysator für meine Klimax-Beheizung.

Der Cellist Isang Enders, wurde 2010 gebeten, die Akustik der Stroh-Scheune zu prüfen.
Er befand sie für würdig, als großer Resonanzwürfel für derartige Musiktage zu dienen.
Eine weises Urteil.
Es existiert noch eine Fotografie, die im Schostakowitsch-Häuschen am Schostakowitsch-Platz hängt, gleich neben der Schostakowitsch-Büste (Bild unten).

Andris Nelsons erhält den Schostakowitsch-Preis 2019
Danach holte er seine Trompete aus dem Koffer und spielte mit einem Kammerensemble ein Stück von Schostakowitsch eben für Trompete und Kammerensemble.
Recht unterhaltsam.

Alle Teilnehmer erhielten eine Flasche, ich vermute mit einem Inhalt regionaler Herkunft und einer deftigen Anzahl von Umdrehungen.
Halten die Akteure in den Händen, siehe Bilder.

Isang Enders bei der Akustik-Prüfung, 2010.



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Juni 30, 2019 Posted by | Musik, Neben Leipzig | Hinterlasse einen Kommentar

Jürgen Henne und Scott Walker

Gedenkstunde für Scott Walker (gerade verstorben) mit Musik seiner Tonträger „Tilt“, „Soused(Sunn O<<<<)" und "the Drift" (von o. nach u.).
Aus meiner S.W.-CD-Ecke.
Gehört sicherlich nicht zur engsten Auswahl für meine möglichen Robinson-Tage.
Doch missen möchte ich sie keinesfalls.


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März 25, 2019 Posted by | Musik | Hinterlasse einen Kommentar

Jürgen Henne, ein Wochenende in Hellerau und „Tonlagen“ mit Helmut Oehring, Friedrich Goldmann, Annette Schlünz, Rebecca Saunders, Paul Dessau, Galina Ustwolskaja, Morton Feldman, Conlon Nancarrow, Friedrich Schenker, Christian FP Kram, Thomas Leppuhr, Christian Diemer, Zachary M, Seely, Knut Müller, James Tenney, Wilfried Krätzschmar, Jörg Herchet und mit Steffen Schleiermacher (Klavier), Wolfgang Heisig (Phonola), Burkhard Glaetzner (Oboe), Noa Frenkel (Gesang), El Perro Andaluz, Elbland Philharmonie Sachsen….

Hellerau, März 2019

Festspielhaus Hellerau, mitternächtlich, 15.3.2019

Diese Namen (oben) verströmen sicherlich keinen Rauch, doch Schall unbedingt.
Und auch im Sinne unseres faustischen Frauenplanbewohners haben einzelne Mitglieder meiner Aufzählung das schallende und rauchende Stadium überwunden und werden noch in tausend Jahren tönen.
Könnte man sich z.B. bei Feldman und Nancaroff vorstellen.
Vielleicht wird auch erwogen, bei einer Wiederholung der Pioneer-Plaketten-Mission außerirdische Existenzen mit Feldmans und Nancaroffs Musik zu beschallen.
Auch die Beifügung eines Porträts von mir könnte nicht schaden.

Die Raumsonden Pioneer I u.II wurden am Beginn der 70er Jahre mit Gold-Plaketten bestückt, auf denen man wesentliche Informationen über unsere Welt skizzierte, um sie dann in Richtung Saturn/Jupiter zu ballern.
Seit fünfzehn Jahren ist die Verbindung zu den Sonden abgebrochen, aber immerhin haben sie dreißig Jahre funktioniert.
Vielleicht stehen die Plaketten inzwischen in der Schrankwand eines außerirdischen, grün-stichigen Dino-Frettchens.

Natürlich sind in Hellerau traditionell besonders die Arbeiten von Komponisten und Musikern mit eher gegenwartsnahem Zuschnitt interessant.
Es heißt ja auch „Dresdner Tage der zeitgenössischen Musik“, man könnte ja sonst auch von den „Tagen der Mumien-Musik “ sprechen, doch die gibt es schon unanständig reichlich.
Aber leider werden die Vertreter einer aktuellen Klangkultur immer noch weitgehend ignoriert.
Doch ist es müßig, alle Konzerte des vergangenen Wochenendes detailliert und tiefschürfend beschreiben zu wollen.
Wäre zu beschwerlich und außerdem fehlen mir die Kenntnisse musiktheoretischer Feinheiten.

Hellerau, Festspielhaus, Elbland Philharmonie Sachsen, Burkhard Glaetzner (mittig mit Oboe) und Dirigent Ekkehard Klemm (rechts).

Mit kulminierender Spannung und beachtlicher Gefühlsregung hörte ich z.B. Friedrich Goldmanns Konzert für Oboe und Orchester (1978/79), als Solist agierte Burkhard Glaetzner, der schon vor vierzig Jahren bei der Uraufführung das Holzblasinstrument attackierte.

Aber auch Morton Feldmans „Three Voices“, eine Klangmischung nach Gedichten Frank O`Hara für drei Stimmen (1x vor Ort, 2x vom Tonband, 3x gesprochen von Noa Frenkel) beanspruchte die emotionalen Drüsen beträchtlich.
Gleichfalls die physische Stabilität.
Sechzig Minuten bei erstaunlicher Dunkelheit im Orchestergraben, gegen 23 Uhr, die Mehrzahl der Zuhörer war schon gezeichnet von den vergangenen, nicht einfach zu bewältigenden Konzertstunden.
Sie hörten ein Gesangstrio der Langsamkeit und Stille, eine Klangmischung von diffuser Vergangenheit und Gegenwart, das im Grunde nie endete.
Einige Besucher warfen aber während der Darbietung das Handtuch und verließen den Raum.

In die „Blaue Fabrik“ am Dresden/Neustädter Bahnhof, einziger Aufführungsort außerhalb Helleraus an diesen beiden Tagen, wurde eine Phonola gewuchtet, die Wolfgang Heisig, global geschätzter Phonola-Spieler, eifrig bearbeitete.
Über Wesen und Geschichte dieser vorgestanzten Musikrollen-Mechanik kann man sich bei Wikipedia informieren.
Natürlich blieben nach diesen neunzig Minuten besonders zwei Klassiker für dieses Instrument in Erinnerung.
„Study#21(CanonX)“ von Conlon Nancarrow und „SpectralCanon“ von James Tenney.
Herausragend.

Und immer wieder zwischen 16-u.23 Uhr tönte und dröhnte Kammermusik für verschiedenste Formationen durch Helleraus Kulturzentrum.
Für Solo-Klavier, für Oboe, Posaune, Bratsche, Cello, Kontabass, Klavier, Schlagzeug und für Flöte solo, auch für Englischhorn, Posaune, Kontrabass und für Oboe, Englischorn, Posaune, Schlagwerk, Viola, Cello, Kontrabass.

Außerdem spielte die Elbland Philharmonie Sachsen im Großen Saal Wilfried Krätzschmars 5.Sinfonie (Uraufführung) und Helmut Oehring inszenierte im Nancy-Spero-Saal eine Performance mit Audio/Video-Installation („EURYDIKE?ICH/SIE-I see. Volume 1“)

Und wie immer ergab sich große Freude oder ergiebige Nervung, also eine solide Normalität.

Im Selbstverständnis der Betreiber gilt das Festspielhauses in Hellerau als europäisches Zentrum der Künste, das heute zu den wichtigsten internationalen Standorten der zeitgenössischen Kunst in Deutschland und Europa zählt und als interdisziplinäres Koproduktions-u. Gastspielhaus den zeitgenössische Künsten Tanz, Musik, Performance, Theater, Medienkunst und bildende Kunst Räume für Produktion und Repräsentation anbietet (Steht etwa so auf der Homepage).

Bei einer derartig waghalsigen Bedeutungsverzückung könnten einem die Sinne schwinden oder schwarz vor Augen werden. Mir schwinden aber nicht die Sinne und die Verdunkelung vor den Augen stellt sich nicht ein.

Denn dieses Wochenende hat meine Hoffnung bestärkt, dass die Einladungskarten, die das Festspielhaus in Hellerau in die ganze Welt senden wird, wohlwollend, mit großer Freude und Stolz erwidert werden.

Zugabe

Hellerau, Festspielhaus, Treppenhaus
Nach 1945 übernahmen sowjetische Fallschirmjäger das Gebäude, z.B. als Turnhalle, auch als Lazarett und Krankenhaus wurde es genutzt.
In diese Zeit sollte man die Wandmalerei datieren.
Weitere Informationen zu Hellerau gibt es im Internet sicherlich zuhauf.








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März 22, 2019 Posted by | Leipzig, Musik, Neben Leipzig | Hinterlasse einen Kommentar