Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne und die unregelmäßig bearbeitete Serie: „Geschichten, die das Jürgen schreibt“, Sofia Gubaidulina und gelbgewelkter Hammerhopfen in Dresden, Käthe Kollwitz in Moritzburg, fettige Handballen bei Brahms, Jeans von Masur, Friedrichs Gehege ohne zerflossene Schweinenieren, Beleidigungen in Kolumbien, Ludwig Münstermann, Grenzen der Paula Modersohn-B., ein heiliges Quartett, abseits starrer Ikonographie, Einsamkeit und Ziegen in Anzy-le-Duc und Bockwürste vor gotischen Portalen

Moritzburg b. Dresden, 18.Jahrh., Jagdschloss August d. Starken

In der Gemeinde Moritzburg lebte 1944/45 Käthe Kollwitz, bis zu ihrem Tod.
Im Rüdenhof, jetzt Gedenkstätte für KK.
Besonders wichtige und kenntnisreiche Zeitgenossen kämpften nach der Wende ja vehement, dass z.B. die Leipziger Käthe-Kollwitz-Straße ihren Namen verliert.
Sie reproduzierten scheinbar mühselig in ihren Geleeköpfen die Tatsache, dass Käthe Kollwitz z.B. die Grablegung Karl Liebknechts und Bilder der Anteilnahme, der Trauer und Solidarität für das hungernde Russland fertigte.
Deshalb wurde sie sofort in die Kategorie „Kommunistische Sau“ eingeordnet.
Hätte sich dieser Wunsch allgemein etabliert, bis zur Möglichkeit zu dessen Umsetzung, wäre ich in einen Panzer gestiegen.

Innerhalb des Moritzburger Musikfestivals gibt es im Palais Großer Garten Dresden am 10. August ein Kammerkonzert mit Musik von Brahms, Saint-Saens und Sofia Gubaidulina, für mich das weibliche Klangcharisma zeitgenössischer Tonkunst.
Sie ist selbst anwesend, einundachtzigjährig, Brahms dagegen nicht, er ist weder einundachtzigjährig noch anwesend.
Das Konzert wird aber integriert in eine Fressorgie. Irgendein Neun-Sterne-Koch produziert vielleicht irgenwelche flambierte Ellenbogenröllchen des südbolivianischen Nüstern-Nutrias mit zarten Unterblüten des gelbgewelkten Hammer-Hopfens, dazu korrespondierende Weine.
Vielleicht gibt es aber Mitbürger, welche nur die Musik hören wollen, ohne rülpsende Nachbarn, Knoblauchgeruch, spitze Finger, die in Karieshöhlen buhlen und Applaus mit fettigen Handballen.
Ist aber nicht möglich und es werden markige 195 EURO fällig, wegen der Ellenbogenröllchen und des Hammer-Hopfens.
Das Konzert mutiert also zu einem gesellschaftlichen Ereignis nobel gekleideter Herrschaften mit feinen Geschmackssensoren und einer Liste genormter Schicklichkeiten, von denen sicher bisher nur wenige den Namen Gubaidulina gehört haben.

Und ich werde mir jetzt Pellkartoffeln mit Quark gönnen und danach Gubaidulinas „De profundis“ für Bajan oder „Offertorium“ mit Gidon Kremer hören.

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Kurt Masur

Ich erinnere mich dazu dankbar an die Stellungnahme Kurt Masurs in tiefen, üblen DDR-Zeiten zu eine Diskussion über angemessene Kleidung in Opern-u. Konzertsälen.
Er meinte inhaltlich, dass er jugendliche Besucher in Jeans mit großem Interesse für die Musik herzlicher begrüße, als Publikum, deren Hauptanliegen in der Darbietung ihrer neuen Garderobe besteht.
Außerordentlich symphatisch.

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Bis 16. September werden zum sechsten mal Malerei, Zeichnung, Objekte, Bildhauerei, Installationen, Videokunst und Mischformen innerhalb der Ostrale im Ostragehege in den Räumen des ehemaligen Schlachhofs verteilt ( Dresden/Friedrichstadt )

Meine Besuche der vergangenen Jahre beschloss ich fast ausschließlich mit einem positiven Urteil und ich prophezeie dieser Kungebung mit Künstlern aus zahlreichen Ländern eine bedeutsame Zukunft.
Das Ausstellungsterrain ist natürlich gewöhnungsbedürftig, es duftet mitunter noch nach dem Handwerk, das über Jahre in diesen Hallen blühte.
Doch zerflossene Schweinenieren und zerfaserte Rinderhoden liegen nicht mehr herum.

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Die Bilder zeigen Einblicke in die Räumlichkeiten.

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Vor vielen Jahrzehnten knieten wir kollektiv vor C.D.Friedrichs Gebirgskreuz, seinem Strandmöch und vor den Herren im Müßiggang ab, deren einzige Beschäftigung scheinbar darin bestand, albern zum Mond zu starren.
Nun tendiere ich dazu, nach großen Erfahrungen und großen Kämpfen mit aller Kunst auf dieser Welt, das „Große Gehege“ als Friedrichs Eliteleistung einzuorden. Zumindest als Versuch, schon das 20. Jahrhundert vorzubereiten, gemalt um 1832, also wenige Jahre vor seinem Tod.
Das „Große Gehege“ entspricht nun geographisch dem Ostragehege. Ein ordentlicher Untergrund für große Ausstellungen.

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Wer kann die Länder Südamerikas auf dieser Karte lokalisieren?
Ich kann es.

Der Fremdkörper in der Einfarbigkeit ist jedenfalls Kolumbien.

Es gibt bei mir Monatsabschnitte, in denen ich recht heftig in Bibliographien graben muss. Und ich nehme dann zufällig und dankbar Titel von Veröffentlichungen zur Kenntnis, die mitunter auf recht drollige Inhalte hinweisen.

Ich fand dabei vor einigen Tagen:

„Verbale Beleidigungen unter Frauen in Kolumbien“
Ein grandioses Thema

Vor einigen Jahren erschauderte ich bei einer Dissertation, welche die Verletzungen des männlichen Genitals bei der Masturbation mit einem Staubsauger untersuchte.

Das ist kein Scherz. Diese Arbeit gibt es, erschienen in den 70er Jahren.

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Detail des Münstermann-Altars in Berne, natürlich von Ludwig Münstermann, Manierist

Es müssen ja nicht immer Ghiberti oder Donatello, Riemenschneider oder Stoß(ss) sein, Bernini, Schlüter oder Permoser.
Auch Bildhauer Münstermann kann es zuweilen richten und uns in einer Provinzkirche viel Vergnügen schenken.

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Während eines Besuches von Worpswede, der meine Gewissheit von der Überbewertung Paula Modersohn-Beckers vertiefte, streiften wir überraschend Berne.

Ich bin nicht gewillt, die Weiblichkeit von Paula MB dadurch zu honorieren, indem ich ihr überregionale Fähigkeiten zuspreche.
Ich wurde dann auch schon einmal in die Kategorie „Frauenfeind“ eingeordnet.
Das ist allerdings zu bekloppt und meine Reaktion beschränkt sich dann auf hochgeleierte Augen.
Kompetente Blicke auf die Arbeiten können nur zu dem Urteil führen, dass ihre künstlerischen Mittel doch recht begrenzt sind.
Ich stellte und stelle mich dazu auch für wuchtige Streitgespräche zur Verfügung, möglichst vor Originalen. Kopien verschleifen oft Unfähigkeit.
Und da interessieren mich Fragen nach weiblicher Emanzipation ähnlich gravierend wie die feuchte Vorhaut meines Briefträgers.
Auch die Kunst von Frieda Kahlo nervt mich erheblich. Ihr Lebensschicksal ist dabei eine andere Geschichte.

Danach könnte man auch gleich Munch verhandeln, zu dessen Bildern ich eine ähnliche Stellung beziehe.
Gleichfalls vor Originalen.

Jedenfalls begingen wir in Berne auch St.Aegidius und frohlockten im Angesicht der vier Evangelisten, üblicherweise durch Engel, Stier, Löwe und Adler betont und als gesetzte und weise Männer im fortgeschrittenen, doch zumindest im mittleren Alter dargestellt, abgesehen von Johannes (oben).

Doch wie das heilige Quartett hier so vor sich hin fläzt, ihre Beinarbeit als ausgesprochen leger beurteilt werden muss, gelinde gesagt, liegt schon etwas abseits der starren und behäbigen Ikonographie.
Regionale Arbeiten mit wundervoll provinziellen Akzenten bleiben auf einer individuellen Erlebnisliste mitunter tiefer haften als die Edelmasse etablierter Kunst.

Anzy-le-Duc, Burgund, Kapitell, Samson stranguliert den Löwen.

Weshalb immer nur vor Vezelay, Fontenay, Beaune, Auxerre oder Autun…..abknien. Gerade in Burgund gibt es zahlreiche Beispiele sakraler Kunst von hohem Wert, in Dörfern und Kleinstädten.
Kennt aber keine Sau.
Ich denke dabei z.B. an die Basilika in Anzy-le-Duc, nur wenige Kilometer von der Loire entfernt. Glanzvolle Architektur, hochwertige Figürlichkeit an Portalen und Kapitellen und bemerkenswerte Wandmalerei.
In einem Nest von knapp fünhundert Einwohnern.
Aber vielleicht ist Anzy-le-Duc doch nicht das prägnanteste Beispiel, in Cluny leben zur Zeit auch nur noch viereinhalbtausend Franzosen. Im Mittelalter war diese Region ein Zentrum der Christenheit.
Und in der Kunstgeschichtsschreibung hat Anzy-le-Duc zumindest eine mittlere Wertigkeit erhalten.
Aber dennoch.
Über drei Stunden zelebrierten wir innerhalb der Kirche und auf dem angrenzenden Territorium eine absolute Einsamkeit. Kein Mensch. Ich glaube, ich kann mich an einige Ziegen erinnern.
Das wahre Paradies.
Bei den Basiliken in Paris, Chartres oder Reims besteht ja die Gefahr, dass man vor einem Portal durch eine etwas heftige Bewegung seinen Nachbarn die Bockwurst oder die Bierpulle aus den Händen schlägt. Oder den Fotografenapparat.
Es gibt ja Touristen, denen entgeht ihr gegenwärtiger Aufenthaltsort, weil ihr Augapfel fest mit der Linse des Fotogerätes verschweißt ist und die ihre dicken Finger nur beim Blättern in der Speisekarte vom Auslöser reißen können.
Und schmatzende Bockwurstbacken und Fotografen, die vor gotischen Portalen nur lästig im Weg stehen, gefallen mir ohnehin nicht besonders.
Dann doch eher nach Anzy-le-Duc oder nach Berne

juergen-henne-leipzig@web.de

juergenhennekunstkritik.wordpress.com

Juli 30, 2012 - Posted by | Leipzig

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