Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne, Kalenderblätter, Tod in Venedig, Heinos Schäferhund, Schopenhauer und Mahler, Cholera am Lido di Venezia, Dirk Bogarde, Sissy Spacek als Satans jüngste Tochter, Travoltas Nudel und das Murmel-Zebu als Schauspieler

Tod in Venedig, 1971, Luchino Visconti.

Dirk Bogarde als Gustav von Aschenbach und Björn Andrésen als Tadzio.

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Es gibt sie noch, diese kleinen Sendungen, eingeflochten in die Geräuschkulisse der nationalen und internationalen Nachrichtenübermittlung, der japsenden und jaulenden Gier nach Erstdarstellungen von Entgleisungen und sogenannten Hiobsbotschaften.
An jedem Tag der Woche zelebriert der Deutschlandfunk, 9.05 Uhr, sein „Kalenderblatt“, nur fünf Minuten.

Hier vernehme ich nicht, wann Schweini erstmalig gevögelt hat, in welchem Alter sich Claudia Schiffer entschloss, ihre Möse zu rassieren und wann Gerhard Schröder zum ersten Mal bei einem Konzert der Scorpions einen feuchten Schritt produzierte.

Heute erfuhr ich, dass vor genau einhundert Jahren Thomas Mann seine Novelle „Tod in Venedig“ der „Neuen Rundschau“ des S. Fischer Verlags übergab, die sie in ihren Herbstausgaben abdruckte.
Muss man sicherlich nicht wissen, doch weitgehend interessanter als die Information über die Lieblingsspaghettis des Schäferhundes von Finsterbrille Heino.
Und ich denke dann an meinen ersten Kontakt mit „Tod in Venedig“ als Film, an die Gespräche zwischen Gustav und Alfried über Schönheit, das Wesen von Kunst, über Musik und Resignation, über Schopenhauer und Gustav Mahler.
Und ich erinnere mich an diese langen, wortlosen Szenen, eingebettet in die banalen Klänge einer geschäftigen Dekadenz am Lido di Venezia vor dem großen Weltkrieg, verfeinert durch die Gerüche der Cholera.

Genügte mir bis bisher die Musik Beethovens, Tschaikowskis, Schuberts, Dvoraks, Griegs, Mussorgskis……., natürlich neben Rolling Stones, Animals, Yardbirds, Cream, Led Zeppelin…., unterwarf ich mich nun vollständig den Kompositionen Gustav Mahlers.
Das Adagietto der 5.Sinfonie als Filmmusik für „Tod in Venedig“ trieb mich zum Eintritt in die Moderne.


Gustav von Aschenbach, kurz vor der Verwesung

Sichelich Bogardes Rolle, die bis zum kommenden Urknall als herausragende Leistung bestehen wird.
Sonst hatte er nur wenig Möglichkeiten, seine hohe Befähigung zu bestätigen.
Ich besinne mich dabei noch an die Streifen „Nachtportier“ (mit Ch. Rampling) und „Brücke von Arnheim“. Mehr kenne ich nicht, etwas dürftig.

Sissy Spacek in Hochform als „Carrie – des Satans jüngste Tochter“, 1976, Brian De Palma.

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Am heutigen Sonnabend, kurz nach Mitternacht, also Sonntag, wird dieser Film im ARD gesendet. Für Masochisten, die sich gern schlaflos bis in den Morgen im Bett suhlen, ein geeignetes Mittel, ihre Leidenschaft auszuleben.
Ein recht frühes Teil von Brian De Palma.
Für mich bis heute eine der beklemmendsten cineastischen Höllenfahrten der Filmgeschichte.
Die weitgehend vorzüglich geführte Dramaturgie, die bis in das kleine Detail den kulminierenden Horror spürbar macht, ohne das Blut matscht und dumme Gesichter dumme Grimassen hervorquälen, erzeugen noch heute bei mir eine solide Gänsehaut.

John Travolta gibt es in einer frühen Rolle, ohne auffällige Besonderheiten. Ein Mädchen knabbert im Auto an seiner
Travolta-Nudel, sonst nervt er bei seinen wenigen Auftritten ziemlich.
Außerdem mit dem Schauspieler, der im „Kuckucksnest“ ohne Unterlass nach seinen Zigaretten brüllt. Der Name ist mir entfallen.
Und natürlich Sissy Spacek, die zwar schon für fünf oder sechs Oscars nominiert wurde, diese hässliche Gold-Silber-Kupfer-Nickel-Gurke aber meines Wissens nie erhielt.
Im Grund ist das nicht weiter betrüblich.
Doch steht sie mitunter in der öffentlichen Repektierung etliche Reihen selbst hinter Dilettanten, die nur infantil mit klumpigen Titten und dem schauspielerichen Vermögen eines Murmel-Zebus prahlen können.
Und das ist dann doch ärgerlich.

juergen-henne-leipzig@web.de

juergenhennekunstkritik.wordpress.com

Juli 21, 2012 Posted by | Leipzig | Hinterlasse einen Kommentar