Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne, die Rolling Stones seit fünfzig Jahren und ein paar Tagen, zweitausend Lichtjahre, Sardinen in der Tundra, Peter Kraus und Cancan, Ohren im Blumentopf, Burdon im Buchladen und Grönemeyer im Stadion, fünfzig Jahre Rolling Stones und zwanzig Jahre Randfichten, ein Heiligtum für Marsheinis, steinig rollender Wort-Kehricht und Kohlrabi unter der Brücke

Rolling Stones – „Their Satanic Majesties Request“ (1967)

Lizensausgabe für Tel Aviv.

Rolling Stones – Tel Aviv – Jürgen Henne.

Das waren natürlich Wege, die mich damals faszinierten.

Die erste Scheibe meiner damals so unendlich geliebten „Stones“.
Ich erwarb sie vor mehr als vierzig Jahren für achtzig DDR-Mark.
Nach dieser finanziellen Anstrengung hätte ich natürlich für einige Tage bei Möhren, Kohlrabi und ein paar Kästen billiger Leipziger Bierbrühe unter der Brücke hausen müssen, die Schallplatte an mein Herz gedrückt.
Doch dieser „Herumtreiber“-Status wurde im Ekelstaat Ulbrichts (kurz vor seiner Entmachtung) natürlich nicht geduldet.
Also wurde ich wieder in meine, einigermaßen behüteten Spuren manövriert.

Sicher nicht die auffälligste Leistung der Truppe, alles etwas verquast, doch einige Titel kann man auch heute noch hören („Citadel“ – „In Another Land“ – „2000 Man“ und natürlich „2000 Light Years from Home“).
Ich habe Mick Jagger und seine Herde 2x live gehört und gesehen, 2x in Berlin. Im Sommer 1990 auf der Alten Rennbahn, besonders billig für Ostdeutsche, gemeinsam mit 100 000 Besuchern. Ich in der sechsten Reihe. Von nachmittags vier Uhr bis abends einundzwanzig Uhr, stehend, am scheinbar heißesten Tag des Jahrhunderts. Mit einem Bewegungsradius, wogegen sich die sprichwörtlichen Sardinen in ihren blöden Büchsen wie in der weiten Tundra entfalten können.
Dann begann das Konzert, mit „Start Me Up“ aus „Tattoo You“ und alles Leid war vergessen.

Meinetwegen ist diese Musik inzwischen Schnee von gestern und auch mein Verbrauch bewegt sich doch in recht reduzierten Grenzen.

Denn es gibt natürlich auch heute unendlich und reichlich grandiose Tonkunst. Man muss sie nur finden.
Und es nervt hochgradig, wenn die 60er-Jahre-Freaks ihr vertrocknetes „Früher war die Musik viel besser“ in die Debatte keuchen.
Doch behelligen mich auch diese unbeweglichen Dogma-Detlefs, welche Jagger, Richards, Watts und Wood möglichst in die geschlossene Anstalt begleiten würden, der Meinung frönen, dass dieses Quartett sich nur noch der Lächerlichkeit preisgibt, das Altersheim ein angemessener Ort wäre und dieser „Hippie-Scheiß“ (wörtliche Wiedergabe eines ganz wichtigen, souveränen Zeitgenossen) nur noch debile Rentner hören und sich dabei den Schritt massieren.

Mein Gott, lasst doch Charlie vor sich hin trommeln, bis er vom Hocker fällt, Keith seine Riffs dreschen, bis die gichtige Hand sich zwischen den Saiten verklemmt oder er letztmalig vom Baum fällt, lasst doch Mick bis zur Mundstarre auf der Bühne hampeln. Und gönnt auch Ron die letzte Pulle auf der Bühne, bevor die Haare ausfallen.

Mir würden zwar violett die Ohren abblätttern, wenn man mich zu aktuellen Konzerten von Roland Kaiser, Carpendale, Marianne Rosenberg, Ute Freudenbeg oder Nicole peitschen würde.
Und ich vergrabe auch bei der Musik von Grönemeyer, Maffay oder Naidoo meine Ohren in der Erde meines größten Blumentopfs.
Ich lächle sanft, wenn Peter Kraus, der sicher schon mit Offenbach Cancan tanzte, durch die Säle zuckt.
Doch greife ich nicht zur rhetorischen Kettensäge.

Ich bin nur irritiert, wenn z.B. Long John Baldry für ein Leipziger Konzert nur etwa einhundertundfünfzig Menschen aktiviert, ein Konzert mit Penderecki am Pult eher im familiären Rahmen bleibt, bei Veranstaltungen mit zeitgenössischer Musik in Leipzig grundsätzlich die gleichen 80-100 Besucher auf immer den gleichen 80-100 Stühlen sitzen und Eric Burdon bei seiner Aktion in einer Leipziger Buchhandlung ziemlich schmählich übergangen wurde, doch Grönemeyer und Naidoo ständig Stadien mit ordentlichen Ausdehnungen füllen. Dann bin ich wirklich richtig irritiert.
Und gegen eine winzige Kettensäge hätte ich dann auch nichts.

Der unsägliche MDR brachte keinen Beitrag zu fünfzig Jahren Rolling Stones, auch nicht z.B um 23.35 Uhr.
Aber am folgenden Tag eine Sendung um 20.15 Uhr zu zwanzig Jahren Randfichten.

So einfach ist das.
Da könnte dann nätürlich meine Kettensäge auch etwas größer ausfallen.

Und weshalb muss ich immer wieder die Auswürfe dieser Kreativitäts-Kobolde sehen, hören, lesen ?
Da „rollen die Steine wieder“, „die Steine rollen seit fünfzig Jahren“, „die Steine sollten endlich nicht mehr weiter rollen“, „die Steine rollen schon viel zu lange“, „die Steine rollen nur noch leise“…..Immer wieder dieser gleichbleibende Wort-Kehricht.
Der Verbindung von „Rolling Stones“ zu unbegrenzten Variationen mit „Die Steine rollen….“ ist außergewöhnlich bekloppt und bremst meine intellektuelle Bereitschaft und meine sprachästhetische Sensibilität.

Und wenn irgendwelche halbgrüne Marsheinis irgendwann auf einer leblosen Erde landen, zwei Häufchen Tonträger finden und im linken Häufchen „Beggars Banquet“, „Let it Bleed“, „Sticky Fingers“, „Exile on Main Street“ und „Aftermath“ entziffern, im rechten Häufchen „The Best of Ute Freudenberg, Roland Kaiser, Nicole, Xavier Naidoo, Herbert Grönemeyer….“ wahrnehmen, sie danach akustisch vergleichen, wird das linke Häufchen sicher als Heiligtum fremder Kulturen den Weg in die Heimat der halbgrünen Marsheinis antreten.

Und wenn dann die Erde von den halbgrünen Marsheinis entgültig abgefackelt werden sollte, dann mit dem rechten Häufchen. Während das linke Häufchen durch die Milchstraße dröhnt.
Da bin ich sicher, mit und ohne Kettensäge.


Rolling Stones, „Tattoo You“, 1981
Geschenk vor dreißig Jahren von einer schönen Frau aus ihrem Urlaub in Budapest.

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Juli 16, 2012 Posted by | Leipzig | Hinterlasse einen Kommentar