Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne, Naumburgs Meister, tierisches Geländer, Goldhändchen an der Saale, ein Apostel aus Paris, Sybille aus Bamberg, Pantokrator aus Straßburg, ein Fürstenportal in Bamberg, das Taufbecken Wilbrands, August Leubelfing, Schiller in Gohlis, Klinger in Naumburg, Kniegelenke bei neunzig Grad, Ekkehard und Uta zwischen Frettchen und ein Dom der Weltkultur

Naumburg, Dom St.Peter und Paul

Diesen Dom kann man natürlich auch ohne Sonderausstellungen besuchen.
Doch die aktuellen Beiträge an den unterschiedlichen Standorten erhöhen die Pflicht, nicht nur dümmlich auf Uta und Ekkehard zu starren oder das tierische Geländer nahe des östlichen Hallenlettners zu befingern, sondern die Zusammenhänge etwas tiefer zu erfassen.
An den Standorten St.Peter und Paul, Domklausur und anschließender Marienkirche, in Stadtmuseum, Marktschlösschen und Aegidienkapelle wird mit fast ausufernder Wucht und Leihgaben aus Polen (Wroclaw),Frankreich (Reims, Straßburg, Paris, Metz, Amiens), England (Wells), aus Ungarn, Italien…..und natürlich aus Deutschland (Magdeburg, Bamberg, Mainz, Brandenburg, natürlich Leipzig….) eine bemerkenswert lückenlose Berichterstattung über das Goldhändchen des Naumburger Westchors und seiner Bauhütte mit deren Edel-Handwerkern angeboten.

Naumburg, Dom, vom Kreuzgang

Unter der Generalüberschrift: „Der Naumburger Meister. Bildhauer und Architekt im Europa der Kathedralen“ gibt es dann grundsätzliche Bereiche wie „Das menschliche Antlitz Christi und die Neubewertung des Menschen“ und „Kunst und Wissenschaft“, dann spezielle Verfeinerungen mit „Die Ausstrahlung der Kathedrale von Reims“ und „Kunst der Zeit Ludwigs des Heiligen – Ein neues höfisches Ideal in Frankreich“ bis zur thematischen und geografischen Konkretisierung durch „Die hochmittelalterliche Kulturlandschaft an Saale und Unstrut“ und „Architektur, bildkünstlerischer Bestand und Ausstattung des Naumburger Westchors.“
Ausgestellt wird natürlich auch eine ganze Reihe von Abgüssen, z.B. das Tympanon des Bamberger Fürstenportals mit dem grandiosen „Jüngsten Tag.“ Derartige Veranstaltungen können im Grunde heute nicht anders laufen. Gute Abgüsse sind aber immerhin ertragreicher als Blicke in leere Röhren

Gezeigt werden Bildhauerei jeglichen Zuschnitts, schriftliche Schönheiten, Bischofsinstrumente,Schmuck, Gegenstände für liturgische Abläufe, Geräte und Vorrichtungen für die Arbeit am Bau, aber eben vor allem hochwertigste Bildhauerei.
Darunter ein Apostel aus der Sainte Chapelle in Paris, eine thronende Muttergottes der Ile-de-France, die Sybille des Bamberger Doms (Abguss), einen vortrefflichen Christus als Pantokrator von dem Engelspfeiler des Straßburger Münsters (Abguss).
Vom südlichem Querhausportal der gleichen Bude gibt es kostbare Bildhauerei mit Ecclesia und Synagoge (Abgüsse), aus dem Hildesheimer Dom des Bischof Wilbrands Taufbecken, eine Bronzearbeit von schier unerträglich hoher Befähigung und natürlich Gaben des Naumburger Champions aus Mainz, Meißen, Bassenheim…)
Also ein Querschnitt durch das hohe Mittelalter mit Naumburgs Superman als Leitwolf.
Wie immer bei derartigen Katalogen sollte man auch für die neunzehntausend Seiten zu dieser Ausstellung einen Handwagen, doch zumindest einen stabilen Koffer als Transportmittel erwägen.
Nach der ersten Durchsicht überwiegt der Eindruck hoher Tauglichkeit der beiden Bände.

Uta und Ekkehard werde ich nicht abbilden. Sie gibt es schon in jedem Ratgeber zur Frettchenzucht.
Ein sinnvollen Ablauf der Fotoherstellung ist ohnehin nicht möglich. Denn vor jedem Ausstellungsobjekt steht immer irgendjemand, nicht selten Führungen mit entsprechendem Geplärre und außerdem sind Ablichtungen bei strengster Maßregelung untersagt.

Naumburg, Marktschlösschen und Wenzelskirche

Nach fünf bis sechs Stunden beginnen allmählich die Pupillen zu verglasen, die ersten Splitter des Kniegelenks schleifen Richtung Fußknöchel, vereinzelte Halsmuskeln haben die Konsistenz überkochter Spaghettis.
Eine Art Wagenpark für Rollstühle auf dem Markt Naumburgs würde sich als bejubelte Hilfestellung anbieten.
Dann könnte man selbstverständlich noch entspannt zur Wenzelskirche rollen.
Ein spätgotischer Bau, auch keine kunsthistorische Erbärmlichkeit. Begehrt als Touristenziel, vor allem durch die Grablege August Leubelfings, Page des Schwedenkönigs Gustav II. Adolfs und der Legende nach weiblichen Zuschnitts.

Die Rollerei könnte dann thematisch nach Lützen führen, unweit von Leipzig, Ort der Verbleichung Gustav II.Adolfs, in der Schlacht seines protestantischen Heeres gegen Wallensteins katholisch kaiserlichen Haufen (1632). Damit wäre man flugs bei Schiller und am Gohliser Schillerhaus (Leipzig), zweihundert Meter von unserer Behausung enfernt. möglicher Ort der Textgestaltung einer Ode, die dann Ludwig van in seiner letzten Sinfonie vertonte. Beethoven führt dann in das Leipziger Gewandhaus mit ausgeprägter Tradition bei der Pflege des Werks des Bonner Cholerikers. Jetzt böte es sich an, der grausigen Beethovenskulptur auf dem Götterthron zu gedenken, die einige Jahre die Besucher des Gewandhauses erschreckte (jetzt im Bildermuseum). Sicherlich unter Albträumen geformt von Max Klinger, der wiederum eine erhebliche Zeit in seinem Landhaus in Großjena, eine Gemeinde Naumburgs, verbrachte.
So schließt sich der Kreis.

Etwas Mäkelei würde ich mir aber auch noch gönnen.
Einzelne Elemente der museumstechnischen Grundanlage in Naumburgs Ausstellung erweisen sich mitunter als etwas gewöhnungsbedürftig, körperlich zu anspruchsvoll.
Denn in meinem Alter fällt man nur ungern zweihundertachzig mal am Tag in einen Kniewinkel von neunzig Grad. Die Beschriftung ist also oft zu klein und zu tief an die Wand geheftet.
Auch einige Textfahnen vor hellen Fenstern sind schwer zu deuten. Man rennt dann wie Rumpelstielzchen von links nach rechts und zurück und sucht einen Hintergrundschatten, um die Sätze lesen zu können.
Doch flüstere ich nur diese Mäkelei, mit erhöhtem Phonpegel preise ich dagegen diese erstaunliche Ausstellung in Naumburg.

Bis 2. November

Oktober 16, 2011 - Posted by | Kunst, Leipzig, Neben Leipzig

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