Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne, der 7.Oktober 2011, zweiundsechzig Jahre DDR-Gründung, „So schlecht war es ja nun auch nicht“, Pfarrer Brüsewitz, Willy Tonn, Ekelschaum, sozialistische Fortbewegungsstrategien, Drecksau nach zehn Metern, Hilbig im Heizkeller, Partei-Pestfetzen mit Schinkenpaket, Flussfahrt auf dem Mekong und der Schützenpanzerwagen von Jürgen

Trotz der aktuell etwas desolaten Lage werde ich dennoch keine schaurig morbiden Jubelgesänge auf die verblichene DDR intonieren.
Auf Wortwürgereien wie „So schlecht war es ja nun auch wieder nicht“ verrichte ich meine Notdurft.

Während eines Seminars in Dresden (1976) bat ich eine Lehrkraft um die Erläuterung von Sinn und Folgen der Selbstverbrennung des Zeitzer Pfarrers Brüsewitz (1976).
Die Antwort: „Herr Henne, ich habe mein Diplom, sie wollen es doch auch, oder?“
Sein Namme ist Willy Tonn und ich denke, er wohnt noch in Dresden. Bei einer erneuten Begegnung, die mir hoffentlich erspart bleibt, würde ich noch etwas Notdurft für ihn zurückhalten.
Allein diese, eigentlich alltägliche Episode hat in meiner Erinnerungskultur an dieses Land verheerende Spuren gehärtet.

Ich rieche jetzt auch den nahen und sauberen Fluss, der vor über zwanzig Jahren noch ohne Zwischenräume und sichtbares Wasser violett-grünlichen Ekelschaum zur Mündung trug.
Und ich lächle nicht ganz mild, wenn ich an die menschlichen Fortbewegungs-Strategien auf sozialistischen Durchschnitts-Straßen bei Regen denke.
Man lief entweder am äußeren Fußwegrand und bekam baldigst eine Portion öliger Pfützenbrühe eines vorbeifahrenden Wagens an die Hüfte. Die Alternative bestand in Wegen mit Körperkontakt zu dreckigen, bröselnden Häuserfassaden, mit kaputten Dächern und gerissenen Wasserabflussrohren. Die Möglichkeit einer körperlichen Durchnässung erwies sich auch hier als beträchtlich.
Oder man trottete gleich in der Mitte des Fußweges und sah nach zehn Metern wie eine Drecksau aus, von beiden Seiten.

Mein Erinnerungscontainer ist befriedigend gefüllt. Ich denke an zerschlissene Dorfkirchen und bröckelnde Burgkapellen, an die Leugnung und infantile Verfremdung geschichtlicher Tatsachen (Hitler-Stalin-Pakt, Thomas Müntzer) und an Freunde als Interims-Tschekisten.
Ich denke an meine Wohnung, in der sich selbst ein riechender und streunender Hundemischling übergeben hätte, an die Aktion, bei der ich eine Angestellte der Wohnungsvergabe mit „Westgeld“ bestach und an Wolfgang Hilbig, der seine Weltliteratur im Heizkeller eines sozialistischen Großbetriebs schrieb. Und ich denke an Partei-Pestfetzen, die ihr Schinkenpaket durch die Hintertür des Werkkonsums schleppten und an Hermann Hesses Bücher, die nur „unter dem Ladentisch“ zu haben waren, wenn überhaupt.

Doch überwiegen inzwischen andere Erinnerungen und drängen die gealterten Reminiszensen in meine historische Kehricht-Tonne

Denn jetzt denke ich an Rothko in München, Bacon in Hamburg, Memling in Köln, van Gogh in Tübingen, Newman in New York, Pollock in Venedig, an die documenta in Kassel, an Laon, Angkor, Toledo, Kapstadt. Ich denke an die Flußfahrt auf dem Mekong, an die tropfenden Bäume in Palenque, die Würgefeigen in Kambodscha, die Sonne in San Francisco.
Alles Erinnerungen, die nicht bestehen würden, wenn Freunde immer noch als Tschekisten agieren würden, Partei-Pestfetzen Schinkenpakete durch die Hintertür schleppen würden……

Früher war nicht alles besser und in der sozialistischen Latrine DDR schon gar nicht.
Und jetzt lege ich mir eine CD von Morton Feldman ein, oder Pere Ubu oder Sofia Gubaidulina, lese ein paar Sätze Hilbigs und Benns oder blättere im Katalog aller Guggenheim-Sammlungen. Dabei denke ich fast wolllüstig an die Tatsache, dass mir das vor über zwanzig Jahren von diesen Entscheidungsdeppen der DDR niemand gegönnt hätte.

Ich denke auch an diesen Schützenpanzerwagen, auf dem ich 1970 als Fahrer meinen Ehrendienst bei der ruhmreichen und unvergesslichen Nationalen Volksarmee absolvierte (Technisches Museum, Ostsee, 2011)

juergenhennekunstkritik.wordpress.com
juergen-henne-leipzig@web.de

Oktober 7, 2011 - Posted by | Leipzig, Musik, Neben Leipzig, Verstreutes

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