Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne, Hamburg Blues Band, mein Pubertäts-Sessel, Arthur Brown im „Fire“, Clem Clempson und Chris Farlowe, Weihnachtslieder im Rollstuhl, Dauer-Gänsehaut, ein hinreissender Musik-Kobold, von Schaljapin bis Ultraschall, Steve Marriott und die Moleküle der Biertöpfe,

Arthur Brown

Als ich 1968 erstmalig Arthur Browns „Fire“ akustisch zur Kenntnis nahm, fläzte ich mich gelangweilt in meinen Pubertäts-Sessel und kurbelte an meinem Pubertäts-Kofferradio auf Mittel-o.Kurzwelle nach Musik der Rolling Stones, Animals, Hendrix, Yardbirds….
„Fire“ war immerhin von Pete Townshend produziert und mit Vincent Crane am Keyboard, der dann später bei Atomic Rooster eine ordentliche Musik spielte, auch einige Zeit gemeinsam mit Chris Farlowe.
Trotzdem nervte mich der Song bis zum Darmdonner.

Vergangenen Donnerstag nun das Konzert mit Arthur Brown und der Hamburg Blues Band im Leipziger Spizz.
Meine Erscheinung und die Eigenheiten des zahlreichen Rests des Publikums stimmten bemerkenswert überein. Von dramatisch ansehnlicher Grundausstattung, pubertäre Magersüchte wurden erfolgreich überwunden und nicht mehr ganz jung.

Ich kannte diese norddeutsche Truppe schon von einem Konzert, solide Musik, die aber in die Rubrik Blues nur bedingt eingeordnet werden kann. Denn durch eine auffällige Hinwendung zu Elementen des Hardrock spielt sie sich gekonnt und qualitätsvoll in die Außenbereiche des Mainstream.

Ich hatte nach diesem albernen „Fire“, Arthur Browns einziger Hit, noch einige andere Titel gehört, die dann doch eher meinen Vorstellungen entsprachen.

Dennoch pendelten meine Erwartungen auf eher überschaubaren Skalen, vielleicht ein paar Weihnachtslieder im Rollstuhl oder „Fire“ für Johannes Heesters. Denn Brown darf auf seinen Geburtsjahrgang 1942 verweisen und meine Informationen über ihn tendieren seit Jahrzehnten auffällig gen Null.
Intressierte mich im Grunde auch wie die Reibeisenherstellung in Südkolumbien.

Arthur Brown

Die erste Hälfte bestritten die Matrosen, dann kam Brown in Kostümierung und knallte zunächst Dylans „A hard rain`s gonna fall“ zwischen die Wände, ein Titel, den auch schon Brian Ferry bemerkenswert gesungen hatte.
Meine Transpirationsdrüsen öffneten sich. Während der folgenden sechzig Minuten folgten dann u.a. „I put a spell on you“, ohnehin eine zuverlässige Größe für Dauer-Gänsehaut ( von Jalacy Hawkins ) und „Don`t let me be Misunderstood“ der Animals. Das Original von Nina Simone ist mir unbekannt.
Arthur Brown wirbelte mitunter wie ein Derwisch über die kleine Bühne, machte sich zum Clown, doch ohne zu nerven und suchte ständig mit Mimik und Gestik Kontakte zu seinen Mitspielern, ohne sie zu beeinflussen. Aktuell eindeutig der großartigste Musik-Kobold.
Natürlich kokettierte er mit seinen stimmlichen Fähigkeiten, deren Oktav-Umfang im Grunde fast unmöglich für ein menschliches Organ gilt.
Er grunzte Töne, wogegen Schaljapin als tiefer Tenor durchkommen würde und schraubte dann seine Stimme bis zum Ultraschall. Im Juni kommenden Jahres wird er siebzig.
Der Saal begann zu beben.
Und natürlich die Band vom Salzwasser,mit Schlagzeug, Keyboard, Gitarren und Clen Clempson, früher malträtierte er wundervoll seine Gitarre u.a. bei Colosseum, mit Chris Farlowe und veredelte die Live-Auftritte von Humble Pie, mit dem unvergesslichen Steve Marriott. Er verbrannte vor zwanzig Jahren in seinem Haus.
Durchaus immer in Maßen, ohne manieristischen Tinnef und plakative Trickserei trieb Clempson den Rentner Brown zu Höchstleistungen, kultivierte aber auch das Wissen um seine eigene Wertigkeit mit gnadenlosen Solo-Partien.
Unspektakulär im Outfit, von gepflegter Erscheinung, ohne Marotten, senste er seine Finger über die Saiten, dass die Biertöpfe zu Molekülen zerbrachen.

Clem Clempson

Ein bemerkenswertes Konzert, welches ich in dieser faszinierten Ausprägung nicht erahnt hatte.

Musikempfehlungen zum Text

Neben mir liegen: „Humble Pie in Concert“ mit Clempson und Marriott, San Francisco, Juni 1973 und „Colosseum Live“ von 1970, mit Farlowe und Clempson

Von Arthur Brown habe ich nichts.

Chris Farlowe, ich vermute mit der Hamburg Blues Band

Steve Marriott, oben rechts, mit Small Faces

juergenhennekunstkritik.wordpress.com

juergen-henne-leipzig@web.de

Oktober 2, 2011 - Posted by | Leipzig, Musik

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