Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne, vier Wochen in Oberösterreich und ein ungeordnetes Potpourri vortrefflicher, überraschender, skurriler, bedenklicher, doch in jedem Fall nützlicher und weiterbildender Wahrnehmungen, Teil II (Teil I am 14. 6.)

Toilettenhäuschen im Kurpark Bad Hall

Ich habe hier beide Möglichkeiten der Vollendung des Stoffwechsels zelebriert und konnte mich nur schwer von diesen wenigen Kubikmetern trennen.

Der Architekt dieser Bedürfnisanstalt, Mauriz Balzarek, war Schüler von Otto Wagner, der wiederum während der Zeit des „Fin de siècle“ die Haupstadt Wien auf das Heftigste bearbeitete und mit zahlosen Bauwerken das Stadtbild veränderte. z.B…..Hosenträgerhaus, Pavillon am Karlsplatz, Majolikahaus, Kirche am Steinhof, Nepomuk-Kapelle…,usw.,usw.
Unweit dieser Einrichtung für gesteigertes Wohlbefinden dirigierte Gustav Mahler während des Sommers 1880 im Bad Haller Theater, mit 20 Jahren.
Sicherlich nicht eine seiner Sinfonien, denn Nr.1 wurde meines Erachtens erst Ende der 80er Jahre uraufgeführt.

Ried im Traunkreis
Diese spätgotische Kirche, um 1520 errichtet, wird architekturhistorisch eher weniger beachtet, hat sich aber den Status eines Naturdenkmals errankt.
Denn seit vielen Jahrzehnten schlingt sich kontinuirlich und mit wachsender Dichte Efeu um den Turm herum und am Turm nach oben.

Kefermarkt

Text an der Hauswand:
„Zum weltberühmten Flügelaltar von Kefermarkt“

Jawohl, recht haben sie, immer dort entlang, da weiß man gleich, was man hat.
Man könnte sich ja sonst in die Kneipe verirren.

Kefermarkt, Wallfahrtskirche, der weltberühmte Flügelaltar

Christoph von Zelking erwartete, bzw. befahl in seinem Testament von 1490, dass für die Pfarrkirche von Kefermarkt, die er selbst gebaut hatte, ein Altar hergestellt werde.
Er selbst schrieb von „Taffel“ (Tafel), damals die übliche Bezeichnung für derartige Kircheninhalte.
Werkstattleiter, Brigademitglieder und andere Teilnehmer dieser herausragenden Schöpfung können nur erahnt werden.
Der Name des Hauptmeisters jedenfalls wabert noch immer anonym durch die drei Schiffe dieser Staffelkirche (Sonderform der Hallenkirche).
Christoph von Zelking agierte als nicht unwesentliches Mitglied der kaiserlichen Gefolgschaft von Friedrich III.

Der Altar wurde innerhalb der 90er Jahre des 15.Jahrh. aus Lindenholz geschnitzt.
Trotz der hohen Meisterschaft des Produzenten sind zahlreiche Bezugspunkte zu anderen künstlerischen Bestrebungen seiner Zeit recht deutlich sichtbar.
Eine kunstgeschichtliche Normalität.

Dabei können selbst innerhalb des Kefermarkter Altars abgestufte Qualitätsebenen, moderner Formwille und etwas altertümlicher Stillstand eingeordnet werden.

Eine unübersehbare Linie, vor allem bei dem Verständnis für Raum und Drapereie, führt z.B. in die Werkstatt Nikolaus Gerhaerts (Hochaltar des Konstanzer Münsters).
Auch die Arbeiten von Vater Michel und Sohn Gregor Erhart werden für die Kefermarkter Künstler und Handwerker eine auffällige Nebenbedeutung gehabt haben.
Und gleichfalls die gesamte Anlage des Altars Michael Pachers in St.Wolfgang, einschließlich der Schreinwächter.

Augenfällig sind z.B. in Kefermarkt die Bevorzugung architektonischer Zierformen gegenüber vegetabilischer Motive.
Die Leerstelle, der Hohlraum werden bearbeitet, erhalten eine gestaltungswürdige Bedeutung und Christophorus trägt bartlos das Jesuskind über den Fluss, außerordentlich selten in dieser Zeit.

Kefermarkt, Hochaltar, Schrein

Drei überlebensgroße Holzskulpturen

Petrus, links, Schutzherr der katholischen Kirche
St.Wolfgang, mittig, Bischoff von Regensburg
Christophorus, rechts, Christusträger

Kefermarkt, Hochaltar

Anbetung

Vorn kniend Melchior mit Goldkiste
Dahinter Balthasar mit Weihrauch-Schiffchen
Dahinter Caspar mit Myrrhe-Pokal

Scheinbar ist aber die Zuordnung der Geschenke zu den Königen in theologischen Plaudervereinen noch nicht geklärt.

Hinten rechts schaut Josef, scheinbar etwas genervt, dem Treiben zu.
Links unten ein Hund, sicher ein Todessymbol.
Links oben ein Turbanträger mit Hammer, vermutlich das Selbstbildnis eines Werkstatt-Mitgliedes.

Kefermarkt, Hochaltar

Marientod

Oben empfängt Christus die Seele Mariens.

Kremsmünster, Stiftskirche des Benediktinerstifts
Mittelschiff nach Osten mit Bildteppichen um die Pfeiler

Stift Kremsmünster, Fischkalter
Simson zerdrischt einen Löwen, mit Fischen im Wasser.

Wasserbecken zur Aufbewahrung und Entnahme von Fischen, die aus den umliegenden Teichen geliefert wurden, auch wichtig für die Lagerung und als Reserve in Fastenzeiten.
Gebaut 1690/92 von C.A. Carlone, erweitert um 1720 von J. Prandtauer (Erbauer des Stifts Melk, UNESCO-Welterbe).
Anlage mit insgesamt fünf Becken.

Stift Kremsmünster, Fischkalter
Petrus entnimmt einem Fisch eine Steuermünze, mit Fischen im Wasser.

Stift Kremsmünster, Fischkalter
Neptun, dahinter dröhnt Triton in sein Tritonshorn, mit Fischen im Wasser.

Ich bin mitnichte ein Fachmann des Fischaufbewahrungswesens.
Doch scheint mir die aktuell-benediktinische Tierhaltung nicht ausgegoren und für die Kiementräger etwas arg nüchtern und deshalb unbefriedigend.

Schloss Parz, Grieskirchen, um 1520
Bedeutendstes Schloss-Ensemble der Renaissance in Österreich (vermutlich)

Schloss Parz, Grieskirchen
Renaissance-Freskenzyklus an der Südseite (Detail)

Sieg des Protestantismus über die katholische Kirche.
Kinder Israels fliehen durch das Rote Meer, verfolgt von den Pharaonen.
Damalige Aktualisierung: Katholiken verfolgen Protestanten, die römische Kirche unterliegt und macht sich zum Horst.

Hans Staudacher

Im Schloss werden einige Räume für Ausstellungen mit zeitgenössischer Kunst genutzt (Galerie Schloss Parz).
Zwischen diesen ganzen alten Zeug (s.o.) dienen derartige Intermezzi zur Stabilität des Wohlbefindens.

Hans Staudacher

Antonio Tamburro

Antonio Tamburro



Zugabe…Zugabe…Zugabe…Zugabe…Zugabe…Zugabe...Zugabe……Zugabe…Zugabe…

An des Wanderers Wegesrand lagen auch z.B….

…die Rokoko-Kirche des Zisterzienserstifts Wilhering…

…und schöne Bäume…

…und eine Kreisel-Ausstellung im Schloss Tollet…

…und ein bewegtes Panorama in Bad Ischl…

…und eine Bergwiese mit Kirche…

…und eine verschneite Landschaft (hinten), Blick vom Kirchenplatz, Bild zuvor…

…und Michael Pachers Wolfgangsaltar in St.Wolfgang am Wolfgangssee…

…und auf dem Weg zu Klaus, zu Olaf gingen wir am Tag darauf…



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Juni 20, 2019 Posted by | Kunst, Neben Leipzig, Reisen | Hinterlasse einen Kommentar