Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen, der schlaue Leipziger, Jürgen Becker, der unsägliche Possenreißer, zwei Ausstellungen der Chemnitzer Kunstsammlungen am Theaterplatz und Claus, Schultze, Mathieu, Poliakoff, Baumeister, Nay, fickende Ziegen in der Waldstraße, Feininger in Apolda und die sprachliche Verwahrlosung im Brennstoff-Bereich

Verstreutes

Als gnadenlos zuverlässiger Passagier von Leipzigs öffentlichen Verkehrsmitteln, ausnahmslos stehend und als scheinbar einziger ohne Smartphon, werde ich mit der Kenntnisnahme vielfältigster Abläufe im Alltag meiner Heimatstadt beschenkt.

Ich beobachte durch die Scheiben die radieschenroten Köpfe, die blauen, zitternden Lippen meiner Mitbürger im Autostau, die mit feuchten, verkrampften Händen ihr Steuerrad zu einer 8 formen, rieche den Duft des Bärlauchs nur eine Haltestelle nach meiner Behausung, bin fasziniert von der Gründerzeit-Architektur in der Waldstraße, schaue wundervoll lässig und lästig anderen Straßenbahn-Nutzern über ihre Schultern und auf deren Smartphone, sehe darin auch schon einmal fickende Ziegen und zurre meinen Blick hin und wieder am Straßenbahn-Monitor fest, der über Leipziger Ereignisse informiert.

Und er zelebriert auch die Serie: „Wie schlau sind wir Leipziger“
In diesen Tagen werden folgende Fragen gestellt:

Wie lautet das Leipziger Kfz-Kennzeichen?

1. LPG
2. L
3. Lei
4. Liz

Wie lautet die Telefonvorwahl für Leipzig?

1. 0852
2. 1234
3. 0341
4. 0011
(Außer L und 0341 habe ich die Buchstaben und Zahlen erfunden, aber so ähnlich wurden sie gesendet)

Ich vermute, dieses Deppen-Spielchen hat eine sogenannte Fremdfirma für die Leipziger Verkehrsbetriebe „erarbeitet“ und vier Millionen Schleifen kassiert.

Ich kann mich jedenfalls in die Kategorie „Schlauer Leipziger“ einordnen, denn die korrekte Lösung dieser Kniffelei hatte ich recht zügig parat.

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Außerdem nölte in der ARD-Maischberger-Sendung wieder einmal dieser entsetzlich simple Jürgen Becker über den Tisch:

„Donald Trump ist so ein Arschloch, da können Sie mit dem LKW durchfahren.“

Das Publikum applaudierte fast frenetisch und Maischberger lächelte sanft.

In einer Zeit, die von Mahnungen geprägt wird, einer Verrohung auch der politischen Sprache aktiv entgegenzuwirken, enthalte ich mich und gebe keinen Kommentar.
Denn mitunter neige ich zu einem cholerisch ausgelebten Zynismus und bei Jürgen Becker und anderen einfältigen Possenreißern könnte sich diese Neigung erfüllen.



Und wer ständig Jürgen Becker und ähnliche Kunos hört und sieht, könnte dann natürlich auch diese geschäftliche Unterstützung in einer großflächigen Warenhandlung geregelt haben.

Da fahre ich doch eher nach Chemnitz und besuche die beiden Ausstellungen der Kunstsammlungen.

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Ausstellung I

„Carlfriedrich Claus und Bernard Schultze“

Plakat im Fahrstuhl zur aktuellen Austellung im Haus der Chemnitzer Kunstsammlungen am Theaterplatz.
Auffällig ist die reduzierte Werbung seit Ingrid Mössingers Abmarsch in den Ruhestand.
Weder an der Hauptfassade des Hauses noch im Eingangsbereich wird man durch optisch bemerkenswerte Hinweise zu den derzeitigen Aktivitäten des Museums beeindruckt.

Nur an einer Seitenwand gibt es die allgemeinsten Informationen.
Ich vermute aber, dass bald der angrenzende Baumbestand seine floralen Elemente über
diese Installation legen wird.
Es wird auch kein Katalog zu diesen Austellungen angeboten, nicht einmal ein kleiner Katalog, selbst auf einen ganz kleinen Katalog wurde verzichtet.
Ein Faltblatt muss genügen.
Come back, Ingrid.

Bernard Schultze
„Gefährlicher Streifzug“, 1985/89, Bleistift/Papier, auf Lw. aufgezogen

Carlfriedrich Claus aus Ostdeutschland und Bernard Schultze aus Westdeutschland zelebrierten über zwei Jahrzehnte ihren Kontakt (1956/1979) und debattierten über kunsttheoretische und politische Fragen.
Bis sie, eben wegen politischer Diskrepanzen, alle Verbindungen untereinander aufgaben.

Beide versuchten mit eher lyrischen Abstraktionen, weitgehend ohne expressive Exzesse, besonders bei Claus verbunden mit der Einbeziehung typografischer und kalligrafischer Elemente, die unterschwelligen, unbewußten Vorgänge mit existenziellen Grundgestus in psychischen Bereichen zu beschreiben.

(Für die Wissenserweiterung über Informel, Abstrakter Expressionismus, Lyrische Abstraktion, Tachismus, Farbfeldmalerei… genügt der Blick in ein ordentliches Lexikon, auch in Wikipedia, wenn es sein muss).

Die oft angesprochenen, gegenseitigen Einflüsse kann ich nur bedingt nachvollziehen.
Denn Schultzes harmonisch gefällige, dekorativ geordnete „Schönfarbigkeit“ meidet Claus, er entschied sich doch eher für eine grafisch reduzierte Präzision, für substanzielle Schärfe, die trotz ihrer Streuungen nie ablenkt.

B.SCH.
„Fieber-Duell“, 1988, Öl/Lw.

B.SCH.
„Viele Wege führen ins Herzstück“, 1986, Öl/Lw.

B.Sch
Anakreon-Zitat, 1988, Öl/Lw.
Anakreon war ein griechischer Dichter irgendwann im im 6.Jahrh. v.Chr.
Denke ich zumindest.

Carlfriedrich Claus
„Denkatmosphäre“, 178/82, schwarze und farbige Ölkreide, Pinsel über Algrafie

Cfr.Cl.
„Verbindende Tiefe, Mahâsukha-Aspekt“, 1978/85, schwarze Ölkreide auf Algrafie
Als Mahâsukha wird in einer der Buddhismus-Varianten ein umfassender Orgasmus gefeiert.

Cfr.Cl.
Mischtechnik
Natürlich würde ich eher Claus als Schultze in meine heimatliche Innenarchitektur einfügen.

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Ausstellung II

„Auf gruenem Grund – Abstrakte Malerei nach 1945“

Serge Poliakoff
„Composition“, 1959, Öl/Lw.

Ernst Wilhelm Nay
„Rhythmen Blau Orange“, 1953, Öl/Lw.

Fritz Winter
„Auf gruenem Grund“, 1949, Öl/Papier auf Lw.

Willi Baumeister
„Schwarzer Fels auf Gelb“, 1953, Öl, Kunstharz, Sand

Georges Mathieu
„Entéléchie Carolingienne, 1956, Öl/LW.

Außerdem sind noch Arbeiten ausgestellt von Eberhard Göschel, Willy Wolf, Fred Thieler, Emil Schumacher

Für diese Ausstellung ist keine tiefschürfende Analyse notwendig.
Die Bilder sind abstrakten Zuschnitts und wurden nach 1945 hergestellt.
Sie zeigen völlig unterschiedliche Handschriften und finden aber unter „Art informell“ eine übergreifende Klammer.
Die Herkunft der Künstler beschränkt sich auf vorwiegend deutsche, russische und französische Linien.
Und die Auswahl der Arbeiten wurde kompetent und solide bewältigt.
Es macht Freude, durch diese Räume zu flanieren.
Die längste Zeit stand ich vor der karolingischen, innewohnenden Vollendung von Georges Mathieu, ein herausragendes Beispiel des europäischen Tachismus.

Dauer der Ausstellungen:

Claus und Schultze nur noch bis 27. Oktober
Auf gruenem Grund………. bis 2.Februar

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…und dann nach Apolda.
Der Kunstverein zeigt Radierungen, Lithografien, Holzschnitte, Malerei, Mischtechniken von Lyonel Feininger.

Es gibt sicher nur wenige Künstler des 20.Jahrhunderts, über die derartig bereitwillig und ausführlich geschrieben und gesprochen wurde.
Auch die Zahl der Ausstellungen ist beträchtlich.
Deshalb erachte ich es für unnötig, zusätzlich meinen Senf beizusteuern.
Es bliebe nur die Information, dass diese Übersicht auch frühe Arbeiten zeigt, u.a.Karikaturen und sich qualitätsvoll und außerordentlich ansehnlich präsentiert.

juergenhennekunstkritik.wordpress.com
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Oktober 22, 2019 Posted by | Kunst, Leipzig, Medien | Hinterlasse einen Kommentar