Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne und die begehrte, doch eher unregelmäßig bearbeitete Serie: „Jürgens alltägliche Erregungen und Verunsicherungen.“

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Erste Erregung
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Opernhaus Zürich

Vor wenigen Tagen im Deutschlandfunk über die Uraufführung einer Oper in Zürich

Das Zürcher Opernhaus animierte Christian Jost zu einer Oper und der Komponist wählte die Vertonung der „Roten Laterne“, nach dem Buch von Su Tong, welches wiederum auf Thang Yimous gleichnamigen Film vom Anfang der 90er Jahre basierte.
Ein fast vollendeteter Streifen mit der fast beängstigend schönen Gong Li.

Der Opern-Kritiker quasselte nun vor sich hin, nicht ganz spannend, nicht ganz langweilig und endete mit dem Fazit: „Man fragt sich natürlich, was uns heute noch Abläufe in China der 20/30er Jahre des vergangenen Jahres interessieren könnten.“ Er gab keine Antwort und beendete zufrieden seinen Beitrag.

Meine Zufriedenheit blieb überschaubar.

Was interessieren uns dann eigentlich noch Sophokles oder Euripides, Dante und Cervantes, Shakespeare, Büchner und Kleist, natürlich auch Goethe und Lessing, dessen Ringparabel sich mit verblüffender Aktualität anbietet ? Oder Ibsen, Tschechow, Kafka, Dostojewski, Beckett…….?

Sicher nicht deshalb, weil sie irgendwelche Provinz-Sülze schrieben, deren Bedeutung an dörflich-regionalen Grenzen verkümmerte.
Man wird sie noch nach dem kommenden Urknall lesen, denn sie erzählten universelle Geschichten, durchfurchten die gesellschaftliche und individuelle Seele und berührten die Substanz menschlicher Konflikte bis in die Ewigkeit.
Die „Rote Laterne“ beschreibt radikal ausgelebte Traditionen mittelalterlichen Zuschnitts, zerstörerische Intrigen, überkommene Zwänge und totalitäre Strukturen in abgegrenzten Arealen, die global beliebig verteilt werden können. In einer Zeit beginnender Revolten und rebellisch-subversiver Abläufe.
Denn Mitte der 30er Jahre begann Mao seinen „Langen Marsch“ um sich während des Bürgerkriegs dem Einzugsgebiet Chiang Kai-sheks zu entziehen. Entscheidend für „Maos China“ und die Ouvertüre für Diktatur und Volkermord.

Die Geschichten davor und danach sollten uns schon interessieren, Herr Opernkritiker.
Also auch die „Rote Laterne“, als Buch, Film oder Oper.

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Zweite Erregung
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Kino_1

Kino im Leipziger Umfeld

Der Hinweis: „Eintrittskarten erhalten Sie auch…..“, ist keineswegs korrekt. Denn man erhält sie nicht „auch“, sondern ausschließlich an diesem Besucher-Fressnapf.

Das bedeutet niederträchtig riechende Popcorn-Schwaden, dass die Nasenhaare ausfallen, Getränke-Dunst, ähnlich dem Urin besoffener Flatterfrettchen und interne Familienstreits über des Volumen des Popcorn-Bottichs für die kommenden Stunden, acht oder zehn Kilogramm.
2005 sahen wir den Film „Die große Stille“ über den Alltag des Schweigeordens der Kartäuser aus dem Mutterkloster im Südosten Frankreichs. Unbeschreiblich.
In Film herrschte eine völlige Geräusch-Askese, auch keine Musik, nur Naturtöne, Bewegungen von Schlüsseln und Riegeln, menschliche Schritte, Klänge der Nahrungsmittelverteilung. Über fast drei Stunden. Ein formendes Erlebnis.

Und jetzt stelle ich mir vor, eine Familie und ein Handwagen, gefüllt mit Knabbermüll, hätten sich in meinem akustischen Umfeld platziert. Ich wäre zu einer Fleisch und Fett gewordenen Guillotine mutiert.

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Dritte Erregung
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Digital Camera P42001

JH in der Loipe, doch ohne Waffe.

Biathlon-WM, 2015, Fernsehfunk, Interview mit Athleten, die vor Erschöpfung fast noch Blut spucken.

„Ärgert es Sie, dass Sie zwei Scheiben nicht getroffen haben.“

Einfach nur noch abschalten!

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Erste Verunsicherung
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Gestriger“Bild“-Titel

„Nino de Angelo beschmiert Brautkleid“

Mein Gott, ist das gemein. Einfach ein Brautkleid beschmieren. Durch diese Information verlief mein Tag nachdenklicher.
Doch wer ist Nino de Angelo? Ich kenne Nino Hagen und Nino Simone. Auch Fra Angelico und seine Fresken in Florenz. Doch vermute ich, er liegt seit über fünfhundert Jahren in der Kiste.

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Musik des Tages

Anton Bruckner 3.Sinfonie
Pavement „Crooked, Crooked Rain“, „Wowee Zowee“, „Terror Twilight“

Kunst des Tages

Wieder einmal in einem Katalog Cindy Shermans blättern

Literatur des Tages

Short Storys von O.Henry

juergenhennekunstkritik.wordpress.com
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März 17, 2015 Posted by | Film, Geschichte, Leipzig, Musik, Presse | Hinterlasse einen Kommentar