Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne und expressionistische Bildnisse und Selbstporträts der „Brücke“-Maler in der Moritzburg Halle (Sammlung Gerlinger)

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Halle, Moritzburg, Nordflügel, Museumseingang

Aktuelle Ausstellung:

„Du und ich. Bildnisse und Selbstporträts der Brücke-Maler“ aus der Sammlung Hermann Gerlinger

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Moritzburg, Südflügel

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Faltblatt zur aktuellen Ausstellung mit einer Arbeit Karl Schmidt-Rottluffs

Über den Besitz mitteldeutscher Museen an expressionistischer Kunst, vorrangig der „Brücke“-Maler, kann man nicht mäkeln.
Das Dresdner Albertinum (Rottluff, Kirchner), Zwickau (Max Pechstein), die Chemnitzer Kunstsammlungen und in deren Nähe die Galerie Gunzenhauser, auch mit veristischen Höhepunkten (Dix) und Arbeiten des „Blauen Reiters“ (Jawlensky) sowie mit expressionistischen“Sonderlingen“, wie dem grandiosen impressionistischen, expressionistischen und fast gegenstandslos schaffenden Christian Rohlfs und der nur selten grandiosen Paula Modersohn-Becker angereichert und natürlich die Gerlinger-Sammlung mit dem gesamten „Brücke“-Programm in der Hallenser Moritzburg dürften in dieser Konzentration einen unvergleichlichen Status erworben haben.

Aber auch die Sonderausstellungen legen Zeugnis von der Tradition expressionistischer Kunst in mitteldeutschen Arealen ab.

Im Frühjahr 2013 realisierte Halle eine überragende Nolde-Ausstellung. Dresden 2001 eine weniger überragende „Brücke“-Übersicht. Feiniger in Apolda (2009), Macke und Amiet 2007 im Kunstverein Jena, Feiniger 2009 in Halle, Felixmüller bei Gunzenhauser (2012/13), Böckstiegel und Felixmüller in Dresden (2006/07), Walter Jacob in Altenburg (1993/94 und 1995), Helmut Kolle bei Gunzenhauser (2010/11)……sicherlich nicht vollständig und stets von bemerkenswerter Qualität, natürlich mit Abstufungen und Ausnahmen.

Und 2015 nun in der Hallenser Moritzburg expressionistische Porträts der Sammlung Gerlinger.
Natürlich könnte sich das Gefühl der Sättigung entwickeln.
Es bestände aber auch die Alternative, sich ständig mit dieser Kunst umgeben zu wollen.
Natürlich nicht nur mit expressiver Kunst.
Innerhalb quälender DDR-Zeiten war die gute Wohnstube z.B. ohne Sammeltassen, Spitzweg und C.D. Friedrich kaum denkbar.
Ich erglühte schon immer bei der expressionistischen Kunst Deutschland und Frankreichs der ersten Jahrzehnte des vergangenen Jahrhunderts, bei Konstruktivismus und Suprematismus russischen Zuschnitts und bei den abstrakten Expressionisten Amerikas sowie der informellen Kunst in Europa ab den 40er Jahren.
Von Überdruss an den „Brücke-Dresdnern“ und ihren zeitweiligen Mitkämpfern kann deshalb mitnichten die Rede sein.
„Du und ich“ zeigt Arbeiten von 1906 bis in die 70er Jahre, das letzte Bild der Ausstellung setzte Schmidt-Rottluff als fast Neunzigjähriger mit Farbkreide und Tusche ins Format (1973/74).
Doch wird nicht nur das künstlerische Zenit präsentiert, auch weniger gelungene Bilder gehören nun einmal zu einem Gesamt-OEvre und beschädigen keinesfalls die Leistung in der Kunstgeschichte.

Ich rekonstruiere z.B. gerade in meinem Gedächtnis das Spätwerk von Renoir, Munch und Derain. Nicht gerade Orgasmen für anspruchsvolle Augen.

Am Beginn des neuen Jahrtausends gab es im Dresdner Schloss eine recht umfangreiche „Brücke“-Ausstellung von vorwiegend grausiger Qualität. Doch alle Medien und Einträge im Besucherbuch kreischten hysterisch vor Begeisterung.
Eine Picasso- Ausstellung in Chemnitz vor einigen Jahren faszinierte gleichfalls durch grottenschlechtes Niveau, die Medien und Einträge im Besucherbuch bersteten erneut vor Lobpreisungen.
Und das Leipziger Bildermuseum erhielt vor einiger Zeit eine Schenkung mit Kunst der „Schule von Barbizon“, ebenso mäßig beeindruckend.

Das wäre ja kein Problem, denn dadurch werden Künstlerleben spannender, anschaulicher zur Darstellung gebracht, auch mit Krisen jegliche Kontur.
Doch zur Vermarktung eignen sich derartige Konzepte natürlich keineswegs.
Deshalb ordnen sich Museumsdirektoren, Ausstellungsmacher, Journalisten diesem Markt unter, hauen sich gegenseitig die Taschen voll und loben, preisen und rühmen, oft gegen das eigene Qualitätsbewusstsein, gegen die private Überzeugung.
Hin und wieder sind sie aber auch tatsächlich so bekloppt und können eine gotische Kathedrale nicht vom Völkerschlachtdenkmal unterscheiden.

Jedenfalls werden durch diese Qualitäts-Manipulationen bei Besuchern ohne wesentliches Grundwissen die Fähigkeiten zu solider und differenzierter Kunstbewertung erheblich beschränkt.

Außerdem ist Kunst keine Frage des Geschmacks!

Herausragend in der Hallenser Austellung sind z.B. Holzschnitte Schmidt-Rottluffs zwischen 1913 u. 1923. Ohne entbehrliche Mätzchen und mit wohltuender Askese schneidet der gebürtige Chemnitzer unverwechselbare Charakterköpfe in das Material. Sein Ölbild „Du und ich“ wurde 1919 gemalt und zum Tag der Hochzeit seiner Frau überreicht.
Zweifelsohne ein Höhepunkt der Ausstellung.
Kirchner skizziert mit Bleistift ein Bildnis Alfre Döblins („Alexanderplatz“) mit einer unaufgeregten Präzision und zeichnerischer Virtuosität, dass man vor dem Blatt nur erstarren kann, während Heckel 1948 einen „Holzschnitzer“ ins Bild setzt, der schon ein gerüttelt Maß an Kriterien sozialistischer DDR-Kunst bereithält, die dann als verlogene, unerträgliche Ekel-Welle ab den 50er Jahren über das Land flutete.

Auffällig ist der teils drastische Qualitätsabfall in den späteren Jahren, dem vielleicht nur Schmidt-Rottluff entging. Die Ausstellung zeigt Selbstbildnisse (Aquarelle), deren letztes er kurz vor dem neunzigsten Lebensjahr beendete und deren Beschaffenheit eine Kontinuität auf gehobener Ebene dokumentiert (1973/74).
Die künstlerischen Techniken bieten so alles, was den damaligen Möglichkeiten entsprach.
Natürlich Holzschnitte (auch mit Farbe),Lithographien (auch mit Farbe), Bleistift, Tusche, Kohle, Kreide, Radierung, Aquarell, Mosaik, Öl.
Pechstein litographiert Schmidt-Rottluff, Mueller ein „Paar am Tisch“, Nolde radiert sein etwas missmutiges Selbstbildnis. Schmidt-Rottluff malt in Öl ein vorzügliches Porträt Else Lasker-Schülers (lesend), einen „Schönen Mondschein“, gleichfalls ansehnlich und Kirchner ein „Blaues Mädchen in der Sonne“, desgleichen in Öl.

Bei dieser Qualität kann eine Ausstellung nicht überflüssig sein. Auch nicht im mitteldeutschen Expressionismus-Elysium.

Mo,Di,Do u. So/Feiertage 10-18 Uhr, bis 3.Mai

Verstreutes und Aufgelockertes

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Meine Lieblingsmöhre, selbst gekauft.

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Mein Lieblingssalat, selbst zubereitet.

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Meine liebste Ostsee-Kirche bei Abenddämmerung, Rerik, selbst fotografiert, doch nicht selbst gebaut.

Musik der Woche

Akkordeon-Musik von Pauline Oliveros, z.B. „Lear“, „Ione“, „The Beauty of Sorrow“.

Arthur Honegger, „König David“.

Tschaikowski, 6.Sinfonie.

juergenhennekunstkritik.wordpress.com
juergen-henne-leipzig@web.de

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März 9, 2015 - Posted by | Kunst, Leipzig, Neben Leipzig, Verstreutes

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