Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne und die Vereinigten Staaten von Amerika – zurück aus New York und Boston, von Long Island und den Niagara-Fällen

Jürgen Henne auf dem Weg nach Boston

Bei einem Gespräch im Giraffenhaus des Leipziger Tierparks verweigerte ich meine Teilnahme an der kollektiven Erzeugung von Ekelfontänen gegenüber  den Vereinigten Staaten, der Landmasse zwischen Atlantik und Pazifik. Die anschließenden Reaktionen mit hohem Phonfaktor, bei denen selbst die gestreiften Langhälse schrumpften und sich dem Erscheinungsbild eines Okapi näherten, gipfelten in der markigen Anklage: „Du bist wohl für Krieg?“ Ich beendete hochnäsig die Debatte, nuschelte mich mit einem „Jetzt wird es mir doch zu blöd“ aus dem Raum und suchte im Zoo die nordamerikanischen Stachelschweine.

Deshalb für H. ein fotografischer Nachtrag zu dem Gedankenaustausch und gleichfalls für alle Zeitgenossen, welche das Land zwischen Mexiko und Kanada als Ansammlung von Zombies, als Kloake mit verrotteter Kultur verabscheuen.

Meinen Elitekopf neben der amerikanische Flagge widme ich auch allen Fetichisten Michael Moores, welche dessen dümmliche Frontalpropaganda als entgültige Welterklärung feiern.

Die Fahne mit den fünfzig Sternen weht auf der Fähre zwischen den Städtchen Orient und New London auf unserem Weg von Long Island nach Boston auch für die beleidigend schlichten Gemüter, welche die möglichen Entgleisungen eines Präsidenten mit der Geschichte und Kultur eines Landes gleichsetzen.

Und ich singe eine Hymne auf Amerika, in der ich einen stabilen Unwillen bekunde, meine Liebe zu Literatur,  Musik und bildender Kunst dieses Landes, zum amerikanischen Film und meine Achtung für unzählige kluge Ideen, die in amerikanischen Köpfen reifen, spürbar zu reduzieren.

Nach fünf Wochen Westküste vor einigen Jahren und fast vier Wochen Ostküste im Frühherbst dieses Jahres habe ich sicherlich noch nicht an allen Nuancen amerikanischer Eigenheiten geschürft. Doch festigte sich meine Gewissheit, dass sich neben der legendären und tatsächlich gewöhnungsbedürftigen Weihnachtsbeleuchtung, die zahlreiche Mitmenschen mit besonders üppigen Defiziten bei Toleranz und intellektueller Grundausstattung als einziges Synonym für amerikanische  Lebensweise einsetzen, eine Kultur entwickelt hat, welche über die nationalen Grenzen hinaus die gesamte Welt positiv beleuchtet. Und nicht nur den Menschheitsrest mit Coca Cola abfüllt und Hot Dogs in den Hintern schiebt.

Und jetzt höre ich Steve Reich, „Einstein On The Beach“ von Philip Glass oder Morton Feldmans „For Samuel Beckett“. Vielleicht dröhne ich mir aber auch mit dem grandiosen „Licensed to ill“ der Beastie Boys die Ohren zu. Dazu vielleicht ein paar Seiten von Thomas Wolfe, Poe und Djuna Barnes. Oder ich blättere in einem Buch mit Arbeiten von Cy Twombly, Barnett Newman oder Basquiat. Auf alle Fälle wird es amerikanisch sein.
 
  juergen-henne-leipzig@web.de

Oktober 13, 2008 - Posted by | Neben Leipzig, Verstreutes

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