Juergen Henne Kunstkritik

2005 – die Filme: Neu gesehen – Alte Kritik, Teil I: Jürgen Henne, „Walk the line“und Johnny Cash

Musik, die im Country-Bereich angesiedelt ist, führt bei mir nur selten zu ekstatischer Verzückung. Doch Johnny Cash als Ausnahmefigur habe ich vierzig Jahre mit erhitzten Ohren zur Kenntnis genommen, auch bei einem Konzert in Halle/S. vor einigen Jahren.

Deshalb entsprach „Walk the line“ nur reduziert meinen Vorstellungen einer angemessenen Würdigung. Denn dieser Film verzichtet doch ziemlich leichtfüßig auf Zwischentöne, auf biografische  Vorbereitungen von Abstürzen und Höhepunkten. Die Hinwendung zur Musik in einem wenig aufgeschlossenen Elternhaus, der forsche Eintritt in die Drogenabhängigkeit, die familiären Turbulenzen werden weitgehend als emotionale Superkracher abgespult. Der Film bietet wenige Hinweise auf die Einbindung von Cash in die politischen Abläufe Amerikas der 60er Jahre (am Ende gibt es ein paar Fragmente). Auch keine Reflexionen über seine Musik. Ich gierte weder nach musikphilosophischen Vorträgen noch hätten mich parteipolitische Grundthesen erfreut. Doch wären Versuche, Cashs Selbstverständnis wenigstens als grobe Kontur plausibel zu machen, sicherlich hilfreich gewesen.

Das Phönomen Cash, der eine Randmusik zur globalen Massentauglichkeit führte, zerbröselt in misslungenen Andeutungen. Das schauspielerische Grundvermögen von Joaqiun Phoenix kann nicht bestritten und die Entscheidung, die Songs selbst zu singen, sollte als gelungener Einfall honoriert werden.

Doch bewegt sich Phoenix bei seinem Auftritten nicht selten am Rand der Karikatur. Zu hölzern, zu aufgescheucht und marionettenhaft zieht er seine Nummern durch. Es fehlt die Seele, ein furchtbares Klischee, doch stimmt es irgendwie.

Und dieser Mangel gliedert sich fugenlos in das Grundkonzept des Films ein. Die Kämpfe, die Depressionen und Euphorien von Johnny Cash werden biografisch geradlinig abgelichtet, ohne die Oberfläche aufzureißen, ohne Nebenwege aufzuhacken. Zu brav, zu kontrolliert und ohne intellektuelle  Querschläger rieselt der Film in die wohlfeile Behaglichkeit.

Für gemäßigte Erwartungen dennoch ein ansehnlicher Film und als sonntägliche Familienunterhaltung unbedingt zu empfehlen.

Und ich lege jetzt „Solitary Man“ von Johnny Cash aus dem Jahre 2000 auf.

juergenhennekunstkritik.wordpress.com

juergen-henne-leipzig@web.de

September 20, 2008 - Posted by | Film, Leipzig

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