Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne, Schmidt geht, Weidingers Alleinstellungsmerkmale, meine Steuern für Nelsons, die Castrop-Rauxeler Malerschule, Trinkgefäße des Schreckens und Leipzigs Weltoffenheit

Ich hatte durchaus frohlockt, als sich Riccardo Chailly von Leipzig verabschiedete und Andris Nelsons als Kapellmeister des Leipziger Gewandhauses angekündigt wurde, mit dem gerüttelt Maß baltischer Toleranz gegenüber zeitgenössischer Musik im Taktstock.

Er gab dann auch umgehend bekannt, die Musik des 20./21. Jahrhunderts in seinen Konzert-Programmen angemessen zu würdigen.

Natürlich meldeten sich sofort irgendwelche Simpel-Bodos, die auch in Leserzuschriften an die hiesige Zeitung ihre einfältigen Meinungen auskeiferten und von der Verschwendung ihrer Steuergelder kreischten und von einem Leipzig, daß sich diese Programmveränderungen nicht bieten lassen wird.

Welch eine Anmaßung.
Leipzig lässt sich dieses und jenes nicht bieten, ich also eingeschlossen.
Ich werde mir in reichlicher Zahl und freudig die Konzerte mit Nelsons bieten lassen und dafür eine erkleckliche Summe an Steuern zahlen.
Jawohl, das werde ich, ihr Pfeifen.

Und ich näherte mich auch keineswegs depressiven Zwischenstationen als Hans-Werner Schmidt den Chef-Hocker verließ und die Tür des Leipziger Bildermuseums entgültig von außen in das Schloss drückte.
Die Abstände zwischen meinen Besuchen des Hauses in der Katharinenstraße verlängerten sich während seiner Amtszeit kontinuierlich und beängstigend.

Seit 1.August hat der Österreicher Alfred Weidinger nun Schmidts Schemel übernommen, Fachmann für Klimt (siehe unten) und Kokoschka.
Nicht gerade meine Favoriten für die Kunst der vergangenen einhundertundzwanzig Jahre, doch diese Tatsache ist natürlich unerheblich.

Gustav Klimt: „Der Kuss“
Aus meiner kleinen Sammlung: Trinkgefäße des Schreckens.

Doch eines Museums-Direktors Konzeption sollte natürlich erheblich sein.
Und Alfred Weidinger wählte als ersten Ansprechpartner zur Entgegennahme Leipziger Kunstgeschichten und zur örtlichen Unterstützung den Maler Arno Rink, dem dann auch die erste Personalausstellung unter Weidinger mit dem selten dämlichen Motto „Ich male“ zugeschlagen wurde, ein typisch lächerliches DDR-Vokabular.

Und deshalb dröhnen bei mir schom ziemlich frühzeitig die Pessimismus-Glocken.
Der Verfasser eines LVZ-Artikels bezeichnet dann Arno Rink als Doyen der zeigenössischen Malerei in Leipzig.

Ich denke, es wäre eher müßig, dem Autor grundsätzliche Kapitel Leipziger Kunstgeschichte der vergangenen Jahrzehnte zu präsentieren und über expressiv-gestische, ekstatische Malerei (z.B. Hartwig Ebersbach, natürlich auch B.Heisig)) und zeichnerisch-akribische, präzis pragmatische Vorstellungen (z.B.Arno Rink, s.o.) zu referieren, Kategorien, welche die Leipziger Malerei seit der zweiten Hälfte des 20 Jahrh. wesentlich bestimmen.
Nur ein kurzer Hinweis:
Wenn Doyen als Ältester begriffen wird, müsste man z.B. Hartwig Ebersbach diesen Titel zuordnen, denn er ist älter als Rink und seine Verdienste für Leipzigs Kunst sollten höher taxiert werden als Rinks Hochschul-Direktorat.
Deshalb würde ich mich auch bei einer Verwendung von Doyen als führende, verdienstvollste Person auf einem bestimmten Gebiet für Ebersbach entscheiden, mitnichten für Rink.
Hilfreich wäre es aber, vollständig auf diesen beknackten Begriff zu verzichten, zumindest im Bereich der Leipziger Kunst.

Natürlich existierten in dieser Stadt auch immer künstlerische Äußerungen, welche sich in die starren Kataloge nicht einordnen lassen.
So würden sich fraglos z.B. die Leipziger Maler und Grafiker Kurt Dornis, Gerhard Altenbourg, Karl Krug, Gil Schlesinger, Günter Thiele, Kurt Mäde, Peter Sylvester, Dietrich Gnüchtel u.v.a vehement weigern, in diesen stilistischen Kisten abgelagert zu werden.

Und dennoch wird immer wichtig und „gelehrt“ von der „Leipziger Schule“ und der „Neuen Leipziger Schule“ geplaudert.
Wikipedia charakterisiert das scheinbar einmalige Wesen der Leipziger Schule folgendermaßen:

Der Begriff „Leipziger Schule“ beschreibt keine bestimmte Lehrmethode. Im Gegenteil, die Leipziger Schule weist ein Nebeneinander unzähliger Stilformen auf. Doch stil- und generationsübergreifend steht sie für hohen künstlerischen Anspruch, verbunden mit bewusster Gesellschaftsanalyse, vorgetragen mit bemerkenswertem handwerklichen Können.

Irritiert mich erheblich.
Hoher künstlerischer Anspruch, bewusste Gesellschaftsanalyse, bemerkenswertes handwerkliches Können als markantes, einzigartiges Merkmal einer geografisch festgelegten Kunstszene.

Ich vermute ernsthaft, dass auch Künstler in Suhl, Meppen und Castrop-Rauxel sich durch hohen künstlerischen Anspruch auszeichnen, verbunden mit bewusster Gesellschaftsanalyse und vorgetragen mit bemerkenswert handwerklichem Können.

Die Begriffe Suhler Schule, Meppener Schule, Castrop-Rauxeler Schule scheinen mir aber bisher entgangen zu sein.
Diese einfältige Einordnung von Leipziger Schulen geht mir deshalb recht massiv auf die Neben-Kiemen.
FÜr die Weimarer Malerschule oder die Schule von Barbizon (beide 19.Jahrh.) kann man infolge der engen inhaltlichen und handwerklich-künstlerischen Bindung der einzelnene Künstler durchaus die Vorstellung einer „Schule“ gelten lassen.
Diese Anwendung für Leipzigs Künstler ist Unfug.

Aber Rink und Weidinger ficht das nicht an und es werden zukünftig massive Aktionen geplant, um „Leipziger Schule“ und „Neue Leipziger Schule“ wahrhaftiger an das Museum und an Leipzig zu binden.
Mir schwinden die Sinne.
Vielleich gibt es auch noch eine „Mittlere Neue Leipziger Schule“ oder eine „prä-Neue Leipziger Schule“ oder eine „post-Neue Leipziger Schule“ oder eine halbmittlere „präpost Mittlere Leipziger Spät-Schule.

Mich dürstet in meiner Heimatstadt nach internationaler Kunst, nach der klassischen Moderne, nach der Malerei des Abstrakten Expressionismus der USA, nach Kunst des 21.Jahrhunderts und mitnichten nach DDR-Kunst der letzten zwei Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts, die ich eine gefühlte Ewigkeit bis zur Ohnmacht zu DDR-Zeiten ertragen musste, gleichfalls fiebre ich nicht nach der einfältig überbewerteten Kunst in Leipzig während der ersten Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung.

Weidinger preist seine Konzeption mit sechs „Alleinstellungsmerkmalen“ für das Leipziger Museum.
Alleinstellungsmerkmal !!
Wieso genehmigt man einem Leipziger Journalisten ein derartiges Kübel-Wort zu benutzen?

Neben dieser penetranten Dominanz Leipziger Kunst als erstes Alleinstellungsmerkmal wird ähnlich aufdringlich Max Klinger zentral eingeordnet, also das zweite Alleinstellungsmerkmal.
Ich empfand schon, dass unter Schmidt ausschließlich Klinger und Gunter Sachs gezeigt wurden.
Ich bitte darum, keine Ausstellungen mit der unsäglichen Malerei und der unsäglichen Bildhauerei Klingers zu planen.
Meine Sinne würden dann in einer Dauer-Schwindung verharren.
Und die bemerkenswerten Zeichnungen sowie die herausragende Graphik wurden schon befriedigend ausgestellt.
Mit den radierten Blättern kann ich aber natürlich noch eine Ausstellung vertragen.
Pluspunkt für Weidinger.

Im Rahmen der Zelebrierung eines weiteren „Alleinstellungsmerkmals“ (Nr.3) soll sich Leipzig als Stadt der Frauen und des Frauenrechts im Museum präsentieren.
Mein Gott, ist das schlicht, wir haben 2017.
Dazu bemüht man sich um eine Ausstellung der 85-jährigen Yoko Ono, deren Fluxus-Arbeiten ich nur bedingt auf oberen Qualitätsstufen ablegen möchte.

Vielleicht wird Clara Zetkin als Ehrengast geladen.

Womöglich gibt es dann auch bald gehäkelte Sofakissen von Alice Schwarzer zu sehen, mit einem befriedigend strammen Phallus in der Mitte.
Das wäre gewiss ein Alleinstellungsmerkmal.
Man kann gar nicht genug Alleinstellungsmerkmale sammeln.

Außerdem setzt Weidinger auf Fotografie und Medienkunst, er will diese Branchen zu einem Leipziger Alleinstellungsmerkmal küren.
Ich habe auf der Kasseler documenta recht reichlich Fotografie und Medienkunst gesehen.

Markus Lüpertz, „Beethoven“, vor dem Bildermuseum

Und noch ein Alleinstellungsmerkmal.
Weidinger vertraut der Leipziger Weltoffenheit, um „internationale Kunst zum Thema zu machen“.
Hoffentlich bleibt dazu neben den Leipziger Schulen, Klinger und Frauenrechten noch Zeit und Platz.
Außerdem könnten sich für Nelsons und Weidinger bei ihrem Glauben an Leipzigs Weltoffenheit und Toleranz erhebliche Verwicklungen ergeben.

Lüpertz` Bildhauerei (s.o.) wurde z.B. als Frechheit gegenüber Beethoven, als Schande für Leipzig, selbst als Entartung verurteilt.
Keineswegs nur vereinzelte Meinungen und auf meinem Körper bildet sich eine flächendeckende Gänsehaut.

Mein Vorschlag für die erste Ausstellung unter dem neuen Museumsdirektor:
Arno Rink auf die nächsten Jahre vertrösten und eine Gedenkausstellung für Karl Otto Götz kurzfristig anstreben, der sich mit 103 Jahren am vergangenen Sonnabend verabschiedete.
Wäre dann vielleicht auch ein Alleinstellungsmerkmal.
Allerdings auch nicht so richtig.
Denn schon 2014 feierte Chemnitz in einer Ausstellung diesen Maler zu seinem 100. Geburtstag.

So war das 2014:
Als sich vor drei Jahren Ingrid Mössinger in Chemnitz um Karl Otto Götz bemühte,
hingen oder lagen bei Hans-Peter Schmidt im Leipziger Museum fast ausschließlich Bilder Max Klingers und Arbeiten Leipziger Herkunft.

Manchmal werden vergangene Alleinstellungsmerkmale aufgenommen und als kreative Sonderleistung angeboten.
Mir schwant Grausiges.

Aber doch noch einen halben Punkt für Weidinger.
Er bezeichnet Klinger als „furchtbaren Maler.“
Keine tiefschürfende Analyse, aber zutreffend.
Aber eben nur ein halber Punkt, er hätte noch „furchtbarer Bildhauer“ hinzufügen müssen.


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August 23, 2017 Posted by | Leipzig | Hinterlasse einen Kommentar

Jürgen Henne und die wirklich wichtigen Dinge des Lebens

LVZ, 9.August 2017

Wer ist Ralph Hasenhüttl?
Ich mutmaße, den Namen bei Seitenblicken auf gedrucktes Papier schon zur Kenntnis genommen zu haben.
Doch ohne mich um weitere Informationen zu bemühen.

Vielleicht ein bemerkenswerter Dichter, dessen gedeihliches Wirken mir bisher entgangen ist.
Oder ein bemerkenswerter Philosoph, dessen gedeihliches Wirken mir gleichfalls entgangen ist.

Die sprachlich-intellektuelle Hymne „Ich liebe, was ich tue“ ließe auf eine derartige Existenzform schließen.
Denn wie Hasenhüttl es gelingt, mit subtiler Genauigkeit und geistiger Präzision sozial-dialektische Zusammenhänge zu verdichten, ist atemberaubend, hechel, hechel…
Besonders der Einsatz des feinsinnigen Verbs „tun“ zieht mich immer wieder in einen ästhetischen Bann.
Ich tue.
Du tust.
Er tut.
Wir tun.
Ihr tut.
Sie tun.
Tut, tut, tut..blink, blink, blink, die Müllabfuhr tut gut.

Mein Blick schweifte nach unten und ich begann zu transpirieren, denn ich bin kein Liebhaber menschlicher Häufungen.
Ich glaubte nun, die Teilnehmer des geselligen Beisammensein für den 50jährigen Jubilar zu registrieren.
Ich musterte mit befriedigender Teilnahme den Habitus der einzelnen Personen und fällte das Urteil, auf dem Bild keine weiteren Dichter und Philosophen erkannt zu haben.
Dennoch kulminierte meine Transpiration, ich sah mittig Martin Schulz, der nervendste Populist des laufenden Jahres, im Gleichschritt mit Trump.
Vielleicht haben die Redakteure statt Martin Schulz versehentlich Hasenhüttl vor die Geburtstags-Torte gesetzt.
Doch erinnerte ich mich sofort, das Schulz altersmäßig schon zwischen 60 und 70 pendelt.

Also wer ist nun Hasenhüttl?
Ich las den Text unter „Ich liebe, was ich tue“, buchstabierte „RB“ und war positiv erschüttert über meine fachlichen Kenntnisse.

RB.….Fußball, natürlich Fußball.
RB – Ritter der Bokosnuss.

Leipzig, die Stadt Walter Ulbrichts, Frank Schöbels und des Fußballs.
Mein Zahnersatz schmiegte sich sofort noch geschmeidiger an den Gaumen, während zeitgleich die Metall-Hüfte vorübergehend ihre Rostung einstellte.

Also ist Hasenhüttl der Fußballer einer Fußball-Mannschaft in Leipzig, der Stadt des Fußballs.

Und es heißt doch auch: „Der Tormann hielt über neunzig Minuten seine Hütte (Hüttl) sauber.“
Vielleicht bietet mir Peter Handke akzeptable Lösungen („Die Angst des Hasenhüttls beim Elfmeter“).
Allerdings vermute ich wiederum, dass ein 50jähriger Tormann nur noch begrenzt seine Hüttl sauber halten kann.
Obwohl Lew Jaschin auch noch im vierzigsten Lebensjahr der sowjetischen Fußball-Nationalmannschaft diente.

Und Aznavour steht mit 93 immer noch auf der Bühne.
Und Kirk Douglas wird 101 und spielt vielleicht noch Golf.
Und Norman Lloyd wird 103 und dreht scheinbar immer noch Filme. Lloyd ist der kreischende Lehrer, bei dem seine Schüler auf die Bänke stiegen („Club der toten Dichter“).

Vielleicht aber doch ein Druckfehler und es geht nicht um einen Fußballer aus Leipzig, aber um einen Tormann aus Eisenhüttlstadt.
Der Tormann hielt über 90 Minuten seine Eisenhüttlerstädtische Hüttl sauber.
Aber wer weiß das schon?

Es bleibt die Situation, daß ein Zeitgenossre, der seinen 50.Geburtstag begeht und vorgestern in der einzigen Leipziger Tageszeitung auf den Thron der Titelseite gehoben wurde, mir gänzlich unbekannt ist.
Ich vermute, die wirklich wichtigen Dinge scheinen an mir vorbeizuziehen.

Neben dem Foto Hasenhüttls wird auf die Seite 25 verwiesen.
Geschenkt, keine Lust, mit meinen arthritischen Fingern weiterzublättern.
Da bleibe ich lieber bekloppt..

Filmtipps

„Dunkirk

„The Party“

Mit Bruno Ganz und dem herausragenden Timothey Spall.
Ich sah ihn bisher in Filmen wie „Sweeny Todd“, als Churchill bei „The King´s Speech“ und als etwas keimigen, riechenden, weitgehend mißlaunigen William Turner.
Außerdem erinnert er mich ständig an den unvergesslichen Charles Laughton.
Bei einer erneuten Verfilmung der Bounty-Meuterei würde Spall sicherlich Laughtom als Kapitän Bligh würdig vertreten.


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August 11, 2017 Posted by | Leipzig | 1 Kommentar

Jürgen Henne und die obskure Wahrnehmung von Prioritäten an einem gewöhnlichen Wochenende durch die einzige Leipziger Tageszeitung, die optische Kennzeichnung als Wertigkeitstabelle auf der Titelseite und eine öffentlich-rechtliche Rundfunk-Anstalt

LVZ, 31.Juli, Titelseite

Wertigkeitstabelle

Von links nach rechts
1.Fußball
2.Fußball
3.Fußball
Von rechts nach links
1.Fußball
2.Fußball
3.Fußball
Mittig nach rechts, dann nach links
1.Fußball
2.Fußball
3.Fußball
Mittig nach links, dann nach rechts
1.Fußball
2.Fußball
3.Fußball

Zugabe

ARD (öffentlich-rechtliche Rundfunk-Anstalt)

Dienstag, 1.August: 17.35 Uhr-19.55 Uhr….Fußball
Dienstag, 1.August: 20.15 Uhr-22.45 Uhr….Fußball
Mittwoch, 2.August: 17.35 Uhr-19.55 Uhr….Fußball
Mittwoch, 2.August: 20.15 Uhr-22.30 Uhr….Fußball
Donnerstag, 3.August: 17.15 Uhr-20.00 Uhr….Fußball
Donnerstag, 3.August: 20.15 Uhr-23.00 Uhr….Fußball

Da unterhalte ich mich doch lieber mit einem schuppenechsigen Pyramidenhüter. Sicher eher nicht über Fußball, auch eher weniger über meine Gebühren für öffentlich rechtliche Rundfunkanstalten, eher über Xibalbá, Itzamná, Huracán, Ixbalanqué, Kukulcan, Ixchel…..eher…
(Bild: Mexiko, Chichén Itzá)



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August 2, 2017 Posted by | Leipzig | Hinterlasse einen Kommentar

Jürgen Henne und die außerordentlich gern gelesene, doch eher unregelmäßig geführte Serie: „Jürgen und die kleinen Zumutungen des Alltags“. Heute: „Jürgens, Gordons und Trumps Waterloo.“

Leipziger Volkszeitung vor einigen Tagen

Ich vermute, der Verfasser dieses Leitartikels erhielt seine Informationen über den Ort Waterloo bisher weitgehend durch den gleichnamigen Abba-Song und beschränkt sich in der Erkenntnis, dass Napoleon am 18.Juni 1815 auf diesem Areal, unweit von Brüssel, eine kräftige Ladung auf die Mütze bekam.

Ich berührte schon während meiner Kindheit unablässig die Zeugnisse der Völkerschlacht.

Denn in Leipzig/Möckern, dem Gelände, in dessen Grenzen die schlesischen Formationen unter Blücher und Yorck in einer bedeutsamen Schlacht der Befreiungskriege die französischen Verbände mit Anführer Marmont in die nahen, sumpfähnlichen Landschaften schickten, gleichzeitig der Beginn des entscheidendenden Kampfes, der dann im Juni 1815 nach Waterloo führte und zum Ende der französischen Kaiserzeit, stand meine Wiege.

Ich wurde also in Möckern geboren, meine Großmutter wohnte in der Blücherstraße (Möckern), auf dem Friedhof gibt es ein Gemeinschaftsgrab von Opfern der Völkerschlacht, vor meiner Schule stand ein Apelstein, wenige Meter davon ein Kugeldenkmal vor der Auferstehungskirche, zwei Minuten darauf folgte die Yorck-Straße,…usw.

Also eine komprimierte, läuferisch zu bewältigende Lehrstunde über die Befreiungskriege.

Und deshalb fühle ich mich befähigt, auch angespornt durch meinen befriedigend ausgeprägten Intellekt, den „Leitartikler“ darauf hinzuweisen, dass Napoleon vier Tage nach der Niederlage bei Waterloo (18. Juni) sich vom französischen Thron verabschiedete, wodurch die Kaiserzeit in unserem Nachbarland beendet wurde (22.Juni).
Einen knappen Monat später betrat er St.Helena.
Den Blick auf Napoleons Grab im Pariser Invalidendom sollte man nicht versäumen, eine etwas skurrile Hybris.

Waterloo brachte für Napoleon also den entgültigen Absturz und für Europa eine neue Epoche.
Ein Gleichsetzung dieser welthistorischen Entwicklungen mit der Weigerung des amerikanischen Senats der Forderung Trumps nach einer Beseitung von Obamas Gesundheitsreformen zu entsprechen, sind dümmliche Blähungen und journalistischer Nonsens.

Ich höre schon wieder die Stimmen: „Nun bohre doch nicht den Kümmel aus dem Käse“ oder „Nun nimm es doch nicht so genau“…usw.
Ich bohre mitnichten den Kümmel aus dem Käse, habe aber gleichzeitig das Bedürfnis, es ziemlich genau zu nehmen.
Denn bei dieser unsäglichen, beängstigend um sich greifenden Beliebigkeit bei der Verwendung sprachlicher Mittel verröchelt jede Kommunikation zur Farce.

Jeder, noch so mittelmäßige Ablauf wird aufgebläht, es gibt nur noch Horror-Unfälle und Horror-Wetter, Monster-Unfälle und Monster-Wetter.
Gleichfalls Monster-Wellen und Horror-Wellen, auch wenn das Wasser kaum mein Gemächt berührt.
Und Skandale dröhnen ohnehin an jeder Ecke.
Und wenn ein Fußballer ein Tor schießt, wird er zum Held erhoben, bei zwei Toren feiert man eine Legende.
Auch Ikone wird gern genommen.
Und wenn ein Autor Objekt, Subjekt, Prädikat einigermaßen lesbar zusammenfügt, vielleicht noch verwegen mit einem Adverb angereichert, beginnen zügig die Feierlichkeiten für ein neues Genie.
Vielleicht dazu noch ein fehlerfreier Plusquamperfekt und das Genie wird zum Jahrhundert-Genie erhöht.

Es wäre auch möglich gewesen, bei dem Ergebnis der Abstimmung über Trumps Plan die Überschrift „Trumps Waterloo“ z.B. durch „Sieg der Demokratie“ zu ersetzen.
Ein Sieg der Demokratie in einem Land, dessen halbe Bevölkerung (Trump-Wähler) der unerträgliche Daniel Kehlmann in vollendeter Stürmer-Julius-Manier als „verwirrte, „verhetzte“, dem „Wahn verfallene“, in „millionenfacher Selbstverblendung“ agierende Menschenmasse charakterisiert („Die Zeit“, 19. Januar 2017, s.a. meine Beiträge vom 19.u.20. Januar 2017).
Die herausgehobenen Worte und Wortgruppen sind Zitate aus Kehlmanns Kübel-Text.
Mir wird einfach nur übel.
Kehlmann stellt diese demokratische Wahl auch auf eine Stufe mit Deutschlands Begeisterung für die Nazis ab den 30er Jahren und mit der Zustimmung des Krieges im Jahr 1914.
Meine Übelkeit steigert sich beträchtlich.

Natürlich klingt „Trumps Waterloo“ dramatischer und spektakulärer.
Doch Sprache und Kenntnisse versumpfen in kommunikativer Willkür.

Buch der Woche
Christoph Ransmayr: „Die Schrecken des Eises und der Finsternis, S. Fischer Verlag
Musik des Tages
A.Dvorak: Cello-Konzert
Julia Wolfe: Streichquartette



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Juli 25, 2017 Posted by | Leipzig | Hinterlasse einen Kommentar

Jürgen Henne und Matthias Halbigs „schräge“ Pop-Musik in Großbritannien.

LVZ, vor einigen Tagen über britische Pop-Kultur

Ein Balkon in sommerlicher Blüte, der Eichelhäher krächzt, die Sperlinge tschilpen, der Nachbar brüllt auf seinem Balkon kraftvoll in ein Handy.
Auf dem Tisch zwei Scheiben Toast, etwas selbstgefertigte Aprikosen-Marmelade, ein Würfel Roquefort-Käse, vielleicht noch ein Radieschen und ein Sträußchen Petersilie.
Dazu kalter Kakao, heißer Kaffee und eine Zeitung.
Mitunter wähle ich ein süddeutsches Blatt, gelegentlich Zeitungen aus dem Frankfurter oder Berliner Raum.

Donnerstags greife ich nicht selten zur wöchentlichen Nordküsten-Zeitung, von Deutschlands bekanntestem Kampfraucher wesentlich beeinflusst und ich stelle mir vor, H.Schmidt, W.Churchill, P.S.Hoffman und D.Hopper treffen sich auf einer Raucherinsel in der Nähe des Himmelstors.
Ich vermute, Petrus würde sie in Berserker-Manier mit seinem Schlüssel massakrieren.

Doch wenn ich die erste aktive Morgenstunde mit reduzierter Geisteskraft bewältigen möchte, greife ich auch zur Leipziger Regionalzeitung und wundere mich immer wieder, wie vortrefflich und kontinuierlich es gelingt, unsäglichen Kokolores und beleidigende Inkompetenz auf die Seiten zu heften (Foto oben).

In einem Artkel, der eine Serie über britische Pop-Kultur auf Arte angekündigt, feiert der Autor z.B. Bands wie Herman`s Hermits, Whistling Jack Smith und Mungo Jerry als Vertreter einer schrägen Musikkultur.
Titel wie „I`m Henry the VIII I Am“, „I Was Kaiser Bill`s Batman“ und „In the Summertime“ werden dabei als scheinbar zwingende Beispiele vorgeschlagen.

Ich bin nur noch irritiert, zunehmend von Woche zu Woche und überlege ängstlich, ob ich mich allmählich auf das intellektuelle Ausgangsmaterial der Orks zurückentwickle.
Denn ich empfinde diese Musiknummern, ähnlich dem CEuvre der drei Bands als gefällige, zeitlich angemessene und kommerziell wirkungsvoll ausgerichtete Musik.
Weder musikalische Strukturen noch textlich-inhaltliche Akzente weisen auf „schräge“ Ambitionen.
„I`m Henry the VIII I Am“, wäre auch bei einem Laternenfest mit gegenseitiger Genitalmassage hinter Johannisbeersträuchern im spießigen DDR-Gartenverein „Zum fauligen Rettich“ akzeptiert worden.
Und Mungo Jerry konnte man nur im trunkenen Fehde-Zustand ertragen, wenn die Unterwäsche schon in der noch fettigen Bratpfanne, im Kartoffelsalat oder im Aschenbecher lag und sich mein Halbfreund Bruno meine Zahnbürste in den Hintern geschoben hatte, mit den Borsten nach vorn.
Bei Whistling Jack Smith habe ich dann grundsätzlich abgestellt, ein Grauen.

Bei schräger Musik innerhalb britischer Pop-Kultur der 60er Jahre würde ich spontan an die großartigen Musik-Kaspereien der Bonzo Dog Doo-Dah Band denken.
Oder an den gewöhnungsbedürftigen Gesangsterror Arthur Browns („Fire“)
Und selbst die Beatles produzierten mit dem grandiosen „I Am the Walrus“ einen Song, der musikalisch und textlich ungleich durchgeknallter und skurriler daherkam als die Musik von Herman`s Hermits….(s.o).
Und natürlich „My Generation“ (The Who)
Nichts war damals schräger als das gesangslose Outro dieses Titels.
Wir gingen wie Jeff Goldblum die Wände hoch („Die Fliege“).
Ich hoffe, unser Gesichtsausdruck ähnelte nicht dem seinigen im Endstadium.

Doch mitnichten nur in Großbritannien, wie im Text markig verkündet, wurde Musik produziert, die sich neben den gängigen Normen formierte.
Tiny Tim, der mit Ukulele seine Liedchen abflötete, wäre ein herausragendes Beispiel („Tiptoe Trough the Tulips“).

Außerdem erinnere ich mich unbedingt an Napoleon XIV. und „They`re Coming to Take Me Away Ha-Haaa!“.
Erreichte in der zweiten Hälfte der 60er Jahre die amerikanische Top 5.
Ich war etwas verwirrt, aber auch fasziniert, dass eine derartige Musik in den USA eine beträchtlich Aufmerksamkeit erhielt.

Doch der damals für die behäbige Umwelt kaum erträgliche Elite-Gröler war natürlich „Surfin`Bird“ der amerikanischen Trashmen (1963), fünfzehn Jahre vor den britischen Sex Pistols und Clash.
Es war das Jahr als in Deutschland Freddy („Junge, komm bald wieder“), Billy Mo („Ich kauf mir lieber einen Tirolerhut“) und Peter Alexander aus der Musikbox nölten.

Auch das unübertreffliche „Time Has Come Today“ der Chambers Brothers (unbedingt die Langversion hören) und Iron Butterflys „In-A-Gadda-Da-Vida“ (fast wanzig Minuten) würden mir noch einfallen.
Songs, die während der 60er Jahre um die Welt gingen und in ihrer Zeit eben auch ziemlich „schräg“ waren.

Auffällig schräger als die Musik von Herman`s Hermits….(s.o)

Ich frage mich tatsächlich, ob dieser „Fachmann“ für britische Pop-Kultur sich jemals um einen Einblick in britische, aber auch nordamerikanische und überhaupt globale Pop-Musik bemüht hat.
Sein Kenntnis-Reservoir scheint mir etwas dürftig gefüllt.

Aber für den alltäglichen Journalismus eben durchaus genügend.


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Juli 19, 2017 Posted by | Leipzig | Hinterlasse einen Kommentar