Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne, Éric Rohmer, Toni Joe White und ein florales Stillleben

Kassette mit Filmen Éric Rohmers, chronologisch geordnet

Jess Hahn als Peter Wesselrin (Pierre)

Filme von Éric Rohmer gehören nicht gerade zum täglichen Stammrepertoire innerhalb der deutschen Fernsehunterhaltung, auch nicht 1.30 Uhr im Nachtprogramm, auch nicht bei öffentlich-rechtlichen Sendern.

Natürlich hat Rohmer selbst bei bekennenden Cineasten mit einer frenetischen Hinwendung zum französischen Kino nicht den überwältigenden Nimbus wie z.B. Truffaut, Chabrol, Godard…auch nicht den etwas reduziert überwältigenden Nimbus wie Malle, Resnais, Rivette, Tati, Melville…

Denn alle aufgeführten Filmemacher besetzten auch das Mainstream-Kino um die Ecke, zumindest mit einem Film, z.B. „Der eiskalte Engel“ (Melville), „Letztes Jahr in Marienbad“ (Resnais), „Fahrstuhl zum Schafott“ (Godard), „Der eiskalte Engel“ (Melville), „Die Ferien des Monsieur Hulot“ (Tati), „Die Unschuldigen mit den schmutzigen Händen“ (Chabrol), „Die schöne Querulantin“ (Rivette).

Bei Rohmer führen derartige Fahndungen zu keinem Ergebnis.

Im Rahmen meiner herbstlichen und heimischen Rohmer-Festtage legte ich als Ouvertüre seinen ersten Film in die DVD-Kiste und fragte mich, jedenfalls nach diesem Streifen, weshalb Rohmers Arbeit doch nur am Rand beachtet und bearbeitet wird.
Denn „Im Zeichen des Löwen“ ist ein beachtliches Debüt aus dem Jahr 1959.
Als einziger Film in dieser Kassette (10 DVD`s) blieb „Im Zeichen des Löwen“ bisher ohne Synchronisation, also mit deutschen Untertiteln, außerdem wurde ihm keine Farbigkeit zugebilligt.
Kann ich nicht beklagen.

Peter Wesselrin (Pierre), ein amerikanischer Komponist, lebt ohne Fortune in Paris, windet sich dennoch ziemlich gutlaunig, auch mit der Hilfe von Freunden, durch seine Existenz, preist die Schönheit seines Sternbildes (Löwe) und prophezeit eine reichhaltige Erbschaft.
Die Erbschaft kündigt sich an, denn seine Tante hat tatsächlich die Hufe hochgerissen.
Er gibt Sauf-Feste und seine nervenden Frohsinns-Exzesse, seine Großmäuligkeit und die gönnerhaften Humanismus-Attitüden stellen ihn nicht gerade in die Reihe glaubwürdiger Symphatie-Garanten.

Doch bald verschwindet Pierre und die Freunde erfahren, dass Tantchen den Pierre zugunsten des Neffen enterbt hat.
Und dann beschreibt Rohmer den Abstieg Pierres bis an die Seite der Pariser Clochards.
Anfangs malträtiert er Telefone, um bei Freunden und Bekannten Geld zu leihen, doch es ist Hochsommer und die Pariser haben ihre Wohnungen verlassen.
Mittellos wird ihm das Hotel verwehrt, die fettigen Flecke auf der Hose vergrößern sich, der beschädigte Schuh wird mit einem Stofffetzen aus der Mülltonne „repariert“, ein keimiger Bart wuchert im Gesicht.
Pierre beginnt, Nachtlager auf Bänken zu bereiten und auf Märkten Nahrungsmittel zu stehlen.
Er versucht, auf einer Bank Naschwerk von Kindern zu entwenden und fischt aus einem Gewässer eine verschleimte Tüte, in der er Kalorien erhofft.
Pierre wird von einem Clochard in einem verlotterten Kinderwagen durch die Straßen gekarrt und betritt spätestens jetzt das Stadium elender Verwahrlosung, Erniedrigung und existenzieller Hoffnungslosigkeit.

Aufstehen, laufen, hinsetzen, aufstehen, laufen, hinsetzen, aufstehen, laufen, hinlegen, schlafen….aufstehen, laufen, hinsetzen, aufstehen, laufen, hinsetzen, aufstehen, laufen, hinlegen schlafen…, dazu hungern, dürsten…

Rohmer beschreibt diese Abläufe reduziert, lakonisch und mit einer Dehnung, die durch ihre Wiederholungen auch beim Zuschauer eine Melange von Aggression und dem Bedürfnis nach Hilfestellungen provoziert.

Es scheint, dass Pierre sich auf alle Pariser Bänke gesetzt und gelegt, sich an alle Brückengeländer der Seine gelehnt, alle Treppen der Stadt bewältigt und sich durch alle Straßen bei abendlichen Regen und bei heller Tagessonne gequält hat.

Die Zeit fließt zäh, ein Tag endet in der Länge eines überflüssig und nutzlos gelebten Jahrhunderts.
Doch Pierre läuft und läuft…, er zelebriert die Ruhelosigkeit, um den sinnlosen Abläufen seines Lebens zu entfliehen.
Ein höllischer Kreislauf.
Nur selten winselt er fast unhörbar seinen Jammer aus der vertrockneten Mundhöhle, wenn er z.B. sich in eine Mauer krallt, mit einer keuchenden Klage:“ Immer diese dreckigen Steine, immer diese dreckigen Steine…“

Neben dem Hauptdarsteller und der Stadt mit ihren Straßenschluchten, durch die endlose Autoreihen dröhnen, mit ihren Seine-Ufern und Parks, bevölkert durch launig agierende Menschengruppen, reißt die Musik sich die Funktion des dritten Handlungsträgers zwischen die Violin-Saiten.
Intoniert von Gérard Jarry begleitet die Musik Louis Saguers mit befriedigender Schrägheit und infernalischen Intermezzi den Clochard Pierre in die waagerechte Position auf der vielleicht schmutzigsten Straße von Paris.

Doch dann wendet sich das Blatt, bzw. der Geldschein.
Ob ich mit dem Abschluss der Story zufrieden bin, muss ich mir nochmals überlegen.

Erste Zugabe
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Florales Stillleben mit ornithologischem Akzent, mitten in Leipzig

Zweite Zugabe
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Ich bitte um eine Gedenkminute für Toni Joe White, der sich vor wenigen Tagen in den Swamp-Rock-Himmel verabschiedete.


juergenhennekunstkritik.wordpress.com
juergen-henne-leipzig@web.de
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Oktober 27, 2018 - Posted by | Film, Musik

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