Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne, „Wenn doch wer wo…“, „Magie des Augenblicks“ in Halle/S. und Eric Burdons 75. Geburtstag


Einleitung

Innerhalb einer durchschnittlich anspruchsvollen Deutschstunde zu „meinen Zeiten“ (also spätes Mittelalter) wurden Texte in Einleitung.. Hauptteil.. Schluss gegliedert.
Schlicht und sinnvoll.
Der Einleitung als „Stimmungsmacher“, als Motivator, einem Text weiterhin zu folgen, gebührte eine wesentliche Bedeutung.

„Manchmal ist es ein Fluch, Künstler zu sein. Denn was der macht, darf nicht weg. Wenn doch wer wo ranziges Fett aus der Ecke schabt, sind die Folgen unangenehm, ist der Ruf ruiniert.“
(LVZ, 12.5.2016, S.9, links.)

Diese Einleitung ist Stuhlgang, sprachlich und inhaltlich.
Für Uneingeweihte: Fettecken = Beuys

Es gibt nur eine Reaktion: Flugs umblättern.

Hauptteil

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Halle/S., Moritzburg, Ort der Ausstellung „Magie des Augenblicks“

Als ich vor über fünfundvierzig Jahren erstmalig Bilder der „Präraffaeliten“ W.H.Hunt („Schatten des Todes“), von Burne-Jones, Rosetti und Millais sah („Ophelia“, deren Inszenierung vor einigen Jahren Nick Cave als Video zu „Where the Wild Roses Grow“ nutzte, als australisches Duett mit Kylie Minogue) ging ich ziemlich weich in die Knie.
Ganz so weich wurde die Knorpelmasse im mittleren Beinbereich bei der Sicht auf die „Nazarener“ zwar nicht, doch z.B. Overbeck („Italia und Germania)“ Schnorr von Carolsfeld, geb.in Leipzig („Heiliger Rochus“) sowie Cornelius, Veit, Pforr, Olivier verursachten zumindest eine halbe Biegung.

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Buchverlag Prestel, Friedrich Overbeck, „Italia und Germania“

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Buchverlag Taschen, John Everett Millais, „Ophelia“

In der ehemalige DDR wurde diese Kunst zunächst nur wenig gelitten. Zuviel Religion und Romantik, schädlicher Rückzug ins Mittelalter
Der optimistisch gemalte Schweißtropfen auf der Stirn des Stahlarbeiters im Kampf um die Planerfüllung triumphierte offiziell als Maß aller künstlerischen Dinge.
Im weiteren Verlauf erhöhte sich die Akzeptanz.
Und gerade in der sogenannten „Leipziger Schule I“, wurden maltechnische, symbolgesätigte Bezüge im Sound des Mittelalters zelebriert.

Doch ein halbes Jahrhundert später und nach meinem Eintritt in die Regionen der Weisheit und Erkenntnis verschoben sich Relationen und Wertigkeiten erheblich. „Präraffaeliten“ und „Nazarener“ (beide 19. Jahrh.) ordneten sich an der Peripherie meiner kunsthistorischen Begehrlichkeiten ein.

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Ähnlich geht es mir mit den Nabis, deren Arbeiten u.a. bis 16. September 2016 in den Räumen der Hallenser Moritzburg+ ausgestellt werden.
Ihr dekorativer Mysthizismus mit katholischer Tendenz und durchaus mit präraffaelitischen Traditionen versorgt, nervte mich zunehmend.
Wobei ich mich an den besten Bildern von den Nabi-Kameraden Bonnard und Vallotton auch heute noch heftig erfreue.

Die Schweizer Arthur und Hedy Hahnloser-Bühler sammelten dreißig Jahre (am Beginn des 20. Jahrh.) Malerei, Graphik, Zeichnungen, Bildhauerei, welche die Phase vom Postimpressionismus zum Expressionismus recht ansehnlich reflektieren.
Sicher stellen dabei die Propheten (hebr. Nabis) den umfangreichsten Posten der Ausstellung.

Doch müssen einige Arbeiten eher mittelmäßigen Qualitäts-Kategorien zugeordnet werden.

So erscheint mir z.B. das Bild von Matisse als Ergebniss einer uninspirierten, hingeschluderten Langeweile.
Auch bei den Arbeiten van Goghs und Cezannes sind es die Namen, die zu einem längeren Blick motivieren.
Soll natürlich kein Affront gegen Leidenschaft und Leistung dieser Sammler sein, denn für Qualitätsbilder Cezannes und van Goghs dürften schon vor hundert Jahren Krauteintöpfe als Tauschwert zu wenig gewesen sein.
Der ausgestellte „Sämann“ ist natürlich nicht der „Sämann“, dieses Sujet bearbeitete van Gogh mehrmals.

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Faltblatt zur Ausstellung
Felix Vallotton, „Der Karren“

Eine doch recht markante und teils abseitige Position innerhalb der Nabis vertritt Felix Vallotton.
Während Bonnard noch recht eng im Impressionismus verflochten war, erweiterte der gebürtige Schweizer doch deutlich die „Richtlinien“, welche das Programm der Nabis vorgab.

Er durchsetzt irreal-poetische Landschaften mit einer Aura, die Ausweglosigkeit und Bedrohung bei kommenden Abläufen auslösen könnten und durchaus auf Elemente der „Neuen Sachlichkeit“ vordeuten, eine Bewegung die neben einigen „Ismen“ die Kultur der Weimarer Republik erheblich beeinflusste (Grossberg, Kanoldt).
Selbst bei einigen Elementen in der Malerei des deutschen Surrealisten Richard Oelze fällt mir die Rückbesinnung auf Valloton nicht schwer.
Aber auch Ergebnisse seiner sozialkritischen, z.T.unerbittlichen Blicke in die Banalität bürgerlicher Lethargie bringt Vallotton mit der Darstellung depremierender Genre-Szenen auf die Fläche. Weitgehend untypisch für die Pariser „Propheten“.

Ausgestellt wird ein Bild von Toulouse Lautrec.
Redon ist auch dabei. Er ist der Maler dieses wenig furchterregenden Zyklopen mit dem weichen Eierkuchengesicht und dem bläulichen Rehauge.
Die Nabis Vuillard und Roussel bereichern die Ausstellung mit durchaus ansehnlichen Arbeiten.
Der Nabi Maurice Denis ist weniger ansehnlich.
Der Bildhauer Maillol ist vertreten, dessen Fanclub ich angesichts seiner monumental-idyllischen und konfliktfreien Ebenmäßigkeit mitnichten beitreten würde.
Doch wurde über ihn ein schöner Film gedreht, in dem, ohne Namensnennung, zweifelsfrei Lebensabschnitte Maillols beschrieben werden („Das Mädchen und der Künstler“ mit Jean Rochefort, der schon mit Bunuel und Chabrol im Filmstudio arbeitete sowie Claudia Cardinale).

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Faltblatt zur Ausstellung
Albert Marquet, „La fête national au Havre“

Und dann hängt an einer Wand der Moritzburg noch „La fête national au Havre“ von Albert Marquet, das Mitglied der „Fauves“, eine Truppe, die sich am Beginn des 20.Jahrh. gründete und die aus meiner kunsthistorischen Sicht einen der wesentlichsten Beiträge für die europäische Kunst der vergangenen hundert Jahre hervorbrachte.
Allein der Blick auf die prägnant reduzierte Figürlichkeit im Vordergrund verweist auf höchste Qualität.
Neben Marquet werkelten in diesem Verein z.B. auch Matisse, Vlaminck, Dufy, Manguin, van Dongen und Derain, dessen unsäglich klassizistisches Spätwerk ich aber grundsäzlich überblättere und in Museen übersehe.

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Faltblatt zur Ausstellung
Maillol, Vallotton, Bonnard, Vuillard, Matisse

Diese Ausstellung serviert ein Angebot, sich einer Kunst zu nähern, die im kulturellen Interesse Mitteldeutschland bisher nur als Randnotiz existierte.
Sollte sich ändern.
Man könnte ja für den Besuch ein Wochenende ohne RB-Heimspiel wählen.


Halle/S., Kunstmuseum Moritzburg, Magie des Augenblicks, Meisterwerke aus der Sammlung Arthur und Hedy Hahnloser-Bühler, bis 11. September 2016, Montag-Sonntag 10-18 Uhr, außer Mittwoch (geschlossen), Eintritt: 10 Euro (angemessen).


Schluss

Musik des Tages

Eric Burdon zum 75. Geburtstag (gestern):

Burdon mit „Animals“, Burdon mit „War“, Burdon mit Brian Auger, Burdon solo…..
Passt immer.


juergenhennekunstkritik.wordpress.com
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Mai 12, 2016 Posted by | Leipzig | Hinterlasse einen Kommentar