Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne, Monet, Judith Hermann, Jenny Hoch, die Lust an dürftigen Metaphern und die Orgasmen der Literaturkritiker

Und weil ich gerade von labernder Entbehrlichkeit schreibe, hier ein Text über Judith Hermanns „Alice“ (SPIEGEL ONLINE, vorgestern):

„Mit der Lupe sollte man sich ein Gemälde von Claude Monet nicht unbedingt anschauen. Man bekäme nichts als verwischte Tupfer zu sehen, grobe Pinselstriche und flimmernde Formen. Tritt man jedoch einige Schritte zurück, enfaltet sich das große Ganze in all seiner Virtuosität.
Ähnlich wie die Bilder des französischen Impressionisten funktionieren auch die Erzählungen der Berliner Autorin Judith Hermann. Liest man sie Satz für Satz, wirkt ihr Stil oft ungelenk, die Metaphern sind bisweilen dürftig, einzelne Wörter unpassend.
Doch hält man ein wenig Abstand und überlässt sich ihrer schwebenden Suggestivität entwickeln sie einen Sog, dem man sich nur schwer entziehen kann.“

Schon die Zusammenführung von Monet und Judith Hermann innerhalb weniger Zeilen ist eine Zumutung. Aber genau diese bombastisch zelebrierten Nullnummern meine ich, diese „tiefschürfende Wichtigkeit“ und geschwätzige Grundtendenz, bei denen ein Semikolon oder ein nichtssagendes Adverb übrigbleibt, wenn man die Luft entweichen lässt, um die Substanz zur Kenntnis zu nehmen.

Ich schaue mir gern Bilder Monets von der Nähe an, auch von Seurat und Sisley und genieße deren ästhetische Vollendung. Von der Ferne natürlich ebenfalls, da hat unsere Verwalterin aller Geistesblitze, Jenny Hoch, natürlich recht.
Sicherlich werden sich, entsprechend des Blickwinkels und der Entfernung, auch Kompositionen, Perspektiven und inhaltliche Bezugspunkte neu formieren.
Doch ist das eine andere Sache. Und es sollte kein Grund sein, vor einem Bild Monets in Nahdistanz auszukotzen. Denn dessen Genialität erkennt man in jedem Molekül, nur vielleicht Jenny Hoch nicht, zumindest nicht von der Nähe.

Und wenn der Schreiberei Judith Hermanns ein ungelenker Stil, dürftige Metaphern und unpassende Wörter bescheinigt wird, etwas schlicht aber treffend beschrieben, kann sich bei mir keine „schwebende Suggestivität“ und ein Sog entwickeln, „dem man sich schwer entziehen kann“.

Diese polternde Vergleichshysterie zwischen Literatur und bildender Kunst treibt mich ohnehin zur Misslaunigkeit, da gibt es schon einige Sonderpositionen bei der Rezeption, die ich jetzt nicht erläutern will und die Jenny Hoch sicher nicht verstehen würde.
Doch gönnen wir Frau Hoch diesen Abstand, diese suggestiven Kulminationspunkte, angeheizt mit lausigem Stil, mit dürftigen Metaphern und unpassenden Wörtern.

Doch wie weit muss dieser Abstand eigentlich sein? Bei Monet könnte man das Entfernungsproblem mit gängigen Längenmaßen klären, ein Meter, zwei Meter, drei Meter, u.s.w. Doch bei Judith Hermanns Wortzusammenstellungen in gedruckter Form scheinen die räumlichen Zusammenhänge etwas diffiziler und könnten sich als Problem der Augenmuskulatur erweisen….Heiterkeit…brüll….schnauf…hechel…
Doch von dieser Literatur kann man sich gar nicht weit genug entfernen.
Den Text von Jenny Hoch habe ich nicht beendet. Da bekommt man ja eine Augen-Angina. Auch nicht die Bücher von Judith Hermann und Julie Zeh, von Tellkamp, Brussig und Ingo Schulze. Während die Kritiker sich scheinbar von Orgasmus zu Orgasmus lesen. Was ist nur los im literarischen Deutschland?

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Mai 8, 2009 Posted by | Kunst, Leipzig | 1 Kommentar