Juergen Henne Kunstkritik

Jürgen Henne, vier Wochen in Oberösterreich und ein ungeordnetes Potpourri vortrefflicher, überraschender, skurriler, bedenklicher, doch in jedem Fall nützlicher und weiterbildender Wahrnehmungen, Teil I (Teil II in Bälde)

Stiftsbasilika St. Florian

Nach Florianus, Amtsvorsteher des römischen Stadthalters Aquilinus, wurde 304 n.Chr. während der Christenverfolgung unter Diokletian in der Enns ertränkt. Bevorzugter Heiliger Oberösterreichs.
Nach Kriegsbeschädigungen, Bränden, Gewölbeeinstürzen, Gotisierungen, Barockisierungen entwickelte sich aus einer kleinen Holzkirche (Zeit der Völkerwanderung) ab Mitte der 80er Jahre des 17.Jahrh.eine Architektur, die weitgehend dem heutigen Bild entspricht.
Architekt und Stuckateur: Carlo Antonio Carlone und sein Bruder Giovanni Battista.

Überhaupt hat man den Eindruck, dass Familie Carlone die gesamte Region Oberösterreich flächendeckend in einen barocken Exzess getrieben hat.

Stiftsbasilika St. Florian, Krypta

Sarkopharg Anton Bruckners.
Dahinter eine gefühlte Milliarde sehr ästhetisch und akribisch gestapelter Menschenknochen mit einer Schädel-Dominanz, unweit der Kirche ausgegraben.
Frühmittelalterliche Herkunft, auch ein paar altrömische Rüben könnten darunter sein.

Asten, Paneum (Brotmuseum)

Erbaut von Coop Himmelb(l)au, ein Architekturbüro, Ende der 60er Jahre in Wien gegründet, mit internationaler Beteiligung, u.a. auch Ufa-Kristallpalast Dresden, Musée des Confluences Lyon, Europäische Zentralbank Frankfurt/M….

Der Oberbau des Museums in Asten verweist auf Form und Konsistenz eines nach oben wuchernden Brotteigs.

Traunkirchen am Traunsee, Pfarrkirche, sogen. „Fischerkanzel“

Innerhalb meiner über 50-jährigen „Kunstbetrachtung“ habe ich kein vergleichbares Teil gesehen, ist mit zumindest nicht erinnerlich.
Um 1750 geschnitzt.
Verbildlicht das Wunder des reichen Fischfangs. Im Boot hantieren Johannes und Jakobus.
Im Hintergrund hat sich Petrus erniedrigend vor die Füße von Jesus geschmissen,…“ich bin ein sündiger Mensch“. Jesus bietet ihm dann den Job des Menschenfängers/Menschenfischers an.
Dieses Gequarke ging mir schon vor einem halben Jahrhundert ziemlich kernig auf die Nüsse.
Aber die Kanzel ist natürlich bemerkenswert.

Traunkirchen, Fischerkanzel

Traunkirchen, Fischerkanzel

Algen, Muscheln, Tang vermischen sich zu einem deftigen Meeres-Sud, dekoriert mit scheinbar etwas unfreundlicher Wasserfauna (unten).

Traunkirchen, Fischerkanzel

Auf dem Weg zum jugendstiligen (mit Hinweisen auf das frühe „Art déco“) Kraftwerk „Steyrdurchbruch“, rechts hinten im Detail sichtbar.

Kraftwerk, Steyrdurchbruch, Brücke

Kraftwerk, Steyrdurchbruch, Details eines Brückenpfeilers

Wallfahrtskirche Frauenstein, Friedhof, Grab der Familie Kulenkampff

Selbstverständlich versuchten auch wir während der 60er Jahre stetig Hans-Joachim Kulenkampffs „Einer wird gewinnen“ in unsere ostdeutsche Stube zu holen.
Wenn die Wetterlage sich günstig formte.
Doch nicht selten formte sich die Wetterlage ungünstig und wie in Carpenters „The Fog“ waberten nur teigige und tonlose Umrisse, über die Bildfläche, die sich nur wenige Quadratzentimeter ausgedehnter präsentierte als eine damalige F6-Schachtel.
Wir saßen vor einem „Rubens“, es gab noch „den Rembrandt“ und „den Dürer“

Der Umfang meiner Erinnerung an den Sendungs-Inhalt ist überschaubar.
Doch hatte mich schon damals Kulenkampffs feinsinnige und unaufdringliche Arroganz, seine kultivierte Ironie, die nur manchmal und fast lautlos einen zynischen Nebenklang erhielt, durchaus fasziniert.
Aber weitaus tiefer grollte z.B mein Zorn, wenn an sonnabendlichen Nachmittagen das nebulöse Bildschirmgewabre „meinen“ Beatclub bis in die Unsichtbarkeit trieb.
Dann aktivierten sich meine Gene mit dem Zuständigkeitsbereich für pubertäre Cholerik.

Frauenstein, Pfarrkirche, Schutzmantelmadonna

Doch war die Kenntnisnahme von Kulenkampffs Grabstätte eher ein Zufallsprodukt.
Denn wir suchten eigentlich zielstrebig die Schutzmantelmadonna in der Frauensteiner Pfarrkirche/Wallfahrtskirche.

Frauenstein, Schutzmantelmadonna

Um 1500 hergestellt, mit erhöhter Wahrscheinlichkeit aus den Werkstätten Michel Erharts oder seines Sohnes Gregor Erharts, Großmeister in den Jahren des Übergangs von Spätgotik zur Renaissance.
Als Hauptwerke Michel Erharts gelten z.B. die Wangen am Ulmer Chorgestühl und Teile des Rentabels der Klosterkirche in Blaubeuren, von schier herausragender Qualität.

Frauenstein, Schutzmantelmadonna

Gestiftet wurde diese Lindenholzschnitzerei sicherlich von Maximilian I.,über zehn Jahre römisch-deutscher Kaiser am Beginn des 16.Jahrh.
Anlass wird wohl des Kaisers dringliche Rettung aus Seenot gewesen sein.

Frauenstein, Schutzmantelmadonna

Unter den Schutzbedürftigen befinden sich Maximilian I. und seine Frau, gleichfalls Florian Waldauf, Tiroler Ritter und Ratgeber des Kaisers und seine Frau sowie zwei Figuren mit ungeklärter Ikonographie, die eher nur als Füllmasse agieren.


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Juni 14, 2019 Posted by | Kunst, Reisen | Hinterlasse einen Kommentar